Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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10. IM GEIST UND IN DER WAHRHEIT VERNEIGEN SIE SICH VOR IHM

"Die Frau (am Brunnen bei Sychar) sagte zu Jesus: Herr, ich sehe, du bist ein Prophet. Unsere Väter haben sich auf diesem Berg hier vor Gott tief verneigt. Ihr aber sagt: Jerusalem sei der Ort, wo man sich tief verneigen muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr euch weder auf diesem Berg noch in Jerusalem vor dem Vater tief verneigen werdet. Ihr verneigt euch tief vor dem, den ihr nicht kennt, wir verneigen uns tief vor dem, den wir kennen. Gewiss, die Rettung kommt aus den Juden.
Aber die Stunde kommt - und jetzt ist sie da -, wo jene, die sich wahrhaft tief verneigen, sich vor dem Vater in Geist und Wahrheit tief verneigen werden. Und solche sucht der Vater, dass sie sich tief vor ihm verneigen. Geist ist Gott, und die sich tief verneigen vor ihm, im Geist und in der Wahrheit müssen sie sich tief verneigen."
(Johannes 4,19-24)


1. SICH TIEF VERNEIGEN
"Sich tief verneigen", im "kirchlichen" Sprechen sagen wir auch: "Anbeten", ist: Sich in der Gegenwart Gottes finden, bei IHM in Hingabe ruhen, vor ihm schweigen, in IHM leben. Paulus schreibt darüber: "Der Geist betet in euch mit Atmen, das nicht in Worte zu fassen ist" (Römerbrief 8,26). Da ist nichts zu tun, nichts zu sagen, sondern in IHM zu leben, oder vor IHM zu leben. Wie ein Mensch, der bei einem anderen in Ruhe sitzen kann, nichts sagen braucht, weil er ihm angehört, ist der daheim bei IHM, der sich vor Ihm tief verneigt, der anbetet. Aber dieses Bild ist nur ein Hinweis darauf, was Anbetung sein kann: Da Sein im UNENDLICHEN DASEIN.
Offenbar haben die Leute in Sychar in einer sehr unvollkommenen Weise zu Gott gebetet, sie dachten sich, er wohnt "auf diesem Berg" - und sie unterstellten den Juden, dass sie auf dem Zion, dem Tempelberg in Jerusalem auf die selbe Weise beteten.

2. JETZT IST FÜR UNS DIE ZEIT, UM UNS TIEF ZU VERNEIGEN
Die Stunde ist schon da, in der ER, GOTT, im Geist und in der Wahrheit angebetet wird, nicht hier oder da in einem bestimmten Tempel, sondern überall.
Die Stunde ist da, in der Menschen erkennen: ER ist hier jetzt da; wir merken es, denn er ruft uns ins Sein, jetzt. Er zeigt sich in uns, wir sind seine Form. Dass wir sind, das ist ER. Menschen erfahren: "ER! Ich gehöre IHM. ER ist da und lebt in all dem. Nicht ich lebe, sondern ER lebt".

Immer erfahren das Menschen - in allen Völkern, Kulturen, in und auch außerhalb von jeder Religion. Und keiner kann aussagen, was er erfährt, nur andeuten kann er es, damit wir Hörer und Leser uns selbst auf den Weg machen. Immer haben wir die gleiche Erkenntnis, aber wir drücken es verschieden aus. In den Heiligen Schriften, aber auch in Gedichten, Romanen, Berichten aller Art können wir Andeutungen davon finden. Und wir können selbst suchen und uns tief verneigen vor IHM.
Vielleicht glauben wir einfach dem Wort anderer und wagen nicht daran zu denken, dass wir IHN selbst erfahren können (undeutlich, schattenhaft oder klar, ähnlich wie die Vielen auf diesem Weg), dann beten wir eben an, "was wir nicht kennen". Das ist besser, als die Anbetung, die Ruhe in IHM, überhaupt nicht anzufangen. Doch dann werden wir einmal durchbrechen, wir legen alle Vorstellungen, die wir von Ihm haben, beiseite, und schauen hin auf IHN, der nicht anzuschauen ist; ruhen in dem, der überall und doch an keinem Platz ist; bleiben in dem, der keine Stunden und Tage zum Leben hat, sondern ewig ist, allem zugleich gegenwärtig.

Der Angelus Silesius versucht es in vielen kleinen Gedichten auszudrücken:
Hier fließ ich noch in Gott als Bach der Zeit,
dort bin ich selbst das Meer der ewigen Seligkeit.

Gott ist so überall, dass man nichts sprechen kann;
Drum betest du ihn auch mit Schweigen besser an.

Der Priester Jesaja (er lebte etwa von 740 bis 701 vor Christi Geburt) versucht in Bildern zu schildern, was er im Tempel von Jerusalem sah, als er sich dort aufhielt, um sich tief vor IHM zu verneigen. Auf keinen Fall können wir das als eine bildliche Beschreibung nehmen. Er sieht mit einem Mal, WAS der Grund unseres Daseins ist, woraus wir sind: Das DASEIN, das WAHRE WESEN der ganzen Welt, den ANFANG und die KRAFT DER WELT; es ist nicht mit Worten auszudrücken. Jesaja versucht es trotzdem, er schaut und berichtet:
"Im Todesjahr des Königs Usija sah ich IHN. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße, und mit zwei flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, Heilig, Heilig ist ER, der in allem ist. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen erbebten bei ihrem lauten Ruf, der ganze Tempel füllte sich mit Rauch.
Da rief ich: Weh mir, ich bin verloren. Ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere gesehen. Da flog einer der Serafim zu mir; er trug in der Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Er berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt.
Danach hörte ich die Stimme von IHM, die sprach: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich. Sende mich!"
(Jesaja 6, 1-8)

Das sah Jesaja damals. Für uns geschieht das jetzt, wenn wir uns "tief verneigen". Was wir erfahren, werden wir noch weniger in Worten ausdrücken können, wie Jesaja. Es ist derselbe EINE, den wir schauen, vielleicht nicht so tief oder so dramatisch. Wer weiß? Die Stunde ist da, wo sie überall, in allen Ländern und Völkern sich vor IHM tief verneigen.
Sie erfahren: "ER sendet mich". - Wohin? - Wann? - Und WER geht? - Wozu - wenn nicht zum DA SEIN?
Ist dabei die Welt heil?
ER ist da, was sollte der Welt da fehlen?

In den Tagen vor seinem Sterben fragte den Raw Schne-ur Salman sein Enkel: "Siehst du etwas?" Der blickte ihn erstaunt an. "Ich", sagte der Raw, "sehe nur das göttliche Nichts, das die Welt belebt".
(Schne-ur Salman von Ljadi in Litauen starb 1813)

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998