Jürgen Kuhlmann

Frohbotschaft für hilflose Samariter


Anlaß: Kirchliche Spendenaktionen in der Fastenzeit
Botschaft: Der Christ darf sich dem Leid der Welt weder
entziehen noch gelähmt ausliefern.
Themen: Der Ansturm der Hungrigen bedroht die Freude -
untauglich: a) Zynismus - b) Lähmung - c) Abwechslung beider
- Glaube überwindet Chaos - Gleichnis des Popkonzerts -weni-
ge Zukünfte werden Gegenwart - Wirkliches in Gott geborgen
Ziel: Der Hörer muß das Elend der Vielen nicht verdrängen,
im Geist von Hoffnung und Liebe hält er ihm stand.


Nicht schon wieder! Ich kann mir vorstellen, wie manche von Ihnen das am liebsten laut rufen möchten, wenn sie merken, worüber wir heute miteinander christlich nachdenken wollen. Wir tragen ja alle die Bilder der Hungerkinder in Somalia und sonstwo mit uns herum, ihre Blicke klagen alle an, die satt sind und ihnen nichts abgeben - also auch uns? Wir wehren uns gegen diesen Vorwurf: was können wir denn tun? Auch wir gehören zu den Kleinen, können weder die Weltgesellschaft ändern noch die Mächtigen in den armen Ländern daran hindern, daß sie ihre eigenen Leute verderben lassen, um selbst von goldenen Tellern zu speisen.

Weil er sich von jenen traurigen Augen ungerecht angegriffen fühlt, bestreicht mancher seine Honigsemmel extra dick und ißt sie mit grimmigem Vergnügen. Aber die Freude fehlt. Und gerade sie dürfte einem Chisten nicht fehlen! "Freut euch allezeit," ruft Paulus seinen Freunden in Philippi zu (4,4); so wichtig ist diese Mahnung, daß von ihr sogar der Sonntag Gaudete seinen Namen hat. Wie hat die christliche Freude in einem Gemüt Platz, das durch die Medien bis obenhin angefüllt ist mit dem Elend der Welt?

Diese Frage ist schwer. Denn die scheinbar einfachen Antworten, wie die Welt sie uns anbietet, sind allesamt falsch. Eine zynische Auskunft besagt: Laßt sie lieber gleich verhungern, sonst kommen später noch viel mehr Menschen um. Oder man hört: So ist es eben auf der Erde, jene Kinder hatten Pech, wurden im falschen Land geboren. Wie ein Hund das Wasser einer Pfütze, so schütteln manche Leute das Problem von sich. In Wahrheit geht es solchen aber noch schlechter als den hungrigen Kindern, denn ihre Seele ist versteinert. Solange ein Zahn wehtut, ist er vital, d.h. lebendig; ein toter Zahn spürt nichts mehr. Wer sich angesichts der Not in der Welt dem Mitleid verschließt, alle Gefühlsstricke, die ihn mit Leidenden verbinden, zerhaut und auf seiner Wohlstandsinsel glücklich sein will, der ist buchstäblich noch töter als die federleichten Leichname in den Hungerzonen. Ähnlich wie ein toter Zahn selbst nicht mehr schmerzt, aber den Körper vergiften kann, so machen solche Zyniker die Seele ihres Volkes krank. Zu ihnen darf ein Christ nicht gehören.

Nicht minder falsch ist das Gegen-Extrem: wenn ein Mensch sich von der Not überall um ihn her so niederdrücken läßt, daß er die freudige Tatkraft verliert und in Resignation, gar Depression verfällt. Von der Last der allgemeinen Verantwortung plattgewalzt, kann er keinem bestimmten Menschen helfen, auch sich selber nicht. Diese innere Situation ist genau das, was die Bibel in altertümlicher Sprache den "Fluch des Gesetzes" nennt (Gal 3,10).

Auch die Abwechslung zwischen beiden Irrtümern taugt nichts: Da nimmt jemand plötzlich das Lebensrecht der anderen doch wahr, schämt sich seines Zynismus, möchte anpacken, weiß aber nicht wo. Wären auf dem Weg des Samariters hundert Ausgeplünderte gelegen, dann hätte er sich schwer getan! Ähnlich geht es aber uns; an Kontonummern für Spenden ist kein Mangel. Schwer und schwerer drückt die Last der Welt; kurz bevor er erstickt, wirft mancher sie dann gerade noch weg, flüchtet in den Zynismus zurück und denkt sich: Sterben müssen die Armen sowieso, ich auch - früher oder später, was liegt daran? - Egal, wo im Kraftfeld dieser Unheilsspannung zwischen Zynismus und Depression jemand gerade zappelt: an die Erlösung glaubt er nicht, das Evangelium hat ihn noch nicht ergriffen.

Ist er also kein Christ? Doch! Christ ist, wer den Weg des Heils geht, das heißt sich immer tiefer ins Chaos hineintraut und dann je neu Gottes Frohbotschaft vernimmt und glaubt, so daß aus Chaos Schhöpfung wird. Ein Kommunionkind wird von unserem Thema noch nicht betroffen, sein Chaos ist noch zu klein. Im Einzelleben ebenso wie bei der Menschheit im Ganzen wächst im Laufe der Zeiten das Chaos mit und muß von der schöpferischen Energie stets neu überwunden werden. Wie also kann beim derzeitigen Entwicklungsstand des Welt-Chaos, angesichts des furchtbaren Leidens von Milliarden, der Christ die erlösende Botschaft erfahren?

Auf jeden Fall nicht so, daß die Lösung seinem Verstand glatt aufgeht, wie etwa ein Schachproblem oder eine Rechenaufgabe. Das kann nicht gehen, weil Gottes Pläne über den unseren sind. Das darf nicht gehen, weil jede angebliche Lösung, soll sie unseren Verstand zufriedenstellen, ja das Leiden irgendwie rechtfertigen, ihm einen Sinn zusprechen müßte. Und das dürfen wir nicht. Nicht erklären, sondern bekämpfen müssen wir Menschen das Böse. Das heißt: Der Verstand bleibt uns stehen.

Nicht aber der Glaube. Und nicht die Hoffnung. Sie in Ihnen zu stärken, erzähle ich Ihnen ein Gleichnis. Es ist mit dem Sinn der Welt, wie wenn eine Menge von Jugendlichen vor einer Konzerthalle wartet, bis das Popkonzert anfängt. Seit Monaten freuen sie sich darauf, haben für hohen Einsatz eine Karte erworben; endlich ist der große Tag da. Weil von der Band bekannt ist, daß sie nie pünktlich anfängt, deshalb haben die Wartenden sich etwas zu tun mitgebracht. Der eine liest ein spannendes Buch, die andere strickt an ihrem Pullover weiter, einer übt auf der Mundharmonika eine schwierige Melodie. Plötzlich ertönt ein Gongschlag, das Tor zur Halle springt auf.

Ist der Musikant traurig, daß er nicht mehr weiterüben kann? Bestimt nicht. Fröhlich steckt er seine Harmonika ein und läßt sich von der großen Schar treiben, bis er seinen Platz gefunden hat. Dann taucht er ein in nie gekannte, kaum geahnte Freude. So anders diese Musik auch ist, so wenig fremd kommt sie ihm vor. Im Gegenteil! Anscheinend gab es draußen ein Mikrophon; genau die Melodie, an der er herumgeübt hat, sie erklingt auch jetzt - ja, um Gottes willen, merkt er: es ist meine eigene Musik, die ich da verstärkt höre, sogar die Patzer von vorhin sind da, schade; zum Glück kommt es auf die jetzt aber nicht mehr an, das Große Konzert umspielt, erlöst sie. Schade trotzdem; was mir als Wartezeit vorkam - merkt er - war also schon der Ernstfall!

Nur insofern aber - das ist der Gedanke, den ich Ihnen zum Nach-Denken anbiete - als die Zeit vor dem Gongschlag schon wirklich ist. Was jemals Heute war, irdische Gegenwart, das kann nicht vergehen, enthält in sich schon seine ewige Frucht, und wehe, wir verderben sie, indem wir unsere Erdenstunden in Eigensucht oder auch religiöser Träumerei vertun. Ganz anders aber sind die irdischen Zukünfte einzuschätzen. Nicht wirklich sind sie, nur möglich. Hier in meiner Hand die Tomate enthält eine Unmenge Samenkörner, so daß ein großer Garten sich aus ihnen anlegen ließe. Welches pflanze ich ein? Keines, sie kommt in den Sonntagssalat. Sie verstehen: Nicht einmal Gott in seiner Allmacht kann alles Mögliche irdisch auch verwirklichen, das braucht es auch nicht. Wenn die Sonne aufgeht, darf die Kerze erlöschen.

Wenn es jetzt regnet, pflegte ein Freund zu sagen, hat der Ausflug sich schon gelohnt. Wenn eine Achtjährige stirbt, zerreißt es den Eltern das Herz: Und doch: Was sie sich und den Ihren gewesen ist, bleibt in Gott unzerstörbar erhalten. Auch wenn sie selbst nie Braut und Mutter sein wird, darf sie doch im Himmel in die Erfahrungen aller Bräute und Mütter eintauchen, so daß ihr nichts fehlt. Jesus ist nie 60 geworden - doch: in all den Gliedern seines Leibes, die diesen Geburtstag erreicht haben. Wo die reine Liebe herrscht, kommt es auf Mein und Dein nicht mehr an.

Diese hoffnungsfrohe Botschaft erlöst aus der Zwickmühle von Zynismus und Resignation. Alles Wirkliche wird ewig, deshalb hat der Zyniker unrecht: Wer sich aus der Gemeinschaft seiner Mitmenschen ausschließt, hat mit diesem Unglücksprogramm mehr Erfolg, als ihm zuletzt lieb sein wird. Umgekehrt ist auch Resignation nicht angebracht. Die Welt ruht in Gottes Hand, Er fängt jedes Wesen auf, wenn es scheinbar ins Nichts abstürzt. Tun wir mit unseren schwachen Kräften möglichst viel von dem, was unser Gewissen uns zumutet - unser Gewissen, weder der untere Teufel der Selbstsucht, noch der obere Teufel jenes Gottesbildes, das uns zerquetscht. Wenn wir als lebendige Glieder des Gottmenschen beide Teufel besiegen, dann macht unser Fastenopfer uns nicht arm, sondern reich - auch den, der aus guten Gründen nur wenig ins Körbchen täte. Gott segne Sie und Ihre Gabe!

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