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12. ER IST DER EINE

"Einer von den Pharisäern, einer, der die Weisung Gottes kennt, wollte Jesus eine Falle stellen und fragte ihn:
Meister, welches Gebot in der Weisung Gottes ist das Wichtigste?
Er antwortete ihm: Liebe IHN, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft! Das ist die große und erste Weisung.
Eine zweite aber ist ihr gleich: Liebe deinen Nächsten, dir gleich!
An diesen beiden Weisungen hängt das ganze Gesetz samt den Propheten."
(Matthäus 22, 35-40)


1. DIE WEISUNG GOTTES FÜR DAS LEBEN DES VOLKES ISRAEL
Die Weisung Gottes, die Tora, wie sie das Volk Israel nennt, sind die ersten fünf Bücher der Heiligen Schrift. Diese enthalten die Erzählungen von der Urzeit der Menschheit, die Geschichte der Stammväter des Volkes, handeln von Mose und dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, dem Bund von Volk und Gott und haben die ganze Weisung und die Gesetze, an die das Volk sich halten soll, zum Inhalt. Dabei sind die "zehn Gebote", und die "Reden des Mose", der wegen seines Umgangs mit Gott als der kompetente Gesetzgeber im Namen Gottes gilt. Es stehen darin eingehende Vorschriften für das Zusammenleben, Regelungen bei Unfällen und bei Vergehen, Vorschriften für den Gottesdienst. Die Tora ist ein Lehrbuch für das geistliche, soziale und materielle Leben des Volkes.
Es wird gesagt: Mose habe die Weisung auf dem Berg Sinai von Gott bekommen. Die Weisung stammt von Gott: Nämlich Mose und das Volk hat sie im Lauf von Jahrhunderten aus seiner (und der Ägypter) Lebenserfahrung gewonnen und schriftlich niedergelegt. Auf diese Weise stammt sie wirklich von Gott, dem Ewigen Leben. Vielleicht hat sie Mose - unter dem Einfluss Gottes - auf dem Sinai konzipiert und "auf Stein aufgeschrieben".
Die Rede von Jesus besteht aus zwei Zitaten aus dieser Tora. Im Übrigen sprechen die gläubigen Juden dieses Gebot jeden Tag als Bekenntnis, Weisung und Lobpreis. Das formt ihr Leben.

2. DAS ERSTE UND WICHTIGSTE GEBOT
Das Erste, sagt Jesus, sind nicht Gebot und Gesetz und Verordnung (die sind natürlich für den Umgang unter uns und mit allen Wesen notwendig, sonst kommen wir im Leben nicht zurecht). Das erste ist, dass wir IHN lieben mit unserem ganzen Leben. Er ist ja unser Dasein, unsere Existenz. Wir sind sein Wort, sein Ausdruck, das sichtbar Werden des LEBENS.
Jede Liebe, die wir haben, geht im Grund zu ihm, oder sie ist keine Liebe. Nur ER ist wirklich, die Wurzel allen Wirkens und aller "Wirklichkeit". ER selbst ist auch noch unsere Liebe zu ihm und zu allem. Er schenkt sie uns, darum haben wir sie.
Dass die Welt, in der wir leben, besteht, das ist schon ER, der Ausdruck seines Willens, oder seiner Liebe, oder seiner Kraft (es ist immer das Eine).
Die Bibel sagt: IM ANFANG spricht ER: Es werde! Und es wird. Er ist das "Werde!". Das "ins Leben Rufen", das "Erschaffen" gehört zu ihm nicht nur dazu, das ist ER SELBST, jedenfalls uns gegenüber. Und was wird? Ich werde, jetzt eben. Wie? Das weiß ich nicht. Ich sehe mich jedenfalls augenblicklich als Mensch mit Besonderheiten, im Verbund mit anderen Menschen und allen anderen Wesen, die da sind. Andere Wesen sehen mich vermutlich wieder anders, als ich mich sehe. Tatsächlich sind wir der Ausdruck des Ewigen Lebens, das sich in meiner Vorstellung eben so zeigt, wie ich es sehe. Erhält er mich? Liebt er mich? Er ist das ganze Zusammenhalten in diesem Augenblick, der Fluss des Seins ist er. "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Jeden Tag erfahren wir aufs neue das Wirken seiner Gnade". Es heißt also: "Jeden Tag - erfahren wir - neu - IHN - wir er uns gut ist", indem er uns leben läßt. ER macht alles. Dadurch dass er ist, sind wir. Wir sind seine Sichtbarkeit.

Du sollst in diesem Leben mit schwimmen! - Das tu ich sowieso. - Aber du sollst es lieben mit deinem ganzen Wesen, du sollst dich daran freuen. Du sollst es preisen. Wie? Indem du lebst. "Himmel und Erde sind seine Herrlichkeit", dass sie da sind, ist schon der Lobpreis von ihm. Dass ich da bin, ist schon die Ausführung des Dienstes, den ich zu tun habe.

Ich kriege das mit, wann immer ich hinschaue, wenn ich nicht meinen Gedankengängen und Vorstellungen nach hänge, und nicht meinen Urteilen, wie alles, was ist, sein sollte oder wie es ist.
So wie es gerade aussieht, ist es sein Wirken für uns. Ich kann ihn "Vater" nennen, ihn als "Gott" bezeichnen oder sagen: "Ich kenne ihn nicht, denn er scheint für mich unzugänglich zu sein". Er ist trotzdem das Dasein, auch meines, jetzt, ob ich es bemerke und anerkenne, oder nicht. Jetzt, indem ich da bin, lebe ich in ihm.
Mose und die alten Israeliten, nach ihnen Jesus und heute die Juden, sagen: Höre! Liebe IHN mit aller Kraft, die sich in dir zusammenballt! Liebe das LEBEN, so wie es sich dir zeigt! Dann wirst du nicht wie verrückt hinter deinen Interessen und Vorstellungen nachjagen, sondern wirst in innerer Ruhe leben, gelassen das Leben annehmen.

Wer ist es, der da lebt? WER? Jesus hat das gewusst. Er konnte sagen: Wenn ihr mich am Kreuz erhöht haben werdet, wenn ihr mir scheinbar alles genommen haben werdet, dann werdet ihr erkennen: ICH BIN ES. Mit IHM verfahrt ihr so in eurem Irrtum, (nicht nur mit einem Menschen).
Aber - so können wir fortfahren - wenn wir IHN in dir, Jesus, erkannt haben, erkennen wir IHN auch in jedem Menschen, in jedem Wesen, das uns gegenüber steht.

3. LIEBE DEINEN NÄCHSTEN, DIR GLEICH!
Dein Nächster ist wie du, liebe ihn wie dich selbst! WER bist du? WER ist er, der nächste Mensch (also der Nächste, der mir lieb ist, oder der nächste "Große" oder der nächste "Nichtsnutz"), das nächste Tier, der nächste Stein, der nächste Baum, der nächste Apfel, der nächste Stern? Er ist wie wir alle der Ausdruck des EINEN LEBENS.

Natürlich müssen wir uns geschäftlich, politisch, familiär, im Straßenverkehr, Familienverkehr, Geldverkehr, in der Ernährung, in unserem Land zurechtfinden. Wir können das Rechte herausfinden, auch wenn es uns oft misslingt. Im Lauf der Tage und unseres Lebens ändert sich auch immer wieder, was recht ist, abgesehen vom Wortlaut der zehn Gebote, und wir müssen uns neu einrichten.
Gebote, Gesetze, die Weisung Gottes ist uns da als Hilfe gegeben, damit wir uns mit einander recht einrichten können. Wenn wir das LEBEN erkannt haben, also IHN, dann werden wir nicht anders können, als ihm zugetan sein, mit ihm eins sein, ihn lieben.
Oder können wir dann noch verdrossen weiter herumsuchen, wie wir möglichst viel an Erlebnissen, Besitz, Ansehen auf uns häufen? Natürlich können wir eine Menge davon brauchen - dann nehmen wir es uns heraus und benutzen es. Das Lebensglück ist es nicht, das alles zu haben und zu erleben, es ist nur wie ein Werkzeug.
Wir blicken durch, er zeigt sich uns, wir werden IHN auch in allen Wesen lieben, von selbst! Wir handeln so, nicht weil es befohlen ist, oder weil man uns eine Moral anerzogen hat, oder wir Vorteile davon haben (etwa den "Himmel", Ansehen, Geld, Beliebtheit), sondern weil wir das Leben erkannt haben. Wir brauchen kein Gebot, wenn wir in der Liebe mit schwimmen. Die Liebe, das ist ER SELBST, der alles macht. Wir sind frei durch die Liebe.

Wie Augustinus sagte: "Liebe, und dann tu, was du willst!" Unser Handeln und Leben wird SEINE kraftvolle Tätigkeit sein, SEIN Aufbauen der Welt, SEIN heilsames Leben in der Welt.
Das lieben wir in all seinen Formen (auch da, wo wir es aushalten müssen und es gern los hätten. Auch das Aushalten ist eine Form der Liebe. Jesus hat es uns vorgelebt am Kreuz und Unzählige in ähnlicher Lage haben von ihm gelernt).

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998