Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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11. WAS IHR EINEM VON MEINEN GERINGSTEN BRÜDERN GETAN HABT, DAS HABT IHR MIR GETAN

"Wenn der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommt, und all seine Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie von einander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Ziegen scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Ziegen zu seiner Linken.
Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt, ihr, die mein Vater gepriesen hat, nehmt euer Erbe, das Reich, das seit Urbeginn der Welt für euch bereitgestellt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war fremd und ihr nahmt mich auf, ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben, ich war krank und ihr habt nach mir gesehen, ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden die Menschen, die richtig waren, anfangen und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich fremd gesehen und dich als Gast aufgenommen oder ohne Kleidung und haben dich bekleidet? Wann haben wir dich krank und im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Der König wird anfangen und zu ihnen sagen: "Ja, ich sage euch: Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.
Dann wird er auch zu denen auf seiner linken Seite sprechen und ihnen sagen: Verschwindet von mir, ihr seid verflucht, in das Feuer, das dem Widersacher und seinen Boten gehört! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben, ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen, ich brauchte Kleider und ihr habt sie mir nicht gegeben, ich war krank und im Gefängnis und ihr habt nicht nach mir geschaut. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder ohne Kleidung oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient? Darauf wird er ihnen antworten: Ja, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan. Sie werden fortgehen in unendliche Pein, aber die, die recht sind, werden hingehen in unendliches Leben".
(Matthäus 25, 31-45)

1. WIR ALLE HABEN EIN EINZIGES LEBEN
Wenn ein Lakota-Indianer zu einem der Gottesdienste seiner Gemeinschaft kommt oder sich aus ihm verabschiedet, grüßt er: "Alle meine Verwandten". Jeder, der einmal geboren wurde und sonst irgendwie ins Dasein gekommen ist: Menschen und Pferde, Eichbäume und Gräser, Wasserbäche und Steine, Mikroben und Winde, alle kommen aus der Erde (woher aber kommt die Erde, wer ist der Grund ihres Daseins?). Zugleich leben sie durch den GEIST GOTTES, der "über allem schwebt". Sie alle sind durch ihre Herkunft verwandt, gehören zusammen, sagen die Menschen in den Naturreligionen, also in der Religion. Woher wissen das die Lakota in ihrer Naturreligion? Aus der Beobachtung des Lebens.
Wozu führt diese Erkenntnis? Zu Respekt, Kontakt, Annahme des Dienstes zum Leben und Leistung der Dienste. Natürlich: Im Einzelfall ist das so. Aber es ist immerhin möglich, dass die Lakota auch als Volk diese Haltung haben, sie bemühen sich darum, sie zeigen das in ihren Bräuchen. Freilich ist das Volk der Lakota neben dieser Haltung zugleich auch ein Volk, das Krieg führte, ebenso wie die Christen, die das Wort von Jesus kennen und einhalten, und doch ein Volk sind, dessen Mitglieder häufig räubern, zum Beispiel den Lakota gegenüber, den Juden gegenüber oder den Albanern und Indios, oder den Völkern der Rinder, der Hühner und Schweine oder der "Nutzpflanzen", dem eigenen Land gegenüber. (Um das eigene Leben zu erhalten, können wir wohl halten, züchten und töten, aber sicher dürfen wir nicht besitzen, verkommen lassen oder zur Verstärkung unseres Vergnügens und aus Nachlässigkeit nachlässig behandeln und töten. Das ist Krieg und Vernichtung, ohne Respekt. Das rächt sich, auch jetzt - es macht uns selbst belanglos, zu eigensüchtigen Räubern, an Tieren und Pflanzen, wie an Menschen).

2. WANN IST DAS "GERICHT" ÜBER DIE VÖLKER?
Jesus spricht über den Umgang mit bedürftigen Menschen, der gerichtet wird, wenn der "Sohn des Menschen" kommt. Es handelt sich nicht um ein Ereignis in ferner Zukunft; denn der "Sohn des Menschen" ist Jesus Christus, in dem Gott lebt und Weisung gibt - oder besser: Der "Sohn des Menschen" ist ER, der sich in Jesus, dem Sohn des Menschen gezeigt hat.
Die Völker leben jetzt. In ihnen zeigt er sich jetzt. Die Völker sind freilich jetzt auch von einander und in sich geschieden, insofern sie sich Seinem Dienst verweigern. Sie sind in Seinem Frieden, sofern sie in Seinem Dienst leben.
Und was wir auch tun oder nicht tun: Wir tun es ihm. Wem? Jesus Christus? Dem Menschen Jesus? Oder IHM, der sich zeigt als Mensch, oder als armer Mensch, als armes Volk, oder als Jesus - es ist immer derselbe Eine, dasselbe EINE LEBEN, in dem wir uns bewegen, in dem wir handeln oder beschenkt werden, sagt Jesus.

3. JETZT IST DAS EWIGE LEBEN IN UNSEREM ZUSAMMENLEBEN SICHTBAR
Wir leben und hängen alle zusammen, ermöglichen uns gegenseitig. Tatsächlich lebt das Eine Leben und blitzt hier und dort auf. Es gibt dem Obdachlosen ein Dach über den Kopf oder dem Hungrigen zu essen, es rettet Leben durch die rechte Verwaltung und durch Hilfswerke, oder: Es ernährt uns, gibt uns Wohnung und die Möglichkeit, mit den Mitgliedern der Familie zu teilen, dass sie auch leben können in dem, was für alle da ist und da sein soll. Er macht dies in uns und wir wollen ihn nicht daran hindern, sondern uns daran freuen. Und jetzt werden wir gerichtet (angeschaut und hergerichtet).

"Außer mir gibt es keinen Gott. ICH BIN, sonst niemand.
Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel.
Ich bewirke das Heil und schaffe das Unheil.
ICH BIN ES, der alles macht.
Ja wirklich, du bist ein verborgener Gott, der Gott deines Volkes, der Befreier.
ICH BIN ES, der die Wahrheit offen legt, der offen sichtbar macht, was wirklich ist.
Wer hölzernen Götzen nachläuft, hat nichts erkannt,
wer einen Gott sucht, der nicht frei macht ...denn ICH BIN die Gottheit, keiner sonst."
Das schreibt Jesaja (in Kapitel 45) von IHM und uns.


4. JETZT LEBEN WIR IM EWIGEN LEBEN
"Ewig" heißt: Durch Gott, der nicht eingeschränkt ist durch Zeit und Raum, lebe ich. Genauer: ER lebt, nicht ich lebe; mein Leben besteht durch das ewige Licht, auch wenn ich den ganzen Bruch in der täglichen Existenz aushalten muss. Ich kann ihn aushalten und unverdrossen leben und zum Leben helfen. Dadurch lebe ich auch (richtig), dadurch bin ich nicht umsonst. Wer sich dagegen sträubt, wie will der in der Ruhe leben, mit dem weiten menschlichen Herzen, in der Zuneigung der ganzen Schöpfung, im Ewigen Licht? Er bleibt in der Unruhe - das ist das ewige Feuer, weil das ewige Leben nicht zu spüren ist. Der Mensch hat sich selbst ausgeschlossen, eine Strafe braucht er nicht. Wer in diesen Zustand geraten ist, kann sich nur beeilen, wieder herauszukommen ins Licht.

Wie kaufe ich dann ein, wie fahre ich auf der Straße, welche Leute wähle ich, welche Produkte benutze ich, wie esse ich, wie schau ich die Leute an, wie sehe ich "alle meine Verwandten" an, mit denen ich ein Leben bin, wie lebe ich in der Gesellschaft , wie gehe ich um mit einem Menschen anderer Manieren, anderer Religion? Welche Einstellung habe ich zu den "materiellen Gütern", dem Eigentum, der Ausbildung, dem Kapital, den mir gegebenen Dienstleistungen?

Für unser Zusammenleben und das Teilen der "Güter der Erde" gilt, was der Bischof Ambrosius von Mailand schrieb:
"Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegenüber den Armen großzügig zeigst. Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn du hast dir nur herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen". Diesen Satz bringt Papst Paul VI. in einem Schreiben zur Katholischen Soziallehre (Populorum Progressio,23), damit wir uns danach richten. Wir können nichts für uns besetzen und besitzen wollen, sondern nur gemeinsam darin leben. Wir - das sind sicher unsere Politiker, das sind sicher die Verwalter und "Manager" des Geldes und die vermeintlichen Kapitalbesitzer, das sind auch wir, die Einzelnen, auch wenn wir wenig Güter zu haben meinen. Es ist eine Frage der Haltung, der Gemeinsamkeit, der Achtung vor den Geschenken Gottes. Das ist noch nicht die Haltung von "alle meine Verwandten", doch ist es für uns ein guter Anfang dazu. Das Ende und Ziel des Lebens ist wirklich die EINHEIT. Wir werden sie erfahren - es ist zu hoffen, dass wir sie schon jetzt, heute, vor unserem Tod erfahren, und dass die Menschheit auch etwas davon erfährt, bevor sie sich selbst ganz unterjocht und zerstört hat. "Die ganze Schöpfung wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden."


Das sagt uns Jesus, und wir sehen, diese Haltung ermöglicht unser Leben und bewahrt uns vor dem allgemeinen Zusammenbruch unserer Zivilisation.
Alles, ohne Ausnahme, existiert, weil ER ist. Die Existenz von allem sagt: DA BIN ICH, ICH selbst. IHN schaue ich, wenn ich meine Verwandten sehe. Jetzt und hier. ER ist es, der mich mit ihnen leben lässt. Er lässt mich gut leben (ungeachtet aller Schwierigkeiten und Härten, und trotz aller Sünden).

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998