Jürgen Kuhlmann

Das Geheimnis der erlösten Erde


Seit dem Beginn unserer ökumenischen Begegnungen ist es Brauch, daß eine Konfession die Christen anderer Bekenntnisse einlädt und versucht, ihnen Einblick in die besondere Weise zu geben, wie der christliche Glaube sich gerade bei ihr ausgestaltet hat. Z.B. haben wir Katholiken schon die lutherische Lehre von der Rechtfertigung und das reformierte Abendmahlsverständnis kennenlernen dürfen; dabei haben wir gespürt, daß zwei Bergsteigergruppen von entgegengesetzten Seiten aus und auf ganz verschiedenen Wegen doch gemeinsam auf denselben Glaubensgipfel finden können. Auch für heute haben wir uns ein heikles Thema gewählt. Läßt die katholische Botschaft von Mariens Unbefleckter Empfängnis sich so erklären, daß Andersgläubige diese Überzeugung nicht nur aus Toleranz respektieren, sondern - ohne sie selbst zu teilen - doch irgendwie sogar für ihren eigenen Glauben fruchtbar machen können? Ich will es versuchen.

"Unbefleckte Empfängnis", diese Worte werden von den meisten mißverstanden. Die Mehrheit der Zeitgenossen denkt dabei an die kirchliche Lehre von der jungfräulichen Empfängnis: daß Maria, vom Heiligen Geist überschattet, ohne Zutun eines Mannes ihren Sohn empfing. Dieses Geheimnis feiert die Kirche jedoch am 25. März, neun Monate vor Weihnachten. Das Fest des 8. Dezember hat einen anderen Inhalt, nämlich Marias eigene unbefleckte Empfängnis: daß sie vom ersten Augenblick ihres Lebens an ohne jede Verderbnis der Erbsünde rein und unbefleckt vor Gottes Augen steht. Wenn ich mich nicht täusche, wächst der Menschheit jetzt, da sie aufs dritte Jahrtausend nach Christus zugeht, für dieses Geheimnis langsam die Antenne. Während auch innerhalb der katholischen Kirche flachmoderne Geister das Immaculata-Dogma für den Ausdruck eines überholten Katholizismus halten und am liebsten vergessen, rührt sich in der Tiefe der Wacheren die Hoffnung, es möchte vielleicht doch stimmen: daß die Schöpfung dem Schöpfer nicht ganz mißlungen ist, daß es mitten in ihr die Eine gibt, die in reinem Dank, ohne Reue und Schande, zu Ihm aufblicken darf. Eine Kreatur hat bei uns gelebt, deren wir uns überhaupt nicht schämen müssen. Das hat Folgen. Denn eine Erde, die diese strahlende Blüte hervorbringen konnte, ist eben nicht durch und durch verdorben, ist im allertiefsten Grunde so heil geblieben, wie der gute Gott sie ersonnen hat - und wird sich auch gegen das totale Unheil zu wehren wissen, das die so unermeßlich angeschwollene Zerstörungskraft des Bösen ihr anzutun droht. Im Wurzelgeflecht unserer Wälder wütet der saure Regen; Maria aber ist wirklich die, als die wir sie im "Salve Regina" grüßen: unser Leben, unsere Süßigkeit und Hoffnung. Weil die Wurzel des Lebensbaumes unbesiegbar gesund ist, darum brauchen wir, seine späten Zweige, trotz aller Gefahren, für uns und unsere Enkel doch nicht zu verzweifeln.

Das Böse hat eine schauerliche Macht. Das brauche ich hier nicht auszuführen, ein Blick in die Nachrichten genügt. Wohin wir schauen, macht Lieblosigkeit sich breit. Was die Erfahrung zeigt, wird vom Glauben bestätigt: Alle sind und waren wir vom bösen Trieb befallen, alle Menschen - außer zweien. Jesus und Maria waren von der Erbsünde frei. Von Jesus glauben es alle Christen; ist er doch keine geschaffene Person, sondern Gott selbst als Mensch. Von Maria glaubt die katholische Kirche es offiziell seit dem 8. Dezember 1854, vorher hatte diese Glaubenswahrheit sich zwar schon Einzelnen gezeigt, andere Katholiken hingegen, darunter hochberühmte Kirchenlehrer, haben sie geleugnet. Sie waren von der anderen Wahrheit durchdrungen: daß alle Menschen von Christus erlöst sind. Also - schlossen sie - auch Maria, also muß sie, zwar von persönlicher Sünde frei, doch wenigstens von der Erbsünde erfaßt gewesen sein. Wovon hätte Christus sie sonst erlöst?

Beide Wahrheiten ineinander zu glauben hat die Kirche erst durch langes betendes Nachdenken gelernt: So radikal, d.h. wurzelhaft tief ist Maria erlöst, daß sie von vornherein dem Bösen entzogen war. Ohne Christi Erlösungswerk hätte die Schöpfung auch in dieser ihrer Mitte verderben müssen, um seinetwillen blieb die Mitte heil. Unbesiegbar heilig ist das Reis entsprungen aus seiner Wurzel zart und hat auch die Wurzel von aller Fäulnis rein erhalten. Solches Zurück- oder Vorauswirken braucht uns bei Gott, der keiner Zeit unterworfen ist, nicht zu wundern.

"Der Herr hat mich geschaffen als Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit ... Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern ... Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor Ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein" (Spr 8,22-31). Geheimnisvolle Worte - wer spricht so? Geschrieben wurden sie in den letzten Jahrhunderten vor Christus, genauer weiß man es nicht. Bis 1969 sind sie am Fest der Unbefleckten Empfängnis vorgelesen worden. Wird hier aber nicht allzu Ungeheures über Maria gesagt? Wie kann sie vor aller Zeit sein?

Ich erinnere mich an eine Stunde, da ich ahnen durfte, wie dieses Mysterium sich vielleicht doch irgendwie verstehen läßt. Natürlich ist eine Ahnung kein Beweis. Wüßten wir nur, was wir beweisen können, wären wir arm dran. Das Folgende sage ich nicht wie ein Lehrer, der eine allgemeine Wahrheit weitergibt. Daß zweimal zwei vier ist, solches Wissen läßt unsere Seele leer. Vielmehr sage ich meine Ahnung so, wie wenn Dschungelwanderer sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählen. Man hört einander gern zu; vielleicht kommt man ja einmal in eine ähnliche Situation.

Ich sitze am sonnigen Pfingstdienstag auf blühender Wiese. Ringsum zwitschern und flöten die Vöglein, über uns strahlt der blaue Himmel, jetzt brummt eine Hummel, dann gaukelt ein Falter vorbei. Da kommt mir jene wahnwitzige Idee, die ich neulich las, auf einmal überzeugend vor: das ganze System Erde mit all seinen Lebensformen von den Viren bis zu den Walen verhalte sich offensichtlich wie ein einziger Organismus, lasse sich als ein Lebewesen betrachten, das fähig sei, die Atmosphäre lebenstauglich zu halten. Eine Lebensgestalt, die uns Menschen, also Personen, als ihre Zellen enthält, kann freilich selbst nicht unterpersonal, muß überpersönlich sein. Ihre Wesensnamen sind Erde, Terra, Gaia, Vita, Zo, Natur. Welches ist ihr Vorname? Mit nicht wenigen anderen Christen glaube ich: Sophia-Maria.

Denn das sind die beiden Erscheinungsweisen der nie gefallenen Schöpfung in Person, die wir Erdlinge kennen: unsere blaugewandete Mutter Erde als auch selbst lebendige Gesamtheit aller Lebewesen, und unsere Schwester Maria, in der die reine Schöpfung ein Mensch, Jesu Mutter und schließlich die Himmelskönigin geworden ist. Beide sind auf unbegreifliche Weise dieselbe Person, ähnlich wie dein schönstes Lächeln und dein Leben überhaupt beide du sind. In Terra-Maria, der kosmisch-menschlichen geschaffenen Gnade, ahnen wir das nochmals unendlich tiefere Geheimnis der ungeschaffenen Gnade, die Huld der Göttin, der Heiligen innergöttlichen Liebe. Aus IHR ist die unbefleckt Empfangene nie herausgefallen, dank IHRER innersten Gegenwart ist unsere Erde, trotz allem Bösen, heil.

Wer solches Vertrauen in sich spürt, stimme ein in den großen Gesang! Erde singe, daß es klinge, laut und stark dein Jubellied. Auch dies ist ein Marienlied. Wie umgekehrt all die herrlichen Lieder der Maiandachten meiner Kindheit Huldigungen an unsere liebe Mutter Erde sind. Sagt an, wer ist doch diese, die auf am Himmel geht. Die Schönste von allen. Meerstern, ich dich grüße. Nun, Brüder, sind wir frohgemut. Wunderschön Prächtige Hohe und Mächtige, liebreich holdselige himmlische Frau. Jener mutterscheue Zeitgeist, der solche Lieder für eine Weile verdorren ließ, er ist jetzt selbst am Verdorren, wird das neue Jahrtausend hoffentlich nicht mehr erleben.

Einer der Christen, denen die reine Schöpfung sich als Person geoffenbart hat, ist Wladimir Solowjow. Eines seiner schönen Gebete an sie (vom Mai 1886) findet sich im Buch eines deutschen Priesters, der als Soldat in Rußland auf Sophias Spur stieß [Thomas Schipflinger, Sophia - Maria. Eine ganzheitliche Vision der Schöpfung, Verlag Neue Stadt, München-Zürich 1988]:

O Erde, Herrin mein! Schon seit der Jugend Tagen
Hab deinen süßen Atem ich gespürt,
Hab durch dein Blütenkleid dein Herz ich hören schlagen
Und habe des All-Lebens Puls berührt.

Im Mittag stieg zu mir herab des Himmels Gnade
Mit gleicher Zärtlichkeit in schimmernder Gestalt,
Ihr sandte frohen Gruß des blauen Meers Gestade,
Der Wellenklang des Stroms, der windbewegte Wald.

Von neuem will sich jetzt geheimnisvoll verbinden
Die Erdenseele mit dem Quell des Lichts.
Ein ungemeßnes Glück läßt dieser Bund mich finden
Und alles Leid der Welt zerfließt zu Nichts.

Als "die Unbefleckte Empfängnis" hat Maria sich in Lourdes dem armen Mädchen vorgestellt. Die Heilungen dort haben sogar abgebrühte Ärzte nachdenklich gemacht. Nur dies, Sie nachdenklich zu machen, war das Ziel meiner heutigen Worte. Maria ist die Menschwerdung der reinen, nie gefallenen Schöpfung in Person, der Braut Gottes, die Er sich aus dem Nichts geholt hat, damit sie Ihm seinen geschaffenen Leib bereite, sodaß Er in ihr und für sie alles in allem werde. Selig, wer diese Botschaft glaubt und im Leben verwirklicht, indem er als gesunde Zelle des Schöpfungsleibes Anteil gewinnt an Mariens Glaube, Hoffnung und Liebe!

Was sage ich aber unseren evangelischen Gästen, denen all das seltsam vorkommt, weil sie es in ihrem Glauben nicht finden? Ihnen sage ich: Dafür kannst du nicht sein, dagegen brauchst du nicht zu sein. Laß dich deshalb von dieser Frage nicht bekümmern. Nimm deinen Glauben ernst, das genügt. In Gottes vielbunter Weisheit (Eph 3,10) ist nicht jede Farbe für jeden Blick. Hast nicht auch du, hat nicht auch deine Gemeinde schon Erfahrungen mit Gott gemacht, die unmitteilbar sind? Je echter wir im gemeinsamen Glauben eins sind, um so weniger muß es uns stören, daß wir in bestimmten Fragen verschieden denken. Natürlich gibt es zwischen Glauben und Glauben keinen Widerspruch, nur läßt sich oft schwer klären, wo der Glaube aufhört und das Meinen beginnt. (Zum Beispiel meinen viele Christen, Buddha und Mohammed seien nicht von Gott gesandt worden; glauben können sie das nicht; denn über Buddha und Mohammed hat Jesus uns nichts geoffenbart!)

Ebenso rate ich auch Katholiken, denen das Gehörte unglaublich vorkommt: Bekümmere dich nicht. Warte ab, ob das Samenkorn in dir aufgeht. Wenn ja, bist du reicher, wenn nein, nicht ärmer als zuvor. Denn Gott allein genügt.

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