Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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7. DAS IST MEIN LEIB

"Während des Mahls nahm Jesus das Brot, und sprach den Lobpreis. Dann brach er das Brot, gab es ihnen und sprach: Nehmt! Das ist MEIN Leib".
(Markus 14, 22)

1. GOTT SPRICHT SICH SELBST AUS
In allem, was ist, spricht sich ER aus. Wieso existiert das Universum? Wieso existiere ich? Wieso existiert das Brot? Wieso existiert alles? Wieso existiert(e) Jesus? Weil ER sich ausspricht in allem, was ist. ER IST und spricht zugleich sein Wort. Was spricht er?
"Im Anfang sprach Gott: Es werde (Licht ... Erde ... lebende Tiere im Wasser, auf der Erde und in der Luft ... Bäume ... Menschen), und es ward, und Gott sah, es war gut." So beginnt die Bibel. Der es aufgeschrieben hat, hat das nicht gehört mit seinen Ohren, er hat vielmehr durchgeblickt, er hat es "geschaut". Indem ER ist, ist er Erschaffer, macht er alles aus sich selbst, aus dem NICHTS und alles ist da, so wie es ist. Er spricht sich in uns aus - in allem, was zu sehen ist.
ER selbst, aus dem alles kommt, ist in jeder Hinsicht unsichtbar, unbeweisbar, ist nicht vorhanden im irdischen Sinn, wie ein Haus oder ein Tier oder ein Mensch vorhanden ist. Er zeigt sich, nimmt Form an: Unsere Form, die Form des Universums. So sind wir vorhanden. Das Universum mit all seinen Teilen, also mit mir, der dieses alles anschaut, ist die Außenseite von IHM. Wir können nichts "irdisches" von IHM, von GOTT, sagen, etwa, dass er alles von außen her macht, von außen her erschafft. Er ist ja nicht "draußen".
Warum sagen wir aber, dass er auf uns schaut, dass er uns erschafft, fast wie ein Handwerker etwas schafft ("wie ein Töpfer, der aus dem Ton einen Krug formt", so sagt ein Prophet), dass er sich freut, zornig wird, beleidigt wird, dass er sich ändert oder gleich bleibt?
Wir stellen uns das so vor, wir stellen uns IHN vor, dass er uns ähnlich ist. (Auch die Leute, deren Reden und Gebete sich in der Heiligen Schrift finden, und die uns zum Verstehen helfen, haben versucht, das Wirken Gottes darzustellen. Wie Mose haben sie erfahren, dass er vor unseren Augen ist, sich zeigt, unser Leben ist, und sie stellen es dar, wie sie es können: Es kommt immer irgendwie als menschenähnlich heraus). Doch ER ist mehr.

Sein LEBEN ist es, dass wir da sind. Dass ich eben da sitze und mit Respekt an ihn denke, das ist schon er, das ist seine Gegenwart, sein Leben an diesem Ort und Zeitpunkt der Erde. Und dass ein Mensch im Gasthaus etwas zu essen bereitstellt und andere Menschen auf Rollschuhen vor dem Fenster laut vorbei rollen und dass die Atemluft vorhanden ist, gehört zu meinem Leben dazu - auch darin zeigt sich ER SELBST. Durch all das drückt er sich aus. "Himmel und Erde sind Seine Herrlichkeit" heißt es. Sie sind nicht viele selbständige Wesen, die tun, was sie wollen, sie alle sind Seine einzige Sichtbarkeit. Also: Ich bin seine Sichtbarkeit, sein sichtbare Seite. ER spricht mich aus.

2. ICH UND DER VATER SIND EINS
Jesus hat dies erkannt und ausgesprochen: "Ich und der Vater sind eins". "Der Vater, der in mir ist, vollbringt seine Werke". Er sagt auch, wir können das erfahren: "Sie, die Jünger, sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt: Du hast mich gesandt (ich komme von dir) und die Meinen ebenso geliebt, wie mich" (Johannes 17, 22). Das zielt natürlich auf unsere geistige Verfassung, doch spricht es zugleich unser ganzes Wesen aus: Wir sind durch IHN eins.
Wir - und alle Geschöpfe - sind in derselben Lage wie Jesus. Jesus hat es nur klarer erkannt und aussprechen können. Zum Beispiel im Brot ist das SEIN selbst greifbar. Das ist die Form, in der ER sich zeigt. Auch in euch ist er greifbar. "Wieso?" fragen wir, weil wir nicht durchblicken. Jesus sagt es bei diesem Mahl: "ICH BIN der Weinstock, ihr seid die Zweige daran, getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wer in mir bleibt, der bringt viele Frucht". "ICH BIN" ist der Name von IHM, er ist alles. Die Zweige hängen von ihm ab. Ohne ihn gibt es nichts. Mit ihm ist alles das Leben. Die Jünger haben das an Jesus gesehen und übernommen. Einer hat es so ausgedrückt: "Ich lebe, aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir."
Durch uns tritt ER, der Einzige zutage. Wir sind seine Außenseite, sein Leib. Er ist durch uns, wir sind durch Ihn.

3. WIR LEBEN DURCH IHN
Jesus weiß, dass es noch heute Nacht angeht mit seinem Sterben. Er sagt seinen Jüngern: In mir lebt Gott hier bei euch. Aber wenn ich auch sterbe, das Brot und ihr selbst seid ebenfalls das Leben Gottes. Behaltet die Ruhe, hängt euch nicht an mich greifbaren Menschen! Ihr selbst und alles andere seid eins untereinander, ihr kommt von IHM. Ihr und ich, wir leben weiter, auch wenn wir sterben, weil wir eins sind, einer sogar. Und ER lebt, damit lebt auch ihr.
Später sagen die Jünger über dieses Leben: "Jesus ist auferstanden, und auch wir sind auferstanden". Das meint: ER lebt, und das Wahre, Ewige Leben von ihm zeigt sich in Jesus und in uns und in allen anderen auch. Tödlich ist es, das zu übersehen - das ganze Leben ist dann hoffnungslos arm, weil das Leben nicht erkannt ist.

4. DAS IST MEIN LEIB
"Das ist meine Gegenwart, das bin ich selbst". Ich? ICH, der aus mir spricht, der mit mir eins ist, ist hier - eins mit dem Brot, eins mit allen Dingen, der Eine mit euch. Da bin ich. ICH BIN DA.
Indianische Religionsführer (und indische Weise in den Sutren) sagen dies ähnlich: "Die Erde ist mein Leib", "das alles bin ich". Das ist kein Größenwahn, das ist Einsicht demütiger Leute, die unsere Einordnung in IHN (den "Großen Geist") schauen. Die Welt und jedes Stück darin ist SEIN Leib. Mit Geduld und mit Aufmerksamkeit schauen wir, was ist, und erfahren es ebenso: Das ist Mein Leib.
Jesus hat sich in diesem freundschaftlichen Mahl auch menschlich an seine Freunde verschenkt. Das ist durch Hinschauen zu erfahren - wie es bei jeder Geste und Tat der Freundschaft unter uns auch geschieht. Das ist der menschliche Trost, den Jesus uns angesichts dessen gibt, dass unsere Einbildungen zerbrechen. Ein anderes Selbst-Bewusstsein nimmt an Stelle der Einbildung Platz.

5. Gern hätte ich das deutlicher ausgesprochen, was ist. Aber wie spricht man das Geheimnis des Lebens und der Welt aus? Ich kann nur hinzeigen. Jeder muss selbst mit Geduld hinschauen. (Das ist mystisch schauen - hinter die Kulissen schauen).Wie schauen wir hinter die Kulissen? Wir sitzen und schauen eben. Wir betrachten, was wir sehen, als seine Gegenwart. Wir lassen das Vordergründige, das uns anfliegt, gehen und schauen, ins NICHTS, das alles zusammen hält. Jetzt, hier.
Dann tun wir von selbst, was recht ist und helfen IHM zum Leben in denen, die Hilfe brauchen.
Das bin ich, sagt Jesus. Sage ich das für mich ebenso?

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998