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14. HALTE MICH NICHT FEST!

"Am Abend der ersten Woche kam Maria von Magdala
frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab.
Sie sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war ...
Maria stand draußen vor dem Grab. Sie weinte.
Weinend beugte sie sich in die Grabkammer hinein.
Da sah sie zwei Engel, sie waren weiß gekleidet, sitzen.
Der eine war dort, wo der Kopf,
der andere dort, wo die Füße des Leichnams gelegen hatten.
Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du?
Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen,
und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
Als sie dies gesagt hatte, wandte sie sich um
und sah Jesus da stehen,
sie wußte aber nicht, dass es Jesus war.
Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du, wen suchst du?
Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm:
Herr, wenn du ihn weg gebracht hast, sag mir,
wohin du ihn gelegt hast!
Ich will ihn holen.
Jesus sagte zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich ihm zu und sagte zu ihm auf hebräisch:
Rabbuni! Das heißt: Mein Meister!
Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest,
denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinauf gegangen!
Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen:
Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater,
zu meinem Gott und zu eurem Gott!
Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen:
Ich habe den Herrn gesehen, und so hat er zu mir gesprochen".
(Johannes 20, 1. 11-18)


Ich will einmal alles außer Betracht lassen, was ich bisher gehört, gelernt, mir vorgestellt habe über die "Berichte" von der Auferstehung von Jesus, auch alles, wie man es uns erzählt und abgebildet hat. Ich will neu auf diese Geschichte selbst hören: Was wird da erzählt? Ich will nichts hinein lesen, was ich mir darüber denke, oder "was ich glauben muss" als Christ oder Mensch von irgend einer Religion, oder was ich zu wissen glaube als Mensch ohne Religion. Ich will alles ausschließen, an was ich mich erinnere aus Bildern und Erzählungen von "Auferstehung". Alles will ich ablegen, was mir wie eine farbige Brille den Blick auf die Geschichte verfärbt. Ich höre einfach, was von dieser Frau gesagt wird. Ich will hören und sehen, WAS IST, was sich zeigt.

1. MARIA KOMMT LANGSAM DAZU, ZU SEHEN, WAS IST
Maria geht zum Grab, in dem der Leichnam von Jesus liegt, wie sie glaubt. Wie ist ihr wohl zu Mute nach dem Sterben von Jesus? Es ist dunkel. Sie weint.
Das Grab ist offen, aufgebrochen. Sie schaut hinein und sieht: Der Leichnam ist fort. Jetzt ist für sie nichts mehr greifbar von Jesus, den sie "mein Herr" nennt, nicht einmal sein Leichnam.
Maria sieht Engel. Engel sind "Gedanken-Einflüsse" von Gott zu uns hin, geistige Vorkommnisse ohne Leib. Wörtlich heißen sie "Boten". Das Leben der Welt, der Anfang der Welt, der Grund, aus dem sie existiert, macht sich bemerkbar. Wir blicken so hinter die Oberfläche der Welt, wir erfahren etwas von der Wirklichkeit der Dinge oder der Vorgänge, wir schauen hinein. Manchmal sind wir offen für solche Einflüsse, meistens dann, wenn wir ratlos sind und unsere bisherigen Vorstellungen zerfallen. Diese Eindrücke von der Wurzel des Lebens her sind nicht zu beschreiben. Wir können nur sagen, wie sie auf uns wirken, nicht, wie sie sind. Wenn wir etwas sagen, dann verwenden wir dabei Bilder, die nicht zutreffen. Dann kommt etwa heraus: "Da waren welche, wie Boten".
Maria ist offen für solche Einflüsse - ihr ganzes bisheriges Leben kann nach diesem Sterben von Jesus zusammengebrochen. Es kann nicht so weitergehen. So ist sie offen für die "Boten". Sie wird angestoßen, zu ergründen, warum sie weint, und zu erfahren, was wirklich ist. Das ist mehr, als die scheinbare Beendigung der Beziehung zu einem guten Lehrer und Mann. Sie muss wissen: Was geschah wirklich, als Jesus starb, was steckt dahinter? Sie kann noch nicht ausdrücken, was sich in ihr zum Licht empor arbeitet.
Sofort hängt Maria wieder in ihren Erinnerungen ("wo der Kopf und wo die Füße waren"), an dem greifbaren Dasein von Jesus, nicht an seinem Wesen, das immer ist.

2. WIR LASSEN UNS VON ERINNERUNGEN LEITEN
Immerfort sammeln wir unsere Erinnerungen, wir verändern sie dabei dauernd, wir halten uns an ihnen fest und trösten uns mit ihnen. Die Erinnerungen sind nur Gedanken, Gefühle und Vorstellungen, sie sind nicht die Wirklichkeit, mit der wir leben. Wir lassen uns von ihnen leiten und bauen aus ihnen unsere Illusionen, Pläne, Philosophien, Handlungsmuster auf (Auch das, was wir früher einmal gelernt haben, sind Erinnerungen geworden).
Wir gehen dabei von der Vorstellung aus, wir seien selbständige Wesen, sogar selbständig gegenüber der Gottheit, gegenüber dem Anfang der sichtbaren Welt. Wir stellen uns vor, er, der Schöpfer sei uns gegenüber. Manche trauen sich sogar zu sagen, wir seien "Partner Gottes", also irgendwie wie er, wir seien Teil einer Lebensgemeinschaft von Gott und Welt, von gleichem Rang, was das Sein betrifft.
Wir wollen als "scheinbar selbständige Lebewesen" das Leben festhalten, besitzen ("ewig leben", das heißt immer weiter leben). Wir versuchen dauerhafte Werke oder Erinnerungen zu schaffen.
Wir hängen uns an scheinbar dauerhafte Dinge oder Menschen in einer "Besitz ergreifenden Liebe" und machen ihnen und uns dadurch das Leben zu einer ständigen Unruhe und Quälerei. Bei Verlust (von Menschen, Gesundheit, Ansehen, Besitz, Erfolg) schlägt diese anhängliche Haltung oft in Verzweiflung, Sich-selbst-fertig-machen um. Wir haben ja noch nicht erkannt, dass die Dinge und Menschen kein Sein von selbst sind, sondern dass ihr selbständiges Dasein nur scheinbar ist. WER ist ihr SEIN wirklich ? ER?

3. MARIA ERKENNT, WAS WIRKLICH IST, NICHT NUR, WAS SIE ERLEBT HAT
Maria konnte ihre Verzweiflung und Illusion über das Leben von Jesus und das eigene Leben nur dadurch verlieren, dass sie erkannte: WER ist das SEIN von Jesus? Wer ist der, den sie als Jesus sah, wirklich? Sie musste auch an Hand von Jesus erkennen: Wer bin ich wirklich, wer sind alle Wesen wirklich?

Das SEIN zeigt sich für eine Zeit lang als "Jesus", als "Maria von Magdala" oder als Lebewesen oder Erde, doch sind das nicht isolierte Einzelwesen, sondern sie sind immer zugleich in Verbindung mit allen anderen; wir nehmen sie nur als vereinzelt wahr, als diese Menschen oder diese Wesen. Sie sind scheinbar selbständige Wesen, doch hängen sie tatsächlich mit anderen zusammen, als der sichtbare Ausdruck des Ewigen Seins; in ihnen lebt das unsichtbare Sein. Wir sehen die sichtbare Form, die sich die Ewige Wirklichkeit gibt.

Wenn irgend etwas wahrgenommen wird, so zeigt sich immer das SEIN selbst, das WAHRE WESEN der Welt, GOTT, ER. Wenn sich nichts zeigte (was unmöglich ist, es ist ja immer etwas da), wäre ER nicht da. Doch ER IST DA, und sonst ist nichts. Alles ist "sein Bild und Gleichnis". Er und seine Form (in der er sich zeigt) sind untrennbar.
Maria beginnt durch die "Boten" zu begreifen: Jesus ist von IHM her gekommen, ist "Sohn Gottes". Er hat es ja gesagt: "Wer mich sieht, sieht den Vater". Sein Wesen ist nicht, selbständig gegenüber Gott zu sein (so souverän er auch zu handeln scheint), sondern: Ausdruck Gottes zu sein. "Ich tu die Werke des Vaters", so hat er gesagt.

Das Bleibende, Eigentliche, des Menschen ist ER, sein unzerstörbares Leben.
Aber verzweifelt hängt sich Maria noch immer an die Vorstellungen vom handlichen selbständigen Dasein von Jesus, so sehr, dass sie ihn sogar vor sich sehen kann, als Gärtner, wie ihr scheint. Immer wieder hängt sie in ihrer alten menschlichen Liebe drin. Es arbeitet in ihr, sie wird gefragt: "Wen suchst du?" Ja, wen suchst du wirklich? Geht es darum, den Jesus in ihre Erinnerung her zu holen? Oder sucht sie jetzt die lebendige Wirklichkeit von Jesus zu erfassen? Der Mensch Maria kommt zu sich, zu ihrem Wesen selbst: "Maria! - Mach die Augen auf für das Leben!" Und sie merkt: In meiner Erinnerung habe ich ein Phantom liegen, nach dem ich mich sehne. Doch die Wirklichkeit ist unendlich, ich kann sie nicht erfassen. Es wird ihr klar: "Maria, halte mich nicht fest!" Denn ich lebe nicht vor dir, sondern mein Leben ist das Deine. Du brauchst mich nicht als dein Eigentum festzuhalten - du hältst ja nur deine Vorstellungen fest. Da du MICH, Gott selbst, erkannt hast, läßt du die Vorstellungen von selbst fahren. Aber mach dir aus mir nicht ein neues Eigentum; sonst siehst du MICH nicht. Dann bin ich - in deinen Augen - noch nicht "beim Vater".
Zum Vater "hinauf" kann Jesus - lebendig oder gestorben - ohnehin nicht gehen, er ist immer beim Vater, der Vater ist sein Wesen, sein Leben (Wir drücken das, was unaussprechlich ist - die Einheit des Lebens von Gott und Welt - nur so aus: Ich gehe zum Vater).

4. DU BIST NICHT ALLEIN FÜR DICH ZUM LEBEN GEKOMMEN
Die Erkenntnis ist bei Maria durchgebrochen.
Doch wer ist Maria? Sie ist nicht für sich allein - diese Illusion, die sie sich mit ihrer Erinnerung und ihren Vorstellungen gemacht hat ("ich und die andern - ich und Jesus - und darüber hinaus Gott") hat sie verloren. Sie hat erkannt: ER und ich, ER und Jesus, wir sind e i n Leben.
Sie läuft also zu den Jüngern, die zu ihr gehören, und ruft sie aus ihrer Trostlosigkeit heraus: "Ich habe den Herrn gesehen". Auch sie werden später durchbrechen zur Erkenntnis des Lebens. Sie werden dann dieses wahre unzerstörbare Leben "Auferstehung" nennen, gegenüber dem vorläufigen zerstörbaren Leben, das sie "Tod" nennen. Sie sagen auch: "Der Tod ist überwunden, er hat keine Kraft mehr", er hat nie eine Kraft gehabt gegenüber dem LEBEN.
Nur sehr unzutreffend können sie ihre Erfahrung benennen. Sie sagen: "Wir haben ihn gesehen"; sie erfuhren dies in ihrer Gemeinschaft; sie sagen: "Wir haben mit ihm gegessen" und manchmal auch: "sie glaubten, einige aber hatten ihre Zweifel".

Nicht immer sind wir offen, um die Wirklichkeit zu sehen. Da geht es uns wie Maria am Grab: Wir brauchen Zeit. Und immer müssen wir uns auch auf die Erfahrung von anderen verlassen. Da heißt es dann: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben".
Maria geht zu den Jüngern, um sie auch "zu retten", wie sie "gerettet" wurde. Sie schwimmt im Fluss des Lebens, der immer strömt.
Es gibt Mönche, die sprechen täglich: "Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe, sie alle zu retten", und die, die Zen üben, sprechen das mit ihnen. Sind wir - jetzt und hier - eins in dem EINEN Leben? Sind wir mit Jesus wirklich gerettet, wenn Jesus in die Herrlichkeit von IHM gerettet ist? Sind wir "auferstanden", wenn Jesus auferstanden ist? Erfahren wir das? Da wir auferstanden sind, leben wir zur Rettung der anderen, wie Maria.
"Gott will, dass alle Menschen gerettet werden". Was ER will, das geschieht jetzt.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998