Jürgen Kuhlmann

Das Christentum als göttliches Wahrheits-Organ


Anlaß: Pfingstzeit, Ökumenische Begegnung
Botschaft: Daß Andersgläubige unserem Glauben widerspre-
chen, soll uns weder unsicher noch aggressiv machen; in
jedem Leib haben die Organe gegensätzliche Wahrheiten.
Themen: Das Ärgernis der widersprüchlichen Überzeugungen
- und des "einzig wahren Glaubens" - der Menschenleib, vom
SINN zu seinem Bild geschaffen - in ihm sind Gegensätze
miteinander wahr - jeder Glaube ist Selbstgefühl eines
SINN-Organs - fremde Organe, auch unverstandene, achten!
Ziel: Der Hörer freut sich des eigenen Glaubens und ahnt
respektvoll, warum andere anders glauben müssen.


Ich bin katholisch, sagt der eine. Ich bin evangelisch, bekennt eine andere. Du bist Buddhist, diesen kürzesten Schüttelreim kann bestimmt irgendwo auf Erden eine Hindu-Frau zu ihrem Mann sagen. Ich komme, verrät ein Aufgeklärter, mit allen aus, weil ich gar nichts glaube außer dem, was ich sehe. - Nur ein paar Tupfer sind das aus dem bunten Menschheits-Gemälde. Auf die Frage nach der Wahrheit des Ganzen gibt es fast so viele Antworten wie Fragende. Das wissen alle, und doch stehen überall, wie hier, Prediger vor ihren Gemeinden und sagen in Hunderten von Sprachen hier das und dort etwas sehr anderes, alles im Namen Gottes. Vielleicht macht eben jetzt in einer unserer Nachbarpfarreien ein Pfarrer seinen Hörern klar, daß unser christlicher Glaube trotz allem die einzige Wahrheit sei. Und bloß ein paar Kilometer von dort hören Sie, hier, meine Überzeugung, daß die Rede von der einzigen Wahrheit auf ein dickes Fragezeichen hinausläuft. Darf es denn vom Zufall des Geburtsortes abhängen, ob jemand in Gottes Wahrheit leben kann oder nicht?

Gewiß nicht. So ungerecht dürfen wir uns Gott nicht denken. Im Gegenteil: Der Vater aller Menschen liebt jedes seiner Kinder voll und ganz, läßt auf alle den Glanz seiner Offenbarungssonne strahlen, egal wo sie sich aufhalten. Freilich gibt es auch beim Leben der Seele Tag und Nacht, Sommer wie Winter; auch ihr wird das freundliche Sonnenlicht immer wieder von Wolken verdeckt. Doch lebt kein Landstrich oder Volk stets nur in Finsternis, dazu hat Gott die Menschen viel zu lieb.

Was ist dann aber mit den Gläubigen jener zahlreichen Gemeinden nah und fern, die ihrem Prediger seine Botschaft glauben, daß sie nämlich in der einzigen wahren Religion leben? Werden sie nicht zu einem schlimmen Irrtum verführt? Und wenn so etwas vorkommt: Woher nehmen wir die Zuversicht, daß es uns besser ergeht? Ist gar, umgekehrt, eben die ökumenische Aufgeschlossenheit der allergrößte Irrtum? "Keiner kommt zum Vater außer durch mich," sagt Christus (Joh 14,6) - das klingt nicht nach der Weite moderner Theologen; sind die am Ende Verräter, nicht Diener am wahren Glauben? Wie finden wir uns in diesem Gewirr zurecht? Welches ist der sichere Pfad zwischen den beiden Abgründen: sektiererischem Fanatismus rechts, sinn- und heilloser Beliebigkeit links? Oder ist die Suche nach der sicheren Mitte selbst das Schlimme, weil Gott die Extreme wünscht? Köstlich ist heißer Tee, kühler Saft ein Genuß: "Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Munde" (Offb 3,16), so droht der Herr.

Wie sollen wir - das ist unsere Frage - nach Gottes Willen damit zurechtkommen, daß so viele andere Menschen ganz anderes glauben als wir Christen, aber ebenso herzlich, gleich überzeugt wie wir? Viele widersprechen uns, greifen unseren Glauben scharf an. So werfen die Moslems uns Götzendienst vor, weil wir auch Jesus anbeten, nicht Gott allein. Umgekehrt verachten sog. Freidenker alle religiösen Menschen als arme Feiglinge, die ihre eigene Würde verloren haben, weil sie sich zu selbstentfremdeter Angst beschwatzen lassen - grundlos, denn leer sei der Himmel, der gefürchtete All-Polizist nichts als ein ausgedachtes Gespenst ...

Wenn Gott alle Menschen liebt, wie läßt er die meisten im Irrtum? Oder sollen wir, statt unseren Widersachern ihre Irrtümer vorzuhalten, auf ihre geistigen Ohrfeigen nicht zurückschlagen, sondern die andere Backe hinhalten? Kommt es gar nicht so sehr auf den Irrtum an, sondern auf das Körnchen Wahrheit, das ja in jedem Irrtum steckt? Wie sollen wir Christen, auf der zusammenwachsenden einen Erde, uns demnach zu unseren andersgläubigen Menschengeschwistern nach Gottes Willen so einstellen, daß wir zugleich unseren eigenen Glauben besser verstehen?

Die rechte Antwort ist uralt, wir haben nur zu wenig auf sie gehört. Auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat. Daraus folgt: An jedem von uns hier läßt sich irgendwie sehen, wie es um den Sinn des Ganzen steht, sonst wären wir nicht seine Bilder. Frage sich deshalb jede und jeder von uns: Gibt es vielleicht auch in mir so etwas wie den Widerspruch der einen Wahrheit gegen die andere, die sich aber dennoch gut miteinander vertragen, weil sie allesamt zu mir gehören?

So ist es. Nehmen wir ein simples Beispiel her: Rauh ist der Gegensatz von glatt. Ich spüre Rauhes / ich spüre Glattes - das scheint ein Widerspruch, so daß nicht beides zugleich wahr sein kann. Ist es aber! Ich achte auf meine linken Finger, die diesen Stoff berühren, und merke: Ich spüre Rauhes. Ich achte auf meine rechten Finger, die über die Buchseite streichen, und weiß: Ich spüre Glattes. Und jetzt achte ich auf beide Hände zugleich und kann nicht zweifeln: Ich, derselbe Mensch, spüre im selben Augenblick zugleich Rauhes und Glattes. Mein Erlebnis ist zur selben Zeit: Rauh und nicht-rauh, glatt und nicht-glatt.

Ein anderes Beispiel: Deine Niere ist dazu da, unbrauchbare Stoffe auszuscheiden. Angenommen, eine Nierenwahrheit erreiche aus Versehen den Magen und der versuche daraufhin, einen bestimmten Stoff gleich loszuwerden, statt ihn weiterzuleiten: dann würde dir schlecht. Damit du gesund bist, muß also die Magenwahrheit der Nierenwahrheit widersprechen. Wollten beide, in mißverstandenem Ökumenismus, sich auf dasselbe Programm verständigen, wäre das Ergebnis ungesund. Nur weil von den vielen Organen, die du bist, jedes gemäß einer anderen Wahrheit lebt als die übrigen, nur deshalb bist du mit dir eins und gesund.

Wie im Kleinen, so im Ganzen; denn Gottes Bild ist der Mensch. Die entscheidende Einsicht heißt: AUCH UNSER GLAUBE IST, WIE JEDER ECHTE GLAUBE, DAS WAHRE SELBSTGEFÜHL EINES GOTTMENSCHLICHEN SINN-ORGANS. Deshalb ist für jeden von uns seine eigene Überzeugung ganz selbstverständlich die Wahrheit des Ganzen. Das muß so sein: Für mein Auge ist die Welt bunt oder grau, für mein Gehör ist sie laut oder leise. Wenn in finsterer Nacht eine Pikkolo-Flöte jubiliert, dann sagt ein Sehender »dunkel«, ein Hörender »hell«; beide haben recht, nur streiten, das sollten sie nicht. Die Wörter reichen nicht aus, alles klar zu bezeichnen. Der Pfingstbericht der Apostelgeschichte meint im Grunde eben diese Einsicht: Viele Feuerzungen kamen auf die Apostel herab, in gegensätzlichen Sprachen hat die Menge sie vernommen. Solche Einheit mitten in den Widersprüchen, solch bunter Abglanz derselben Heilssonne ist das Werk des Heiligen Geistes.

Natürlich können wir jetzt nicht im einzelnen bedenken, wie die mannigfachen göttlichen Organe des menschheitlichen SINN-Leibes sich zueinander verhalten, wieso zu ihm etwa nicht nur das Christentum (mit seinen Unterorganen) gehört, sondern auch Hindus und Buddhisten, Juden, Muslime und Bahais, ja sogar der wahre Kern des neuzeitlichen Freiheitsdurstes, so gottlos er scheinen mag. Wie das zu verstehen sei, diese Frage kann den aufgeschlossenen Christen jahrzehntelang, wird die Kirche insgesamt auf Jahrhunderte hinaus beschäftigen. Uns darf es für jetzt genügen, daß wir so denken dürfen. Seit ich das hoffe, empfinde ich bei der Begegnung mit Andersgläubigen nicht mehr, wie früher, jenen alten unfreien Krampf. Vielmehr komme ich mir ungefähr wie meine Pupille vor, die im Spiegel das Ohr erblickt und sich mit ihm eins glaubt, obwohl sie seine innere Wahrheit nicht fassen kann. Gott ist größer als unser Herz, erst recht größer als ein konfessionell geprägter Verstand. Solcher Prägung sollen wir treu sein; denn auch auf unser Organ kommt es an. Und für eine Lungenzelle ist das Lungenprogramm die einzige Wahrheit - wehe ihr, und wehe mir dem Ganzen, wenn sie das nicht glaubt! Solltest du Niere sein, darfst du dir die Toleranz des Magens nicht leisten - sollst sie freilich dennoch am Magen schätzen!

Zum Schluß erzähle ich von zwei extremen Glaubensweisen, die sich aber dank diesem Gleichnis beide als sinnvoll verstehen lassen. K.K. ist Computerspezialist; aus seiner Kirche ausgetreten, gehört er keiner bestimmten Glaubensgemeinschaft an. Doch nimmt er aktiv an der Arbeit der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden teil, gleicht insofern im SINN-Leib einem roten Blutkörperchen, ist mit keinem Organ fest verbunden, auf seine bewegte Weise aber auch selbst ein lebendiges Organ.

Umgekehrt ergeht es T.M. Er hält von Ökumenismus gar nichts, erfährt und tut als Gottes Willen vielmehr nur das Leben in seiner winzigen Freikirche. Er gleicht einer Grenzzelle eben dieses Sinn-Organs; sie sorgt dafür, daß es sich vom umgebenden Gewebe deutlich abhebt, weil es sonst seine Aufgabe nicht erfüllen könnte. Derlei unökumenische Grenzzellen finden sich in allen Organen; ohne sie gäbe es nur geistlichen Fleischbrei, keinen Leib.

Festgewachsene Grenzzelle und vagabundierendes Blutkörperchen sind, so wenig sie sich gegenseitig verstehen, doch aufeinander angewiesen. Beide brauchen den Leib und beide braucht der Leib.

Mein Pfingst-Rat zum Schluß heißt: Erkenne, welchem Teil welchen göttlichen Organs du angehörst, und stürze dich mit aller Kraft in dessen Leben. Daß andere anders fühlen, soll dich nicht stören, sei dir eher ein Grund mehr, dich in den all-gemeinsamen Lebensgeist auf deine besondere Weise demütig einzuschwingen.

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