Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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6. ICH BIN NICHT GEKOMMEN, GERECHTE ZU RUFEN, SONDERN SÜNDER

"Jesus ging wieder zum See hinaus. Die ganze Menge kam zu ihm und er fing an, sie zu lehren. Als er von dort weiter ging, sah er den Levi, den Sohn des Alphäus, an seiner Zollstelle sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Levi auf und folgte ihm.
Als Jesus zum Essen im Haus des Levi war, saßen viele Zöllner und Sünder bei Jesus und seinen Jüngern; denn viele von ihnen waren schon bei seinen Anhängern. Als die Toralehrer und die Pharisäer sahen, dass er mit Sündern und Zöllnern aß, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Jesus hörte das und sagte zu ihnen: Die Gesunden brauchen keinen Arzt, aber die, denen es schlecht geht. Ich bin doch nicht gekommen, die ‚Gerechten' zu rufen, sondern die ‚Sünder'".
(Markus 2, 13-17)


1. MITEINANDER ESSEN
Die Leute mit schlechten Papieren, denen es schlecht geht, werden von Jesus gerufen, sie sind seine Anhänger, sie leben und feiern mit ihm, sie sehen: Wir sind gemeint.
Es geht ihnen schlecht, sozial und persönlich.
Leben sie denn "richtig"? Warum schaut man sie als "Sünder" an? Danach wird nicht gefragt, nicht von Jesus und seinen Jüngern.
Sie leben und tun, wie sie können. Sie schlagen sich durch.
Haben sie eine Moral? Ohne Zweifel. Doch denken sie jetzt nicht daran. Es kommt ihnen jetzt nicht darauf an. Worauf kommt es denn an? Dass sie jetzt hier essen und trinken; dass sie hier zusammengehören. WER hält sie hier zusammen?
Der Heilige Augustinus (er war ein Bischof und Lehrer im 5. Jahrhundert) sagt: "Liebe! Dann tu, was du willst". Denn wenn du liebst ( Wen? Das Leben, IHN, den Menschen bei dir), dann wirst du das Rechte tun und es wird dich freuen. Zum Beispiel: Zusammen sitzen und essen, die Wunden heilen und heilen lassen, die das Leben dir und den anderen geschlagen hat. Dann leben wir im Ewigen Leben, besser noch: Das Ewige Leben lebt, und wir hängen drin. Was brauchen wir mehr? ES ist die Wurzel für unser soziales Leben, das wir führen. Wir können nicht anders. Dann geht es uns gut, nichts Böses kann uns berühren, das Selbstmitleid ist weg, die Aggression gegen andere, gegen die ganze Welt ist verflogen, mir geht es ja gut, eben jetzt. Menschen, die sich gemeinsam helfen, spüren das, wenn sie es auch nicht immer klar wissen. Wir schwimmen im Fluss des Lebens, jetzt. Was später mit uns sein wird, wird sich ergeben.

2. "ZÖLLNER UND SÜNDER"
Wer sind sie? Sie sind ganz normale Menschen, sie haben einen Beruf, in dem sie sich und ihre Familie ernähren, sie haben irgendwelche Manieren, sie haben ihre Lebenserfahrung. Natürlich sind sie auf ihren eigenen Vorteil bedacht, natürlich geht eine Menge ihrer Lebensäußerungen daneben (darum werden sie auch "Sünder" geheißen), sie halten nicht alle Gesetze und lassen sich dabei erwischen, vermutlich gehen sie nicht in ihre Kirche. Man will sie dort nicht haben. Denn sie werden verurteilt, weil sie nicht angepasst sind, oder weil sie mit Heiden verkehren, oder weil sie von einer nicht genehmen Partei sind, oder weil sie den Gottesdienst einfach nicht gelernt haben und darum nichts von ihm wissen wollen. Vielleicht haben sie auch mit der Polizei zu tun gehabt, oder aber sie haben keine entsprechende Ausbildung und keinen Beruf und keine Arbeit. Das gibt es alles, es ist alltäglich, es betrifft jeden. Wozu urteilen wir es ab? Sie sind unsereiner, im Prinzip uns gleich.
Jesus hat dem Levi, einem ihrer Zoll-Kollegen gesagt: "GEH MIT MIR". Jetzt kommen sie alle her dazu. Sie feiern eine Fete, eine auffallende, und reinigen dabei ihre Gedanken und Gefühle von der Missachtung, der Niedergeschlagenheit und Fadheit ihres Lebens.
Das sieht ganz gewöhnlich aus und ist es auch. Es ist alltägliches Leben, nichts Besonderes. Jedoch das alltägliche Leben ist SEINE Gegenwart, darin zeigt ER sich, gerade in diesem Essen, diesem Zusammensein. Begehen sie dabei "gute Handlungen"? Was sonst? Sie leben gut miteinander, es macht ihnen Freude.
Wenn sie voll gutem Willen zusammen sind, kommen sie gar nicht zu schlimmen Dingen. (Wenn sie trotzdem solche vereinbaren sollten, werden wir uns schon gegen ihre Übergriffe wehren, aber sicher nicht diese Menschen, die unsereiner sind, da mißachten).
Die früheren, vielleicht begangenen Handlungen, die man uns und ihnen etwa vorhält, sind doch vorbei. Wir haben uns abgewandt davon. Jetzt ist Jesus bei uns, ER selbst ist unser Leben, mitten drin.
Väter und Mütter, die unter allen Umständen zu ihren Jungen halten, kennen das. Alles ist in Ordnung, wenn wir einander zustimmen und die üblen Sachen von früher dort lassen, wo sie sind - im Nichts, in der Erinnerung, jetzt nicht mehr wirksam und wirklich. Jetzt ist es richtig, also: Ewige LEBEN. Die Zöllner merken es.

3. "GERECHTE"
Sie sind ganz gute Leute, sie geben sich Mühe, sie gehören zur Synagoge und gehen hin, sie zahlen ihre Steuern und tun "gute Werke". Sie wissen das auch und haben ihren Stolz darauf. Sie "halten die Gesellschaft zusammen", gehören zum harten Kern der jüdischen Kirche. Sie haben eine Moral und auch (gute) Sitten.
Doch: Können und sollen sie die "Zöllner und Sünder" beurteilen? Wenn sie es tun - tun sie es, um sich selbst als "Gute" herauszustellen? Oder, um ihre Lebensart zu schützen? Setzen sie sich ab, setzen sie sich auseinander, statt sich zusammen zu setzen? Sie sehen nicht das Eine Leben, das wir gemeinsam haben, in dem wir von einander abhängen und alle zusammen von IHM? Da hört es mit den "guten Sitten" auf, das schlägt das gut Sein um in Härte, bös Handeln.

Sind die Kritiker der "Sünder" gerecht? Ja, sie halten die Gebote, leben richtig. Sind sie zugleich auch ungerecht, nicht richtig? Ja: Sie sind hart, sehen nicht das Leben, DEN IN ALLEM. Sie verpassen das eigentliche Leben: Die Einheit mit IHM und den Menschen.
Sie halten sich an ein paar Lehren: Ideologien, begründete Ansichten, Lehrsätze. In der Schule haben sie diese gelernt, sie sind das Gerüst für ihr Handeln und Reden geworden und die Unterlage dafür, wie sie die Menschen einteilen und beurteilen. Sie glauben zu wissen, was richtig ist. Aber sie sehen das Leben nicht.
Schauen sie aufgeschlossen auf die Menschen (ohne sich gegen sie zu verteidigen, ohne sie einzuteilen), was die Voraussetzung für das Zusammenleben ist? Bisher tun sie das nicht. Aber das Urteilen und Einteilen ist der Anfang von jeglichen Religionskämpfen, sozialen und asozialen Auseinandersetzungen, wirtschaftlicher Unterdrückung bis hin zum Weltkrieg.

Jesus sieht die Menschen an, anerkennt sie, ißt mit ihnen, heilt ihre Krankheit und gibt ihnen dadurch die Lebensfreude. Er lebt mit ihnen - sie leben mit ihm. Die "Sünden" verschwinden so von selbst. Wir sehen, wie Jesus mit Leichtigkeit lebt, eben "wie die Kinder": Voll Interesse, Zuneigung, mit amüsierter Zustimmung (mit Freude), mit Humor. Er lässt sich einfach einladen und macht mit dem Leben mit. Er muss ja nicht das eigene Vermögen mehren, sein Ansehen wahren, Recht haben. Vielmehr liebt er IHN, den er "Väterchen" nennt und auf den er in den Menschen und Dingen zugeht.
So können wir auf gleicher Ebene mit einander leben, ohne zu verurteilen. Die Basis dafür ist ER SELBST. Das gilt für uns auch in unserem politischen Leben, für die Menschen im Kosovo, im Sudan, in Amerika, in unseren Kirchen und auf unseren Straßen.


"Ihr seid schlecht dran, ihr Toralehrer und ihr Pharisäer. Heuchler seid ihr. Ihr zahlt eure Steuern noch auf Pfefferminze, Dill und Kümmel und lasst dabei das Wichtigste in der Weisung Gottes außer acht: Wahres Leben, Barmherzigkeit und Treue. Ihr müsst das eine tun, ohne das andere zu lassen. Ihr seid blinde Führer: Ihr seiht die Mücken ab und verschluckt die Kamele".
(Matthäus 23,23)


DER ORT, AN DEM WIR RECHT HABEN

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
Lockern die Welt auf
Wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
An dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.
Aus: Jehuda Amichai, "Zeit"

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998