Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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9. EINS NUR IST NOTWENDIG. MARIA HAT DAS BESSERE GEWÄHLT

"Jesus und die Jünger zogen zusammen weiter und sie kamen in ein Dorf. Eine Frau mit Namen Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden".
(Lukas 10, 38-42)


Das könnte eine hübsche Geschichte sein, wenn man es s o sehen will: "Jesus und die Frauen". Marta die Hausfrau und ihre junge Schwester Maria schwärmen beide für den Mann Jesus. Die ältere ist eifersüchtig, so kommen sie sich in die Quere. Und Jesus lässt sich von der Schwärmerei des Mädchens einwickeln. Die Hausfrau, die es den Wanderern und dem sehr geehrten Herrn Jesus gut machen will und eine ordentliche Bewirtung auf die Beine stellt, wird dafür noch etwas dumm angeredet. (Wobei Maria öfters, nicht nur einmal mit besonderem Verständnis und besonderen Erweisen von Verehrung aufgefallen ist, wie Johannes im Kapitel 12, 1-3 schreibt).

Doch so einfach dürfen wir es uns nicht machen, für solche Geschichten hatten die Schreiber des Evangeliums gewiss kein Interesse, sie hatten Wichtigeres aufzuschreiben. Und das Papier wäre ihnen auch zu teuer dafür gewesen.

1. WORUM GEHT ES WIRKLICH?
Das Ganze spielt sich ab, als Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist, wo ihn die Behörden zum Kampf um die Wahrheit zwingen. Jesus nimmt die Auseinandersetzung an, obwohl ihm klar ist, dass er dabei sterben wird. Aber er weicht nicht, er geht nach Jerusalem und stellt sich. Dort sagt er klar aus, worauf es ihm ankommt. Er wird daraufhin von dem Hohen Rat, dem Leitungsgremium der jüdischen Religion, zum Tod verurteilt, "weil er sich zum Sohn Gottes macht". Was soll das heißen? Weil er von Gott kommt, weil ER durch ihn spricht, weil Jesus und jeder von uns die Verkörperung von dem EINEN ist. Oder: Weil wir nicht nur vorübergehende Menschen sind, sondern der Ausdruck des EWIGEN LEBENS selbst, das sich in jedem von uns zeigt. So können wir sagen: Söhne Gottes sind wir; wir sind die Form SEINER Gegenwart, von uns ist die Rede.
Jesus hat diese Selbsterkenntnis, dieses Selbstbewusstsein.
Hinzu kommt noch, dass die jüdischen Leute auf einen von Gott Gesandten warteten, der die Herrschaft Gottes völlig herstellt und Unrecht und Bedrückung beseitigt. Sie sprechen von ihm als vom "Messias", auf griechisch: "Christus", auf deutsch: "Der mit dem GEIST Gesalbte". Dass Jesus der Messias sei, wollte der Hohe Rat dem Jesus nicht zugestehen. So wird Jesus verurteilt und stirbt.

Jesus ist sich darüber klar, dass dieser Kampf vor ihm steht. Er sagt selbst davon: "Ich muss da hinein getaucht werden und bin sehr bedrückt, solang das nicht vollzogen ist" (Lukas 12, 50).
Nun kommt er zum Ausruhen in dieses Haus. Die Jünger sitzen beisammen, Maria sitzt dabei. Sie muss das alles wissen - es geht um das Leben, um das EINE, das für uns wichtig ist. Billige Schwärmereien gibt es nicht in dieser Situation, in der es um Leben und Tod geht, um das WAHRE LEBEN. Wir dürfen das nicht übersehen!

2. DAS EINZIGE, DAS NOTWENDIG IST
Entsprechend den jüdischen Sitten hätte sich das Mädchen nicht unter die Männer und nicht zu einem Glaubensgespräch setzen dürfen, sie hätte in die Küche gehört zum Brote-Richten. So war es der allgemeine Brauch. Aber Maria will wissen, was Jesus vom ewigen LEBEN weiß und spricht. So setzt sie sich dazwischen.
Marta, ihre ältere Schwester und Hausfrau weiß, "was sich gehört" und sie arbeitet. Das ist auch in Ordnung. Das hat seine Befriedigung in sich: Sie kann den Meister bewirten, ihm das Leben leichter machen. Aber ihm und seinen Jüngern wäre mit einem Imbiss schon gedient gewesen - sie haben ja Wichtigeres vor, als gepflegt zu speisen. Die Jünger nennen es: Das Reich Gottes aufbauen helfen - sein Leben in ihrem Land bekannt machen, das Unrecht beseitigen. Und Jesus nennt es ebenso: Er will den Menschen das "Reich Gottes" zeigen: ER, Gott, ist der Einzige, ER lebt, ER macht alles. So wie es ist, ist es seine Gegenwart. Vertraut euch doch ihm an! Das ist das Einzige, das notwendig ist. Hier wird ER sichtbar, hier zeigt Er sich.
Das ist es, was uns die Lehrer in Asien seit Jahrtausenden lehren, was die indianischen Führer uns zeigen, was von Propheten oft berichtet wird (im Zusammenhang mit Visionen, die sie manchmal hatten), wozu uns geistliche Führer im Mittelalter genau Anweisungen geben (nur selten, es war ja allgemein bekannt), was Unzählige bei uns in der Kirche und auch ohne die Kirche tun, sie brauchen kaum Einweisung darin; oft sind sie sich gar nicht recht im Klaren darüber. Doch kann eine Einweisung uns weiter helfen.

3. SO KANN MAN ES ANFANGEN:
Wir geben Ruhe! Wir nehmen Abstand von den Einbildungen, die wir uns machen, von den ängstlichen Sorgen; wir machen uns leer, um zu schauen, was wirklich ist.
Wir setzen uns locker und gerade (das macht am wenigsten Mühe für unsere Muskulatur), wir achten sorgfältig darauf, ruhig und tief zu atmen.
Wir horchen in uns hinein. Gedanken und Gefühle werden kommen, wir lassen sie kommen, die Gedanken sind ja nicht wir, sie kommen nur vorbei; wir hängen uns nicht an sie, wir identifizieren uns nicht mit ihnen. Wir schauen sie an und legen sie ab. Jetzt schauen wir in die Tiefe, auf das was uns trägt, lange. So kommen wir zur Ruhe.
Und wenn uns nichts mehr angreift, wenn uns nichts einengt, sind wir frei. Wir erfahren die unbegrenzte Freiheit, die ungestörte Ruhe, das einfache Da Sein.
Das müssen wir nicht suchen, das zeigt sich selbst. Wenn wir es suchen und danach bohren, können wir es nicht finden. Wir können nur Schicht um Schicht der Gedanken und Gefühle, die uns anfliegen, beiseite legen. Wir kommen schon darauf. Irgendwann müssen wir es freilich in Gemeinschaft üben, es uns von einem, der es kennt, wieder zeigen lassen. Das tun die in der Kontemplation, das tun die in der Meditation des Zen, das tun die, die sich dem Leben stellen.
"Du, geh in deine Kammer, wenn du betest, mach die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der in der Verborgenheit ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten", sagt Jesus (Matthäus 6, 6).

4. WAS HABE ICH DAVON?
ER, der verborgen ist, wird dir schenken, was nicht auszudrücken ist, was aber die Kraft ist, das Leben zu meistern, und das Auge, um durchzublicken. Das Leben selbst wirst du erfahren.
Geht es nicht auch einfacher? Nein, nichts ist einfacher, als nichts zu tun und Ruhe zu geben und hinzuschauen. Es ist einfach, aber mühsam ist es doch, und Ausdauer brauchst du. Wenn du mit derselben Geistes-Gegenwart und Hingabe deine Arbeit selbstlos machst und deine Einbildungen dabei vergisst, kannst du es überall erfahren.

Du wendest dich ab von dieser Vorstellung, wir nennen sie "dualistisch", "entzweit":
Hier bin ich (und die ganze zersplitterte sichtbare Welt) - und dort droben ist ein Gott, der auf mich herunter schaut.
Du erfährst: Da IST ER, jetzt und hier, in mir, "in Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir", und "nicht ich lebe, sondern Christus (gemeint ist ER ALLEIN, der sich in Jesus gezeigt hat und in mir zeigt) lebt in mir", wie die Jünger von Jesus sagen und wie sie es gelebt haben. Bis heute wird das LEBEN so erkannt und gelebt.

Dabei werden wir uns freilich immer noch darum kümmern, dass wir zu essen haben, dass das Leben der Bedürftigen gerettet wird, dass Gerechtigkeit gegenüber der Ichsucht der Eingebildeten gefunden wird. Doch die Kraft dazu ist ER, in dem alles lebt, und der in allem lebt. Das Zusammengehören aller, die Einheit aller, ist ER. Das DA SEIN von allem und noch von meinen Bemühungen ist ja ER SELBST, der sich so zeigt (das ist der Grund für unsere Mithilfe bei Organisationen für das Menschenrecht oder das Lebensrecht der Geschöpfe, für jeglichen politischen Einsatz und die Ordnung des sozialen Lebens). Das zu erkennen, dass ER es ist, ist die Freude des Lebens, die Ruhe des Lebens. Dann halten wir alles aus. Ich weiß es.

Eines nur ist notwendig. Maria hat es herausbekommen. Sie wird schon alles andere auch tun, wenn sie Zeit dazu hat. Und du, Marta, du bist ganz in Ordnung, aber dir werden die Augen auch aufgehen und du wirst dich freuen.
Und mir auch, im Arbeiten und im Ruhen, jetzt. Denn ER IST DA.

Ich will sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir redet.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998