Jürgen Kuhlmann

Das wahre Pfingstwunder: viele Zungen - ein Sinn


Anlaß: Pfingsten, Pfingstzeit
Botschaft: Beim einzelnen Christen wie in der Kirchenge-
schichte drückt nur das Nacheinander gegensätzlicher Grund-
gefühle den Spannungsreichtum der göttlichen Wahrheit aus.
Themen: Tiefer Sinn des Sprachenwunders - Spannungsfel-
der: - die Lebensalter - Kindheit - Jugend - Reife -
Altersweisheit? - die Kirchengeschichte - frühere Etappen
- das heutige geistliche Ziel - Pfingsten auch morgen
Ziel: Der Hörer ist einverstanden, daß sein Lebenssinn ein
Pol, aber nur ein Pol der größeren göttlichen Wahrheit ist.


Wann verstehen zwei Menschen einander besser: wenn sie in derselben Sprache laut streiten oder wenn sie sich lächelnd einen Apfel teilen - wortlos, weil keiner des andern Sprache kennt? Diese letzteren, scheint mir. Denn sie können einander nicht mißverstehen; wo man sich gegenseitig mißversteht, da versteht man sich noch weniger, als wo man sich einträchtig gar nicht versteht. Und wie im Kleinen, so im Großen. Welcher Moslem versteht einen Buddhisten besser: Der Gelehrte, der genau erklären kann, warum der fremde Glaube falsch ist, oder der einfache Gläubige, der davon keine Ahnung hat, aber mit seinem buddhistischen Nachbarn herzlich gut auskommt, obwohl oder eher: weil er weiß, daß er den Glauben seines Freundes nicht versteht?

Das Beispiel läßt uns ahnen, was Pfingsten bedeutet, damals wie heute. Ob tatsächlich irgendwann die Grenzen zwischen den Sprachen eingerissen wurden, so daß jemand plötzlich eine Sprache verstand, die er nie gelernt hatte - das ist eine interessante Frage. Die Antwort kennt aber nur, wer ein solches Ereignis selbst miterlebt; denn jeder Bericht - solche gibt es - könnte ja auch Legende, Scherz oder Betrug sein. Ob und wo so etwas vorkam, hat aber für unseren Glauben keine Bedeutung. Das wirklich Wunderbare am Pfingstwunder ist etwas anderes: daß Menschen, die einander nicht verstehen, sich plötzlich miteinander gut verstehen. Dieses Wunder will der Heilige Geist auch in unseren Tagen wirken, immer wieder neu. Ort dieses Verständigungswunders zu sein, dafür ist die Kirche da. Nicht nur ihre Gründung erzählt der Pfingstbericht, er malt auch mit hellen Farben ihr Wesen, wie Gott sie sich wünscht. Daß sie diesem Bild nicht voll entspricht, ist leider wahr, darf uns aber ihr Wesen nicht vergessen lassen, so wenig ein Kranker die Gesundheit vergißt.

In der Kirche als dem Ort gottgewollter Verständigung findet jeder Christ sowohl für seine eigene Lebenswahrheit den rechten Platz als auch den Mut und die Kraft, fremden Lebenswahrheiten friedlich zu begegnen, äußeren wie inneren. Denn weil jeder Mensch Adam oder Eva ist, eine besondere Ausprägung derselben göttlichen Idee »Mensch«, deshalb schlummert jede Sinnwahrheit, die irgendwo draußen bei einem anderen verwirklicht ist, als Möglichkeit auch in dir, wo sie dank einer Begegnung mit ihrer fremden Wirklichkeit irgendwann aufwachen und dich verwirren kann, wenn du nicht gelernt hast, dich in die Buntheit des Lebens im Heiligen Geist einzuschwingen.

Kindern kann man dieses Thema noch nicht erklären, deshalb kommt es im üblichen Religionsunterricht zu kurz und fehlt vielen sogenannten Erwachsenen, die aber im Verständnis ihres Glaubens naive Kinder geblieben sind - oder kritische Jugendliche, die vor lauter oberflächlich richtigem »Nein!« das tragende große »Ja« des Grundes vielleicht noch spüren, aber nicht mehr sagen können.

Damit sind wir bereits mitten im ersten Spannungsfeld, das es kraft des Pfingstgeistes fruchtbar zu leben gilt: bei den Gegensätzen der verschiedenen Lebensalter. Da ist zunächst das Kind. Für das kleine Kind ist die Welt schlicht so, wie die Menschen, denen es glaubt, sie ihm erklären. Deren Welt gilt dem Kind also nicht als eine unter vielen möglichen Welten, sondern als die Welt schlichthin, die einzige vorhandene und faßbare. Alles ist so wie meine Lieben es mir sagen, aus solchem Urvertrauen nährt sich die herrliche Gewißheit, die aus der Morgenröte einer glücklichen Kindheit in alle späteren Lebensetappen ausstrahlt. Wehe, wenn dieser erste Wahrheitsgrund fehlt oder zu sehr schwankt, dann versinkt ein Mensch leicht beim geringsten Mißerfolg in schwarze Depression. Wem nicht zu Beginn einmal »alles klar« gewesen ist, wie soll er es aushalten, wenn alles ins Chaos stürzt? Hüten wir uns deshalb davor, eins von jenen Kleinen, die fest an den Sinn ihres Lebens glauben, zum Zweifeln zu verführen, aus dem Verzweiflung werden kann. Das meint Jesus mit »Ärgernis geben« (Mt 18,6). Nicht alles, was richtig ist, ist immer jedem gegenüber auch wahr; Wahrheit gibt es nur zusammen mit Liebe. Die muß mitunter furchtbar hart sein, ohne Zweifel. Einem gläubigen Kind aber seinen Glauben zu zerstören, indem man ihm irgendwelche Richtigkeiten zur Unzeit aufdrängt, das ist eine schlimme Sünde, schlimmer als ein Mühlstein am Hals.

Vorsicht allerdings! Immer früher verwandeln heutige Kinder sich in mißtrauisch fragende Jugendliche. Wer eine Naivität retten möchte, die schon nicht mehr da ist, wird als unglaubwürdig ausgelacht. Denn irgendwann wird jedem Menschenkind sein kultureller Mutterschoß zu eng. In der Schule und im Pausenhof, bei Reisen durch Bücher, Länder und Bildschirme treten dem staunenden Bewußtsein andere Weltsichten entgegen, die es aus früherer Geborgenheit herauslocken. Wenn ein Herz zu solcher Abenteuerfahrt aufgebrochen ist: wie spricht zu ihm die Stimme jenes Heiligen Geistes, der (wie die Kirche an Pfingsten singt) »den Erdkreis erfüllt«?

Sei du nur kritisch, ermuntert Gottes Geist das jugendliche Gemüt. Schau überall hinter die Fassaden. Wenn du kannst, reiß dem Interesse die ideale Maske ab, womit Macht und Gewinnsucht es tarnen. »Die ganze Welt liegt im Bösen,« so steht es in der Bibel (1 Joh 5,19). Ein Stück Welt ist auch die Kirche. Immerhin hat Jesus selbst den ersten Papst auch »Satan« und »Stolperstein« genannt, nicht nur Grundstein der Kirche (Mt 16,18.23). Offenbar ist das kirchliche Amt beides, das darf ein junger Christ ruhig erfahren. Eine bezeichnende Szene wird von dem Jesuitenpater Wilhelm Klein berichtet, der zu Rom lange Spiritual im Germanikum war: Bei Tisch habe ein bischöflicher Gast ihn besorgt gefragt, ob seine übergroße Offenheit für die Seminaristen nicht gefährlich sei. Ach wissen Sie, Exzellenz, habe er geantwortet, ich möchte den jungen Leuten eine große Liebe zur Kirche vermitteln - aber keine Illusionen.

Wann ist ein Christ mündig? Wenn er zu seiner geistlichen Tradition weder naiv-kindlich eingestellt ist noch so einseitig kritisch wie ein Heranwachsender. Mündiger Glaube schätzt beide Pole: den hellen der göttlichen Wahrheit in irdischem Gewand wie den dunklen, d.h. den Protest gegen allen bösen Schmutz, der dies Gewand befleckt und da, wo er sich selbst als gottgewollt hinstellt, den wahren Gott schlimmer lästert, als ein Ungläubiger es je könnte. Deshalb spricht der mündig Glaubende unverkrampft mit allen, weiß sowohl den Anhängern wie den Kritikern seines Glaubens offen zu begegnen, weil er ihnen zunächst durchaus zustimmen kann. Erst im Lauf des Gespräches wird er behutsam auch an die Gegenwahrheit erinnern. Beispielhaft vorgemacht hat uns das der hl. Paulus: »So ward ich den Juden wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen ... Den Gesetzlosen ward ich wie ein Gesetzloser ... damit ich die Gesetzlosen gewinne« (1 Kor 9,20f).

Folgt auf die Etappe der ausgleichenden Mündigkeit eine weitere innere Phase? Gibt es so etwas wie christliche Altersweisheit? Wenn ja, läßt sich darüber kaum sprechen. Warten wirs ab. Ich kann mir gut vorstellen, wie so manche alte Bäuerin, die auf ihrem Bänkchen in der Sonne saß und scheinbar nichts tat oder dachte, Tieferes und Wahreres von Gott erfuhr als ihre beiden Söhne zusammen, deren einer als Theologieprofessor über Ihn kluge Worte drechselte, während der andere vor dem Bösen in der Welt, vor allem auch den Untaten von »Gottes Bodenpersonal«, so erschrocken war, daß er Gottes einzige Entschuldigung darin erblickte, daß es ihn gar nicht gibt ... Kann sein, ihre Mutter verstand beide und wußte sie im Heiligen Geist geborgen, weil ihr aufgegangen war: die lebendige Einheit mitten in den äußersten Spannungen, eben SIE ist der Heilige Geist.

Wie der einzelne Mensch in seinen verschiedenen Lebensaltern je anderen Gesichtern begegnet, so ähnlich ergeht es auch der ganzen Kirche während ihrer langen Geschichte. Säßen jetzt hier mitten unter uns Christen aus allen Jahrhunderten und kämen wir mit ihnen ins Gespräch, so wären wir vermutlich doppelt erstaunt: zum einen darüber, daß sie genau dasselbe glaubten wie wir; zum andern aber über die total verschiedene Farbe, Stimmung ihres Glaubens an Gottes Reich. Je klarer wir verstünden, worum es ihnen ging, um so fremder kämen sie uns vor.

Die Geschichte solcher Glaubensgestalten begann mit den Jüngern zu Lebzeiten Jesu, mit (1) der Freude auf das spürbare Reich. Einfache Leute waren einem Mann begegnet, der ihnen zum Licht des Lebens wurde und zugleich ein verlockendes Ziel vor Augen stellte: mit ihm in Gottes Reich die ersten zu sein. Dafür mochte man allerdings seine Fischernetze verlassen! - Heute wirbt die Kirche nicht mehr mit himmlischen Ehrenposten. Weil wir das ewige Heil für alle erhoffen, deshalb ist die erste Epoche der Kirche unwiederbringlich vorbei.

Auf sie folgte nach Ostern (2) die Meldung der Sensation. Etwas Einmaliges, Ungeheuerliches hat Gott getan, die Sensation der Weltgeschichte ist geschehen, und wir wissen es. Wir kennen das Geheimnis der Geschichte. Wir setzen uns durch. Das Heidentum ist unmodern geworden, uns gehört die Zukunft, auch dieser Erde. Wir begreifen, wie die Kirche mitten in der Verfolgung so stürmisch wachsen konnte: was kann es Berauschenderes geben als eine Bewegung, die wahr, göttlich und neu ist? - Heute ist die Kirche uralt. Was wir zu verkünden haben, war schon ehrwürdigstes Erbgut, als die Urgroßeltern unserer Gesprächspartner in die Schule gingen. Mit Sensationen wartet der Katechismus schon lange nicht mehr auf. Und verfolgt werden wir nicht weil wir neu sind, sondern weil wir vom Alten nicht lassen wollen. Schon höhnen gebildete Afrikaner unsere Missionare: Was ihr bei euch daheim nicht mehr anbringt, dafür sind wir euch gerade noch dumm genug! Auch jene Etappe der Kirche ist dahin.

Nach ihr kam (3) der Bau der christlichen Welt. Seit Konstantin war das Christentum das Bestehende. Das Heidentum war am Zerfallen. Leidenschaftlich machten die Christen der jungen Völker sich an das große Werk, zusammen mit dem wahren Glauben auch die gesammelten Schätze der antiken Kultur zu übernehmen und mit dem eigenen Erbe zu verbinden. Die wuchtige Ruhe eines Kaiserdoms zeugt noch heute vom Stolz dieser Epoche auf ihre Glaubensfarbe. - Auch sie ist vorüber. Wer heute noch in ihr lebt, gleicht der armen Kathedrale von New York, deren neugotische Türme sich in kindischem Trotz zum Himmel recken, obwohl sie den Nachbarhäusern kaum bis an die Knie reichen.

Zur Reformationszeit ging es dann (4) um die Treue zur wahren oder reinen Kirche. Als die europäische Kultur christlich durchtränkt war, brach die westliche Christenheit auseinander und beide Teile hatten ein neues Ziel: den Einflußkampf gegeneinander. Bald stand der Treue zur wahren, katholischen Kirche der Wille zur evangelischen Erneuerung gegenüber: beides Ziele, welche die Gemüter der Besten begeistern konnten. - Heute sind auch sie vorbei. Von Kardinal Bea soll das Wort vom »Ende der Gegenreformation« stammen. Während Ignatius von Loyola verbot, »die Ketzer Evangelische zu nennen« [Brief an Canisius vom 13. Aug. 1554], sagt jetzt auch der sturste Katholik zu den Evangelischen nicht mehr Ketzer.

Es folgte (5) der Wettstreit mit der Moderne. Indem das Christentum die Welt entgötterte, zum bloßen Werk Gottes profanierte, wurde der Welt ein Same von Selbständigkeit eingepflanzt, der spät aber kräftig aufging und dabei die Kirche selbst zu ersticken drohte. In dieser Lage war die Stimmung der meisten Christen klar: Sich gegen einen Eindringling zu wehren, der einen aus dem Hause hinausdrängt, das man selbst gebaut hat, dieses Unternehmen versteht sich von selbst. - Mittlerweile fühlen die meisten Christen sich ebenfalls als moderne Welt. Was kann dann aber unsere heutige Glaubensfarbe sein?

»Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung,« um dieses Ziel (6) geht es nicht nur Christen, sondern allen Menschen guten Willens. Und doch haben die Christen einen besonderen Grund, sich für es einzusetzen. Weil sie überzeugt sind, daß der Schöpfer des Alls ein Stück seiner Schöpfung hat werden wollen, deshalb weiß ihre Leidenschaft für das Wohl der Erde sich von unendlicher Energie beseelt. Was ohne Christus nur Gottes Werk wäre - wie ein Schreiner eine Kiste macht - das ist dank der Menschwerdung fühlendes Organ in Gottes eigenem Leib, nicht bloß Kiste, sondern Finger und Antlitz des Allerhöchsten, und das in jeglichem Menschen irgendwo auf der Erde.

»Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«, dieser aufregende Satz des Richters meint keine moralische Fiktion, Christus tut nicht nur so als ob. Sondern auf geheimnisvolle Weise gehört jeder Mensch physisch zu Gott, seit der Schöpfer irdische Atome nicht nur ausgedacht, sondern, in Jesus, selbst angenommen, verspürt, erlitten und mit ewigem Leben beseligt hat. Denn alle Teile des Alls wirken aufeinander, erst recht ist die Menschheit durch die Zeiten hin ein einziges zusammengehöriges Lebewesen, dessen Ich - Jesu göttliche Person - tief in jedem Menschen am Leben sein will.

Vergleichen wir diese Glaubensstimmung mit denen aus der Vergangenheit, so erkennen wir zugleich ihre neue Färbung und ihre gleichstarke Begeisterungskraft. Es wird - wie auch früher - gewiß nicht immer angenehm sein, christlich zu leben. Es wird aber im dritten Jahrtausend ebenso großartig sein wie je zuvor. Tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag, und morgen durchatmet den Kosmos, wie gestern und heute, Gottes belebender Hauch, der Heilige Geist.

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Weitere Predigten

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