Jürgen Kuhlmann

Aus Liebe gut sein, nicht aus Eigennutz!


Anlaß: Osterzeit
Botschaft: Weil sich an Ostern Gottes Liebe als mächtig
erweist, soll sie uns leiten, nicht Angst und Gier.
Themen: Ostern als totale Verwandlung - unfanatischer
Glaubensmut der Martyrer - ist Christentum Eigennutz? Die
Versuchung besteht - wird aber im echten Glauben überwunden
Ziel: Die Hörer spüren neu, wie der Osterglaube ihre allzu
engen Beweggründe zu liebender Hoffnung weitet und befreit.


Wir wüßten gerne, was damals nach Ostern wirklich passiert ist. Wie ist es zugegangen, als Jesus seinen Freunden Tage, Wochen nach seinem Tode als Lebendiger "erschienen ist", wie sie berichten? Was heißt "Erscheinen"? Was, wie haben die Jünger geschaut, gehört, empfunden? Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen. Nur soviel wissen wir: Es müssen ungeheure, bis ins Tiefste aufwühlende Erlebnisse gewesen sein. Vor Ostern waren die Jünger ein versprengtes Häuflein; "ich geh' fischen," sagte Petrus, das hieß: Das tolle Abenteuer mit Jesus ist vorbei, sie haben ihn erledigt, was bleibt mir übrig, als mich wieder an meinen alten Beruf zu machen, bis in den langen Nächten des Fischers die köstlichen und schlimmen Erinnerungen langsam verblassen wie so viele andere Träume auch, die Menschen schon geträumt haben, im Schlafen und im Wachen. Es ist vorbei. "Wir aber hatten gehofft," sagen die Emmaus-Jünger zu ihrem fremden Begleiter; kann man sich etwas Traurigeres denken? Die Hoffnung selbst nur mehr in der Vergangenheitsform: die beiden hatten eine strahlende Zukunft hinter sich, es war vorbei. Da ist kein verbohrter Trotz zu spüren, kein fanatisches "Jetzt erst recht!", wie es sich bei Idee-besessenen Sektenleuten immer wieder findet und zuweilen in den gemeinsamen Selbstmord treibt. Begeistert hatte Jesus seine Freunde, gewiß; auf eine so grundvernünftige Weise aber, daß ihr Bewußtsein nicht vernebelt, sondern im Gegenteil auf äußerste wach und realistisch wurde, deshalb waren sie nach seinem Tod keineswegs wild fanatisch, sondern kleinlaut und enttäuscht. Ich geh' fischen. Ach, wir hatten gehofft.

Und dann ist es passiert. Was, wissen wir nicht; die Einzelheiten der Berichte passen nicht zusammen, soviel haben die Bibelwissenschaftler mit viel Gelehrsamkeit herausgefunden. Darauf kommt es aber auch nicht an. Sondern auf die eine buchstäblich revolutionäre Tatsache, daß jene bis auf die Knochen gewöhnlichen Menschen, normal wie Sie und ich, daß sie offensichtlich überzeugt waren: Jesus lebt. Das sagten sie allen, ob die es hören wollten oder nicht, selbst wenn die anderen sich die Ohren verstopften, ja sogar noch während sie Steine aufhoben. Als Stephanus totgesteinigt wurde: das war kein Massenselbstmord in schwül-irrer Gemeinschaftstimmung. Stephanus war allein. Auch Petrus war allein, Jahrzehnte später, als sie ihn mit dem Kopf nach unten ans Kreuz schlugen. Allen diesen Männern und Frauen der Urkirche war anscheinend eines klar: Die Nachricht, daß Jesus lebt, ist das Wichtigste überhaupt, wichtiger als die paar Jährchen, die mir auf Erden vielleicht noch bleiben, wenn ich klug bin und meinen Mund halte. Daß es tatsächlich einer von uns geschafft hat, den Tod selber, den grimmigsten aller Feinde, wirklich und wahrhaftig zu besiegen, so daß dieser Mensch sich uns als lebendig erwiesen hat, obwohl er doch gestorben war: Das ist die Nachricht überhaupt, das muß ich weitersagen, und wenn sie auch mich umbringen dafür.

Denn das Beste an dieser schönen Geschichte ist, daß sie auch eine wahre Geschichte ist, und dadurch ist buchstäblich alles verwandelt. Das Universum ist nicht mehr die Todeszelle im Zuchthaus, wo die Verurteilten ihre letzte Nacht in Angst und Grauen verbringen, weil sie vor dem Fenster schon die Hammerschläge hören, mit denen das Schafott zusammengenagelt wird, auf dem am frühen Morgen das Fallbeil auf ihren Hals herabsausen wird. Da macht es schon einen Unterschied, wenn man durch den eingeschmuggelten Zettel eines früheren Mitgefangenem erfährt: Es ist gar kein Schafott, was da so laut dröhnend gezimmert wird; der Tanzplatz wird vorbereitet! Denn der rettende Herrscher (denken wir an Beethovens Oper Fidelio!) ist ja schon unterwegs, nicht auf eure Hinrichtung wartet ihr in der engen Zelle eures winzigen Hier und Jetzt, vielmehr auf eure Befreiung und das große Fest. Das ungefähr war die Stimmung der ersten Osterzeugen; wir verstehen, daß sie nicht stumm bleiben konnten, sondern ihre Freude in die Welt hineinrufen mußten. Und so klar haben sie es getan, daß ihr Ruf durch bald zwei Jahrtausende bis zu uns gedrungen ist: Jesus lebt.

Und auch wir werden leben, sogar wenn wir gestorben sind, dann erst recht, und deshalb auch jetzt schon voll, weil frei und ohne Angst. Denn nicht der bittere Tod herrscht auf Erden, so daß von vornherein schon alle Freudenstunden ausgehöhlt, entwertet wären, sondern was im Himmel und auf Erden herrscht, ist die schöpferische Liebe, die niemals aufhört. Das ist die christliche Freudenbotschaft. Wer sie versteht und von Herzen glaubt, tut sich leicht, seinen ungläubigen Zeitgenossen auf ihre Fragen und Einwände zu antworten, egal ob die hämisch von Gegnern, lustig von Freunden oder auch von einer bangen Stimme im eigenen Innern vorgebracht werden.

Von allen Einwänden gegen das Christentum scheint der ernsteste mir der zu sein, mit dem die anderen sozusagen den Spieß umdrehen und behaupten, ihre Gesinnung sei die edlere und würdigere. Zum Beispiel weisen sie darauf hin, daß die Glücksverheißungen der Bergpredigt - meint ein bekennender Gottloser - »bei Nichterfüllung in Verdammnisverheißungen umschlagen. Gott appelliert also in sehr drastischer Weise an den Eigennutz der Menschen, um seine Forderungen an sie durchzusetzen, sie zum Gehorsam zu veranlassen. Der durchaus utilitaristische Charakter dieser Ethik, ihr Appell an den Nutzen des Einzelnen, ist in Theologenkreisen wohlbekannt. Der entscheidende Punkt ist, daß die Ethik Jesu, wie sie uns in den Evangelien vorliegt, auf dem unablässigen Appell an die Hoffnung auf Lohn beruht. Jesus predigt zu solchen, die ins Himmelreich eingehen möchten, und sagt ihnen, wie sie es anstellen müssen. Das eigene 'Seelenheil' wurde zum Hauptmotiv der Nächstenliebe.« [Hans Albert, Das Elend der Theologie, Hamburg 1979, 194 f.] Wenn hingegen Lohn und Strafe, diese ganz äußeren Beweggründe wegfallen, erst dann könne der Mensch wirklich von Herzen gut sein, das ist die überraschende Behauptung solcher Atheisten, deren persönliche Rechtschaffenheit höchsten Respekt verdient. Wie antwortet der Osterglaube auf diese radikale Herausforderung?

Indem er sie zunächst einmal ernst nimmt und sich in ihrem Lichte kritisch selbst befragt. Gibt es in uns Christen nicht tatsächlich ein solch schäbiges Mißverständnis? Fühlen wir uns nicht zuweilen wie die furchtsamen Kinder, zu denen eine sog. religiöse Erziehung uns gemacht hat, vielleicht noch mit dem alten Spruch »Gott siehts, Gott hörts, Gott strafts«? Falls ja, dann könnte uns in der Ewigkeit allerdings eine ähnliche Überraschung bevorstehen, wie sie - in Jesu schönstem Gleichnis - der ältere verlorene Sohn erlebt hat, der müde aber vergnügt vom Felde heimkommt und mitten in Festvorbereitungen hineinplatzt. Was ist denn hier los, fragt er einen Knecht. Stell dir vor, antwortet der, dein Bruder ist wieder da, nicht schlecht gestunken hat er! Trotzdem läßt dein Vater das Mastkalb für ihn schlachten und es gibt ein tolles Fest. »Da ward er zornig,« sagt Jesus über diesen Braven, aber noch nicht Guten. »Er wollte nicht hineingehen.« Mitfeiern, ich? Nein. Wenn dem Lumpen da alles nachgeworfen wird, wofür habe ich mich dann so angestrengt? Ich verstehe überhaupt nichts mehr.

Wer das Reich Gottes mit einer exakten Lohn- und Strafbuchhaltung verwechselt, eine solche Person ist noch weit von ihm weg, egal ob sie sich Christ nennt oder die Christen wegen ihrer angeblichen Sklavenmoral verspottet. Der wahre Maßstab ist ein anderer: die Liebe. Die hat allerdings - das ist nicht zu ändern, dagegen kann vernünftigerweise auch niemand sein - ihren Lohn in sich, ebenso wie die Lieblosigkeit ihre Strafe. Wenn die kleine Tochter aus Liebe zur Mutter von sich aus die Küche nicht nur aufräumt, sondern sogar wischt: dann wird die Mutter sie freilich dankbar loben und küssen, dieser Lohn ist aber doch nichts Äußeres, sondern allein der sinnliche Ausdruck des inneren Gefühls der Mutter. Und sollte an einem anderen Tag der Sohn trotz ausdrücklichen Gebotes die Küche nicht aufgeräumt haben, dann ist auch das Donnerwetter, oder, schlimmer, der traurige Blick der Mutter keine äußere Strafe, vielmehr die spürbare Erscheinung der gekränkten Liebe, und weiter innen, wo seine Liebe heil ist, dort ist das Kind mit dieser Strafe einverstanden, nimmt sie an, straft sich in einem wahren Sinne selbst, um die beleidigte Liebe zu rächen und so zu retten.

Wie ein Vater, gleich einer Mutter liebt das Herz aller Dinge uns, seine Geschöpfe; wer selbst Vater oder Mutter ist und dazu an Ostern glaubt, wird den Einwand des Unglaubens bald entkräften: Aber selbstverständlich will Gott alle seine Kinder vor der Vernichtung bewahren - tust du nicht für deine Kinder dasselbe, wo du es kannst? Sich darauf zu verlassen ist kein unwürdiger Schacher, jedes gesunde Kind überall auf der Welt rechnet damit, warum soll es nur in ihrer göttlichen Mitte nicht so sein?

Die wichtigste aller Fragen heißt: Ist Gott die Liebe? Bist DU wirklich gut, nicht bloß in unserer Illusion? Das, so glauben wir Christen mit guten Gründen, hat sich an Jesu Geschichte erwiesen; deshalb bedeuten seine Worte über Strafe und Lohn - die durchaus in der Bibel stehen, da haben ungläubige wie strenggläubige Bibelforscher schon recht - eben keine Sklavenmoral, auch kein Geklapper juristischer Mechanismen, sondern deftige Hinweise allein auf den Lohn und die Strafe, die dem Zusammenhang der Liebe innerlich sind. Droht nicht auch die Mutter, wenn sie an die schmuddelige Küche denkt, ihren Rangen Schlimmstes an? Und liebt sie doch, und weiß sich von ihnen geliebt, weit inseits von Strafe und Lohn. Ostern hat die Macht der göttlichen Liebe erwiesen und dadurch Lohn wie Strafe verinnerlicht und zugleich überstrahlt, ähnlich wie die Sonne bei ihrem Aufgang zwei Flackerkerzen aus Lichtquellen zu bloßen Lichtern erniedrigt.

So ist es »im Prinzip«. Dieses Prinzip nicht nur im Munde zu führen, sondern als Grundstimmung im Herzen wachsen zu lassen ist freilich, immer neu und nie ganz erfüllt, die Aufgabe jeder christlichen Generation. Wären alle Menschen jederzeit so vernünftig und reif, wie wir das gern sein möchten, dann bräuchte es keine Rede von Himmel und Hölle. So sind wir aber nicht. Zum Glück (so vermutet der heilige Augustinus) zum Glück liebt uns Gott aber nicht schon so wie wir halt sind, sondern so wie wir dank seiner Gnade werden dürfen. Und das, halleluja! für immer und ewig.

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