Jürgen Kuhlmann

Der Heilige Geist, Einheit des Verschiedenen: Neue Bilder


Anlaß: Pfingstzeit, theologische Weiterbildung
Botschaft: Im Himmel ist, auf Erden wirkt der Hl. Geist
die Gemeinschaft von Gegensätzen; durch Gleichnisse aus dem
Alltag läßt sich dieses Heilsprinzip verständlich machen.
Themen: Es braucht neue Gleichnisse - wie ein verbinden-
des Programm oder ein Adapter - bringt der Hl.Geist Bibel
und Leser zusammen - als Seele im Sinn-Leib gliedert und
eint Er Religionen wie Konfessionen - die Stereo-Anlage -
ihr Prinzip erlöst von Relativismus und Fanatismus.
Ziel: Der Hörer läßt sich von diesem Heilsprinzip erfassen.


Wer ist der Heilige Geist? Sie kennen die Gleichnisse der Bibel: den belebenden Atem, der unsere Herzen stets mit neuer Energie erfüllt; den frischen Wind, der durch die Straßen braust und sie von allem Dreck reinigt; die Feuerzungen, die jeden Beschenkten anders und doch alle miteinander eins sein lassen; die Taube, in der Antike Symbol für die Göttin der Liebe. Diese Bilder prägen das christliche Bewußtsein seit Jahrtausenden, trotzdem fällt vielen Christen zum Heiligen Geist nichts anderes als ein großes Fragezeichen ein. Kann es sein, daß jene Gleichnisse sich verbraucht haben, weil die Christenheit reifer geworden ist - nicht geistlich, gewiß nicht, aber doch geistig? Braucht es neue Bilder für die alte Wahrheit? Ich meine, ja. Ein Knabe liebt heiß seine Pippi-Langstrumpf-Bücher; der junge Mann schaut sie nicht mehr an, sondern studiert mit noch heißeren Wangen allerlei Handbücher, um endlich zwischen Computer und Drucker Einverständnis zu schaffen.

Wie könnte ich ihm den Heiligen Geist erklären? Sehr einfach: Der Heilige Geist ist jenes mächtige, ja göttlich-allmächtige Programm, das die widersprüchlichsten irdischen Programme miteinander kompatibel macht, so daß ihr Gegensatz nicht das übliche Chaos ergibt, sondern überraschenden Reichtum und neue, nie geahnte Klarheit. Wo Mann und Frau, Türke und Deutscher, Vater und Sohn, Sekretär und Chefin einander plötzlich verstehen, so daß jede Seite ihr Lebensprogramm als von der anderen anerkannt und zugleich bereichert erfährt: da ist der Heilige Geist am Werk.

Solchen Menschen, die keinerlei Probleme mit Computern haben - ein paar soll es immer noch geben - kann ein anderes Erlebnis dieselbe Wahrheit verdeutlichen. Ich kenne einen Menschen, der sich in der Winterkälte abmühte, seinen Fahrradreifen noch fester aufzupumpen. Nach fast einer Stunde Arbeit war dieser restlos platt, und der Mensch voller Schweiß und Wut. Was war nur los? Tags darauf erfuhr er im Fahrradladen: Seine Pumpe sei zwar "im Prinzip" für gewöhnliche und Rennradventile geeignet, bei diesen empfehle sich jedoch die Verwendung eines Adapters. Tatsächlich: das kleine Zwischenstück aufgeschraubt, und im Nu war der Reifen voll. Da erinnerte der Mensch sich einer Stunde, als er ähnlich enttäuscht war, weil sein Kopfhörerstecker nicht zum Radio paßte. Auch hier hatte ein Adapter geholfen.

Als solcher Adapter will der Heilige Geist wirken. Zum Beispiel sind Gottes Worte in der Bibel zwei- bis viertausend Jahre alt - wie kann ein heutiger Mensch sie verstehen, ohne Fachstudium und bloß in Übersetzung? Ohne Adapter müßte sein Verständnis - bei noch so viel Mühe - genauso leer bleiben wie jener arme Fahrradreifen. Ist der Bibelleser aber wahrhaft gläubig (das ist etwas anderes als "rechtgläubig"!), dann schaltet sich zwischen ihn und den Text der Heilige Geist als Adapter ein, so daß durch die alten Sätze und neuen Vorurteile hindurch dieselbe göttliche Be-geist-erung, der die Bibel sich verdankt, auch in uns Heutigen schwingt und uns verstehen läßt, was Gott durch sein Wort uns sagen will.

Kann das Gelingen einer solchen Kommunikation bewiesen werden? Ja. Allerdings nicht wissenschaftlich, dazu ist sie zu innerlich und fein. Wohl aber durch das Leben, das sich aus einem geistgeschenkten Bibelverständnis ergibt. Manche leuchtende Gestalt der Kirchengeschichte - denken wir an Franz von Assisi oder Martin Luther - ist irgendwann von einem Bibelwort so ergriffen worden, daß ein neuer Heilsimpuls die folgenden Jahrhunderte mitbestimmt hat. In kleinerem Maßstab geschieht so etwas häufig; wenn wir nur wollen, auch bei uns. Wer Gottes aufgeschriebene Worte an sich heranläßt und den Heiligen Geist um seine Vermittlung bittet, dessen geistliche Früchte werden seinen Mitmenschen früher oder später spürbar sein, nicht so handfest, wie wenn die Luft endlich in den Reifen strömt, aber nicht weniger gewiß.

"Seele der Kirche" wird der Heilige Geist auch genannt, weil Er - wie die Seele im gesunden Leib - alle lebendigen Organe zugleich unterscheidet und verbindet. Beides ist wichtig, auf beides müssen wir gleichermaßen achten, nur so sind wir dem Heiligen Geist gehorsam und wahrhaft ökumenisch. Wollten alle Organe gleich sein, wie sollte der Leib dann sehen, hören oder verdauen? Religions- oder Konfessionsmischmasch wäre ein unsinniges Vorhaben. Jedes Organ des menschheitlichen Sinnleibes soll seiner besonderen Berufung treu sein. Nicht zum eigenen Ruhm aber, erst recht nicht getrennt von den übrigen Organen. Kein Nebeneinander isolierter Zellkulturen will der Schöpfer - die gar noch übereinander herfallen, sich gegenseitig vertilgen! Sondern wie Auge, Ohr und Magen nur mitsammen gesund sind, so auch in der Kirche die Konfessionen, und die Religionen auf Erden.

Für jedes Organ gibt es eine Zeit, da die Tür zu den anderen geschlossen ist, damit das Eigenleben sich friedlich vollziehen kann. Und eine andere Zeit gibt es, da ist die Tür offen und das gemeinsame eine Leben flutet ungehemmt durch alle Einzelvollzüge hindurch. "Ich bin die Tür," sagt Christus (Joh 10,7). Eine Tür kann offen oder zu sein, solche Abwechslung macht ihr Wesen aus. Um so besser ist eine Tür, je leichter sie sich öffnen und schließen läßt, je weniger sie sich dabei wehrt und in den Angeln quietscht. Neu verstehe ich, warum wir bei der Firmung mit heiligem Öl gesalbt werden, und sehe den himmlischen Vater, wie er die Angeln unserer Seelentür einölt, so daß uns die notwendige Abwechslung zwischen eingegrenzter Sonderberufung und ökumenischer "Aufgeschlossenheit" möglichst reibungslos gelingt.

Auch eine Büroklammer erinnert mich neuerdings an den Heiligen Geist. Als am Reißverschluß des Anorak der Zuggriff ab war, ging der Verschluß zwar immer weiter zu, aber nicht wieder auf. Von einer kundigen Dame erfuhr ich, daß in ihm eine Sperre steckt, die beim Öffnen vom Zuggriff entriegelt wird. Eine Büroklammer tue es auch. Sie tats, und seither freue ich mich bei jeder Heimkunft, wie leicht Verschlossenheit sich überwinden läßt, wo der Heilige Geist am Wirken ist.

Was ist der Heilige Geist? Das letzte Gleichnis ist so alt wie die Menschheit, nur das Wort ist neu. Was eine Stereoanlage ist, hätte vor fünfzig Jahren kaum jemand gewußt. Natürlich haben Menschen und Tiere immer schon Stereo gehört: wenn rechts ein Vöglein zwitscherte und links die Kuh brummte, fand der Hirtenbub sich auch mit geschlossenen Augen in seinem Raum zurecht. Jeder Klang war Raumklang, das fiel aber, weil selbstverständlich, niemandem auf. Erst als Grammophon und Radio mit anfangs bloß einem Mikrophon ihren künstlichen Monoklang erzeugten, gewöhnten die Ohren sich an einen ort- und beziehungslosen Klangbrei, worin alle möglichen Gegensätze ineinander verrührt waren. Beim Konzert wurde die grelle Dissonanz, beim Hörspiel der wüste Konflikt dadurch noch wüster und greller, daß beide widersprüchlichen Stimmen nicht - wie in der Wirklichkeit - von verschiedenen Punkten aus sich aufeinander bezogen, vielmehr scheinbar am selben Ort einander gegenseitig aufhoben. Aus dem Stereo-Zebra war gewissermaßen der nichtssagende Mono-Esel geworden. Diese technische Entwicklung fand zur selben Zeit statt, die geistig von fanatischen Ideologien bestimmt war; ihr Symbol ist der Volksempfänger in Deutschland oder Rußland, dem Marschmusik und aufpeitschende Reden entquollen, beides gleich klotzhaft, mono, öde. Daß Schönheit und Wahrheit auf dem Prinzip Polarität beruhen, um diese entscheidende Dimension wurde der Hörer betrogen.

Dann kam, die Älteren erinnern sich gut, das Klangwunder Stereo. Plötzlich war nicht nur Gildas und Rigolettos Stimme zu hören, sondern auch ihre Beziehung fand im klaren räumlichen Auseinander ihr Symbol. Haben beide recht? Ja; denn sie steht hier, er dort; daß die Welt von verschiedenen Bergen aus anders erscheint, soviel sieht jeder ein.

Inzwischen haben wir uns an der Stereo-Effekt so gewöhnt, daß die technische Kunst zur zweiten Natur geworden ist und kaum mehr auffällt. Damit Sie das Gleichnis in seiner Wucht erleben, empfehle ich Ihnen deshalb, einmal mit dem Kopfhörer Ihre Lieblingsmusik zu hören, und zwar zunächst mono. Achten Sie darauf, wie flach es klingt. Da ist keine Spannung. Enteweder decken die starken Klänge die schwächeren zu oder alles vermischt sich zum unschönen Brei. Schalten Sie dann auf Stereo. Was jetzt anders ist als eben: genau dieses Plus ist das Gleichnis für das Werk des Heiligen Geistes.

Ohne seine Gnade ist die Welt Chaos, Tohuwabohu, wüstes Durcheinander, kalt fremdes Nebeneinander, böse feindliches Gegeneinander. Wo aus Chaos Schöpfung wird, aus Durcheinander sinnvolles Zueinander, aus Gegeneinander freundliches Miteinander, aus Nebeneinander liebendes Ineinander, da wirkt der innergöttlichen Liebe belebende Spannkraft. Und zwar stützt SIE stets beide Aspekte eines jeglichen Wir: das Zusammen und das Auseinander. Einheit vollzieht Sie, aber mit größtem Respekt vor der Polarität, ohne Verschmorung der Gegensätze. Bedenken wir: Ein Kurzschluß irgendwo auf dem elektrischen Weg von beiden Mikrophonen zu beiden Ohren zerstört sofort den Stereo-Effekt. Die Signale müssen gegensätzlich und verbunden sein. Nur gegensätzlich, ergeben sie Lärm; nur verbunden, erzeugen sie Mono-Klang.

So auch im Geistigen. Ohne den Heiligen Geist herrscht der Sinnlärm des unerlösten Relativismus oder die Sinn-Enge des unerlösten Fanatismus. Entweder alle haben recht (das heißt keiner!) oder bloß wir, meine Gruppe, haben die einzige Wahrheit. Sobald der Heilige Geist uns in sein göttliches Stereo einschaltet, blitzt die erlösende Spannung auf: Wahr ist allein der ganze, wunderbar fein gegliederte Sinn-Organismus aus unfaßbar gegensätzlichen und aufeinander angewiesenen Polaritäten.

Ja: Klingen kann jeder von uns nur auf bestimmte Weise, wie im Orchester hier die Klarinette und dort der Kontrabaß. Das ist die Teilwahrheit des Fanatismus: jeder sei seiner Sonderberufung treu, meine nicht, daß er alles sein muß. Nur alle sind wir alles. Hören aber soll jeder das ganze Konzert. Das ist die Teilwahrheit des Pluralismus. Mut zu unserer einmaligen, ganz besonderen Lebensaufgabe (und wäre es ein winziger Triangelton, der aber kommen muß, sonst stimmt die ganze riesige Sinfonie nicht!) und Freude am alles durchseelenden Ganzen, zu dem jeder gehört: jenen Mut und diese Freude schenke uns, Tag für Tag neu, Gottes Heiliger Geist.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/stereo.htm

Weitere Predigten

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann