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13. MEIN GOTT, WOZU HAST DU MICH VERLASSEN?

"In der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabachtani! Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?"
(Markus 15, 34)


1. DER (RELIGIÖSE) GLAUBE AN GOTT ZERBRICHT
Öffentlich nackt ausgestellt, von den Freunden verlassen, den sicheren Tod vor Augen und unter schauerlichen Schmerzen ruft Jesus: "Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?" Das ist zugleich der Anfang eines Psalmes (Psalm 22), den Jesus als Jude sicher aus dem Gedächtnis beten konnte und der auf seine Situation völlig zutrifft - in seinem ersten Teil. Der Schluss dieses Gebetes muss sich erst noch als zutreffend erweisen:
"Du, meine Kraft, schnell hilf mir!
Gott hat sein Gesicht nicht verborgen vor ihm,
er hat ihn gehört, als er schrie
Dass er gut ist, wird man dem Volk berichten, das kommen wird".

Zuerst einmal aber ist der Mensch Jesus völlig am Ende, körperlich ist er fertig gemacht - und er scheint nichts mehr von Gott zu sehen.
Glaubt, vertraut er ihm noch? Es scheint so, denn er ruft noch zu ihm, er sagt nicht: "Er hat mich verlassen. Was ich getan habe und was ich leide, ist umsonst." Er fragt vielmehr: "Das ist zu schwer: Ich sterbe hier, ich scheine allein gelassen zu sein und weiß nicht, wozu das dient. Du bist nicht mehr zu sehen. Was soll ich tun, erhoffen, worauf mich stützen? Ich weiß mir überhaupt keinen Rat." Alles habe ich abgeben müssen: Meine Verfügung über mich selbst, meine Gemeinschaft, meine bürgerliche und religiöse Existenz, meine Ehre, meine Freiheit, jedes Wohlbefinden und die Gesundheit, meine Lebensaufgabe - nichts ist mehr geblieben. Und ich bin erst dreiunddreißig Jahre alt. Wozu hänge ich hier, allein? Jetzt ist mir auch noch meine Vorstellung von dir, mein Gott, abhanden gekommen: Das ist das letzte, das ich noch hatte. Auf dich, den Vater, der hilft, habe ich vertraut.
Hat Jesus da seinen religiösen Glauben verloren? Jedem Menschen kann (und muss) es so gehen, bevor er IHN schauen kann.
Wenn ein Mensch sich auf den Weg gemacht hat, um IHN zu erkennen, ist es notwendig, alles aufzugeben, das bisher noch vor der Erfahrung steht: Nicht ich lebe, sondern ER lebt. Bisher steht noch sein Ichbewusstsein mit all seinen Erinnerungen und Plänen vor der Vereinigung mit IHM, es verstellt ihm den Blick auf IHN.

2. ER LÄSST SICH FINDEN
Johannes vom Kreuz war ein Lehrer des mystischen Gebets, er lebte von 1542 bis 1591. Er hat das Aufgeben in neunmonatiger Dunkelhaft gelernt und erprobt, abgeschlossen von all seinen Aufgaben und Gefährten: Er nennt dieses Loslassen von allem "die dunkle Nacht der Sinne", durch die wir durchgehen müssen, bevor wir alles aufgegeben haben, was IHN noch verdeckt, dann stehen wir vor der "Nacht des Geistes" - wo es uns bewusst wird, dass ER lebt. Die Ruhe durch Gott können wir nicht erfahren, wenn wir nicht unsere Vorstellung, unser Bild von Gott, verlieren. Erst recht nicht, enn wir nebenher oder zuvorderst noch die Beruhigung mitschleppen wollen: "Eigentlich bin ich ganz gut und erfolgreich im Leben, ich schaffe etwas, das über meinen Tod hinaus bleibt" (Wenn etwas von mir bleibt, so darum, weil ER es erhält, als Ausdruck Seines Lebens).
Auch mein "Ich" bleibt vom Loslassen nicht verschont. Nicht ich lebe - DU BIST Leben. In dieser Weise hat Jesus dem Sterben zugestimmt, voll IHM vertrauend, der sein Ich ist, und ist über jede Religion hinaus gewachsen. Auch die Vorstellung vom "himmlischen Vater, der mich schützt" hat er losgelassen. Nackt steht er in IHM.

Einer der großen jüdischen Lehrer in Galizien im achtzehnten Jahrhundert lehrt:
Zum Psalmvers "Wie lang noch werde ich Ratschläge hegen in meiner Seele, Gram in meinem Herzen tagsüber?" sprach der Jehudi: "Solang ich noch Ratschläge hege in meiner Seele, muss Gram tagsüber in meinem Herzen sein. Erst wenn ich keinen Rat mehr sehe, mir zu helfen, und mich aller Ratschläge begebe, und keine Hilfe mehr weiß als von Gott, wird mir Hilfe". Und weiter sprach er: "Das ist das Geheimnis des Tauchbads". (Das Tauchbad ist eine jüdische Taufe, bei der der Mensch sich völlig unter die Wasseroberfläche taucht). (Aus Martin Buber "Die Erzählungen der Chassidim")

Nach diesem Weg des Sterbens kann Jesus sprechen - und wir hören die Ewige Ruhe daraus, auch wenn er noch in dieser schauerlichen Lage lebt: "Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!" (Lukas 23, 46). Sein Geist, mit allen Folgen, Aufgaben, Freuden, aller Tapferkeit, aller (menschlichen) Liebe ist nicht mehr der Seine, es ist der GEIST VON IHM, der das Leben von uns ist, und sich noch im Aushalten dieser Schinderei zeigt. Die Männer, die die Frohe Botschaft aufschrieben, drücken das so aus: "Musste nicht Christus das alles leiden u n d s o in seine Herrlichkeit eingehen?" Indem er wahrhaftig alles ließ, ging er in seine Herrlichkeit .

"ER wird allen leuchten, die in Finsternis sitzen, im Schatten des Todes" (Lukas 1,79) - es geht uns nicht anders. Wir sind (immer schon) sterbend. Wir werden alles lassen müssen und so in Seine Herrlichkeit gehen. Diese Art Sterben bringt uns das Leben schon bei. Es ist klug, sich darauf einzulassen und zuzustimmen, dann fällt es uns leichter und wir verlieren die Freude am Leben nicht. Vielleicht um uns das immer vor Augen zu halten, wird bei uns überall Jesus am Kreuz dargestellt: "So lebt der Mensch" - und: "So geht Jesus ins Ewige Leben".
Da wir mit Jesus zusammenhängen, eins sind, ist er ins Ewige Leben nicht ausschließlich für sich, sondern auch für uns gegangen. Aber wir können uns nicht davor drücken, uns selbst so wie Jesus einzustellen, also all "das Unsere" loszulassen. ("Wir sind auf seinen Tod getauft" sagt Paulus, und Jesus sagt seinen Jüngern, die auf dem kurzen Weg eine angesehene Stellung im Reich Gottes wollen: "Könnt ihr den Kelch trinken, den ich zu trinken habe?") Immer geht es darum, durch die dicke Schicht des Vorläufigen, des auf das Ich Bezogene, durchzubrechen, dann stellt sich die "Erleuchtung" heraus. Trotz der Schmerzen, die es kostet, wird es die Freude durch IHN sein. "Die Freude an Gott ist unsre Kraft" (Nehemia 8,10).

3. WIR LEBEN NICHT FÜR UNS, SONDERN MIT ALLEN
Noch etwas geschah, das uns zeigt: Wir haben nicht isoliert durch das Leiden allein, sondern immer im Leben aller zu stehen: Neben Jesus hingen noch zwei Männer am Kreuz. Ihre Todesart zeigt: Es waren keine "Verbrecher", auch wenn sie jemand getötet haben, es waren politische Leute, die von den Römern zum Tod für aufständische "Staatsfeinde" verurteilt waren, zum Tod am Kreuz. Die Behörde hatte richtig eingeschätzt, dass Jesus mit seiner Lehre auch ihre Machtausübung in Frage stellte: Der Mensch wird frei, nicht mehr führbar durch Ideologie. Also muss Jesus am Kreuz sterben, mit den Staatsfeinden, als Feind des Staates und der Gesellschaft.
Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt ... Einer von ihnen, der neben ihm hing, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann rette dich selbst und auch uns! Doch der andere wies ihn zurecht und sagte: Hast du denn keine Gottesfurcht? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht. Wir bekommen das, was wir verdient haben für das, was wir getan haben. Aber dieser Mann hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
(Lukas 23, 33. 39-43)

Wie sollen diese Männer ins Paradies kommen, aus diesem erbärmlichen Zustand, nach einem solchen Leben? Sie starben für ihre Idee, oder: Für ihr Volk, dass es frei leben sollte mit seiner Religion und Tradition. Sie sind Leute, die ihr Leben hergaben. Sind sie jetzt sterbend dabei, wie Jesus das Vorläufige aufzugeben? Jesus sagt: Du wirst die Herrschaft Gottes sehen: Das Ewige Leben. Wir gehören zusammen. Du bist - weil ich mit euch sterbe - aus der Einsamkeit am Kreuz befreit, und von aller Gemeinheit die sie uns antun - Du schaust, indem Du hier verzichtest und zugleich durchblickst, IHN, das Leben.
Wer den Weg in den Tod geht, geht ihn nicht für sich allein, Jesus nicht und wir nicht. Andere haben Anteil daran. "Die Lebewesen sind zahllos. Ich gelobe sie alle zu retten", sagen wir. Der EINE lebt, in allen. Nicht der Einzelne kann ins "Paradies", sondern alle werden gerettet. Wann? Wie? Das zu beantworten, steht uns nicht zu. Aber es geschieht. Das weiß man nicht nur in unserer Religion.
Werden wir uns im Bunker des Leides vergraben und aufgeben? Oder werden wir unser Leben in SEINE Hände geben? Das ist die Lebensfrage für uns.

4. WIR VORLÄUFIGE MENSCHEN SIND INS LEBEN GERUFEN
Das ist es, was Jesus am Kreuz erfahren hat:
"Gott macht die Toten lebendig und ruft, was nicht ist, ins Sein". (Brief an die Römer 4,17). Gott ruft uns ins Sein, dann macht er uns lebendig: Wir werden vom Tod, das heißt: von aller Anhänglichkeit an das, was sterblich ist, frei. Ebenso werden wir frei von unseren Ideen, Ein-Bildungen, Vorstellungen. Wir hängen uns nicht an das Vergehende, erst recht nicht an die Nichtigkeit der Bosheit, wir sind nicht "nichtig", sondern wir sind Sein Leben. Das ist die Erlösung. Das ist die "Auferstehung", wie die Apostel es nannten. Da musste Jesus durch. Da gehen wir durch, wenn wir mit Jesus gehen.
Doch das ist die Auferstehung.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998