Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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2. WER DAS REICH GOTTES ANNIMMT WIE EIN KIND, DER KOMMT HINEIN

"Man brachte Kinder zu Jesus, damit er ihnen die Hände auflegte.
Die Jünger wiesen die Leute aber schroff ab.
Jesus sah es, entrüstete sich und sprach zu ihnen:
Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran!
Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.
Wirklich, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der kommt nicht hinein.
Und er schloss die Kinder in seine Arme, legte die Hände auf sie
und sprach den Lobpreis über sie."
(Markus 10, 13-16)

1. WAS IST DAS REICH GOTTES?
Der Himmel, oder "das Reich Gottes" ist dies: ER lebt jetzt, er wirkt und schafft jetzt; wir sind der Ausdruck seines Daseins und Schaffens. Nicht wir existieren so neben einander und neben ihm, sondern: Dass ER lebt, drückt sich durch unser Dasein aus. Dass wir - die Welt und wir darin - leben, das ist ER. Wir sind seine "Außenseite".
Verwirrt uns das? Nein das muss uns nicht verwirren, das kann uns klären. Uns verwirrt viel mehr die Vorstellung, die wir uns von ihm machen; Nämlich wir sagen "Gott", und meinen einen, der "über den Sternen" wohnt, der irgendwie, unerklärlich unser Leben dirigiert, uns beobachtet, straft und belohnt. Irgend eine Art Mann, der alles macht und der väterlich auf uns schaut. Oder irgend eine Idee von "gut und stark", die hinter der Welt steht. Wir hätten es so mit einer Idee, einer Vorstellung, einer Ideologie, aber nicht mit IHM SELBST zu tun. Solang wir in dieser Weise denken, werden wir immer herum suchen und versuchen, alles mögliche zu glauben, und diesen Glauben gegen Zweifel (auch unsere eigenen) zu verteidigen suchen. Aber das gelingt uns nicht. Also gehen wir blind durch die Zweifel durch: "Es muss so einen geben, so ein höchstes Wesen, ich muss das glauben".

Hat etwa Jesus in dieser Weise von IHM gesprochen? Natürlich sagte er: "Der Vater im Himmel", aber er sprach dabei vom Leben der Welt, ihrem Ziel und ihrem Anfang, von der Kraft des Lebens, die alles macht. Wie hätte er seine Erfahrung von IHM denn ausdrücken sollen und seine Hingabe an IHN? Da fehlen die Worte. So sagte er eben einfach: "Vater", in seiner Sprache: "Abba".

Nein, schau lieber hin, was ist, denke dir nichts aus und sag nicht einfach nach, was du einmal gelernt hast! Schau hin und verlass dich auf das, was du schaust ...Das, was jetzt gerade geschieht, ist die Gegenwart, das Reich Gottes. ER tut es, du musst es nur bemerken. Schau nicht auf deine Vorstellungen, wie es sein müsste, auch nicht darauf, was du einmal gelernt hat, sondern schau hin, was ist! ER IST DA. Das ist "sein Reich".

2. WAS TUN DIE KINDER?
Also versuchen wir es, wie die Kinder. Was tun die? Sie schauen neugierig, mit wachen Augen hin auf das, was sie sehen. Was sehen sie: Jetzt eben sehen sie eine Katze. Sie staunen, sie greifen nach ihr, sie begreifen sie: Eine Katze. Sie leben mit ihr, sie haben eine Freundin im Leben gewonnen, nicht eigensüchtig, sondern selbstvergessen (sie denken nicht nach, sie urteilen nicht). So werden sie eins: Die geschaute Katze (das Objekt), der schauende Mensch (das Subjekt) und das Schauen selbst sind eins geworden: Eine Begebenheit, eine Handlung, eine Einheit: Mensch-Katze-Leben. So leben sie, unbehelligt von allem Guten und Bösen, ohne Sorge und ohne Erinnerung: Jetzt, im Dasein, im DASEIN. Die Kinder und Menschen zu aller Zeit müssen so tun. So wird das Leben geschenkt. Wir sind DA.

Die Kinder galten zur Zeit von Jesus nicht viel, Sie sind klein, man macht nichts her mit ihnen, sie haben kein Ansehen, sie stehen ganz unten. Sie können sich nicht auf Vermögen, moralische Leistung, öffentliche Stellung berufen - sie haben das alles nicht. Nichts haben sie und scheinbar sind sie auch nichts. Sie müssen sich alles schenken lassen. So drängen sie sich in die Gesellschaft von Jesus oder werden hinein gedrängt. Jesus gibt ihnen, was sie brauchen: Beachtung, seine Gesellschaft, seine Freundschaft, er legt ihnen die Hand auf "und segnet sie". Er nimmt sie an, sie nehmen ihn an.
Er gibt sie denen als Beispiel, die herum denken, die vor Gott etwas erreichen wollen, die sich selbst "aufbauen". Nehmt IHN an, wie ein Kind das tut!

3. DAS REICH GOTTES ANNEHMEN WIE EIN KIND
Wir nehmen "das Reich Gottes" an, wie ein Kind, das selbst nichts ist. Wir lassen uns beschenken. Mit dem Leben und Dasein Gottes werden wir beschenkt. Er ist der Fluss, in dem alles schwimmt, die Kraft, die alles zusammenhält: Die Sterne, die Steine, die Menschen, die Familien, unsere Lebensmittel und den, der sie aufnimmt, auch noch die Teile der Geräte, die zu unserem Dienst von Menschen mit Sachverstand in Hingabe zusammengebaut sind, alle sind Ausdruck dieses Lebensflusses, dieses Daseins - darum nehmen wir sie an und lieben sie, leben mit ihnen. Sie alle leben durch diese KRAFT, sind eins durch sie. Wir nennen die Kraft auch "Liebe".

Nicht denkend, nicht "kombinierend", nicht mit Logik, und gar nicht mit Urteil, auch nicht mit wissenschaftlichem vergleichendem Blick, sondern einfach und direkt schauen wir, was sich hier bietet. Keine Berechnung, wie wir das Objekt für uns ausnutzen, verändern, kaufen, verwenden können, darf uns hindern, direkt zu schauen; auch wenn wir dann tatsächlich kaufen oder verändern. Ebenso schauen und hören wir ohne Hintergedanken auf den Menschen, der uns aus irgendwelchen Gründen vor die Augen kommt. Uneigennützig leben wir mit ihm. Nur dann erkennen wir ihn. Dann kann es sein, dass wir IHN, den Ewigen, erkennen. So wie es die (unverdorbenen und undressierten) Kinder tun: Probieren wir es aus!

Jesus sagt das einmal so: "Selig, die ein reines Herz haben, die werden Gott schauen" (Matthäus 5, 8). Die ohne Hintergedanken, ohne Berechnung und Taktik, ohne den anderen für sich benutzen zu wollen, klar und offen und gerade zusammen mit dem anderen Menschen oder dem Objekt leben, die haben nicht eigene Ziele und Vorteile vor Augen. Sie leben im einen SEIN. Im Bewusstsein der Einheit teilen sie das Leben, das sich anbietet. Sie lassen das LEBEN durch sich wirken, denn; Nicht wir leben selbst für uns, sondern ES lebt.

4. DAS REICH GOTTES ANNEHMEN (Ein Beispiel):
Wie ein Kind, das etwas Neues sieht, mache ich einen Erkundungsgang, einen Spaziergang. Warum? Ohne Warum und ohne Zweck. Um zu schauen, was ist. Und um die HERRLICHKEIT, das LEBEN zu sehen. Es ist ebenso in mir.
Ich gehe in der Welt Gottes, Schritt für Schritt. Es muss nicht ein Land sein wie Griechenland, mit Meer und Felsen und Pinien.
Ein ruhiges Tal in Franken tut es auch (ist das etwa weniger Schönheit?),
eine Stadt-Einfahrt, eine Straße, die in unsere Stadt hinein führt, mit ihren kleinen Fabriken und Auto-Abstellplätzen, abbruchreifen Baracken, struppigen Straßen-rändern und zertretenen Bierdosen ist auch recht,
sogar der Schrotthaufen einer Autoausschlächterei.
Freilich sind wir dahin erzogen, dass es unserem Auge mehr schmeichelt, die "unzerstörten" Geschöpfe zu sehen, die gepflegte Landschaft, den ungestörten Sonnenaufgang, das dunkle Licht eines Gewitters ...
Doch überall ist zu sehen, was wirklich ist, und das rührt unser Herz an, alles ist da, lebt, gott-geschaffen,
überall ist der wilde Geruch zu spüren, dem wir folgen,
umfährt uns der Wind, macht uns die Kälte frisch, sehen wir das unterschiedliche Licht und den Schatten, schmecken und fühlen wir das, was ist.
Du gehst und schaust. Nicht dein Auge allein, du selbst öffnest dich,
du tauchst in das Leben ein, in das DA SEIN.
Schon die weggeworfene Plastikflasche taugt dazu: Da liegt sie wirklich, dabei steht ein Grasbüschel, staubig und voll Kraft, die Distel steht zart und sicher daneben und die Ameisen arbeiten unverdrossen.
Und ein Mensch kommt, du hörst seinen Schritt auf der Straße, er gehört in diese Welt in der er arbeitet (unter anderem auch für dein Überleben), schau hin ...

Sehr wohl kann es uns dabei ergehen wie dem Mose auf dem Berg im Sinai, als er den brennenden Dornbusch sah und auf einmal merkte: Hier ist heiliges Land. Ihm wurde klar ("er hörte"): "ICH BIN DA. Das ist mein Name für immer."
Hat Mose, als fachmännisch arbeitender Schäfer, eine Naturerscheinung untersucht? Nein Er hat hingeschaut auf das, was ist und zu sehen war. WEN hat er gesehen, WER hat sich ihm plötzlich gezeigt in dem Feuer, das aus dem Busch schlug? DASEIN, das DASEIN ist.
Wie oft haben wir so geschaut, auch auf Menschen. Doch wir waren nicht geduldig genug, und haben übersehen, WAS da ist, bei Menschen und Dingen. ER lässt sich schauen, wann er will. Doch ich muss aufmerksam sein, uneigennützig mich vom Himmel einnehmen lassen. Und wirklich: Da ist ER. Wenn du wie ein Kind wirst, kannst du schauen, WAS IST; jetzt, nicht später.


"Du liebst alles, was ist und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast.
Denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen.
Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben,
oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre.
Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens;
Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist."
(Buch der Weisheit 11, 24-12, 1)

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998