Jürgen Kuhlmann

Organe des Heiligen Geistes


Anlaß: Zeit nach Pfingsten; Einkehrtage
Botschaft: In uns will der Hl.Geist leben, ähnlich wie des
Menschen Vitalität in seinen Organen; achten wir auf Ihn!
Themen: Kirchenjahr bedeutet Weltgeschichte - wir sind
klein im großen All - wie eine Zelle in unserem Leib - vital
im Kraftfeld des Gottesgeistes - von der Ostkirche lernen -
dreierlei Weisung - Realität außer uns - Tradition vor uns -
Seelentiefe in uns - C.G.Jung über spirituelle Abenteuer
Ziel: Der Hörer begreift sich und seine Mitmenschen als lebendige Organe des Großen Lebens.


Wir können das Kirchenjahr auch so verstehen, daß es die gesamte Weltgeschichte bedeutet; dabei schauen wir sozusagen durch verschiedene Objektive. Während der Adventszeit fühlen wir uns in die Tausende von Generationen ein, die auf Gottes persönliche Ankunft in Jesus Christus gewartet haben; ein Weitwinkelobjektiv zieht diese ungeheure Zeitstrecke zu einem einzigen Bild zusammen. Es folgen die Monate zwischen Weihnachten und Pfingsten; da begleiten wir, dank einem Teleobjektiv fast zu Zeitgenossen geworden, den Erlöser auf seinem Lebensweg und die junge Kirche bei den ersten Schritten. Die Wochen nach Pfingsten bedeuten schließlich unsere Epoche bis zum Ende der Menschheit - nicht der Welt; wir sollten, scheint mir, nicht mehr Weltuntergang sagen; denn wenn einst - nach sovielen Tieren - das Menschengeschlecht aussterben oder, später, unsere Erde in der sich ausdehnenden Sonne verdampfen wird (man schätzt: in fünf Milliarden Jahren), dann wird dieses Ereignis noch lange nicht der Untergang des Universums sein.

Solch ungeheure Perspektiven können einen Menschen, je nach Temperament, zerkrümeln weil wir so winzig sind, oder begeistern weil unser Gott und Freund so gewaltig ist, am besten versuchen wir, die Spannung zwischen beiden Gefühlen durchzuhalten. Sie widersprechen einander nicht. Kratzen Sie einmal mit einem Fingernagel leicht die andere Hand und stellen Sie sich vor, jene Hautzelle hätte ein eigenes Bewußtsein, dann würde sie sich im Verhältnis zum ganzen Körper vielleicht so ähnlich fühlen: Ich bin winzig, das macht mich demütig. Und doch gehöre ich zu einem wunderbaren Ganzen, darauf bin ich stolz. So ist auch bei uns nur das Ineinander von Stolz und Demut die rechte Wahrheit.

Falscher Stolz heißt Hochmut. Wenn die Zelle ohne Rücksicht auf den Leib fortwuchert, ihr Sonderprogramm allein gelten läßt, dann spricht der Arzt von Krebs: Je mehr "Erfolg" die einzelne Zelle beim hemmungslosen Wachstum hat, um so schlimmer leidet das Ganze, um so schneller ist auch die böse Zelle tot. Falsche Demut, umgekehrt, führt gleichfalls zum Absterben. Wenn die Zelle sich ihrer Winzigkeit schämt und das Ganze scheut, kein frisches Blut mehr annimmt, dann verdorrt, verhornt sie. Das ist nicht nur für sie selbst fatal, sondern auch traurig für den Leib und die Person.

Ein interessanter Vergleich, denken Sie jetzt vielleicht. Es ist aber mehr als irgendeiner der vielen Vergleiche, die wir Menschen uns einfallen lassen, um Schwieriges mitzuteilen. Wir selbst sind dieses Gleichnis; denn Gott hat uns leibseelische Menschen zu seinem Bild geschaffen. Als Sie vorhin spürten: ja, ich bin auch diese Hautzelle; solange sie sich in mich einfügt, durchströme ich sie mit meinem warmen Leben - da haben Sie eine entscheidende Heilswahrheit zeichenhaft erfahren: das Wirken des Heiligen Geistes in uns.

"Euer Leib ist ein Tempel des Hl.Geistes in euch" (1 Kor 6,19), das bedeutet: Unser Leib gehört als kleines Unterorgan zu jenem unsichtbaren, überbiologischen, aber wirklichen Lebenskraftfeld, das ähnlich vom Hl.Geist erfüllt ist, wie die Vitalität eines jeden von uns seinen Leib erfüllt. Diese Einsicht hat nichts Wolkiges, Versponnenes, sondern erfaßt die fundamentale Tatsache überhaupt. Den meisten Erwachsenen ist der Gegensatz zwischen einem vitalen und einem nicht vitalen Zahn in scharfer Erinnerung: solange ich ihn spüre, bin ich auch er; sehe ich ihn vor mir, dann ist er bloß mehr ein totes Ding. Nun: Wie mein Leben für meinen Zahn, so entscheidend ist des Heiligen Geistes Lebendigkeit für jeden von uns. Zwar ist diese Zugehörigkeit nicht äußerlich sichtbar; aber auch des Zahnes Vitalität zeigt sich keinem Apparat.

Leider ist diese tiefe Sicht in der lateinischen Westkirche ziemlich unbekannt; viele Christen haben im Religionsunterricht nie gelernt, daß sie in aller Wahrheit Fühl- und Wirkorgane des Gottesgeistes sind. Lernen wir darum von der Ostkirche, was ihr großer Kirchenvater Basilius so ausdrückt: "Wie die Sehkraft im gesunden Auge, so ist die Energie des Geistes in der gereinigten Seele."

Bleibt die Frage: Zu welchem göttlichen Organ gehöre ich? In einem gesunden Leib erhält jede Zelle ja ständig Anweisungen vom Ganzen. Nervenimpulse und Hormone teilen ihr mit, was sie beachten muß. Wie offenbart das Gottesleben uns, wozu wir werden sollen? Wie informiert der Hl.Geist die Zellen seines organischen Tempels? Mit dreierlei Stimmen.

Zunächst durch die Nachbarorgane. Mitmenschen, Umstände, Naturgesetze, Zeitgeist, geltendes Recht, Gebräuche. Die uns allseits umgebende Realität stellt ihre Ansprüche; wer sich ihnen versagt, tut das nicht lange.

Realismus allein genügt aber nicht. Jede Realität vergeht, nichts ist falscher als der Zeitgeist von gestern; das geltende Recht war oft genug Unrecht. Deshalb soll ein Mensch die Hinweise des Tatsächlichen immer neu ausbalancieren durch die Weisungen seiner geistlichen Tradition, die sich schon lange bewährt hat, in unserem Fall durch die christliche Botschaft, wie sie von den Kirchen - trotz manchen Versagens - im Ganzen doch treu bewahrt worden ist.

Aber das Überkommene muß erstarren, verknöchern, absterben, wenn es nicht immer wieder neu vom lebendigen Geist durchpulst wird. Deshalb will ich hier an einen großen Christen dieses Jahrhunderts erinnern, dessen Todestag sich am 6.Juni 1991 zum 30. Male jährt: C.G. Jung. Wenn er oft betont, er spreche nur als Psychologe über Tatsachen des Seelenlebens, unabhängig von so etwas wie Wahrheit, dann richten solche Sätze sich an seine Fachkollegen, bei denen er - gerade wegen seiner Leidenschaft fürs Geistliche - einen schweren Stand hatte. Als sein eigentliches Lebenswerk aber sah er es an, den heutigen Menschen jene dritte Offenbarungsweise wieder nahezubringen, ohne welche Realität wie Tradition geistlos werden: die Botschaften der Seelentiefe.

Jung erzählt aus seiner Praxis: "Ein Theologe hatte einen Traum, der sich öfters wiederholte. Er träumt, er stehe an einem Abhang, von wo aus er eine schöne Aussicht auf ein tiefes Tal mit dichten Wäldern hat. Er weiß, daß ihn bisher immer etwas abgehalten hatte, dorthin zu gehen. Dieses Mal aber will er seinen Plan durchführen. Wie er sich dem See nähert, wird es unheimlich, und plötzlich huscht ein leiser Windstoß über die Fläche des Wassers, das sich dunkel kräuselt. Er erwacht mit einem Angstschrei. ... Der leise Wind ist das Pneuma, das weht, wo es will. Und das macht dem Träumer Höllenangst. Es wird eine unsichtbare Präsenz angedeutet, ein Numen, das aus sich lebt, und vor welchem den Menschen ein Schauer überfällt ... dergleichen Dinge kommen nur in der Bibel und allenfalls noch am Sonntagvormittag in der Predigt vor. Mit Psychologie haben sie gar nichts zu tun. Vom Hl.Geist vollends spricht man nur bei feierlichen Gelegenheiten, aber er ist beileibe kein Phänomen der Erfahrung ... Das Risiko des innern Erlebens, das geistige Abenteuer, ist den meisten Menschen fremd." [Erinnerungen, Träume, Gedanken, S.146 f.]

Doch, der Heilige Geist läßt sich erfahren, in tiefen Gefühlen, Träumen, zuweilen Visionen, bedeutsamen Koinzidenzen. Allerdings kennen wir auch unheilige Geister, Albträume und satanische Visionen. Ohne Unterscheidung der Geister keine gültige Information von innen. Rät ein Engel dir etwas, was du vor deinen Mitmenschen oder deiner Tradition nicht verantworten kannst, dann war es ein Teufel. Sie sehen: Das geistliche Leben ist kein Kinderspiel mit simplen Regeln, auch keine Mono-Technik, vielmehr strenge Kunst, ernstes Abenteuer auf zitternder Schaukel im Dschungel von Realität, Tradition und Seelentiefe. Langweilt sich jemand? Er schaue um sich, lese Altes, lausche in sich hinein. Wer in allen drei Dimensionen federt, bleibt ein lebendiges Organ des Heiligen Geistes.

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