Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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18. DEINE SÜNDEN SIND DIR VERGEBEN


1. JESUS BEGEGNET MENSCHEN, DIE VERTRAUEN

"Als Jesus einige Tage später nach Kapharnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er zu Hause war. Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal vor der Tür Platz war. Während er das Wort zu ihnen spricht, kommen sie und bringen einen gelähmten Mann zu ihm; vier Männern tragen ihn. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen können, decken sie dort, wo Jesus ist, das Dach ab, und graben ein Loch durch. So senken sie den gelähmten Mann auf seiner Trage hinab. Als Jesus ihr Vertrauen sieht, sagt er zu dem gelähmten Mann: Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Einige Tora-Lehrer, die dort saßen, dachten bei sich: Was! So redet der! Er lästert! Wer kann denn Sünden vergeben, außer einem, Gott? Jesus erkennt sofort, was sie denken und sagt zu ihnen: Was denkt ihr da in euren Herzen? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Trage und geh? Ihr sollt aber wissen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er spricht zu dem gelähmten Mann: Steh auf! Nimm deine Trage und geh heim! Vor den Augen aller stand der Mann auf, nahm seine Trage und ging weg. Alle waren aufs äußerste verwundert. Sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen".
(Markus 2, 1-12)


1. HAT DER MENSCH JETZT NOCH "SEINE SÜNDEN" - NACHDEM ER SIE DOCH FRÜHER EINMAL BEGANGEN HAT?
Der gelähmte Mensch wie er da liegt, ist elend, verdrossen, mit dem Leben fertig, starr. Er ist so starr, dass ihm offenbar alles gleichgültig ist, sogar sein Körper wird krank und lahm davon. Vier Freunde schleppen ihn her, sie vertrauen auf Jesus und wegen ihres Vertrauens spricht er mit dem Mann.
Jesus durchschaut ihn und spricht mit ihm. Der Mann war so gestört und hat sich geweigert, zu leben, so dass sein Körper steif geworden ist, bewegungsunfähig. Er will sich nicht mehr mit den anderen abgeben, er schließt sich selbst aus. Ist er böse? Vielleicht. Ist er unglücklich? Sicher. - Jesus schaut ihn an: Hast du dich dadurch, dass du bös gehandelt hast, in diese Lage gebracht? - Das kann sein, vielleicht war es auch nur Unkenntnis, Irrtum, durch die ich Fehler gemacht habe, nicht Bosheit. - Irgend etwas war es, das vorgefallen ist, das du dir zum Vorwurf machst und anrechnest, ein "Fehler" sagt Jesus. Doch der ist lang vorbei. Wo ist denn dein Fehler, lass ihn sehen! Du kannst das nicht, du bringst nur Erinnerungen, Gedanken an früher, vor. Der Fehler ist längst vorbei.
Du bist jetzt nicht mehr in dem Zustand der Sünde, nämlich: Du lebst durch IHN, ER will dich jetzt (sonst wärst du nicht), ER liebt dich jetzt, du bist seine Erscheinung, jetzt. Dann kann doch keine Sünde in dir sein, die nicht "vergeben" und vorbei ist.
Ja, sagt der Gelähmte: Ich wollte, es wäre vergeben, aber ich schäme mich über die Sünde, ich vergleiche mich mit den anderen, ich möchte gern anders gewesen sein, ich tauge offensichtlich nichts, ich mache mich fertig deswegen. Und die anderen haben mich auch abgeschrieben.
Du selbst schreibst dich jetzt ab. Aber die Sünde, die ist vorbei. Die Männer, die dich bringen, halten doch zu dir, die sehen das genau so. Bei dir ist nur noch die (menschliche) Erinnerung an etwas, das längst vorbei ist. Jetzt ist eine andere Situation: Du bist richtig, fähig das Richtige zu tun, weil du gut bist. Du bist in einer anderen Lage. Sei nicht bedrückt, sondern lebe recht!
Ja, aber ich bin doch blamiert! Ich muss die Folgen der Sünde abzahlen und aushalten! Außerdem muss ich mich selbst bewerten, ich mache mich fertig, ich traue mir nichts Gutes zu.
Das ist wieder nicht die Sünde, das ist deine Bewertung. Aber die Sünde selbst ist vergeben. - Wer vergibt sie?
Gott, vergibt sie, indem er dich hier erhält und dein Leben ist. Das tut er, weil er (dir) gut ist. Deine Sünde IST vergeben. Ich sage es dir. Du kannst im Frieden leben.
Der Mann lockert seine Verkrampfung, da er dies erfährt.
Steh auf, geh heim, alles ist in Ordnung!

Ist das in jedem Fall so mit der Sünde? Kann ich in jedem Fall eine Beschämung, Einbildung, Selbstvorwürfe ablegen? Ja, schnell tu das! Denn deine Sünde besteht heute nur noch in deinem Gedächtnis und in dem Gedächtnis deiner Mitmenschen.
Im Fall des Mannes, der gelähmt war, hat die Gesellschaft ihm helfen wollen, hat ihm nicht seine Sünden vorgehalten, sie "hatten Vertrauen", dass Jesus ihn herrichten kann. Jesus hat nicht selbst, allein, die Sünden vergeben, er hat nur im Namen des LEBENS gesagt, was die Wirklichkeit des Lebens ist: Du bist durch Gott ohne Sünden. Und er sagt es zuerst, um den Mann zu trösten, dann um die Gesellschaft aufmerksam zu machen, und das unversehrte Zusammenhalten unter allen herzustellen.

2. HAT DIE GESELLSCHAFT ODER DER EINZELNE MENSCH DAS ZU REGELN?
Es ist manchmal gut, sich der Gesellschaft - praktisch einem Menschen aus ihr - zu stellen und seine Angelegenheit zu bereinigen, damit Klarheit hergestellt wird. (In den Kirchen gibt es dafür eigens aufgestellte Leute, die Pfarrer, an die man sich wenden kann. Dadurch ist eine Gewissheit gegeben, dass erreicht werden kann, mit sich und mit der Gesellschaft, das heißt auch: Vor IHM, ins Reine zu kommen).
Jesus hat oft die Gemeinschaft mit den anderen ("Sündern" oder "eingebildeten Sündern" oder als solche beurteilten Sündern) hergestellt, und die Absonderung durch die Vermutung der Sünde aufgehoben ("Ich bin gekommen, um die Sünder - wieder herein in die Gesellschaft, in die sie gehören - zu rufen"). Das letzte Mal in seinem Leben auf der Erde tat er das mit dem Mann, der neben ihm sterbend am Kreuz hing. Freilich wandte sich dieser auch Jesus zu und bat ihn um Gemeinschaft. Das geschah oft: Menschen sahen Jesus in seiner Freiheit, da konnten sie nicht so beschämt und bedrückt weiterleben und baten Jesus um Achtung, um Anerkennung ihres wahren Wesens, sie legten ihren inneren Zustand offen. Jesus sagte ihnen: Deine Sünden s i n d vergeben.

Wie schau ich den Menschen an, der dadurch beschämt ist, dass er sich seiner Fehler oder Sünden bewußt ist, und dass wir anderen dies wissen und ihm anrechnen? WER ist er wirklich? "Hat" er denn wirklich noch Sünden? Hat er die Fähigkeit, mit der Kraft Gottes zu leben, "der uns den guten Willen gibt, und auch die Kraft zum Ausführen, weit über unseren guten Willen hinaus"? (Brief an die Philipper 2,13).Was fehlt dann noch? Ich respektiere den Menschen, jeden, als die Offenbarung des LEBENS, so wie ER selbst ihn ansieht. - Ja, der Mensch da ist aber noch damit beschäftigt, sich gegen seine Mitmenschen zu versündigen, und bildet sich noch etwas darauf ein? - Das ist wieder eine andere Sache; er ist momentan "in Sünden" und "in Verbrechen" und will vielleicht darin bleiben. Er drängt sich in eine andere Richtung. Aber auch ihn erhält Gott im Augenblick, er merkt es nur nicht und ist nicht daran interessiert. Er wird schon noch drauf kommen. Vielleicht kann ich ihm heraus helfen, oder die Welt vor seinen irrsinnigen Vorhaben schützen - oder ich muss es alles aushalten.
Aber der Mensch, der sich so verrennt, WER ist er selbst?

3. WAS IST ZU TUN?
Was habe ich in meiner eigenen ("Sünden")-Situation zu tun?
Was ist mit den Menschen in meinem Leben - trage ich ihnen ihre "Sünden" noch nach?
Jetzt will ich sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir spricht.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998