Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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4. IHR WERDET AUFATMEN FINDEN FÜR EUER LEBEN


"Kommt alle zu mir,
die ihr euch plagt und schwere Bürde zu tragen habt!
Ich werde euch aufatmen lassen.
Mein Joch nehmt auf euch und lernt von mir;
denn sanft bin ich und von Herzen niedrig,
und ihr werdet Aufatmen finden für euer Leben.
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
Denn mein Joch drückt nicht und meine Bürde ist leicht".
(Matthäus 11, 28- 30)


1. WEM SAGT JESUS DAS?
Diese Aufforderung von Jesus stammt aus einer Sammlung von Reden, die Jesus den Leuten von Galiläa gehalten hat. Denen ging es damals in jeder Hinsicht schlecht: Wegen einer drückenden Besatzung, eines ausbeutenden Wirtschaftssystems, einer allgemeinen Verachtung, wegen ständiger Aufstände, an denen sie beteiligt waren (aber sie konnten nicht anders), wohl auch wegen des religiösen Fundamentalismus bei ihnen. Sie suchten immer Führer, um aus dem Elend heraus zu kommen, Führer mit religiösen Ideen. So liefen sie auch Jesus nach, weil sie seine menschlichen Qualitäten und seine religiöse Kraft erkannten. Diesen Menschen sagt Jesus dies.
Diese Rede wird uns heutzutage vorgelesen und wir können sie selbst lesen - Bücher gibt es genug - also geht sie auch uns an. Wir können auf sie hören.

2. WOMIT PLAGEN WIR UNS?
Als junge Menschen treten wir - wenn sie uns nicht zu sehr niedergemacht und belastet haben - mit Mut an. Wir haben Illusionen, Pläne, Hoffnungen und auch Kraft, um anzupacken. Freilich, was immer wir auch anpacken, wird anders, als wir erträumten (wir bauen unser Leben ja nicht allein auf, die ganze Menschheit tut es. Lebewesen und Dinge, jeder Stein kann uns weiter helfen, oder auch aus unserer Bahn werfen, sogar jede Bakterie; jeder Zu-Fall lenkt unser Leben um, jede Begegnung mit Menschen ebenso. Wir schwimmen im Leben mit. WER bestimmt es?).
Manchmal hat einer Erfolg, um den er beneidet wird: Beruflich, in der Familie, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, sportlich, im öffentlichen Ansehen, in der Zuneigung von Menschen. Andere treten mit schweren Belastungen an: Durch gesundheitliche Verfassung, behindernde Erziehung, politische und wirtschaftliche Lage, Vorurteile, Verbrechen, die an ihnen begangen werden, mangelnde Ausbildung, Ideologien, in die sie gezwungen wurden, und mehr. Sie leben damit und kämpfen sich durch. Ist das weniger staunenswert?
Merken wir, dass wir nicht aus eigener Kraft zum Erfolg oder aus eigener Schuld (allein) zum Misserfolg kommen? Oder erreichen wir aus eigener Kraft den Erfolg, den wir anstreben und den, in den wir hinein wachsen? Wir leben gemeinschaftlich in einem größeren Leben, in dem uns täglich zukommt, was wir gerade brauchen (um dabei zu sein), und in dem wir etwas tun, das weiter gehen wird und weitergeht. Sind wir es, die etwas erreichen oder erkämpfen, oder wachsen wir in das ganze Leben hinein, von allen begleitet und ertragen - oder besser gesagt: Von IHM getragen und geführt?

Dies einzusehen, fällt uns schwer. Wir lassen uns enttäuschen, wir glauben, zu versagen. Doch wir sind mitten im Leben, und ständig kommt aus unserem Leben das Leben aller anderen Lebewesen, die Veränderung des Daseins aller anderen Dinge. Wir haben dabei die Befriedigung des Daseins. Doch wir tragen dabei auch die Last der Enttäuschung, der Einsamkeit, des Schwindens der Kraft, der scheinbaren Sinnlosigkeit, Armseligkeit, des übersehen Werdens. Wir sind menschlich allein oder einfach müde, wir haben Angst und Ängste, wenn wir uns in unseren Gedanken die Zukunft vorstellen, wir werden alt und sterben langsam, in Unwissenheit. Obwohl wir jeden Augenblick eingebaut sind in die ganze Schöpfung und Menschheit, sind wir in Gefahr, dies überhaupt nicht zu merken.
Das ist die Last, die wir dann auch die vielen anderen Menschen schleppen sehen. Wir sehen die Menschen, die uns lieb sind, unter derselben Last leiden und können scheinbar nicht helfen (doch dabei stehen können wir).

3. WER BRINGT BEFREIUNG VON DER BÜRDE?
Jesus sagt: Ihr müht euch ab, kommt! Ich helfe euch zur Ruhe, zum Leben, zum Frieden in euch, jedenfalls aus der Unruhe zur Ruhe, aus dem Jagen und Gejagtwerden in die Gelassenheit, aus dem scheinbaren Allein stehen in das mit einander.
Wer seine Lage erkennt, weiß, dass er Menschen braucht, die diese Lage verstehen und neben ihm stehen. Nicht die üblichen "Belehrer der Menschheit", sondern die Menschen, die dies aus eigener Erfahrung kennen, können die Freunde sein, die bei uns stehen. Und: ICH BIN ES, sagt Jesus, der euch frei macht, ihr könnt aufatmen.

4. WORIN BESTEHT DIE BEFREIUNG VON DER BÜRDE?
"Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen" sagt Jesus. Du schleppst Lasten herum: Deine Verantwortung, dein Nicht-Fertig-Werden, dein "Versagen" (wie du meinst. Aber versagst du denn? Hast du dir nicht nur vorgestellt, wie du gut sein willst, hast einen anderen angesehen und dir vorgenommen, ihn ganz leicht zu überholen- dabei hat er doch eine ganz andere Art zu leben! Du musst dich nicht vergleichen, sondern d e i n Dasein annehmen); du willst anderen helfen in ganz hervorragender Weise; du glaubst, eine drückende Veranlagung zu haben; oder aber: Du bist krank; du musst Menschen ertragen, die unerträglich sind; du musst Normen erfüllen, die zu hoch sind; du bist hinaus gestellt worden und jetzt allein; du fürchtest für die Zukunft der Erde und der Menschheit, jeder hat eine Last zu tragen, oder hat sich eine aufgeladen oder sich eingebildet.
Wir alle haben die Last der Vergänglichkeit, der künftigen Vernichtung, des Todes, und wir spüren täglich: Wir sind vorübergehend, ganz gleich, wie wichtig wir zu sein scheinen.
Jesus ist selbst da durchgedrungen und hat gemerkt: "Ich und der Vater sind eins", nicht ich lebe da, sondern ER lebt, und zwar in mir - in mir, dem Menschen, der aber unzertrennlich verbunden ist mit den anderen Menschen, mit den Aposteln, mit jedem von uns, und mit der Erde und dem Universum. Wir alle sind eins. Und wenn ich mich rette, rette ich die Menschheit neben mir und vor mir und nach mir. Ich lebe ja, aber tatsächlich ist ER es, der lebt und sich in diesem Universum zeigt.
Mehr noch ER lebt und lässt das alles fließen und leben, und ich schau das an und fließe mit. Was auszuhalten ist, das hält ER aus, und was zu lieben ist, das liebt ER. Komm zu dir selbst, Mensch! Glaub nicht, dass du selbst all das tun musst, was du dir vorstellst. In IHM bist du aufgehoben. Heb dich doch nicht wieder von ihm ab!
Das sagt Jesus: Schau auf mich - ich bin drauf gekommen, dass ER in allem sich zeigt. Er zeigt sich auch in mir. ER ist in mir für dich der vertrauenswürdige Kamerad, Vormann, Mitmensch. Du musst nicht alles planen, wünschen, ausführen, aushalten, dich verewigen. Du bist verewigt in IHM.
Mach es dir nicht schwer, sondern schau, was ist, greif an, was du kannst, liebe, was da ist! Vergleiche dich nicht mit denen, die es scheinbar besser machen oder haben, sondern geh Schritt für Schritt deinen eigenen Weg, ohne Bedauern. Merkst du, dass gar nicht du selbst ihn gehst, sondern dass du auf dem Weg geschoben und getragen wirst (wenn du dich nur nicht selbst schwer machst und von dir aus gehst).
Versagen gibt es dabei nicht, du lebst ja der Kraft entsprechend. Ruhig, ohne Bedauern nimmst du die Wirklichkeit an.

5. WAS IST MIT DER SCHULD, DIE WIR "IMMER" AUF UNS LADEN?
Schuld und Sünde, was ist sie? Sondern wir uns eigensüchtig - oft merken wir es gar nicht und wollen es auch nicht - vom nächsten Menschen ab? Benützen wir ihn, haben wir Angst vor ihm?
Etwas abgegrenzt sind wir immer vom Nächsten, weil wir eben besonders und auch eingeschränkt sind. Doch übersehen wir oft, dass wir alle von dem EINEN Geist leben, dass ER unser eigentliches ICH ist. Daraus kommen unsere Missverständnisse, und unser Ich setzt seine Interessen durch, wir bedrücken dann den Nächsten, leben auf seine Kosten, stellen uns über ihn - die Verwirrung, Absonderung, treibt uns auseinander.
Ichsüchtig stellen wir uns gegen IHN, das Leben: Das ist die Sünde. Was ist zu tun?
Wir werden einsehen, dass wir von IHM leben, und dass jeder von ihm lebt; dann sind wir zugleich auch dem anderen Menschen zugetan. Er ist ja meinesgleichen. Ist er sogar ich selbst?
Wenn uns das bewusst wird, sind wir schon umgekehrt zu IHM, der sich auch in Jesus gezeigt hat. In jedem Menschen zeigt ER sich auch. Das ist die Umkehr. Die Folgen unseres vergangenen Handelns (ohne es weiter moralisch zu bewerten) müssen wir und müssen auch die anderen freilich tragen. Wird Gott die Sünden vergeben? Er hat schon vergeben, er gibt uns ja jeden Augenblick die Chance des Weiterlebens (er wird uns ja gut sein, wenn er selbst unser ganzes Leben ist, und wenn wir die Erscheinung seines Lebens sind).
Etwas anderes ist es, ob wir die Angelegenheit mit einem Menschen besprechen sollten, ob wir uns mit der Gemeinschaft, die wir ja durch unser eigensüchtiges, unglückliches Verhalten belasten, aussöhnen sollen - das sind Fragen des Verhaltens der Buße, eventuell einer Beichte. Aber die Sünden selbst und die Beschämung durch die Sünde brauchen uns nicht mehr zu belasten. Sie sind ja vorbei, "vergeben" sagt Jesus dazu. ER lebt und wir ziehen mit ihm.

Nicht wir bringen uns zur Vollendung, sondern ER, das Ewige Leben kommt zu sich selbst Das muss nicht unbedingt in diesen Lebensjahren komplett sein. Eine weitere Existenz, Katholiken nennen es "Reinigungsort", "Fegfeuer", wird wohl folgen, weil uns noch irgendwelche Anhänglichkeiten daran hindern, mit IHM völlig eins zu sein und in ihm aufzugehen.. Wir werden dann eben weiter befreit und aufgerichtet.
Wann wird uns wirklich Ruhe verschafft? Jetzt, wenn wir die Last des kleinen "ich" abwerfen und mit unserem Bewusstsein ins große ICH einsteigen, das sowieso unser Leben ist.

Meister Eckehart (er lebte im dreizehnten Jahrhundert und lehrte, IHN zu schauen) sagt:
Ich will sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir redet.
Jetzt, hier!

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998