Jürgen Kuhlmann

In Gott sind unsere Toten bei uns


Anlaß: Allerheiligen und Allerseelen; Totensonntag
Botschaft: Der christliche Glaube lebt in der Dauerspannung aus jüdischer Gottesbeziehung und heidnischer Verbundenheit mit den vergöttlichten Toten.
Themen: Ursprung des Festes im Jahre 610 - der Christ und die heidnischen Götter - wahrer Sinn und Fehlentwicklung der Heiligenverehrung - heutige Gefahr: allzu blasses Gottesbild - Kirche: Baum aus zwei Stämmen - Erlöstheit des Götterglaubens - Kraft der Toten in uns
Ziel: Der Hörer fühlt sich in der großen Gemeinschaft seiner Ahnen und Toten geborgen.


An Allerheiligen feiern wir eine Wahrheit, die für das Leben des christlichen Glaubens in der kommenden sog. nachmodernen Zeit entscheidend ist. Wie kam es zu diesem Fest? Nun, jeder Romtourist erinnert sich an das Pantheon, den prachtvollen Rundbau aus dem Jahre 27 v.Chr. Dieser Tempel sämtlicher (ungefähr dreitausend) Götter, die im Römerreich staatlich anerkannt waren, wurde nach dem Sieg des Christentums als Mahnmal stehengelassen, aber zugesperrt. Erst am 13. Mai 610 wurde er von Papst Bonifaz IV. als christliche Kirche geweiht, und zwar zu Ehren der Jungfrau Maria und aller Martyrer; am Vorabend hatte man auf achtzehn reichgeschmückten Wagen aus den Katakomben eine große Menge von Reliquien heiliger Martyrer herbeigebracht. Weil später für die vielen Kirchweihpilger im Mai die Lebensmittel knapp waren, wurde die Feier im 9. Jahrhundert auf den ersten November verlegt, da "nach der Ernte und Weinlese alle leichtlich gespeiset und getränket" werden konnten. - Soweit die Tatsachen.

Versuchen wir, die Idee jener frühmittelalterlichen Christen zu verstehen. Ich stelle mir vor, wie der Papst vor dem uralten verschlossenen Göttertempel steht. Im fernen Germanien rauschten die Götterbäume, auch jene Donar-Eiche im hessischen Geismar, die der hl.Bonifatius über hundert Jahre später fällen würde. Rom aber war aufgeklärt, seit bald drei Jahrhunderten galt dort der Glaube an den einen Gott und seinen Sohn Jesus Christus. Waren die Götter der Heiden wirklich mächtige Dämonen gewesen, wie die ersten Christen meinten? Sollte man nicht eher Einbildungen und Mißverständnisse in ihnen sehen? Dann gab es jetzt, nachdem die wahre Lehre sich durchgesetzt hatte, keinen Grund mehr, sich vor den alten Göttern weiterhin zu scheuen. Keine grausigen Gespenster hausten im Pantheon, viel eher Gespinste, die aber mittlerweile vom Heiligen Geist zerrissen waren, ebenso wie es den Spinnweben im Pantheon ergehen würde, wenn nur endlich frischer Wind hineinbliese. Ja, Schluß mit jenen falschen Übermenschen, den olympischen Götterfiguren, von denen Homer so schandbare und lächerliche Schwänke erzählt. Wer sind die wirklichen Übermenschen? Die Martyrer: die in der Kraft Christi, des einzigen Gottmenschen, mit dem Opfer ihres Lebens die Erlösungswahrheit bezeugt haben und von Christus deshalb hoch geehrt werden: "Wer siegt, dem gebe ich, mit mir sich zu setzen auf meinen Thron, wie auch ich gesiegt habe und mich gesetzt mit meinem Vater auf seinen Thron" (Offb 3,21). - So etwa könnten jene Christen gefühlt haben, die 610 aus dem Allgöttertempel die Kirche Maria zu den Martyrern machten.

Wie ging es mit dem Allerheiligenfest weiter, warum wird es heute nur von Katholiken gefeiert, von den Evangelischen aber abgelehnt? Weil Heiligenverehrung zweideutig ist. Was die Kirche meint, ist klar: in seinen Heiligen wird Gott selbst verherrlicht, allein seiner Berufung und Gnade verdanken sie ihr vorbildliches Leben. Auch Protestanten können so denken; an einer Kanzel sah ich zu den vier Evangelisten hinzu auch Martin Luther liebevoll geschnitzt. Ja: Gott hat uns wirklich erlöst, sein Heilsplan ist nicht gescheitert, deshalb glauben wir an die heilige Kirche, die in allen Jahrhunderten eben nicht bloß Holz- und Wurmäpfel, sondern auch kostbares Obst hervorgebracht hat. Zwischen Christus und seinen Heiligen gibt es keine Konkurrenz.

So war aber leider nur das Ideal. Der reale Heiligenkult der mittelalterlichen Volkskirche war von Aberglauben und Geschäftemacherei durchsetzt. Für jede Stadt und Zunft, gegen jegliche Krankheit und Sorge wurden andere Patrone angerufen und wehe, man wandte sich nicht an den richtigen, war zugunsten seiner Bruderschaft nicht spendabel genug. Aus den ermunternden Zeugen Jesu Christi wurden vielfach wieder miteinander rivalisierende himmlische Übermenschen. Hatte Homer über Christus gesiegt?

Dagegen wehrten sich schon vor Luther viele besorgte Christen und dann, mit Erfolg, die Kirchen der Reformation. Zu fürchten steht freilich: Mit zu viel Erfolg. Denn heutzutage ist es, bis weit in den katholischen Raum hinein, mit der Heiligenverehrung so gut wie vorbei. Ein Gott aber, der nicht mehr in konkreten Vollblutmenschen anschaulich wird, vertrocknet auch selbst. Ohne grüne Blätter fehlt der Wurzel die Energie. Läßt Gottes Wirken in seinen Heiligen sich so glauben, daß ein modern fühlendes Herz auch nach der Begegnung mit ehrlichen Atheisten in solchem Glauben eine neue christliche Heimat findet? Ja; doch verlangt dieses Unternehmen zuvörderst eine Rückkehr tief hinein in die Fundamente des Christentums.

"Da gibt es keinen Juden noch Griechen ... sondern: Neue Schöpfung" (Gal 3,28;6,15). Stellen wir uns die Neue Schöpfung als einen Doppelbaum vor, der aus einem jüdischen und einem griechischen Schößling zusammenwächst, dann hat sich in der Kirchengeschichte der jüdische Stamm weitaus stärker entwickelt, der griechische blieb zurück. Für die meisten Christen ist, wie für gläubige Juden, Gott der eine absolute Herr: unser unendlich erhabenes, gebietendes, leitendes und richtendes DU. Dieser Glaube ist wahr (und auch der meine), es ist aber nicht der christliche Glaube, sondern allein sein jüdischer Bestandteil. Wie sieht der griechische aus?

An den Göttern Homers ist den Kritikern von jeher eines aufgefallen: sie sind nicht, was man moralisch nennt. Sie streiten nicht nur miteinander, sondern stiften auch die Menschen zum Krieg an. Z.B. hat der Göttervater Zeus es schwer, zwischen der Liebesgöttin Aphrodite und ihren erbitterten Feindinnen Hera (Ehe) und Athene (Vernunft) zu vermitteln. Nun, fast jedem Erwachsenen hat gerade dieser Götterkrieg schon die eigene Brust zerrissen, so daß er durch den märchenhaften Figurenschleier hindurch die harte, überaus realistische Wahrheit der griechischen Religion erblickt: In der Tiefe eines jeden menschlichen Ich (und Gemeinwesens) ringen gewaltige, zugleich schöpferische und zerstörerische Mächte gegeneinander. Der Psychologe Jung spricht von Archetypen, Soziologie und Geschichte kennen die Wucht kollektiver Ideologien, die in stets neuen Verkleidungen widereinander anstürmen. Nein, moralisch sind diese Götter nicht, aber zweifellos wirklich, weil wirksam.

In Christus gilt nicht mehr Jude noch Grieche, sondern Neue Schöpfung. Wie verwandeln sich die beiden Glaubensstämme, wenn sie miteinander verwachsen? DICH den einzigen Gott, der nur ein Volk, das jüdische, erwählt, hat Jesus neu offenbart: als DICH, den guten Vater aller Menschen. Was aber wird, christlich, aus den göttlichen Mächten, die der Griechenglaube in der Tiefe eines jeden ICH am Wirken sah? Aus Gründen, die wir hier nicht bedenken können, ist dieser zweite Zwillingsstamm verkümmert geblieben. Dabei steht auch sein Wachstumsprinzip schon im Neuen Testament. Christus der Gekreuzigte "hat die Schlüssel der Totenwelt" (Offb 1,18), er ist "hinabgestiegen in das Reich des Todes" (Credo) und hat "den Toten die Heilsbotschaft verkündet" (1 Petr 4,6).

Diese urchristliche Idee kann heute, da das überkommene Gottesbild weithin verblaßt ist, dem Glauben der Vielen frisches Blut zuführen. Denn jeder Mensch, auch der hartgesottenste Zweifler und vermeintliche Gottlose, ahnt beim Gedenken an seine Toten, daß die Wirklichkeit gewaltiger ist als die uns verfügbare Realität hier und jetzt. Stunden gibt es, da spüren wir die freundschaftliche Gegenwart lieber Menschen, die längst tot sind, fast wie zum Greifen nahe. Mitunter sind ihre Zeichen uns derart deutlich, daß wir von ihnen sogar zu erzählen wagen; oft erinnert uns das milde Lächeln der Zuhörer dann freilich, daß es bei solchen Erfahrungen nie um Wissen geht, immer um Glauben.

Ja, die Toten leben in Christus. Das ist etwas Ungeheures. All jene Ströme menschlicher Energie, die seit Jahrhunderttausenden über die Erde hin vibriert haben, alle Sehnsüchte und Ängste, Schmerzen, Opfer und Triumphe: sie sind nicht vorbei, sondern klingen als ewig unvergänglicher Hall durch das gottmenschliche Bewußtsein des universalen Christus. Das ist die Wahrheit des Pantheon. Tief in jedem menschlichen Ich rauscht der Energiebrunnen aller seiner gestorbenen und dabei unsterblich gewordenen Ahnen. Das ist nicht eine feierliche Umschreibung für die Macht der Gene. Das Instrument der Gene gleicht dem Kratzen von Pferdehaaren über Katzendärme - des Violinkonzerts Schönheit hat anderen Ursprung. In und durch uns wirken die Götter (sagt der Heide), werden frühere Menschen wiedergeboren (sagt der Hindu), lebt der verherrlichte Chritus (sagt der Christ) und seine in ihn eingegangenen Heiligen (sagt der Katholik); nur von vielen gegensätzlichen Seiten her können wir uns dem Geheimnis unser selbst nahen. "Alles ist euer" (1 Kor 3,22), jede solche Glaubensweise kann uns helfen, den Anschluß an die Seinsenergie tief innen zu finden. Denn ohne sie wären wir nichts als die Rädchen jener Apparate, zu denen wir irdisch gehören; mit ihr aber sind wir Menschen, d.h. lebendige Organe des göttlichen Leibes in dieser Zeit.

Der griechische Stamm der Neuen Schöpfung darf natürlich nie vom jüdischen getrennt werden, das wäre Rückfall ins Heidentum, d.h. den Ich-Wahn des jüngeren Sohnes in Jesu Gleichnis. Aber auch die jüdische Ein-Gott-Religion darf nicht ohne ihr griechisches Gegenstück bleiben, sonst verfielen wir der allzu üblichen Einseitigkeit des "gottvergifteten" älteren Sohnes, der brav "Du, Vater" sagt und sein eigenes Ich nicht kennt. Christlich ist allein die durchgehaltene Spannung beider Pole: nach "oben" beten wir zum Vater im Himmel um den rechten Geist, von "innen" her schöpfen wir aus der eigenen, weil von Christus uns rückhaltlos geschenkten Göttlichkeit aller Heiligen: "Das Wasser, das ICH ihm gebe, wird ihm zur Quelle eines Wassers, das sprudelt zu unendlichem Leben" (Joh 4,14).

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