Jürgen Kuhlmann

Selbstverwirklichung oder Selbstverleugnung?


Anlaß: Zeit nach Pfingsten, Besinnungstage, kirchliche Bildungsarbeit
Botschaft: Beide Ziele sind gefordert und vereinbar; denn
das Nein zum egoistischen Selbst ist das Ja zum wahren.
Themen: Das Kirchenjahr, Symbol des Sinnes der Zeiten -
Nach Pfingsten: Glaubensvertiefung - Selbstverwirklichung
nur modisch? - Selbstverleugnung nötig - "Selbst" zweideutig - Selbstlosigkeit verwirklicht das Selbst - ohne Linien kein
Schnittpunkt - unser Sein ist Gottes Freude
Ziel: Der Hörer versteht und bejaht den Gegensatz zwischen
egoistischer und liebender Selbstverwirklichung.

Wie geht der Glaube mit geistigen Moden um? Ebenso wie ein Vernünftiger mit Kleider- und sonstigen Moden: Man macht maßvoll mit, erkennt die Vorzüge des neuen Stils an, wehrt sich aber gegen seine Mißbräuche und vor allem gegen seine fanatische Einseitigkeit. Denn die Vernunft weiß: Es geht immer auch anders. Bei den geistigen Moden bedeutet das für uns Christen: Wir nehmen die Wahrheit an, die in ihnen steckt, lassen unsere eingeschliffenen Denkbahnen von ihr auch kritisieren. Und wissen zugleich, daß die neue Wahrheit doch nur im lebendigen Zusammenhang mit den alten Gewißheiten wirklich wahr ist. Aus dem Feuer gerissen, wird eine glühende Kohle schnell kalt; sobald eine Wahrheit aus dem Sinn-Mobile des umfassenden (kat-holischen) Glaubens herausgelöst und zur einzigen Wahrheit aufgeputzt wird, ist sie auch schon Lüge geworden.

Machen wir uns das an einem der großen Wörter unserer Zeit klar. Ich meine die vielberedete Selbstverwirklichung. Seit einem Vierteljahrhundert bestimmt sie den Zeitgeist und hat auch in der Kirche tiefe Gräben aufgerissen. Die einen stimmen begeistert zu: Ja, Gottes Kinder sind wir; was aber wünscht ein Vater mehr, als daß sein Kind sich selbst verwirkliche? Vorsicht! warnen die anderen; nicht von Selbstverwirklichung, sondern von Selbstverleugnung lesen wir in der Bibel: Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst" (Mt 16,24). Denn "wer sein Leben finden will, wird es zerstören" (Mt 10,39).

Offenkundig haben beide Seiten recht. Wie können wir das aber so verstehen, daß sich Ja und Nein weder gegenseitig auslöschen noch zu einem flauen Kompromiß abschwächen? Denn ein solcher kommt in der Bibel schlecht weg: "Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist und weder heiß noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Mund" (Offb 3,16). Nicht ein bißchen Selbstverwirklichung, untermischt mit einer Prise Selbstverleugnung, ist also unser Programm. Als Kinder des Schöpfers aller Sonnen sollen wir keine kleingesinnten Spießer sein. Großherzig will uns Gott, ungeteilt: "Wandle vor mir und sei ganz!" (Gen 17,1)

Sei ganz! Das von Gott gewollte ganze Selbst verwirklichen können wir nur, wenn wir unser allzu enges eigenwilliges Selbst verleugnen. Auf diese Weise löst der Glaube den Widerspruch auf: Das Wörtchen "Selbst" bedeutet beide Male nicht dasselbe. Was ein selbst-"verhafteter" Egoist für sein Selbst hält, ist bloß der Kerker, der sein wirkliches Selbst gefangen hält. Die Mitte eines Ringes gehört nicht zum Ring. Der Schwerpunkt Ihres Eheringes, wo sein ganzes Gewicht versammelt ist, er liegt außerhalb des Ringes, nämlich genau in seiner Mitte! Einem solchen Ring gleicht jeder Mensch. Will er zu sich selbst, seinem wahren Schwerpunkt, vorstoßen, so muß er sich selbst, sein äußerlich Sichtbares, verlassen. In diesem Sinn sagt Augustinus: Gott ist mir innerlicher als ich selbst.

Wenn wir nun einen Ring aus Ringen bilden, indem wir viele Eheringe auf einen Draht reihen und ihn zum Ring biegen, dann ist auch dieses Ringes Schwerpunkt seine Mitte, in ihr versammelt sich unsichtbar das Gewicht aller Ringe. Wer von sich absieht und in der Mitte das Ganze meint, nur er verwirklicht sich voll. Eine Geschichte aus Asien drückt das tiefsinnig aus: Um einen runden Tisch sitzen viele Hungrige, jeder versucht, mit einem riesig langen Löffel aus der gemeinsamen Schüssel zu essen, vergebens jedoch, die Löffel sind zu lang, keiner bringt den seinen in den Mund. Nach langer Ratlosigkeit bietet endlich einer den gefüllten Löffel seinem fernen Gegenüber an, der schluckt und revanchiert sich. Auch die anderen begreifen, und so lebt durch die Mitte hindurch der Rand. Selbstverhaftung führt zu Selbstvernichtung, selbstbewußte Selbstlosigkeit zur Selbstverwirklichung. Was sich wie Wortgeklingel anhört, wird durch das Ringgleichnis und die asiatische Parabel als selbstverständliche Lebenswahrheit offenbar.

Dasselbe anders: Minus mal minus gibt Plus; vermutlich ist das Pluszeichen sogar so entstanden, als durchgestrichenes Minuszeichen. In unserem Zusammenhang bedeutet dies: Das Nein zum falschen, beschränkten Selbst, das Niederreißen jener Kerkermauern, in denen ich selbstverhaftet schmachte, solches Durchstreichen des Negativen ist schon die Selbstverwirklichung, nämlich das entschlossene Ja zu meinem gottgewollten Selbst. Dieses will eben nicht in die Mauern meines winzigen Ich eingesperrt bleiben, vielmehr mit dem lebendigen Ganzen verbunden sein. Denn zu mir gehören auch sämtliche Beziehungsfäden, die mich mit anderen Wesen verknüpfen.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Netz. Jeder von uns gleicht einem Knoten im Netz - was wäre ein Knoten aber ohne die Fäden, die ihn mit andern Knoten verbinden? Die Selbstverleugnung, die Christus fordert, verlangt das Nein zu all den Klemmen, mit denen ein ichvernarrter Knoten die Fäden zu den anderen hin abklemmt, bis der verklemmte Egoist fertig ist. Er meint, daß er es gut mit sich meint, das ist aber ein Irrtum. Denn die Verbindungen des Himmelsnetzes sind keine toten Fäden, sondern Adern und Nerven. Werden die Ich-Linien, deren Schnittpunkt ich bin, abgeklemmt, dann muß mein Ich-Punkt sterben: Wer sein Leben finden will, wird es zerstören.

Sie sehen: Ein Christ darf nicht nur, er soll, ja muß sich selbst verwirklichen, sonst enttäuscht er seinen Schöpfer. Wenn eine Person sich nicht verwirklicht, weil sie zu faul oder zu feige ist, sich für den Sinn ihres Lebens einzusetzen, dann muß der Schöpfer ähnlich wütend sein wie die Frau, der ihre Frisur mißlingt, oder der Tenor, dem das hohe C verrutscht. Der Egoist sündigt also nicht, weil er sich zu sehr, sondern weil er sich zu wenig selbst verwirklicht. Wenn wir von dem modernen Schlagwort lernen, uns selbst besser zu lieben, dann behält jener Spötter nicht recht, der von den Christen sagte: Ich fürchte, sie lieben sich selbst so wenig, damit sie ihre Nächsten nicht lieben müssen. Umgekehrt hat Christus es gemeint: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du und ohne ihn kannst du nicht du selber sein. Nur miteinander sind die Reben der Weinstock. Könnten sie singen, dann sängen sie begeistert: Wir leben, aber nicht mehr wir, der göttliche Weinstock lebt in uns, Lob sei unserem SELBST!

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