Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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21. NEUEN WEIN FÜLLT MAN IN NEUE SCHLÄUCHE

"Niemand flickt auf ein altes Obergewand einen Flicken aus neuem Tuch; denn der neue Flicken reißt doch wieder ab und der Riss wird noch schlimmer.
Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind verdorben. Neuen Wein füllt man in neue Schläuche; so halten sich beide gut."
(Matthäus 9, 16-17)

Lukas schreibt dazu (5,39): Und niemand, der alten Wein getrunken hat, mag neuen. Er sagt: Der alte Wein ist besser."


1. ALTE SCHLÄUCHE, ALTE SÄCKE
In Ländern des Orients füllt man (zum Transport) den Wein und andere Flüssigkeiten in Ledersäcke, in "Schläuche". Diese werden im Lauf des Gebrauchs natürlich alt und etwas brüchig. Wein, der noch gärt, wird man besser nicht in solche alten Ledersäcke füllen.

2. NEUER WEIN, DER GÄRT
Hat Jesus "neuen Wein" gebracht? Er hat uns gebracht, was er erfahren hat. Er hat die Erfahrung Gottes gemacht. Die Erfahrung des "DASEINS, das DASEIN ist", die Erfahrung: "Du bist jetzt da", ist das die uralte Erfahrung der Menschheit? Ist das die Erfahrung von den Propheten und von Mose, von Shakyamuni Buddha und den alten Meistern des Zen, ebenso von den Männern und Frauen der Naturreligionen? Von Franziskus, von Johannes vom Kreuz, von uns? Es kommt uns zu Bewusstsein, es arbeitet und gärt mit Kraft.
Es mag sein, dass die Erfahrung bei verschiedenen Menschen verschieden "aussieht" - immer erfasst der Unendliche den Menschen nach dessen jeweiliger Kapazität. Das ist für den Einzelnen überwältigend, das füllt ihn aus - eben je nach seiner Möglichkeit. Immer ist es eine einmalige Erfahrung.

Immer ist die Erfahrung neu. Wir haben die Erkenntnis von IHM in uns, schon wenn wir geboren worden sind, und wir können sie immer und immer wieder neu erfahren - oder: Wir werden immer wieder neu von IHM erfasst. Der Eine Ewige lässt sich erkennen, der Anfang der Welt ist jetzt neu, nicht das Gelernte von Gestern wird erkannt, nicht in der Zukunft wird er offenbar, sondern jetzt erwacht das Leben.
Es ist immer neuer Wein, immer neues Leben, immer neue Erfahrung, immer neue Freude, immer neues Licht - das Eine, Ewige Licht, auch wenn es in alten Zeiten auch schon sich gezeigt hat und ein Trost für die Menschen war.

3. NOCHMALS: ALTE SCHLÄUCHE
Wir haben es uns in unseren Traditionen, unserem Wissen, unseren Gewohnheiten bequem gemacht, wir sind daran gewöhnt. Wenn uns etwas "Neues" über den Weg läuft, sagen wir leicht, ohne genau hinzuschauen und unser Bewusstsein in die Gegenwart von IHM versetzen zu lassen: "Das kennen wir schon". Wir teilen es in unsere Wissenssparten ein und legen es ab.
Oder aber: Wir beurteilen es, nehmen unsere, durch die Gewohnheit begrenzte, Ansicht für richtig und einzig, und lehnen damit die Wirklichkeit ab. Vielleicht halten wir unsere alten Gewohnheiten und das schon angerostete - lebensfremd gewordene - Wissen für die unabänderliche Wahrheit, das Gesetz Gottes.
Wir sind (nach den Worten von Jesus) "alte Säcke" geworden, die nichts aushalten und die lebendige Wahrheit nicht aufnehmen. Unsere Gewohnheit hält die erscheinende Wirklichkeit, nicht aus.
Zum unsrem Glück kann unsere Lebensart, Denkart, platzen, wenn das Leben Gottes eindringt, (wenn wir - wieder nach dem Wort von Jesus - Söhne Gottes werden sollen). Sie wird erschüttert, wir steigen aus ihr aus und werden freier. Das ist für uns "die neue Geburt", der "Anfang". Wir werden dafür offen bleiben, wir werden das Leben, das von Jesus uns gezeigt wird, als "neu" annehmen. Von einer Erkenntnis zur andern gehen wir, ohne ein Ende, jetzt und über den Tod hinaus, denn er ist unendlich - grenzenloses Licht. Immer reißen dabei alte Ketten, alte Säcke, immer weiter werden wir, das Licht breitet sich in uns aus - vielmehr: Wir breiten uns aus im LICHT.

Es muss nicht sein, dass wir unsere alte Denk-, Lebens-, Verhaltensweise verteidigen gegen das Licht, das in unser Leben eindringt, aus lauter Angst, wir könnten aus dem mühsam aufgebauten Gleichgewicht unserer Gewohnheit, "aus dem Trott" geraten, so wie Politiker vor Jahrzehnten sich gegen neue Einsichten wehrten mit dem Ruf: "Keine Experimente!", lieber blieben sie in den alten Fesseln ihrer Konzepte, Besitzrechte. Der "alte Wein" hat ihnen besser geschmeckt. Wir alle mussten es büßen durch Mittelmäßigkeit und Leben im Unrecht.
Geht es uns mit unseren Traditionen, mit unserer Lebensweise, unserem geerbten Unrecht, der "sinnlosen, von den Vätern geerbten Lebensweise" ( 1. Petrusbrief, 1,18) anders? Nicht nur in der Kirche, auch in den Parteien, in der Politik, in der Gesellschaft, in der Erziehung? Immer taucht auf einmal die Erfahrung der Wahrheit auf, sie wird ungestüm vorgebracht und dann, ohne recht angeschaut zu werden, abgelehnt. Es scheint einfacher, sich nicht für sie zu öffnen. Freilich macht die Erkenntnis der Wahrheit, der Ewigen Wahrheit, des Ewigen Lebens, immer auch Bauchweh, wörtlich. Nichts kann weiter so beurteilt werden, wie früher, nichts bleibt so, wie es war. Es wird neu, schöner, licht, hoffnungsvoll.
Das alte muß freilich nicht verachtet werden. So wie ich früher geglaubt und gelebt habe, war es auch in Ordnung, es hat meinem damaligen Zustand und Kenntnisstand entsprochen. Doch jetzt kommt Neues, jeden Tag.
Ist unser Wein, unsere Lebensweisheit und Kenntnis und Glauben schon lange gelagert und sind wir darüber müde geworden?
Das macht nichts. Wir sind doch noch aufnahmefähig. Für WEN?

Jetzt schau ich von neuem. Ich geh in mich, ich schau, was ist. Und ich erkenne IHN. Die Liebe blüht auf; die Freude an mir, das heißt zugleich: an allen die mit mir sind, wächst. Es ist die Ewige Freude, die Freude durch Gott. Und die Freude an Gott ist unsere Kraft.

ICH mache alles neu. (Offenbarung Jesu an Johannes 21,5)

"Der Weg des Erwachens ist unübertroffen,
ich gelobe, ihn ganz zu gehen".

Ich will sitzen, und schweigen und hören, was Gott in mir redet

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998