Jürgen Kuhlmann

Bleibt gleich vieles unklar, so wissen wir doch das Wichtigste: wem wir glauben!


Anlaß: Österliche Zeit
Botschaft: An Ostern zu glauben ist vernünftig, obwohl
niemand wissen kann, was genau damals geschah.
Themen: Modische Einwände - Erfahrungsgewißheit des
Glaubens - Unsagbares nur mißverständlich sagbar - ein auf-
fallender Widerspruch in der Apostelgeschichte - warum wahr
mehr als richtig ist.
Ziel: Der Hörer traut sich zu glauben, obwohl er nicht jeden
kritischen Einwand zu widerlegen weiß.


Alle paar Jahre wieder werden die Christen durch Zeitungsmeldungen erschreckt: Dank einem sensationellen neuen Buch wisse man nun endgültig, daß damals am Anfang des Christentums alles ganz anders gewesen sei ... Und dann werden die phantastischsten Vermutungen aufgetischt: Jesus sei scheintot vom Kreuz abgenommen worden und habe später in Indien eine Familie gegründet. Oder die Ostergeschichten seien allesamt blühende Erfindungen einer überreizten Phantasie, usw. Und doch sind wir in dieser Osterzeit zusammengekommen, um miteinander unseren Glauben an Christi Auferstehung zu feiern. Wie können wir das verantworten, wo wir doch überhaupt nicht dazu kommen, alle jene Bücher kritisch zu prüfen? Sind wir nicht allzu naiv? Müssen wir uns nicht vorkommen wie der Reiter über den Bodensee oder wie jemand, der sein Haus an einen rutschigen Sandhang gebaut hat?

Ich glaube: Nein. Und ich weiß: Dieser Glaube ist besser begründet als jene angeblich wissenschaftlichen Schaumschlägereien des Unglaubens. Der Glaube ist nämlich auch eine gültige Art von Wissen, er hat seine eigene Erfahrung, die sich verstehen läßt und in wahren Sätzen ausdrückt. Nur so aber wissen wir: indem wir Wahrgenommenes verstehen und Verstandenes sagen. Wenn jemand die Erfahrungen des Glaubens nicht gelten läßt - weil sie sich ihm nicht zeigen - so verhält er sich ähnlich wie ein Mensch, der treue Liebe für nichts als dumme Illusion hält, vielleicht weil er sich mit seiner Liebsten unrettbar verzankt hat. Um sich über die Enttäuschung hinwegzutrösten, macht er aus seinem persönlichen Schicksal ein allgemeines: geteiltes Leid, sagt sich etwas in ihm, ist halbes Leid; niemand darf erleben, was ihm versagt bleibt, also bellt er überall herum, daß es keine Treue gibt, höchstens so etwas wie hormonelle Fixierung oder würdelose Hörigkeit. Wer hingegen selbst die Erfahrung treuer Liebe macht, kann an ihr nicht zweifeln und braucht keinen anderen Beweis.

Ähnlich ergeht es jedem gottgeschenkten wahren Glauben. Er hört die Einwände gegen sich ruhig an und auch wenn er auf sie nicht gleich die rechte Antwort findet, bleibt sein Herz im Frieden. Wahrscheinlich, so vertraut er, beruht der Streit auf einem Mißverständnis, das sich irgendwann schon aufklären wird. Z.B. kann es schon sein, daß wir Christen unsere eigene unsagbare Offenbarungserfahrung nur derart mißverständlich ausdrücken, daß die anderen - von sich aus mit Recht - uns widersprechen. So etwas kommt ja auch im Alltag immer wieder vor. Ganz sicher ist man sich einer Sache, wettet sogar auf sie - und verliert die Wette. Wenn man sich hinterher verwundert alles überlegt, stellt man fest, daß die Gewißheit schon gestimmt hat, nur hat man irgendetwas verwechselt, durcheinandergebracht, so daß der behauptete Satz, so wie die anderen ihn hörten, tatsächlich falsch war - nicht aber das, was man eigentlich gemeint hatte, nur nicht richtig sagen konnte.

Ob es mit manchem Glaubenssatz ähnlich steht? Das mag schon sein. Ein besonders massives Beispiel ist das Himmelfahrtsfest, das wir in wenigen Wochen feiern werden. Seit Jahren wissen die Christen, daß es nichts mit Astronautik zu tun hat. Muß ein Ungläubiger von heute, der dieses Wort hört, aber nicht fast notwendig auf so schiefe Gedanken kommen? Und doch kann niemand das Wort aus der christlichen Denkwelt reißen, unverlierbar gehört es zum überkommenen Sprachschatz der Christenheit. Und vielleicht kommt der Tag, da es wieder ungeheuer wichtig wird: spätestens wenn wirklich einmal Wesen von fremden Welten mit uns in Verbindung treten sollten; dann müssen wir mit ihnen ökumenische Gespräche darüber führen, ob und in welchem Sinn Jesus auch ihr Herr und Heiland ist. Wie Galiläa in Palestina am Rande lag und Palestina im stolzen Römerreich, so ähnlich liegt ja auch die Sonne samt unserer Erde im Wirbel des Sternsystems Milchstraße ziemlich am Rand ...

Kehren wir aus zukünftigen Fernen zurück in das Land der Bibel und die Zeit bald nach Jesu Tod. Damals haben Menschen umwerfende Erfahrungen gemacht, von denen sie aber in der Alltagssprache nicht angemessen berichten konnten. Es fehlten einfach die Worte. Sie müssen ähnlich ratlos gewesen sein, wie wenn man von jemandem verlangt, die Klangfülle einer herrlichen Musik oder einen Pfirsichgeschmack mit Buntstiften auf Papier zu malen. So etwas kann man versuchen, im Grunde geht es aber nicht. Kein Wunder, daß die Berichte nicht zusammenstimmen und kritische Forscher allerhand Widersprüche entdecken. Und nicht erst die Leser, schon die Verfasser selbst! Es könnte sogar sein, daß Absicht dahintersteckt, damit die Leser merken, daß es um eigentlich Unsagbares geht.

An einem besonders deutlichen Beispiel will ich Ihnen das zeigen. Die Bekehrung des Paulus wird in der Apostelgeschichte dreimal erzählt, einmal vom Verfasser Lukas und dann zweimal von Paulus selber. Später haben viele Künstler die Szene gemalt: Wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus geblendet vom Pferd stürzt und Christus zu ihm sagt: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Weiter heißt es im ersten Bericht (9,7): »Seine Begleiter standen sprachlos da, sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden.« Später steht Paulus in Jerusalem auf der Tempeltreppe und erzählt dem Volk den Vorfall genau andersherum (22,9): »Meine Begleiter sahen zwar das Licht, die Stimme aber, die zu mir sprach, hörten sie nicht.«

Haben seine Begleiter die Stimme nun gehört oder nicht? Angesichts solch glatter Widersprüche kommt manch Späterer auf die Idee, den ganzen Bericht als orientalische Flunkerei abzutun; immerhin spielen sich die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht in derselben Gegend ab. Mir scheint jedoch weit fruchtbarer eine andere Frage: Warum schreibt Lukas so auffällig widersprüchlich? Entweder aus Versehen oder mit Absicht. Wenn aus Versehen, dann kam es ihm auf die genauen Umstände überhaupt nicht an, wichtig war ihm nur das seltsam Zwielichtige des Vorgangs, der sozusagen am Rande menschlicher Wahrnehmung lag: die Begleiter haben wohl bemerkt, daß mit Paulus wirklich etwas Besonderes vorging, nicht bloß in seiner Einbildung; was das aber war, das blieb ihnen verschlossen. - Ein solches Versehen kommt mir bei einem antiken Schriftsteller jedoch sehr unwahrscheinlich vor. Was er schreibt, ist ja zum lauten Lesen und Hören bestimmt; in unserem Beispiel sind die widersprüchlichen Sätze zudem ganz ähnlich geformt. Mir scheint, daß Lukas beim Schreiben der zweiten Fassung sehr wohl an die erste zurückgedacht hat. Mag sein, er wollte einen aufmerksamen Leser dadurch ausdrücklich auf die tiefe Fremdheit des ganzen Geschehens hinweisen: Lies genau, vergleiche beide Stellen und du merkst, daß du dir kein klares Bild machen kannst, ebensowenig wie damals die Begleiter des Paulus.

Ebensowenig? Nein. Einerseits noch weniger, denn du warst nicht dabei, wirst nie wissen, was damals äußerlich-real passiert ist. Und doch - könnte Lukas meinen - bist du, mein Leser, viel besser dran als jene Begleiter, anders als sie erfährst du, was zwischen Christus und Paulus gesprochen wurde, das heißt was wirklich geschah, während sie damals nur ein unbegreifliches Rätsel miterlebten. Selig die nicht sehen und doch glauben, sagte der Auferstandene zu Thomas, dieses Wort gilt auch uns. Wir sehen nicht, waren nicht dabei, aber wir glauben, weil irgendwann auch in unser Herz dieselbe berufende Stimme Christi gedrungen ist, wenn nicht in einer Vision, so doch gleichfalls klar genug, sonst wäre jede und jeder von uns jetzt irgendwo, aber nicht in dieser Kirche.

Schön und gut, mag jetzt mancher denken und ist vielleicht doch nicht zufrieden. Durfte denn der biblische Verfasser etwas Falsches schreiben, und sei es zu einem guten Zweck? Vor dieser Frage wollen wir uns nicht drücken. - Nun, der Unterschied von falsch und wahr bestimmt sich nicht nach dem Maßstab dummer Pedanten, sondern nach menschlich-vernünftigem Urteil. Küßt eine junge Mutter ihr Baby ab und ruft dabei »ich möchte dich fressen«, dann weiß jeder Vernünftige, wie das gemeint ist. Wollte ein Hozkopf sie tadeln: warum lügst du? Du hast doch gar keine kannibalischen Gelüste gegen dein Kind? - so würde man sich nur an die Stirn tippen. Ähnlich muß man auch bei der Bibel immer fragen: Was wollte der Verfasser sagen? Wollte zum Beispiel der Erzähler der Geschichte von Jonas und dem Walfisch ernsthaft behaupten, daß dort und damals ein Mensch lebendig in einen realen Walmagen hinein und wieder aus ihm herausfand? Ach, darauf kam es dem Dichter nicht an, Meeresbiologie war nicht sein Thema. Sondern die Verzweiflung jenes überforderten Propheten. Und sogar heute wird dieselbe Geschichte zuweilen von Menschen geträumt, die in tiefe Depression »versunken« waren und aus ihr wieder zurück »an die Oberfläche und ans Festland« der normalen Realität gefunden haben. Sie sehen: Sehr vieles ist, recht verstanden, vollkommen wahr, was allerdings einem, der es auf falsche Weise buchstäblich versteht, als unrichtig vorkommen muß. Sagt eine zu dir, daß sie ihr Herz schon verschenkt hat, läßt du sie dann mit Blaulicht in die Transplantationsklinik fahren?

So auch bei den Ostergeschichten der Bibel. Soviel ein Kritiker auch mit allerlei Gründen gegen ihre Richtigkeit vorbringen mag, sind sie doch geheimnisvoll unbegreiflich wahr. Noch ein paar kurze Jahre, dann trittst auch du über die dunkle Schwelle und erlebst hell, was du jetzt im Glauben weißt: sie führt nicht ins Nichts. Sondern wohin? In das vollere Leben, aus dem heraus die Freundesstimme des Auferstandenen auch unsere Herzen schon berührt hat. Er, dieser »Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt«. So hat der liebenswürdige Heinz Rühmann in seinem ersten Tonfilm gesungen. Als alter Mann hat er gesagt: »Der Tod hat für mich seine Schrecken verloren. Ich weiß genau, daß wir nicht nur für diese lächerlichen achtzig Jahre auf die Welt gekommen sind, die wir bestenfalls zu leben haben. Ich glaube fest daran, daß es irgendwie weitergeht nach unserem Tod. Dieser ganze komplizierte Mensch - nur für ein einziges kleines Leben? Das wäre doch zu wenig.« [FAZ v. 6.10.94, S.35]

Ja wahrhaftig: Gott ist nicht geizig. Warum sollte der Unendliche uns nicht alles gönnen? Mehr als alles gönnt ER uns: Sich selbst. »Hat euch etwas gefehlt?« fragte Jesus einmal seine Freunde (Lk 22,35). Ihre Antwort war: nichts.

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