Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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15. JESUS TRAT IN IHRE MITTE

"Am Abend des ersten Tages der Woche,
als die Jünger die Tür verschlossen hatten aus Angst vor den Juden,
kam Jesus, trat in ihre Mitte und sprach zu ihnen:
Friede sei mit euch!
Nachdem er dies gesagt hatte,
zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.
Die Jünger freuten sich, den Herrn zu sehen.
Friede sei mit euch! sagte Jesus noch einmal.
So wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an
und sprach zu ihnen: Empfangt Heiligen Geist!
Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben;
Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert".
(Johannes 20,19-23)


1. JESUS IST GESTORBEN, DOCH HAT ER SICH SEHEN LASSEN
Jesus ist am Kreuz unter Zeugen gestorben und wurde beigesetzt. Damit ist seine Laufbahn als Mensch auf der Erde beendet. Das ist so wie bei jedem Menschen.
Er ist tatsächlich gestorben, das heißt: Sein greifbarer Leib löst sich auf, seine Denkfähigkeit und menschlichen Gefühle haben keine Unterlage mehr, die Nerven zerfallen. Und "er", seine Persönlichkeit, wo ist die geblieben? Sie ist nicht mehr nachweisbar, weil ihre Unterlage zerfällt. Aber ist sie deshalb tot? Nein.
Wir lesen zahlreiche "Berichte" wie diesen, dass seine Jünger - nur seine Jünger, und sein Verfolger Saul - ihn nach seinem Tod gesehen haben. Einige Male heißt es darüber: "Einige zweifelten", dann wieder: "sie rührten ihn an" oder "er aß mit ihnen".
Haben die Jünger Jesus gesehen oder haben sie ihn nicht gesehen? So dürfen wir nicht fragen. Warum? ER ist im Spiel, der sich und sein Wirken zeigt; das ist wirklich, aber nicht in derselben Weise, sondern anders, als es beispielsweise bei der Feststellung wäre: Ein Mensch hat den Raum um diese Zeit betreten und sich so und so lange aufgehalten, ehe er wieder zur Tür hinaus gegangen ist.

Doch hat Jesus sich immer wieder sehen lassen. Wir können die vielen Berichte nicht einfach übergehen. Andererseits können wir sie nicht als eine Art Protokolle anschauen, denn sie berichten ein spirituelles, unbeschreibbares Ereignis.

2. WAS GESCHIEHT, WENN EIN MENSCH STIRBT?
Das EWIGE LEBEN hat sich eine Zeit lang in der Form "lebendiger Mensch" gezeigt. Gott, hat gesprochen: "Es werde!" Vorher ist nichts, auch keine Zeit - mit einem Mal drückt sich das göttliche Leben aus: Der Mensch ist da; also: ich bin da. Langsam bildet sich unsere menschliche Form aus, mit ihren Möglichkeiten zum Sehen, Erkennen, Denken, Fühlen, Erinnern. Wer trägt das Ganze? ER, der es schafft, trägt es, er zeigt sich als dieser Mensch. Nicht als dieser Mensch allein, sondern zugleich mit allem, das um ihn ebenso da ist. Beim Sterben löst sich dieser Punkt der Sichtbarkeit wieder auf.
Was geschieht dabei mit seiner Erinnerung, seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seiner "Persönlichkeit", seinem "Ich"? Sie hängen noch zusammen, zugleich sind sie noch in Verbindung mit der "materiellen Unterlage", die langsam zerfällt, ihre Form erst langsam auflöst und deren Teile neue Verbindungen eingehen.
Der "geistige Leib", wie es Paulus nennt, die Form des greifbaren Leibes ist nach dem tatsächlichen Sterben noch vorhanden. Kann diese Form sich zeigen? Heute, wie damals, soll es vorkommen, dass Menschen sich an anderen Orten und zu anderen Zeiten (nach ihrem Sterben) zeigen. Es gibt nicht nur die Berichte aus den Heiligen Schriften, sondern ebenso solche aus den Überlieferungen der Völker und von unseren Zeitgenossen. Wenn sich uns etwas oder einer zeigt, zeigt sich sowieso immer ER, das EWIGE LEBEN.
Thomas, genannt der Zwilling, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe, und wenn ich meine Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus. Er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! Dann sprach er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. (Johannes 20, 24-29)
Für die Erkenntnis: "ER IST DA und wir leben durch Ihn", ist das Anfassen ohne besondere Bedeutung. Die Erkenntnis geht auf einem anderen Weg. "Die sind gut dran, die glauben" - die die Ereignisse und die Dinge und Menschen im Licht ihres Ursprungs sehen. Dieses Sehen üben wir in der Übung der Kontemplation.

3. WAS SAHEN DIE JÜNGER?
Die Jünger sahen das unvergängliche Wesen von Jesus. Sie sahen oft, wenn sie ihn hörten, wenn sie geheilt wurden: Hier ist Gottheit am Werk. Die Jünger drückten es so aus: "Das WORT ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll von Gnade und Wahrheit. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen: Gnade und nochmals Gnade." (Johannes 1,14.16)
Das WORT - ER SELBST - wohnt immer bei uns, in Jesus, in jedem Wesen, auch in mir, ob wir es wahrnehmen oder nicht. Wir müssen aufmerksam darauf sein! Die Jünger sahen das unvergängliche Wesen von Jesus wirklich, als sie in ihrem Zimmer seinen "geistigen Leib" (wie es Paulus nennt) sahen. Sie sahen es nicht immer, auch nicht immer gleich. Sie nannten das: "Er ist auferstanden", das heißt "wieder gekommen". Dabei ist er immer da. Sie sagten auch: "Wir sind mit Christus auferstanden". Wann? Jetzt, da wir seine wahre Identität schauen können, schauen wir auch die Unsere. Unser EWIGES LEBEN hat sich gezeigt.
Wir hoffen auf das Ewige Leben, und wir meinen gewöhnlich: Es kommt nach dem Tod. Es mag sein, dass wir im Sterben durchblicken, und vielleicht danach mehr und mehr. Doch leben wir jetzt im Ewigen Leben, jetzt und immer, solang die Welt besteht. Wo sind die Menschen, die hier gestorben sind? Sie sind "eins mit dem Ewigen Leben". Wir hier, jetzt, heute, sind wir nicht eins mit dem Ewigen Leben? Wir, unsere gesamte Existenz, sind der sichtbare Ausdruck des Ewigen Lebens, eins mit ihm. Eine andere Frage ist, ob wir das wissen, sehen.
Darüber dürfte man nicht sprechen. Darüber kann man redlicher Weise nur schweigen. Doch haben die Apostel es auszusagen versucht. Denn es ist ihnen aufgegangen. Es geht uns auf.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998