Jürgen Kuhlmann

Nichts ändert sich - aber das Neujahrsfest ist keine Lüge


Anlaß: Neujahr; abgewandelt auch bei Geburtstagen verwendbar
Botschaft: Obwohl sich scheinbar nichts ändert, feiern wir
mit Recht das göttlich Neue mitten in der Welt.
Themen: Alles bleibt beim alten, warum Neujahrsfest? -
in der Tiefe ist alles schon neu: - a) Geschöpfe werden je
jetzt aus dem Nichts ins Sein geholt - wie Aida von Verdi -
b) dank Christi Erlösungstat haben das Böse und der Tod
ihre Macht verloren - Silvesterorgie als Heilsgleichnis
Ziel: Der Hörer glaubt, seinen bleibenden Sorgen zum Trotz,
an den Sieg des Neuen Seins.


Neujahrsfeiertag ist heute, wieder einmal. Was feiern wir? Ist die neue Ziffer in der Jahreszahl es wirklich wert, daß alle Geschäfte und Ämter zu sind? Die Frage stellt sich, denn außer dieser Ziffer wird scheinbar nichts neu am heutigen Tag. Wer in der Nacht allzu fröhlich war, hat jetzt einen Kater, das ist nichts Neues, das war immer so. Und wen gestern Schulden oder Streit oder Schmerzen quälten, dem sind sie heute nicht weg: von Neu keine Spur. Ist das Fest demnach eine Lüge? Treibt unsere ganze riesige Zivilisation auch in diesem Punkt Unsinn? Wie in so vielen anderen Punkten, weshalb ein geistvoller Mensch von unserer »Zuvielisation« spricht ...

Doch nicht nur bei uns: in jeder großen Kultur wird Neujahr gefeiert. Jede empfindet den Jahresrhythmus als so wichtig, daß zu Beginn eines Jahres alle Menschen sich von der Plackerei ihres Alltags zu lösen versuchen und - auf ganz verschiedene Weisen, mit einer bunten Fülle von Festbräuchen - eben Neujahr feiern. Wenn dieser uralten Sitte scheinbar nichts wirklich Neues zu Grunde liegt, weil eh' alles immer weiter seinen alten Trott geht: was bedeutet dann die seltsame Feierei? Was alle Völker seit jeher in dem Bewußtsein tun, daß es sich einfach so gehört, das sollen wir nicht für unsinnig halten, nur weil wir es nicht gleich verstehen. Gewiß hat jeder für sich das Recht, als Neujahrsmuffel den Rummel zu schwänzen. Sogar ihn dürfte aber die Frage reizen: Warum? Weshalb feiern die Menschen überall eine Neuheit, von der doch gar nichts zu sehen ist!

Die Frage ist für alle gleich; die Antwort fällt verschieden aus, je nachdem, in welcher Glaubenswelt eine Gemeinschaft lebt. Wir hier wollen eine christliche Antwort suchen. Warum feiert, obwohl heute im Grunde nichts anders ist als gestern, die Christenheit trotzdem Neujahr?

Die Antwort ist leicht gesagt aber schwer einzusehen: Daß immer schon Alles im tiefsten Grunde neu ist, müssen wir hie und da symbolisch erleben, sonst bleibt diese entscheidende Lebenswahrheit verborgen. Was immer und überall wahr ist, wird allzu leicht übersehen, vergessen, so daß uns ein mögliches Glück verloren geht nur weil wir nicht auf es achten.

Haben Sie sich heute schon gefreut, daß Sie - schnaufen können? Wer weiß, vielleicht ist jetzt irgendwo ein Mensch am Ertrinken, ein anderer wird erdrosselt, Tausende röcheln beim Asthma-Anfall. Wir hier können frei atmen, und sind nicht einmal dankbar dafür. Satt sind wir auch, mag sein übersatt. Wäre in unserem Bauch der Schmerz des Straßenkindes am Bohren, das in einer Mülltonne nach Eßbarem sucht, dann wüßten wir bei der nächsten Mahlzeit, wie wunderbar gut es uns geht.

Wie beim Körper, so bei der Seele. Aus dem Nichts schafft Gott die Welt jeden Augenblick neu. Gerade jetzt, da wir uns hier miteinander besinnen, denkt der unendliche schöpferische Geist das ganze Universum aus, und darin jede und jeden von uns, so ähnlich wie ein Dichter seine Romangestalten erschafft oder - das verstehen wir alle - wie wenn ein Schüler die Figur sich denkt, über die er eben seinen Phantasieaufsatz schreibt. »Gott sprach: es werde, und es ward«, dieses geheimnisvolle und heißt es recht verstehen.

Es bedeutet nicht: und daraufhin ward es, wie in dem Satz: Der Starter schoß, und los rannten die Läufer. Nicht von außen schafft Gott, sondern ganz von innen. Jenes und heißt vielmehr: und das heißt, wie in dem Satz: Verdi denkt sich Aidas Liebesarie aus, und das heißt: Aida singt ihr Liebeslied. Verdis Denken schafft Aidas Sein. Nicht so, daß Aida ein Ergebnis außerhalb von Verdis Denken wäre; nein: unmittelbarer Inhalt seines Denkens ist sie, so daß sein Denken an sie zugleich ihr Dasein ist.

Diese innige Einheit von Schöpfer und Geschöpf ist das Denkmodell, wie wir Gottes Schöpfertat an uns (= unser Geschaffensein in Ihm) verstehen können: Nicht ihr äußeres Ergebnis sind wir, sondern ihr innerer Inhalt; nicht unsere äußere Ursache ist sie, sondern unser innerster Grund. Deshalb geschieht die Erschaffung unserer Welt eben jetzt. Weil Gott uns in diesem Moment ausdenkt, darum sind wir da, frisch aus dem Nichts geholt. Wahr ist das jede Minute an jedem Tag; weil heute aber Neujahr ist, deshalb soll es uns auch bewußt werden, hoffentlich so lebhaft, daß wir es nicht gleich wieder vergessen. Stellen Sie sich einen Sonnenaufgang am Meer vor, wenn unser Lebensstern, der schon lange seinen roten Vorschein an den Himmel warf, plötzlich im eigenen scharfen Glanz über den Horizont heraufblitzt, und der neue Tag ist da: dann sehen Sie in einem anderen Bild dasselbe göttlich Neue der Schöpfung symbolisch dargestellt, das wir an Neujahr feiern und im Frühling besingen: Alles neu macht der Mai. Immer bedeutet ein irdisch Neues (heute die Ziffer der Jahreszahl, beim Sonnenaufgang das Tageslicht, im Mai die Blütenpracht) das ungeheure, wunderlich tiefe NEU der Schöpfung: daß es überhaupt etwas gibt, sogar uns, und nicht bloß nichts. Die umstürzende Neuigkeit jedes Augenblicks überstrahlt alle Banalität des Alltags und ist wahrhaftig wert, gefeiert zu werden: von jedem einzelnen am Geburtstag, und gemeinsam eben heute am ersten Tag des neuen Jahres.

Den Glauben an Gottes stets neue Schöpfertat teilen wir Christen mit den Anhängern anderer Religionen, die ebenfalls den Schöpfer verehren. In einem genaueren, auch geheimnisvolleren Sinn christlich wird die Deutung des Neujahrsfestes, sobald wir bedenken, daß die ganze Welt in Christus geschaffen ist, der als Mensch geboren, gekreuzigt und für ewig auferweckt wurde. »In Ihm wurde das All erschaffen« (Kol 1,16).

Das bedeutet: Nicht allein den Sieg des Neuen über das dumme alte Nichts feiern wir heute, sondern viel mehr: Jesu Triumph über das wirkliche Böse und den furchtbar realen Tod und all das verzweifelt banale Gezerre der Welt, von dem wir oft so wehrlos niedergemacht werden. Dennoch ist es damit im Grunde schon vorbei, sogar von Anfang an, weil die Welt in Christus dem Todesüberwinder geschaffen ist. Das alte Arge, das jeden Menschen erst arg bedrängt und zuletzt vernichtet: es gilt schon nicht mehr, gleicht dem blutigen Verband, den ein Schauspieler noch beim Schlußbeifall trägt, wenn seine Elendsrolle doch schon ausgespielt ist und jeder weiß, daß der Arm unter dem Verband ganz gesund ist. Diese allertiefste Neuheit der Welt selbst da, wo sie scheußlich lastet und rettungslos zu Grunde geht: sie wird vom christlichen Neujahrsfest bedeutet; zu eben jenem neu-heilen Grund darf alles Gewordene, alt Gewordene gehen, denn »der auf dem Thron sitzt, sprach: Siehe ich mache alles neu« (Offb 21,5).

Manche verrückten Einfälle phantasievoller Leute verbergen in sich einen seltsam großartigen Sinn. Als noch die sog. gute alte Zeit war, soll es bei ungarischen Adeligen einen besonders stilvollen Silvesterbrauch gegeben haben. In einer deutschen Familie erzählt man immer noch das Erlebnis eines Ahnen: Eines 31. Dezembers bat er als junger Reisender an einer Schloßpforte um Unterkunft. Sie ward ihm gewährt, und auch ein Gedeck an der Silvestertafel im Festsaal. Fröhlich speiste, trank und tanzte man bis kurz vor Mitternacht. Beim zwölften Glockenschlag erlosch das Licht, auf sprang die Flügeltür, herein kamen ein paar hübsch gewandete Sauhirten samt ihren Pfleglingen, und die Tür fiel zu. War das eine Hetz'! Es kreischten die Damen, es quiekten die Ferkel, es brüllten die Herren, wenn sie statt der Schweine einander erwischten, Glas und Porzellan klirrte in Scherben. Als das Licht wieder anging, begab die Gesellschaft sich, ohne die Kleidung zu wechseln, in den ebenso festlich gedeckten Saal nebenan und tafelte fort bis tief ins Neue Jahr hinein.

Ja so war'n s', die Herren der Puszta. Stellen Sie sich nun vor, Sie säßen erschöpft, in zerrissenem, rundum bekleckertem Gewand, aber glücklich, mit dem frisch eingeschenkten Glas in der Hand neben Ihrem oder Ihrer Liebsten an der neuen Tafel: dann haben Sie ein wunderbares Bild unserer erlösten Wirklichkeit. Hätte Jesus diesen ungarischen Brauch gekannt, so hätte er vielleicht ein hübsches Gleichnis daraus gemacht: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Neujahrsfest, wo die Menschen mitten in greulicher Unordnung vor Glück strahlen, weil es angesichts der neuen Pracht um sie her auf ihre Kratzer und Beulen, Flecken und Risse überhaupt nicht mehr ankommt. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Neues Jahr!

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