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22. DAS REICH GOTTES IST MITTEN IN EUCH

"Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: ‚Seht, hier ist es!', oder: ‚Dort ist es!'. Das Reich Gottes ist mitten in euch".
(Lukas 17, 20-21)


1. DAS REICH GOTTES
Es ist nicht an äußeren Zeichen zu erkennen; aber doch ist es da. Es ist überall da, wo überhaupt etwas ist. Es ist das Wirken Gottes - wie er das Leben lenkt, wie er gegenwärtig ist; besonders ist es da erkennbar, wo wir mit ihm und seinem Dasein und Handeln einverstanden sind. Dann ist unser Denken und Wollen, Fühlen und Handeln der Ausdruck seines Reiches. Das ist - durch die Erkenntnis seiner Gegenwart - unsere Freude. Wir können Widerstand leisten, uns dagegen stellen, sein Wirken behindern wollen, es ignorieren, dann sind wir draußen aus dem Erkennen des Reiches und seiner Freude. Aber trotzdem geschieht nichts, was nicht ER bewirkt, oder: Nichts geschieht, was nicht ER ist.

Wenn wir die Verbindung, die wir unter einander haben, sehen und (richtig, "gerecht") mit einander leben, so sind wir drin im Reich. Wir preisen das Leben und das, was lebt, mit Worten oder durch unser Handeln oder durch das Anschauen - wir loben damit SEINEN Glanz. "Himmel und Erde sind SEINE Herrlichkeit". Mit dem, was wir so tun, ermöglichen wir Leben, helfen zum Leben, lassen uns zum Mitleben helfen. So sind wir durch IHN die Erschaffer und Erhalter unserer Welt und finden zugleich den Sinn des Lebens. Wir fragen: WER tut dies durch uns?
So sind wir im Reich Gottes, jeder an einem anderen Platz, jeder nach seiner Besonderheit, aber alle zusammen sind wir der sichtbar gewordene Glanz Gottes, SEINE Herrlichkeit.

Wir brauchen nicht irgendwo hin zu gehen oder zu fahren um es zu sehen. Zwar gibt es Orte oder Menschen, die besondere Eigenschaften haben, die besonders sehenswert sind, doch das Reich Gottes ist nicht mehr, tiefer, stärker dort als hier bei uns und in den (nach unseren Begriffen) bescheidensten Umständen. (Nur: Für unser Gemüt sind manche Orte oder Menschen wichtiger als andere. Das ist auch berechtigt). Doch Er ist mit seinem ganzen Leben da an diesem Ort, an dem wir gerade sind, und wir leben durch ihn eben da. Was könnte fehlen, wenn wir in ihm leben?

Mensch, nichts ist unvollkomm'n. Der Kies gleicht dem Rubin,
der Frosch ist ja so schön wie Engel Seraphim.

Wer mir Vollkommenheit, wie Gott hat, ab will sprechen,
der müsste mich zuvor von seinem Weinstock brechen.

So sagt es der Angelus Silesius. Wo ER ist, da ist es vollkommen - auch wenn es schmerzen sollte und wir darüber sterben. Doch wir sind gerade da, wo wir jetzt sind, daheim in seinem Reich. Sein Reich wird sichtbar in unserem Zusammenleben, im sozialen Leben, in dem wir uns gegenseitig anerkennen, helfen, mit einander leben - in dem tatsächlich ER uns zusammen leben lässt und wir in IHM, dem Strom der Liebe mit schwimmen. Wir bauen nicht isolierte Lebenswerke auf, wir sammeln nicht Verdienste an, sondern wir leben mit in dem einen "Weinstock", wie es Jesus nannte.

2. DAS REICH GOTTES IST IN UNS UND UM UNS
"ER ist es, der in uns das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch weit über unseren guten Willen hinaus" so heißt es im Brief an die Philipper (2,13).
"In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" so heißt es in der Apostelgeschichte (17,28).

Das Reich Gottes wird für uns sichtbar, wie ein Stück Glas, auf das ein Lichtstrahl trifft, sobald wir mit der Kraft der LIEBE etwas tun oder sprechen oder hören; dann verschwinden die Dunkelheiten unserer Einbildungen und Vorstellungen, die Habsucht, Wichtigtuerei, Minderwertigkeitsgefühle und der Wahn, sich zeigen zu müssen oder der Wahn, andere beurteilen zu müssen. Bislang hatten diese Dunkelheiten bei uns noch IHN und sein Reich verdeckt.

Wir sehen dann nicht mehr nur uns selbst. Wir sehen auch den anderen wirklich als unsereinen - derselbe Geist lebt in ihm. ER selbst ist in ihm da. Ich bin geehrt dadurch, dass ich sein Leben teile. "Verachtet nicht die kleinen Leute, die an mich glauben, ihre Engel sehen allezeit das Angesicht Gottes!" sagt Jesus (Matthäus 18,10). Wer sind die kleinen Leute, die geachtet werden sollen? An WEN glauben sie, wenn sie versuchen, am Leben zu bleiben, zu verstehen, menschlich gut zu handeln - oder noch, wenn sie verzweifeln und aufgeben (Sie geben nicht die Hoffnung auf IHN auf, auch wenn sie die Aussicht, einmal in ein würdiges Leben hinein gelassen zu werden oder ihre ihnen anerzogenen Fehler zu meistern, aufgeben). Viele sind äußerlich zu Geld und Ansehen gekommen, aber wie schaut es in ihnen innen aus? Das Reich Gottes erfasst sie, und hoffentlich sind wir auch im Reich dabei.

Im Mitleben werden wir SEINER manchmal gewahr, im Anbeten - gemeinsam und allein - merken wir es manchmal ebenso. Dann feiern wir. "Heil dem Volk, das DICH mit Schmettern zu preisen versteht! DU! Dein Angesicht leuchtet über ihnen. So gehen sie vorwärts." heißt es in einem Psalm (89, 16). Jedes Volk versteht das.

3. DIE WEISHEIT DES ARMEN
"Die Weisheit des Armen wird missachtet, auf das, was er sagt, wird nicht gehört", heißt es im Buch Kohelet (9, 6) Darum schweigt der Arme gewöhnlich. Wenn er etwas sagt, kann man höchstens hören: "Da hat sich einer gerührt, der nichts versteht", im Betrieb, in der Parteipolitik, in der Kirche, im Staat, in beliebiger Versammlung. Aber WER ist sein Leben? Welche Lebenserfahrung hat er? Wie schafft er Leben und wie tapfer lebt er mit (in "seinem Kreis")?

Die Weisheit des Armen wird nicht erkannt, die Weisheit des Fremden, des schuldig Gewordenen, des Geflohenen, dessen, der sein Leben mit anderen teilt, der betet, der sich hat "einsetzen lassen", der sich einsetzt, und überhaupt die Weisheit des Kindes, das IHN noch nicht vergessen hat. Wo finde ich diese weisen Menschen, damit ich mit ihnen unser Leben teile? In ihnen lebt Sein Reich. Bestimmt sind diese Menschen neben dir, in deiner Stadt, in deinem Dorf.

4. DIE HEILIGE STADT JERUSALEM
"Ein Engel zeigte mir in einer Vision die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit von IHM ... Ihre Mauer hat zwölf Grundsteine, auf ihr stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes ...
Die Straße der Stadt ist aus reinem Gold, wie aus klarem Glas. Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn ER, ihr Gott, der Herr ist über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, und das Lamm.
Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die in ihr leuchten. Denn die Gegenwart Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Die Völker werden in diesem Lichte miteinander leben, und die Könige der Erde werden ihre Pracht in die Stadt hineinbringen. Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen - Nacht wird es dort nicht mehr geben ... Nur die, die im Lebensbuch des Lammes eingetragen sind, werden eingelassen."
(Offenbarung 21, 9-27, ausgewählt).

Die Heilige Stadt steht jetzt, nicht erst in Zukunft. "Das Reich Gottes ist nicht da und nicht dort, es ist in euch, unter euch" (Lukas 17,21). Wann? Jetzt. Wir öffnen uns dafür, wir schauen, wo es lebt, verdeckt von Schmutz, niedergeschlagen von Krawall und Lärm, von uns übersehen und missachtet, (weil es nicht unserer Art von Erziehung entspricht); aber es lebt im Strom der Liebe, in der Lebenshingabe von Einzelnen und Gruppen, (die oft argwöhnisch beäugt werden, weil sie den falschen Parteinamen oder die falsche Hautfarbe oder den falschen Haarschnitt haben; von ihrer Sprache wollen wir erst gar nicht reden). Die Einwohner der Stadt Gottes merken vielleicht selbst nicht deutlich, dass sie in ihr leben, dass sie dazu gehören. Doch sie leben mit Zuversicht und halten mit Zähigkeit das Dasein aus, sie haben die Hoffnung, gerade jetzt erfüllt sie sich schon.
Und sie schweigen und hören, was ER in ihnen spricht.

Die Heilige Stadt zeigt sich im vertrauensvollen Recht handeln, im treuen Aushalten in der harten Situation, , im "Glauben, Hoffen, Lieben", in der Gemeinschaft, im Sich-tief-Verneigen; manchmal blitzt sie auf und ist zu sehen. Wir sehen es und gehen mit, hinein.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998