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3. GLÜCKLICH SIND, DIE ARM SIND VOR GOTT, IHNEN GEHÖRT DER HIMMEL


"Glücklich sind, die arm sind im Geist, denn ihnen gehört das Reich der Himmel!"
(Matthäus 5, 3)

Das ist der erste Satz aus der Bergpredigt von Jesus, die wir als die Urkunde, das Grunddokument der Aussagen von Jesus anschauen, und damit als das Grunddokument des Christentums. Damit ist die Bergpredigt und dieser Satz auch wesentlich für unsere Zivilisation und für unsere Lebensführung.

1. DIE ARMEN
Wir sehen und hören die, die arm sind. Wer sind sie? Wir schauen nicht weg. Sie leben fast ohne Eigentum, sind übersehen oder erniedrigt neben den anderen, sind ihnen ausgeliefert, sogar aussichtslos in dieser Lage, sie sind aus ihrer Heimat ausgetrieben. Wir sehen das alle Tage, wenn wir nicht weg schauen. Viele von uns haben diesen Zustand selbst schon erleben müssen.
Wir können auch Arme sehen, die freiwillig arm sind, von einfachster Lebensart, ohne Möglichkeit und Willen zur Rückkehr in "solide", die Kultur genießende Lebensart und in die "gehobene" Gesellschaft. Freiwillig arm kann jemand werden aus Solidarität mit den Armen, oder um frei zu sein zum Kämpfen, aus Gründen der Religion oder der Erfahrung Gottes, als Einzelner oder in einer Gruppe. Auch das können wir sehen, wenn wir wollen und wenn wir nicht weg schauen.

2. ARM IM GEIST
Reichtum und Wohlhabenheit im Geist sehen wir auch: Wir hören, wie Menschen sich äußern voll Einbildung auf ihre sozial gesicherte Stellung, mit Stolz auf ihre intellektuelle Kraft, auf eine bestimmte Art von Kultur; wir leben mit der Vorstellung, Menschen anderer Kultur oder Ausbildung seien unkultiviert, ungebildet; wir sehen die Einbildung auf bestimmte soziale oder religiöse Leistung, als sei diese selbst erworben und nicht vielmehr von der Gesellschaft der Menschen vorbereitet und damit geschenkt.
Jesus erzählt davon, eigentlich liebevoll, amüsiert, doch es ist ernst:
"Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: O Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch, dieser kehrte als Gerechter nach Haus zurück, der andere nicht." (Lukas 18, 9-14)
Der Pharisäer ist als Mitglied einer Vereinigung zum Studium der Weisung Gottes, der Bibel, angesehen. Der Zöllner übt seinen Beruf in Kooperation mit dem Feind, den heidnischen Römern, aus und wird darum verachtet und gemieden.
Wenn beide in ihrem Leben etwas Gutes tun, was zweifellos der Fall ist, wer hat sie dazu befähigt? Was stammt bei den guten Taten mit Sicherheit von ihnen selbst, persönlich? Kann der Mensch dafür Anerkennung und Lohn in irgendeiner Art verlangen, etwa von Gott? Er ist doch vom LEBEN in diese Lage gebracht worden und bewährt sich darin mit den Kräften, die ihm gegeben worden sind. Er wird mit dem "gut Leben" beschenkt. Der Zöllner sieht seine Lage realistisch, darum verlangt er nichts, er bittet nur um die Zuwendung.

Gemeint ist also: "Arm vor Gott": Ich habe nichts selbst Erworbenes vorzuweisen, nur vom LEBEN Geschenktes; ich selbst bin nicht wirklich, ER ist wirklich in mir. In dieser Sache gibt es keinen Unterschied unter uns allen.

3. WER BIN ICH?
Ich bilde mir nichts ein, will mir keine Vorstellung von meinem "ich" ein-bilden. Die Realität von uns Menschen ist doch: Wir sind völlig abhängig von IHM, dem EWIGEN LEBEN. Sogar: Wir sind eigentlich nicht selbst, sondern ER ist, er ist das SEIN. Er spricht sich aus, drückt sich aus, und sein Ausdruck und Wort sind wir.

Wir existieren im Zusammenwirken aller Wesen, die von ihm (alle zusammen) abhängen. Sind wir überhaupt selbst? Ist das "ich bin selbständiges Individuum" nicht eine Ein-Bildung, eine Fiktion? Sind wir nicht wie Maschen in einem Netz, das sich dauernd verändert und neu geknotet wird? Oder besser: Sind wir ein Funken in einem Feuer, der zugleich die Hitze des ganzen Feuers ausdrückt, der zur ganzen Hitze beiträgt und wieder in die Glut zurückfällt? Oder: Sind wir Kreuzungspunkte von Strahlen, die immer neu entstehen und weiter strahlen (so würde es wahrscheinlich ein Naturwissenschaftler ausdrücken), auf unserer Erde und im Universum? Wir alle, Universum und einzelne Menschen mitsamt ihrem Umfeld und ihrer Lebensgemeinschaft sind das Handeln des EWIGEN LEBENS, der Ausdruck Gottes. Wir bekommen das Leben und geben es weiter, von allen an alle; nicht wir selbst, sondern das LEBEN tut das. "In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir" sagte Paulus zu den griechischen Philosophen in Athen. Steigt ab von eurem eingebildeten Egoismus! ER ist unser Leben, und deshalb ist er niemandem von uns fern!

4. WAS IST DANN MEINE EIGENE LEISTUNG?
Obwohl wir uns Mühe geben, Prüfungen bestehen, Kubikmeter von Arbeit wegschaufeln, nachdenken und studieren, scheinbar das Leben anderer beeinflussen, ist alles nicht nur unsere eigene Leistung (und die Anerkennung, auf die wir so scharf sind, gehört nicht unserer Leistung, sondern ist die Anerkennung Gottes selbst, aus dem alles ist). Dass all das ist und lebt, das ist ja ER - das Leben, das Sein, die Liebe, die alles aufbaut und zusammenhält.
Mit welcher Ruhe können wir dann das Geflecht des Lebens anschauen, in das wir eingeflochten sind? Was auch geschieht: Wir bilden uns nichts ein auf eigene Leistung und Stellung, denn ER ist am Werk, am Leben. Freilich übernehmen wir doch die Verantwortung für das, was wir tun und für das, was wir unterlassen, (denn er ist unser ich, wirklich vorhanden). Wir sind ein Kraftpunkt in diesem ganzen Geflecht, auch wenn wir von IHM abhängig und belebt sind.

Sind wir selbst gar nicht existent? Doch, wir existieren selbst; aber wir müssen nachsehen, wer dann die "eigene Persönlichkeit" ist, was das ist: "ich". Das ist wohl vorhanden, wenn auch von IHM in jedem Augenblick ermöglicht.
Wir können auch sehen, wie gebrechlich das alles ist, wie viele Milligramm irgend einer chemischen Substanz genügen, unsere momentane Persönlichkeit, Einsicht, Willenskraft zu verändern oder zu vernichten? Wie leicht wird unsere ganze Existenz durch einen einmaligen "Unfall" verändert bis zur völligen Lebens-Unfähigkeit. Wie viele Lebewesen leben und handeln andererseits mit uns zusammen, damit wir selbst leben können!
Doch existieren wir offensichtlich selbst (durch ihn, unser Leben), und sind eine selbständige Person, die die Verantwortung übernimmt für das, was sie tut oder unterlässt. Aber die Kraft zum Handeln bleibt uns geschenkt, die Hilfe wird uns gewährt. Richtig sagen wir deshalb: "DU! Sei mir Armen gnädig". Er wird auch gnädig sein.

Wenn wir - wie der Pharisäer in der Geschichte, die Jesus erzählt - die landläufig "Sünden" genannten Handlungen vermeiden, wer hat uns dazu gebracht, erzogen, beeinflusst, gefördert, wer hat die Schienen für unser Verhalten, Denken und Handeln gelegt? Immer waren es Menschen, immer war es der "Lauf der Welt", in der wir leben. Und WER ist der Lauf der Welt - oder: WER zeigt sich im Lauf der Welt und dem Leben der Menschen? Ist unser Leben nicht einfach - immer nur SEIN Ausdruck? So ist es geborgen, aufgehoben, "hergestellt" durch Ihn.

5. GUT DRAN SIND, DIE ARM SIND
"Arm vor Gott" sind, die einsehen, dass sie der Ausdruck des EWIGEN LEBENS sind. Sie bilden sich nicht ein, dass ihr "ich" ewig sei und dazu die Wurzel aller Erfolge und aller Tätigkeit. Denn "ich lebe; aber nicht ich lebe, sondern ER lebt in mir", er drückt sich aus in mir. Er sagt: Ich lebe in dir und in allem anderen, was da ist. Muss ich mich dann gegenüber den anderen abgrenzen? Wohl bin ich mit ihnen in Konkurrenz, oder in einer ideologischen Auseinandersetzung, oder sie kommen mir zu nah, oder ich muss mich dagegen wehren ausgenutzt zu werden - das alles geschieht, doch das ist eben das Leben, das abläuft und in dem ich meinen Platz habe. Ist mein eigener Anteil am Leben nicht auch das Leben aller anderen?
Doch zugleich leben wir durch IHN Sein Leben. Wer das mitbekommt und sieht, dass ER lebt und wir SEINE Form sind, hat"Sünde und Tod überwunden", der "ist auferstanden". Von wem können wir das sagen? (Für solche, die in der Heiligen Schrift lesen: Vom wem sagt dies Paulus? Etwa nur von Jesus allein?).

6. HAT JESUS DIES ALLES MIT SEINEM AUSSPRUCH GESAGT?
Wir sagen das alles. Aber wir hören es aus dem Wort von Jesus, es steckt drin.
Hat Jesus das gewusst? Es ist aus seinem Leben und seinen Reden offensichtlich, dass er es unendlich tiefer und klarer gewusst hat, als wir es wissen.

Selig sind die, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Reich der Himmel!

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998