Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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17. VIELE KOMMEN VON OSTEN UND WESTEN


"Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich ihre Plätze einnehmen; die aber, die für das Reich geboren sind, werden hinausgeworfen in die Finsternis draußen; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen."
(Matthäus 8,11-12)


"Als Jesus nach Kapharnaum kam, trat ein römischer Heeresoffizier zu ihm und bat ihn um Hilfe. Herr, mein Untergebener liegt gelähmt zu Hause und leidet schrecklich! Jesus sprach: Ich will gehen und ihn heilen. Aber der Offizier antwortete: Herr, ich bin nicht würdig, dass du in mein Haus kommst. Wenn du stattdessen nur ein Wort sprichst, wird mein Untergebener gesund. Denn auch ich bin ein Mann mit Vollmacht. Ich habe Soldaten unter mir, und ich sage zu diesem: Geh!, und er geht; zu einem anderen: Komm! und er kommt; und zu meinem Sklaven: Tu dies! und er tut es.
Als Jesus das hörte, war er verwundert, und er sagte zu dem Volk, das ihm folgte: Ja! Ich habe in Israel niemand mit einem solchen Vertrauen gefunden. Und ich sage euch weiter: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich ihre Plätze einnehmen; die aber, die für das Reich geboren sind, werden hinausgeworfen in die Finsternis draußen; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen".
(Matthäus 8, 5-12)


1. WAS GEHT VOR IN KAPHARNAUM?
Jesus geht mit seinen Jüngern und einigen Männern aus der jüdischen Gemeinde nach Kapharnaum am See Genesaret. Was sind das für Leute? Juden sind sie, aus der Tradition des Abraham und des Mose, alle miteinander treue Leute in ihrer Kirche. Sie halten sich an die Weisung Gottes, die von Mose her überliefert ist. Viele von den Weisungen hat Mose auf dem Berg Horeb im Gebirge Sinai von Gott bekommen, sagen sie. Wie hat er sie von Gott bekommen? Mose hat in seinem Leben viel gesehen und gelernt: Als ägyptisch Erzogener kannte er die Gesetze, nach denen die Völker leben; als Schwiegersohn eines frommen Wüstenscheichs lernte er, wie man in der Wüste Sinai sein Leben einrichten kann und wie man in der Wüste Gott findet und verehrt; als Führer eines kleine Volks von flüchtigen Leuten sah er, was sie brauchen, um miteinander leben zu können und in der Erkenntnis Gottes ein Selbstbewusstsein zu bekommen. Mose lebte eine gute Zeit auf dem Berg und lebte "vor IHM". Dabei ging ihm neu auf, was er früher erkannte, als er auf diesem Berg war, wo der Dornbusch brannte. Da wußte er, was das Volk brauchte, um recht (ge-recht) zu leben. Den Kern davon schrieb er auf Steintafeln auf und gab sie dem Volk. Später kamen andere Gesetze dazu. Das alles ist die "Weisung, die von Gott kommt". Natürlich kommt sie von IHM. Sie kommt über erleuchtete Menschen, deren Sein ER SELBST ist, zu uns. Und unser Sein ist ER ebenso. Die Weisung kommt aus der Erkenntnis des Lebens, der Erkenntnis des WAHREN LEBENS.
Wo immer das Volk der Juden lebte, hat es von den Völkern, unter denen es lebte, auch Traditionen übernommen: Geschichten, religiöse Vorstellungen, Gesetze, gesellschaftliche Organisation. Die haben sie in ihre eigene Überlieferung eingebaut, sie sind ja auch Wahrheit. So konnten sie sich die Welt erklären, IHN erkennen und zu ihm beten, und miteinander zurecht kommen. Diese Weisungen kommen von IHM. Ohne diese Weisungen ist es schwer, zu leben.

Auf der Straße kommt also ein Offizier der Römer. Was ist der für ein Mensch? Er kommt aus einem anderen Volk, er hat eine andere Religion und Tradition, er ist ein Fremder, mit samt seinen Soldaten. Sie meinen, so einer kann Gott, das Ewige Leben, nicht kennen. Doch ER steht über aller Religion - er ist überall zu finden.
Der Römer ist nur kein Jude und will keiner sein. Er hat ja andere Traditionen. Sind sie besser oder schlechter als die jüdischen? Sind sie unreligiös? Sind sie vielleicht wirklich in mancher Beziehung dumm? Das ist auch möglich. Nach Ansicht der Juden da auf der Straße gehört er nicht ins Reich Gottes, solang er nicht ihre Traditionen annimmt. Er will einen religiösen Dienst von einem Juden.
Kann man das erlauben?

Der Hauptmann kennt Jesus, er sieht ihn oft in seinem Dienstort Kapharnaum. Er kennt Jesus wirklich, er weiß: Jesus ist einer, der IHN, den Einen über allem und in allem kennt. Darum vertraut er Jesus, darum bittet er ihn: "Sprich nur ein Wort, dann wird mein kranker Untergebener gesund!" . Und Jesus spricht es: "Geh heim, es soll geschehen, wie du geglaubt hast!" Dann bestätigt Jesus, dass dieser Mann voll zu seiner Gemeinschaft im Reich Gottes gehört. Warum? Weil er glaubt. Das heißt: Weil er sich auf IHN verlässt. (Weil der Hauptmann meinesgleichen, unsereiner, ist: Er hat IHN auch erkannt, er verlässt sich auf IHN, er vertraut).


2. DAS VOLK DER MENSCHEN ERZIEHT SEINE MITGLIEDER
In unseren Ländern werden wir vom ersten Tag unseres Daseins an geprägt und erzogen, damit wir uns jetzt und später auf der Erde zurechtfinden. Wir werden von den Eltern, von allen Menschen rings um uns, von der Gesellschaft erzogen, in jeder Begegnung und fast jeden Augenblick, mit Absicht oder unabsichtlich. Wir übernehmen das, was uns eingeprägt wird als unser Eigentum und unsere Weltanschauung. Es kann sein, dass wir das selbst Hinschauen und Denken gar nicht entwickeln und als Abziehbilder all dieser Erziehungsmuster leben.
In unserem Land sind das meist christliche Verhaltensmuster, Lehren und Weisheiten. Das heißt nicht unbedingt, daß sie alle auf Jesus zurückgehen. Es sind Traditionen, die sich eben bei uns als praktisch für den Einzelnen und für das Leben der Gesellschaft herausgestellt haben. Viele kommen natürlich aus der christlichen Lehre, aber viele haben auch längst vorher bei unseren Vorfahren das Verhalten bestimmt oder sie wurden aus anderen Kulturen (der griechischen zum Beispiel) übernommen. Sie sind in das Leben der Kirche eingeflossen und wir halten sie heute einfach für Bestandteile der "christlichen Offenbarung".
Einige Traditionen, die unser Leben sehr bestimmen, wurden im Lauf der letzten Jahrhunderte entwickelt. Sie wurden nicht alle freiwillig von unserer Gesellschaft übernommen: Zum Beispiel unsere demokratische Einstellung, auch unsere auf den Kapitalismus gegründete Lebensweise, die jede unserer persönlichen und politischen Verhaltensweisen, auch unser religiöses Verhalten prägt.
All das wird uns durch die Gesellschaft seit dem Anfang unseres Lebens anerzogen. Wir sehen es überall propagiert, in Schulbüchern und Zeitungen, in der Art der Reklame und der Filme, in den Redensarten, die wir hören und gebrauchen, in unseren Umgangsformen, auch in unseren familiären Verhaltensweisen und unserem Beten.
Die Gesellschaft, jede Familie, jedes Dorf, jeder Betrieb, jeder Staat, auch jede religiöse Gemeinschaft braucht natürlich Regeln, Erklärungen, Absprachen, damit wir miteinander befriedigend leben können. Nicht jeder Einzelne muss alles einhalten, aber die Gesellschaft als Ganzes tut es mehr oder weniger.

3. DIE KIRCHEN DIENEN IN DER GESELLSCHAFT
Die Kirche, bzw. die Kirchen, weisen darauf hin, wie wir Gott erkennen können, sie lehren eine Moral, wie wir miteinander umgehen, sie loben IHN in der Gemeinschaft. Das sind erhebliche Lebenshilfen für uns und unsere Gesellschaft. Alle Kirchen und Religionen tun dies. Sie formen dadurch die Kultur der Völker. Die christliche Kirche hat unsere Lebensweise und alle anderen Traditionen von Urzeit her in Jahrhunderten christlich eingefärbt.
Wir haben auch unsere eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse, die diese Traditionen für unser persönliches Leben beeinflussen und ändern. Es kann sein, dass sie uns vom Zusammenleben mit anderen Menschen entfernen oder näher hinführen. Der Weg im Ewigen Leben macht manche Kurven. Auch dürfen wir nicht erstarren.

Was geschieht, wenn ein Mensch oder eine ganze Gesellschaft diese christlichen Traditionen, Lehren, Gebote, Gebete und Gebetsformen nicht kennt? Dann muss er eben anders leben, nach anderen Traditionen und seiner eigenen Erkenntnis. Jedoch immer wird er irgendwie selbst auch suchen, "Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch die Freude durch Gott zu finden", wie es im Katechismus der Katholischen Kirche schon im ersten Satz heißt. Er muss dazu Gott nicht "Gott" nennen.


4. "ES GIBT SO VIELE WEGE ZU GOTT, ALS ES MENSCHEN GIBT."
Das sagt ein Kardinal der römischen Kirche, Josef Ratzinger.
Im Osten Europas leben Völker, die siebzig Jahre oder vierzig Jahre lang in anderer Weltanschauung erzogen wurden als der Rest Europas. Im Lauf der Jahre konnten sie nicht anders, als diese Anschauung annehmen, ihr zustimmen und darin leben. Genannt wird sie "sozialistisch", das ist kein schlechter Name, und die Lehre ist nicht als unmenschlich und unsozial abzuweisen. Die Praxis freilich war - ebenso wie bei uns - durchaus angreifbar und führte zu Bluttaten und zum wirtschaftlichen Ruin. Das selbe kann uns Westeuropäern in unserer Art Kultur auch noch blühen, wir sind schon dabei. Denn hier wie dort sind nicht Erleuchtete sondern Egoisten die maßgeblichen Führer (und Ausbeuter) der Gesellschaft.
Der Dienst von Menschen, die das LEBEN suchen und finden, und die oftmals durch das Evangelium bestimmt sind, kann freilich bewirken, dass wir - trotz schädlicher Traditionen - doch miteinander leben und vielleicht dem Zusammenbruch entgehen können. (Die Juden haben eine Überlieferung, nach der steht die Menschheit "auf den Schultern von sechsunddreißig verborgenen Gerechten"; es müssen ja nicht gerade 36 sein, aber das rechte Leben vieler Menschen, das übersehen wird, ordnet viele Ungerechtigkeit, in der Familie wie in der Gesellschaft. So erlöst Gott die Welt durch das Leben der Menschen).
Die meisten in den Ländern des Ostens, und auch bei uns, haben von der Lehre und der Person von Jesus Christus nicht viel mitbekommen, sind den Kirchen fremd, sie haben sich oft auch als Atheisten bezeichnet, Anhänger der atheistischen Weltanschauung. Kirchlich sind sie meistens nicht, aber sind sie gott-los (das bedeutet das Wort "atheistisch" wörtlich)? Können sie das überhaupt sein?
Sie halten ihre Angelegenheiten in Ordnung, sie arbeiten in ihren Arbeitsstätten, sie versuchen mit dem Unglück der Arbeitslosigkeit zurecht zu kommen, sie studieren, sie versuchen, mit der Randale fertig zu werden, sie leben in ihren Familien - je nachdem, wie sie es können. Gewiss wollen sie "gerecht leben", und woher kommt ihr recht Leben, oder WER ist ihr rechtes Leben, wenn nicht ER? Weiter weg, in den meisten Ländern der Erde versuchen sie, mit dem Hungertod und dem Verbrechen fertig zu werden - sie wollen ja leben!
Es gibt so viele Wege zu Gott, als es Menschen gibt. Dienen IHM also (alle) Menschen? Sie leben durch ihn mit jedem Schritt, den sie tun - wenn sie auch, ebenso wie wir, von Schwäche gebeutelt sind und von Irrtum bedroht - und wenn sie manchmal krumme Wege gehen! Schaffen sie es? Wir sehen, es geht ja, wir helfen vielleicht mit. Freilich kann, genau wie in unserem Bereich, in dem ihrigen der tödliche Wahnsinn ausbrechen und Völker oder Einzelne wirklich verderben.
ER lebt in ihnen, mit allen Konsequenzen. Und viele sind in der Gemeinschaft von denen, die mit Abraham im Reich Gottes am Tisch sitzen, da sie IHM vertrauen.

Auch ich bin einer von denen, die vom Osten oder Westen kommen und wie der römische Offizier in der Vollendung des Lebens sitzen wollen, die damit schon in der Vollendung sitzen.
Es wird gelingen. Wann? Jetzt.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998