Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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5. MIT DEM HIMMEL IST ES WIE MIT EINEM SCHATZ


"Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß und kaufte den Acker.
Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß und kaufte sie".
(Matthäus 13, 44-46)


1. WIR GEHEN ICHSÜCHTIG UNSEREN GESCHÄFTEN NACH
Ich schaue das Leben an: Ich sehe zum Beispiel, wie Menschen sich vor dem Gericht um ihr Recht auf ihren guten Namen wehren und bin mit hineingezogen, ich nehme Partei, weil ich als Freund mit lebe. Ich will es so. Ich sehe, wie verfahren wird, wie ein Mensch zum Angreifer wird, obwohl er einmal guten Willens war und es wohl auch noch ist. Aber sein "Ich" hat sich selbständig gemacht, es setzt sich und seine Interessen auf jeden Fall und gewaltsam durch. Dieser Mensch sieht sich und seine vermeintlichen Vorteile und Interessen, er sieht nicht mehr die ganze Wirklichkeit. Ich schaue hin und bin deshalb bedrückt, ich habe sogar Angst, dass es immer so läuft.
Ich ziehe aber nicht den Schluss: Es läuft immer so, dass die Ich-Sucht überhand gewinnt. Es kommt auch vor, dass wir unsere Rolle sehen, die wir in der Welt zu spielen haben und das Leben annehmen, ohne Ichsucht mit allem mit leben. Wir sehen, WER wir wirklich sind, nämlich der Ausdruck des Wahren Lebens, das sich eben in uns ausdrückt. Dann leben wir recht, gerecht, richtig.

2. SCHNITTPUNKTE IM GEFLECHT DER BEZIEHUNGEN
Für mich sieht es so aus: Ich sehe die missratenen menschlichen Beziehungen und auch die geglückten, die zwischen diesem Menschen in seinem Prozess gegen seine Angehörigen laufen. Ich sehe auch all ihre anderen Beziehungen und auch meine Beziehungen zu ihnen. Dieses Geflecht weitet sich blitzschnell aus. Und greift auf alle und alles über. Wie im Dunkel, das unbegreiflich, grenzenlos und ohne Zeit ist, schießen die Beziehungen hin und her. Das geht sozusagen gleichberechtigt, wenn auch mit unterschiedlicher Stärke. Und die Menschen oder Pflanzen oder Sterne sind nicht einfach Endpunkte dieser Beziehungen. Sie sind vielmehr Schnittpunkte, an denen die Beziehungen aufeinander treffen.
An den Schnittpunkten der Beziehungen blitzen momentan Menschen oder andere Wesen auf. Sie treten momentan hervor, sie sind aber nicht vereinzelt, selbständig. Denn die Strahlen gehen gleichzeitig von ihnen aus weiter und bewirken neue Bewegung, neues Leben, das wieder auf andere Lebewesen wirkt. Das alles geschieht gleichzeitig.

Mit einem Mal sehe ich auch auf einem dieser Schnittpunkte mein eigenes Ich herum taumeln, das sich mühsam festhalten will und wichtig macht; doch es ist in Wirklichkeit "nur" so ein Lichtschein, der aus dem Zusammenstoß der Blitze momentan heraus leuchtet.
Es besteht die Gefahr, dass er wieder verlöscht. Wenn ich das merke, habe ich den Schrecken: "Ich habe vergeblich gelebt und gearbeitet", und: "Ich gehe unter und verschwinde im Nichts". Dann aber sehe ich auch wieder: Ich selbst habe mir doch in Wirklichkeit keine Mühe gemacht in diesem Blitzgewitter, es ist eben so gelaufen, mein Ich ist mitgelaufen. Ich kann über mein Ich ruhig sagen: "Es ist nicht selbständig und macht nicht selbständig etwas". Das Ich wird momentan schon irgendwo bleiben, denn ohne die Zeit zu beachten oder zu benutzen, geht das geordnete, für uns unübersichtliche Strahlen seinen Weg. Ich bin dabei zuversichtlich, denn es ist mir klar: Sinnvoll ist alles, richtig, unendlich; nur das Strahlen ist da, von niemand wird es bemerkt, weil da niemand ist, der schaut.
Wo bleibt das Ich, mein Ich? Die Frage stellt sich anders: Wer bleibt? "ICH BIN ist mein Name. Das ist alles." So spricht ER. Er trägt auch mein (vorübergehendes) Ich. Die Bibel sagt von ihm: Er ist der ANFANG von allem. Das Ich hat in dem ganzen Leben vorübergehend mit gelebt und die Erinnerungen, Gefühle gesammelt. Das ganze Leben ist mehr, es ist der Ausdruck des "ewigen", unangreifbaren, handelnden ICH.
Mein kleines ich geht in IHM auf, ist immer in ihm aufgegangen.

3. "DER SCHATZ", DAS FUNDAMENT FÜR UNSER LEBEN
Ein Schatz, der in der Erde vergraben ist, eine besonders wertvolle Perle - sie wird gefunden und gekauft, der Schatz wird mit großer Mühe geborgen, er ist das Himmelreich. Der Schatz, die Perle, das Himmelreich sind nicht zu vergleichen mit anderen Werten, sie sind in ihrem Wert nicht zu bemessen - sie haben keinen vergleichbaren oder unvergleichbaren Wert, sie sind die Grundlage aller Werte, auch unseres eigenen Daseins. Ist ER das selbst?
Aus diesem verborgenen Schatz entstehen wir: Wir alle, unsere Bewertungen, Schmerzen und Freuden auch. Das LEBEN, das DASEIN, eben ES, lässt uns entstehen, zusammen mit allem anderen, und lässt uns leben, in ständiger Veränderung. Es bildet sich dabei immer wieder hier und da ein mehr oder weniger selbst-bewusstes Ich. Und was will das Ich, unser Ich, haben? Beachtung, sein Recht, Sachen, Erfolg, Gesundheit, Einsicht, ein erfülltes Leben und immer auch Menschen um sich herum (es will im Mittelpunkt von ihnen stehen, es will sich nicht zusammen mit allen Menschen und Lebewesen sehen - so wie es Jesus sagt: "Ein einziger Weinstock bin ich, das Leben, ihr seid die einzelnen Zweige daran, alle zusammen gehört ihr in den Weinstock"). Und immer finden wir einen Grund, zu toben, zu verlangen, deprimiert zu sein und die Hoffnung aufzugeben, Angst oder Übermut zu haben. Mein eingebildetes Ich will es so. Dabei läuft das wirkliche Leben auf einer ganz anderen Ebene: Das Ewige Leben lässt seine Strahlen laufen und wir, die Geschöpfe tanzen vorübergehend auf ihren Spitzen.
Müssen wir dennoch dafür sorgen, dass wir wohnen, essen, Aufgaben erfüllen können, mit den Menschen nicht nur auskommen, sondern sie achten und mit ihnen lieben? Ja - aber auch dies alles sind Strahlen des Lebens.

4. WAS IST ZU TUN?
Wir fangen an, nach dem Schatz zu schauen, bis wir ihn finden. Wir versuchen durchzublicken, und er zeigt sich.
Wir räumen die ganze Schicht Erde, die ihn zu bedecken scheint, Schaufel für Schaufel, weg. Wir nehmen innerlich Abschied von den guten Sachen, die wir wünschen und haben oder erreichen wollen. Vom ichsüchtigen Besitzen-wollen hängt unser Glück nicht ab.
Wir brauchen, solang wir unter Menschen wohnen, eine Menge Sachen und gute Worte und Beziehungen, das ist klar, aber sie sind nur das Werkzeug für unser Dasein, nicht sein Ziel und Glück. Wir vertrauen gelassen dem Wirken der Strahlen (Natürlich sind es keine Strahlen, doch das Bild von den Strahlen kann uns helfen, etwas zu sehen; es ist nicht zutreffend, genauso wenig wie das Bild vom Vater im Himmel, vom Ewigen Leben, oder jedes andere Bild zutreffend ist. Wir können nur hin schauen und dann mit einem völlig unzureichenden Bild eine Erklärung stammeln. Das Bild von der Schatzkiste ist ja auch hilfreich, aber nicht ganz zutreffend ).
Ist das mühsam? Wir werden frei, das ist die Freude: Wir räumen ja "in unserer Freude" Schutt weg, der den Schatz zugedeckt hat. Das dauert ein Leben lang. Immer wieder taucht die Einbildung auf: "Ich will ewig leben, ich bin der besondere Mensch, ich muss perfekt sein, ich mache alles, ich bin notwendig, ich will haben", oder: "Ich schaffe es doch nicht". So lang wir ein "Ich" haben, wird es sich egoistisch in dieser Weise wehren.
Wenn wir das "Ich" schießen lassen, kommt ein Menschenleben heraus, das andere zerstört (verbrecherisch, gleichgültig oder auch in scheinbarer Liebe und Aufopferung) und am Ende doch resigniert feststellen muss: Das war das Leben auch nicht, ich bin zunichte geworden.
Das "Ich" bleibt uns ja, solang wir da sind; wir brauchen es, um hier durchzukommen. Nur, es soll sich nichts einbilden, sondern seinen Platz kennen, nämlich: Es ist eine Schöpfung des EINEN ICH, um unser Leben hier zu organisieren. Es besteht aus Erinnerungen und Beobachtungen, die bedacht und eingeordnet werden und aus Überlebenswillen. Es ist ein Kreuzungspunkt der Strahlen.

Ist das schwer zu begreifen? Es ist überhaupt nicht zu begreifen, wir müssen es schauen, leben.
Den Schatz, das Wahre ICH, den müssen wir heben, und alles andere fahren lassen. Es ist immer dasselbe: "ER, unser Gott, ist der Eine. Ihn sollst du lieben mit ganzem Herzen!", so sagt es Mose, und alle weisen Führer der Menschheit, auch Jesus.
Das Leben wird dann ohne viel Quälerei gehen, wenn auch die Angst manchmal aufsteigt, wenn auch "Unglück" jeder Art auszuhalten und zu überwinden ist, das Ich wird mit Vertrauen, Hoffnung, Liebe IHN leben lassen. Alle anderen Wünsche, Ansichten, Ziele und Ängste hat es ja aufgegeben.

4. WIE SIEHT DAS PRAKTISCH AUS?
Das geht bei jedem anders, je nachdem, wie er in der Lage ist, sein kleines Ich und seine Wünsche zu beherrschen.
Das Ziel ist immer, IHN, der nicht zu sehen ist, zu schauen,
aus IHM, aus dem alles kommt, selbst zu kommen,
wie Johannes vom Kreuz (der es ausprobiert und erfahren hat) sagt: Wir müssen durch die "Nacht der Sinne" gehen, alles los lassen, damit die "Nacht des Geistes", das "ICH BIN" Gottes, uns erfassen kann. Wir nennen die "Nacht" auch das Ewige Leben, in dem wir IHN, das Wesen der Welt, schauen. Johannes sagt, eine größere Freude gibt es nicht; denn alle Unruhe ist dann aus dem Leben geschwunden, trotz größter Schwierigkeiten, die kommen werden.

Wann geschieht die Suche und das Finden?
Wann - wenn nicht jetzt?
Wer sucht und wird finden? Wer - wenn nicht ich?
Wäre es anders, hätte Jesus umsonst gesprochen.
Jetzt, setz dich hin, schau hin, nimm wieder Abstand, wenn das Ich dir schöne oder böse Sachen vor Augen stellt, und schau weiter hin! Der Grund deines Seins ist ER.

5. Hat das Jesus alles gesagt?
Er hat gesagt: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben lag. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß und kaufte den Acker".

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998