Hilfen zur Kontemplation nächstes Kapitel
 
 
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ERSTER ANHANG: TEXTE

Aus dem "Cherubinischen Wandersmann" von Johannes Scheffler, dem "Angelus Silesius":

Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht.
Wer es nicht selber wird, der sieht ihn ewig nicht.

Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht,
so fällt der Zufall weg. Das Wesen, das besteht.

Die Schrift ist Schrift, sonst nichts. Mein Trost ist Wesenheit,
und dass Gott in mir spricht das Wort der Ewigkeit.

Die Menschen plappern viel. Wer geistlich weiß zu beten,
der kann mit A und O getrost vor Gott hin treten.

Eh' als ich noch war, da war ich Gott in Gott;
Drum kann ichs wieder sein, wenn ich nur mir bin tot.

Du sprichst, du wirst Gott sehen und sein Licht.
O Narr, du siehst ihn nie, siehst du ihn heute nicht.

Gott hat nicht Unterschied, es ist ihm alles ein:
Er machet sich so viel der Flieg' als dir gemein.

Mensch, wo du noch was bist, was weißt, was liebst und haßt,
so bist du, glaube mir, nicht ledig deiner Last.

Mensch, wenn du noch nach Gott Begehr hast und Verlangen,
so bist du noch von ihm nicht ganz und gar umfangen.

Geh hin, wo du nicht kannst! Sieh, wo du siehest nicht!
Hör, wo nichts schallt und klingt: So bist du, wo Gott spricht.


Der Abt Bernhard von Clairvaux sagt:

"Glaube mir, denn ich habe es erfahren:
Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in Büchern.
Bäume und Steine werden dich lehren,
was du von keinem Lehrmeister hörst."


Johannes Tauler sagt:

"Wenn der Mensch in der Übung der inneren Einkehr steht,
hat das menschliche Ich für sich selber nichts.
Das Ich hätte gerne etwas
Und es wüsste gerne etwas
Und es wollte gerne etwas.
Bis dieses dreifache Etwas in ihm stirbt,
kommt es den Menschen gar sauer an.
Das geht nicht an einem Tag
Und auch nicht in kurzer Zeit.
Man muss dabei aushalten,
dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren
Und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert
Und wären die Phantasien, die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was du auch tust.
Und so hättest du den Frieden deines Herzens und Freude,
und dich störte nichts mehr von dem,
was dich jetzt ständig stört,
dich bedrückt und dich leiden lässt."


Aus dem Gesang der Gesänge (dem "Hohen Lied"):

Auf meiner Ruhestatt
In den Nächten
Suche ich ihn,
den meine Seele liebt,
suche ich ihn
und finde ihn nicht.
Aufmachen will ich mich doch
Und die Stadt durchziehn,
über die Plätze, über die Gassen,
suchen, den meine Seele liebt!
Ich suchte ihn
Und ich fand ihn nicht.
Mich fanden die Wächter,
die in der Stadt einherziehn -
"Den meine Seele liebt,
saht ihr ihn?"
Kaum war ich an ihnen vorbei,
da fand ich, den meine Seele liebt.
Ich faßte ihn an
Und ließ ihn nicht los.


Buddhistische Mönche beten so (und Zen-Leute beten mit ihnen):

"Die Lebewesen sind zahllos,
ich gelobe, sie alle zu retten.

Täuschende Gedanken und Gefühle sind grenzenlos,
ich gelobe sie alle zu lassen.

Die Tore der Wahrheit sind unzählbar,
ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.

Der Weg des Erwachens ist unübertroffen,
ich gelobe, ihn ganz zu gehen."


"Ich nehme Zuflucht zum Buddha.
Ich nehme Zuflucht zum Dharma.
Ich nehme Zuflucht zur Sangha."

(Das kann auch heißen:
Ich nehme Zuflucht zu IHM.
Ich nehme Zuflucht zu SEINER Erscheinung hier.
Ich nehme Zuflucht zur Gemeinde SEINER Leute.)


ZWEITER ANHANG: ÜBUNG DER KONTEMPLATION


Ich suche mich selbst, mein Leben, die Kraft zum Leben, die Ruhe, die Gelassenheit. "Dich, Herr suche ich, verbirg dich nicht!"
Kontemplation ist die bewährte Form der Meditation. Wir finden sie in der Tradition der Offenbarung, in der Erfahrung der Kirche, in der Erfahrung der Menschheit. Sie ist das wortlose Beten zu IHM, sie ist das Ruhen in IHM, der "DA IST", der "das DASEIN ist".
Es gibt keine andere Möglichkeit, sie zu lernen und in die Lebenshaltung der Kontemplation zu kommen, als sie zu üben. Im Lauf der Zeit geht uns das Licht auf, und zwar immer neu, wenn wir dazu bereit geworden sind.


ICH
WILL SITZEN
UND SCHWEIGEN
UND HÖREN, WAS GOTT IN MIR SPRICHT,
sagt Meister Eckhart.

1. ICH
Ich will da sein. Ich bin nicht wo anders, nicht in meinen Gedanken, Gefühlen, Emotionen, meiner Selbst-Verteidigung, in meinen Plänen, nicht in meinen Vermutungen von meiner Minderwertigkeit, nicht in meinen Vorstellungen vom Leben, von Dingen, von mir und von Gott; das alles lege ich beiseite. Wenn mir solches kommt, schau ich es freundlich an (es gehört ja auch zu meinem Leben), was es auch sei, und lege es ab. Denn Jetzt bin ich hier da.

Jetzt bin ich da.
Sorgfältig und aufmerksam bemerke ich mich: Meinen Körper vom Fuß bis zum Kopf, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen, vom Herzen bis zum Atem; mit dem Körper ist auch mein Ich da, der Träger von allen Vorgängen im Leib und in meinem Geist, soweit er sich in mir auswirkt und von mir aus zu vielen anderen Wesen und Objekten ausstrahlt und von dort selbst wieder angerührt wird. Ich existiere, hier, jetzt eben.

2. ICH WILL SITZEN
Ich will in Ruhe sein, nicht etwas tun, nicht einmal mich aufrecht halten, meine Muskeln dazu anstrengen, sondern einfach völlig ohne Mühe da sein. Das geschieht am Besten, wenn ich mich setze (Auf einen Stuhl, auf ein Kissen, auf ein Bänkchen, auf meine Füße), und zwar wirklich gerade, aufrecht, mit gerader Wirbelsäule bis zum Kopf einschließlich. Ich schaue gerade vorwärts, nicht gebeugt, den Blick leicht nach unten gesenkt - aber den Kopf gerade, als ob jemand mich am Scheitel nach oben zieht. So bin ich im Raum aufgestellt, mitten zwischen unten und oben, unverspannt und locker.

3. ICH WILL SCHWEIGEN
Dabei atme ich ruhig und tief und achte auf meinen Atem. Diese äußere Ruhe wirkt auf mein ganzes Sein, die Lockerheit macht mich empfänglich, ich achte auf meinen gleichmäßigen Atem. Sonst tu ich nichts. Aber es geschieht mir etwas.
Ich denke über nichts nach, ich denke mir nichts aus, ich mache mir keine Vorstellungen, ich bekämpfe diese auch nicht. Die Gedanken und Vorstellungen kommen von selbst, doch will ich sie nicht festhalten.
Ich schaue hinein, in das was ist, nicht in das, was mir vorkommt. Das heißt: Ich schaue noch hinter meinen Leib und hinter meinen Geist. DAS, WAS IST, ist gewiss in mir, innen. Es ist auch in dem, was vor mir ist (das ist die Wand, eine Fläche des Raumes vor mir - jedenfalls kein Bild oder ein Gegenstand, an dem sich meine Kontemplation aufhängt). Ich merke die ruhige Abfolge meiner gleichmäßigen tiefen Atemzüge sein (es gehört zu meiner ruhigen Haltung, auf sie zu achten), doch was ist dahinter, was ist die Erhaltung der Atemzüge oder von mir selbst?
Ich will schweigen und mir keine Gedanken machen.

Ich kann sorgfältig auf meinen Atem achten, der gleichmäßig und tief und ruhig geht, entsprechend meiner geraden und ruhigen Haltung. Wenn ich auf ihn achte, wird nichts anderes in meinem Bewußtsein Platz haben, und ganz ruhig komme ich immer tiefer in die Leere, die ER ist.

Wenn immer noch Gedanken und Gefühle, Sorgen und Lebenserfolge, Aggressionen und Faszination von Menschen zu mir kommen, so kommen sie eben, ich identifiziere mich nicht mit ihnen, ich halte sie nicht fest, sie ziehen an mir vorbei, wie eine leichte Tabakwolke vor meinem Gesicht vorbeizieht, ich bleibe unbewegt in Ruhe und schaue, achtsam. Diese Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und Pläne mögen schlimm sein oder äußerst angenehm, ich nehme sie ruhig zur Kenntnis, lasse sie weiterziehen und sitze in Ruhe, ich schweige in mir.
Ich sitze in Ruhe und werde so mit IHM eins. Wer mit Ihm eins ist, wird zu gegebener Zeit auch mit seinen Menschen eins sein und er wird die Lösung für die Sorgen aus sich heraus finden, oder die Kraft, sie auszuhalten. "Die Freude an Gott ist unsere Kraft". Er wird sie also zur gegebenen Zeit lösen. Er sagt: ICH BIN DA.
Ich sitze treu, ich gebe nicht auf!

Dazu suche ich mir einen guten, ruhigen, Platz, und habe nichts Besonderes vor Augen.

4. ICH WILL HÖREN, WAS GOTT IN MIR SPRICHT
Er spricht immer das Eine: ICH BIN DA. Es hört sich - je nach meiner Verfassung, je nach der Frage, für die ich eine Antwort brauche, je nach meiner Offenheit - immer verschieden an. Aber es ist immer: ICH BIN DA.
WER ist da? Wo? Wann? Wer ist "ich"?
Wer durch die (bewusste, unruhige, auch die unbewusste) Schicht seiner Persönlichkeit durchdringt, findet den Kern seines Seins. Mach dir kein Bild davon - sieh ihn!
Lass immer wieder los, was an Gedanken, Aggressionen, Gefühlen, Plänen herumtobt! Das sind alles Ein-Bildungen. "Wer sein Leben verliert, der wird es finden".
Was ist dann zu tun mit meinen Sorgen, meinen guten Ideen, meinen Erfahrungen vom Leben, meinen guten Plänen? Lass sie gehen! Jetzt schau, was jetzt ist. Die ganzen Sorgen, Ideen sind alle in Ihm aufgehoben. Wenn du in die Lage kommst, etwas herausfinden zu müssen oder in Ordnung zu bringen oder dich auseinander zusetzen, wird Er da sein (in ihm leben wir ja), und die Lösung wird sich geben, oder die Kraft, das alles auszuhalten, oder die Einsicht, damit zu leben.
Er ist da - deine Aufregung und dein Angeregt Sein ist nur die Oberfläche des ganzen tiefen Seins. Die Kraft aus der Tiefe, das Leben wird durch dich die Lösung bringen, und du hast die Freude dabei, die Ruhe, die Gelassenheit.

5. FÜHRUNG AUF DEM WEG DER KONTEMPLATION
Du hast das Licht in dir. Du kannst es entdecken. Es ist aber immer die Gefahr, dass wir etwas erkennen, aber nicht durchblicken, verwirrt sind, und etwas dazu einbilden. Es ist angebracht, sich der Führung eines in der Kontemplation erfahrenen Menschen anzuvertrauen. Der wird uns zwar nichts Neues bringen, denn alles ist ohnehin in uns da: ER lebt in uns, Sein Licht macht uns hell. Aber er wird uns helfen, Klarheit zu finden, in Ruhe zu bleiben, Irrwege auf dem Weg zu vermeiden. Ein Führer auf diesem Weg ist - ebenso wie eine Gemeinschaft - sehr angeraten. Beide sind auch zu finden, wahrscheinlich in der Nähe.

6. AUFERSTEHUNG
(Matthäus 12,38-40)
"Einige Lehrer des Gesetzes Gottes und Pharisäer fingen an und sagten zu Jesus: Meister, wir wollen von dir ein Zeichen sehen. Er aber fing an und sagte: Eine böse und ehebrechende Generation verlangt ein Zeichen! Doch ihr wird kein Zeichen gegeben, nur das Zeichen des Jona, des Propheten. Ja, wie Jona war: Drei Tage und drei Nächte im Bauch des Seeungetüms - so wird auch der Sohn des Menschen sein: Drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde."
Was sehen und erleben wollen sie, die Vormänner in der Religion. Aber sie werden nichts sehen, außer sie lernen zu schauen. Jona war drei Tage im Bauch eines Ungetüms, in der Finsternis seines Lebens. Er kam heraus und konnte sprechen von dem, was er von Gott wußte. Er hat nicht mehr sein altes Leben geführt, er hat gemerkt, dass ER sein Leben ist. Und die Leute staunten und vertrauten ihm. So blieben sie am Leben (oder kamen zum LEBEN).
Der Sohn des Menschen kommt durch Leiden und Sterben zum LEBEN, in die HERRLICHKEIT; wir nennen das "Auferstehung". Auferstehung ist jetzt, da kommen wir hin. Wir sind ja kein böses Geschlecht, das die Verbindung mit IHM aufgegeben hat und hinter den greifbaren Lockungen das Glück sucht.
Darum kommen wir hin. Wann? Wie?

Ich will sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir spricht.

 
© Hannjürg Neundorfer nächstes Kapitel
gestalt: jouaux 1998