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20. DEIN BRUDER WAR TOT UND IST WIEDER AUFGELEBT


Jesus erzählt dieses Gleichnis:
"Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sprach zum Vater: Vater! Gib mir den Anteil vom Vermögen, der mir zusteht! Und der Vater teilte unter ihnen auf, was er zum Leben hatte. Wenige Tage danach, als er alles beisammen hatte, reiste der jüngere Sohn weg, in eine ferne Gegend. Dort verschleuderte er sein Vermögen in einem heillosen Lebenswandel. Nachdem er aber alles vergeudet hatte, kam eine schwere Hungersnot über jenes Land, und er begann zu darben. Da ging er hin und drängte sich einem Mitbürger in jenem Land auf. Der schickte ihn auf seine Felder zum Schweinehüten. Er war gierig darauf, sich den Bauch mit den Schoten zu füllen, welche die Schweine fraßen - aber keiner gab sie ihm. Zu sich selbst gekommen, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot in Hülle und Fülle - ich aber gehe hier vor Hunger zugrunde. Aufstehen will ich, zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater! Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Sieh mich an wie einen deiner Tagelöhner!
Und er stand auf und ging zu seinem Vater. Als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater. Und es ward ihm weh ums Herz. Er lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals und liebkoste ihn. Der Sohn sprach zu ihm: Vater! Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Schnell! Holt ein Gewand heraus, das beste; das zieht ihm an! Steckt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe an die Füße! Und bringt das Mastkalb; schlachtet es! Dann wollen wir essen und fröhlich sein. Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder aufgelebt; er war verloren und ist wieder gefunden. Und so begannen sie, fröhlich zu sein.
Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er kam und sich dem Haus nahte, hörte er Musik und Tanzlieder. Und er rief einen von den Burschen herbei und erkundigte sich, was das bedeute. Der sprach zu ihm: Dein Bruder ist da. Und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund zurückbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineinkommen. Sein Vater aber kam heraus und ermutigte ihn. Er antwortete dem Vater und sprach: Da! So viele Jahre mache ich dir den Knecht, und niemals habe ich eine Weisung von dir übertreten. Und du hast mir nie auch nur ein Böcklein geschenkt, damit ich mit meinen Freunden hätte fröhlich sein können. Aber als der da kam - dein Sohn, der, was du zum Leben hattest, mit Huren aufgefressen hat, hast du ihm das Mastkalb geschlachtet.
Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und all das Meine ist dein. Doch es gilt fröhlich zu sein und sich zu freuen, denn dieser da, dein Bruder, war tot und ist wieder aufgelebt, war verloren und ist gefunden worden."
(Lukas 15, 11-32)


EIN MENSCH VERSUCHT SEINEN EIGENEN WEG ZU GEHEN
Ein Mensch geht voll Mut ins Leben, er nimmt sich, was er kriegt.
Er übersieht in seinem Lebenshunger seine Herkunft
und dass er von den Gütern und der Erbschaft seines Vaters, seines Ursprungs lebt.
Weil er es übersieht, wird ihm alles zum Schweinefutter,
und nicht einmal das kriegt er.

Er kommt zu sich selbst, zu seinem Ursprung, darin ist er zu Haus.
Er braucht sich nicht einmal Vorwürfe zu machen und sich selbst zu beurteilen oder verurteilen - der Vater nimmt das gar nicht an, denn der Sohn ist ja Leben von seinem Leben,
und der Vater feiert das Fest der Einheit mit ihm und allen anderen.

Sein Bruder, der nach der Weisung des Vaters lebt, soll auch erkennen, dass er immer beim Vater lebt . Er gehört ja zu diesem Leben.

"Der Weg des Erwachens ist unübertroffen, ich gelobe, ihn ganz zu gehen" So sprechen die Zen-Leute. Gleich, mit welchen Voraussetzungen und aus welchem Vorleben wir her kommen, jetzt haben wir es nötig, zu schauen, was ist, aufzuwachen und zu sehen: Ich lebe in der Gottheit, die Gottheit lässt mich leben; ich bin da, wirklich, jetzt. Moralische Urteile (über uns und andere) sind nicht gefragt; wir schauen: ER ist da. Ich lebe als sein Sohn, jetzt. ER straft nicht und belohnt nicht, Er lässt uns leben, ist unser Leben. Das ist jetzt. Und das Leben, seine Gegenwart, sieht so aus, wie es eben um uns aussieht. Darin drückt er sich aus.
Wer ist dazu gerufen? Jeder, es ist ganz gleich, "wie gut er sich gerade fühlt". Jeder läuft ja ständig von ihm weg und verirrt sich, er verläuft oder verrennt sich, trotz seines ganzen guten Willens. Doch sucht er auch ständig den wahren Wert, das Ewige, das Gut, oder den Unendlichen. "Unruhig ist unser Herz, bis es in dir ruht", sagt der Bischof Augustinus.
Ja, sage ich zusammen mit dem Jungen bei seinem Schweinefutter: Jetzt aber, da ich lange genug herumgesessen habe und nicht die richtige Verpflegung für mein Leben gefunden habe, wache ich auf und wende mich IHM selbst endlich zu - der ganze Weg und die Sucherei war notwendig. ER hat mich jetzt aufgenommen. Das ist der Weg des Erwachens: Ich werde gewahr, dass ich lebe, jetzt, in IHM, ja, dass ER selbst lebt, in meiner Form.

Ich will sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir spricht. Jetzt.


Ein Leser dieses Manuskripts, der etliche Fehler entdeckt und korrigiert hat, (und ich danke ihm für seine Mühe) macht die folgende Anmerkung:
"Was mir fehlt, ist die weibliche Seite: DU, ER, ES, ICH - das ist in Ordnung. Aber nie heißt es: SIE".
Es ist nicht zu ändern, Jesus hat uns als die Kinder von Gott dargestellt. Er hat Gott auch Vater genannt. Wie hätte er sonst von ihm reden sollen? Freilich haben die Propheten und Schriftsteller der Bibel Gott oft mit mütterlichen Attributen ausgestattet und ihm mütterliches Handeln nachgesagt. Es ist auch manchem bekannt, dass das "Erbarmen Gottes", sein "Erscheinen" im Hebräischen weiblich sind: "Die Rachamim, die Schechinah". Wir sprechen mit "Er" ebenso wie mit "Sie" ohnehin unzutreffend von "IHM", zumal wenn wir irgendwelche Vorstellungen von Mann oder Frau mitspielen lassen.
In dieser über alle anderen herausragende Erzählung spricht Jesus vom Vater und von den Söhnen. Natürlich meint er damit den (oder die, wenn wir so wollen), der (oder die) nicht zu nennen ist, und wir hören dann vielleicht "männlich" oder "weiblich" heraus. Möglicherweise ist unserem Gemüt - damit wir uns Gott nicht männlich vorstellen müssen - geholfen, wenn wir sagen: "Gott, unsere Mutter". Zutreffender als "Gott, unser Vater" ist es aber auch nicht. "Du sollst dir kein Bild machen, von nichts auf der Erde", heißt es in der Weisung Gottes. Aber die Barmherzigkeit (im Hebräischen heißt es wörtlich: Der Mutterschoß) von IHM ist unser ganzes Leben.
ES, das kein Geschlecht hat, da es ja unbegrenzt ist, drückt sich aber in uns aus, da ist ES männlich oder weiblich, Mann oder Frau, oder Pferd oder Stein, oder Blitz oder Regen. ES (das nicht sichtbar oder erreichbar ist, sondern das DA ist) zeigt sich unmittelbar. Und mit einem Mal werden wir dessen gewahr und wir merken, wer unser ICH ist. Und unsere vergängliche Form ist geborgen. Das was immer und überall ist, wird uns bewusst, kommt in uns zum Bewusstsein.
Das ist auch nicht wörtlich so - aber wie will ich anders darauf hinweisen? Am besten so:
"Der Vater läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und liebkost ihn. Er sagt: Du warst tot und bist wieder aufgelebt".

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998