Jürgen Kuhlmann

Wir sind Gottes Musik


Anlaß: Kirchenchor- oder Orgelfeiern; Musiker-Freizeiten
Botschaft: Musik verkündet Gottes Heil: daß auch wir - wie die uns bedeutenden Töne - nicht bloß arme Geräusche sind, sondern ewig klingende Akkorde und Melodien.
Themen: Der Liebe Nahrung - Musik fordert geistliches Urteil - das Wort aber auch - der Ton bedeutet dich - gefangen im Hier und Jetzt? - Ton als Schwingung: Leben - im Akkord: Größe - in der Melodie: Ewigkeit
Ziel: Der Hörer versteht seine Musik-Heils-Erfahrung.


"Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter, gebt mir volles Maß!" Speise der Liebe - mit diesem schönen Namen der Musik fängt ein Stück von Shakespeare an; und auch wir hier, vor dem Angesicht Gottes, dürfen unser Nachdenken über die Musik damit beginnen lassen, weil sie nicht nur die irdische Liebe nährt, vielmehr - das haben wir wohl alle schon erlebt - auch Vertrauen und Liebe zu Gott. Woran liegt das? Wie schafft es ein Lied, das wir singen, oder ein Klang, der uns erreicht, daß wir plötzlich herausgerissen werden aus der Enge des Alltags, daß unser Herz sich weitet und aufschwingt zum Bewußtsein seiner heiligen Würde? Welches Sinngeheimnis pulst in der Musik, so daß sie uns den Glauben vermehrt, die Hoffnung stärkt, die Liebe entzündet?

Sind Töne, Melodien und Harmonien nicht ebenso gebrochene, zweideutige Geschöpfe wie alles sonst auf der Welt, das erst durch "Christus das Ja" (2 Kor 1,20) erlöst werden muß? Mit welchem Recht heißt Bach der fünfte Evangelist? Und was ist von den Menschen zu halten, die seine gottbegeisterten Kantaten nicht beim Gottesdienst, sondern als Konzert erleben und vom Text kaum ergriffen werden, um so mehr von der Musik? Kommt das Evangelium bei ihnen an? Davon sind die einen überzeugt, andere reden gar von Götzendienst: Hier werde menschgemachte Musik auf den Altar gestellt, der nur Gott und seinem Wort gebührt. Genies wie Bach oder Bruckner, so behauptet einer ihrer unkirchlichen Freunde, hätten im Grunde an die Göttlichkeit der Musik geglaubt, seien nur aus historischem Zufall, also eher aus Versehen Christen gewesen. Befinden wir uns also im Spannungsfeld widersprüchlicher Religionen? Wie kommt ein Christenherz, das seinen Glauben und auch die Musik liebt, mit dieser schroffen Front zurecht?

Indem es sie noch verschärft. Ja: die Musik ist zweideutig, kann als Gott-Ersatz mißbraucht, d.h. vergötzt werden. Sie kann aufputschen - denken wir an Kriegstrompeten oder die Nationalhymnen vor einer Fußballschlacht - wo Gott Frieden will. Oder Musik lullt ein, täuscht die heile Welt dort vor, wo nüchterne Mühe verlangt ist. Wer ohne Gedudel auch dann nicht auskommt, wenn er sich konzentrieren sollte, der lauscht nicht der Offenbarung, sondern erliegt einer Droge. Der Musik uns hingeben dürfen wir nur, wofern wir "ohne Unterlaß beten" (1 Thess 5,17), wenn wirklich das Neue Lied erklingt, nicht irgendein heilloser (wenn auch noch so kunstvoller) Lärm der alten, unerlösten Welt.

Aber an solcher Zweideutigkeit leidet jede menschliche Sprache, nicht nur die der Musik. Wieviele ungeistliche Worte sind nicht auch schon von Kanzeln herab gepredigt worden! Zum Aufhetzen und zum Einschläfern braucht es keine Musik. Sogar ein überaus korrekter Gottesdienst kann sich bei dem oder jenem als Götzenwahn auswirken: wenn nämlich eine solche Seite der vielpoligen göttlichen Wahrheit ins Licht gerückt wird, die sich bei diesem Menschen ohnehin schon überstark vordrängt, und die Seele aus der Balance des Heils stürzt ... Genau besehen, verläuft die Front zwischen weltlich und göttlich also nicht zwischen der Musik und dem kirchlichen Wort, sondern scheidet mitten in jedem irdischen Bereich die noch unerlöste Geschöpflichkeit von jener Neuen Schöpfung, welche - dank Jesu Tod und Auferstehung - zu jeder Zeit und an jedem Ort von Gottes Liebe kündet. Zu ihr gehört auch die Musik. Was ist nun ihre ganz besondere Weise, wie gerade sie die Heilsbotschaft uns ins Herz trägt?

Die Musiksprache besteht aus Tönen. Sie erklingen miteinander als Akkorde und nacheinander als Melodien. Meist ohne es ausdrücklich zu merken, vergleicht nun der Mensch sich selbst, so wie er in einem bestimmten Augenblick da ist, mit einem einzelnen Ton. Ein Element der Menge "Menschheit" entspricht einem Element der musikalischen Menge. Diese Gleichung bietet sich unserem Gefühl wie selbstverständlich an.

Aus diesem schlichten Ansatz ergibt sich das Wunder der musikalischen Heilsbotschaft. Um das zu verstehen, wollen wir uns zunächst die seelische Situation bewußt machen, in der die Musik uns antrifft: Ich, diese(r) Einzelne, fühle mich allzusehr meiner Kleinheit "verhaftet", erfahre mein getrenntes Sondersein zuweilen fast wie ein Raum-Zeit-Gefängnis. Zum einen bin ich bloß hier. Die anderen, meine Mitmenschen, sind oft nur Neben-, ja Gegenmenschen; das große Ganze, zu dem wir angeblich alle gehören, ist höchstens eine blasse Idee, wird nicht verspürt. Hier bin ich - und drüben ist der Rest der Welt, so ähnlich kommt das "denkende Schilfrohr" (B.Pascal) sich vor; vom Raum des Ganzen ist mir nur ein winziges Stück zugemessen, der Rest ist fremd, anders, kalt.

Zum andern bin ich bloß jetzt. Jener Mensch, der ich früher war (derselbe? ein anderer?), er bin ich nicht mehr, er ist vergangen, vorbei wie die Kielspur des Schiffes im wieder glatten Meer. Und jener, der ich sein werde (vielleicht), er ist noch nicht wirklich, ihn gibt es erst als Mögliches, als schillernde Seifenblase, oft allzubald zerplatzt. Scheinbar ist mein Leben also nie ganz da, immer bin ich bloß jetzt, nicht auch damals und dann; von der ganzen Zeit steht mir je nur ein winziger Ausschnitt offen, der Rest ist versperrt.

Dies ist die Grundsorge eines Menschen in jedem Augenblick: nur ein Stäubchen zu sein, verloren in Raum und Zeit. Und dann umgibt ihn Musik. Da ist kein Ton allein, jeder gehört zu Akkorden und Melodien; sie lassen auch den geringsten Ton nicht einsam, sondern nehmen ihn in ihren Gesamtklang auf - wirklich ihn selber, eingeschmolzen wird er nicht. Sehen Sie: Deshalb ist die Musik der Liebe Nahrung. Denn eben das ist Liebe: Mein Ja zu dir, dein Ja zu mir, dein und mein Ja zu uns, unser Ja zu dir und mir. Solch drei-einiges Ineinander von Selbständigkeit, Hingabe und Gemeinschaft ist Liebe. Ähnlich wie die Musik das Liebesganze für jeden Einzelton ist, so dürfen wir, die scheinbar vom Ganzen Abgeschnittenen, an Gott glauben, dessen Heil jeden von uns in all seinen Momenten umfaßt. Denn "Gott ist LIEBE" (1 Joh 4,8).

Dringen wir in dieses gewaltige Gleichnis tiefer ein. Grundelement aller Musik ist, erstens, der Ton. Wann ist ein Geräusch ein klingender Ton? Bei regelmäßiger Schwingung. Ich streiche mit nassem Finger über den Rand eines Weinglases und höre, wie aus dem Reibegeräusch der Ton aufblüht. Um für die göttliche Musik zu taugen, muß auch ich schwingen: in mir selbst gespannt sein, nicht dumpf oder schlapp oder starr. Und das bis in den Körper hinein: es macht einen wesentlichen Unterschied, ob ich mich sackgleich polternd die Treppe hinab bewege oder federnd wie ein Ball und dabei von der Fußsohle bis in die Schultern die Lebensspannung verkoste. Ebenso beim Verhältnis zu den Mitmenschen: Anklang finden oder auch eine gespannte Situation aushalten kann ich nur, wofern ich selbst Schwingung bin, nicht bloß Lärm. Diesen Gegensatz von Geräusch und Ton meinen die schönen Worte der Pfingstsequenz, wenn die Kirche den Heiligen Geist (d.h. die innergöttliche Lebensschwingung!) anruft: "Beuge, was verhärtet ist, wärme, was erkaltet ist, lenke, was da irre geht!" Ja: Laß heilsam gespannt schwingen, klingen, singen, was ohne DICH bloß platschen, kratzen oder scheppern würde.

Ein Ton ist, zweitens, meist nicht allein, sondern verbindet sich mit anderen zu Akkorden, seien die eher disharmonisch oder harmonisch. Wirklich ist nicht der vereinzelte Ton, vielmehr das Klanggefüge, für das er freilich in seiner besonderen Höhe und Klangfarbe durchaus notwendig ist. Ähnlich bin ich keineswegs nur jenes winzige Etwas, als welches das Telefonbuch oder doch wenigstens die Bevölkerungsstatistik mich kennt, einer von Milliarden. Sondern ich bin ein Bestandteil der Weltmusik, ohne den sie nicht die wäre, die sie ist, besser: die sie nach des Schöpfers Willen sein soll, aber nur ist, wenn ich mitklinge. "Sym-phonie" heißt Mitklang; sooft wir eine anhören, sollen wir wissen: Jener Baßgeigen-Brummer eben oder dieser Oboen-Seufzer oder gar nur das Triangel-Tönlein jetzt, das bin ich, doch eben nicht nur das, sondern die ganze Symphonie, von diesem einen Ton aus erfahren, ja mitgestaltet. Erst diese Grundeinsicht bringt unser Weltgefühl zu seiner Wahrheit: Nicht losgelöstes Einzelnes dem Ganzen gegenüber bin ich, auch nicht nur sein Teil, vielmehr dieses Ganze selbst, freilich von jenem bestimmten Ton aus vernommen, der ich - als Einzelwesen - sein darf und soll, als Organ aber, in welchem das Ganze sich auslebt, nicht bloß als isolierte Sache neben anderen, ebenso armen Sachen.

Ein Ton ist, drittens, meist Glied einer Melodie und als solcher das hinreißendste Symbol für die menschliche Hoffnung auf Ewiges Leben. "Wie lange wollen Sie denn noch leben?" Wird mein 101jähriger Freund so gefragt, antwortet er verschmitzt: "Ebenso lang wie Sie, natürlich ewig!" - Wie erfassen wir eine Melodie? Immer nur so, daß sie zum Teil physikalisch bereits vergangen, dem erlebenden Bewußtsein jedoch noch Gegenwart ist! Anders könnten wir nicht einmal "Hänschen klein" pfeifen. Die Gegenwart ist eben nicht bloß die unausgedehnte Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wäre sie das, könnten wir keine Musik erleben. Damit eine Tonfolge als Melodie, als zusammenhängende Einheit, erfahren werden kann (nicht nur erschlossen!), muß ihr ganzes Beziehungsgefüge zugleich und miteinander bewußt sein.

So bescheiden diese Erfahrung ist - über mehr als ein paar Sekunden hinaus schafft unser irdisches Bewußtsein ja kaum die lebendige Vergegenwärtigung dessen, was objektiv schon vergangen ist - so ist sie doch stark genug, unsere Hoffnung zu entflammen. Gottes allumfassendes Jetzt hält unmittelbar gegenwärtig, was uns vergangen scheint. Nicht ins Nichts, sondern in solch lebendiges Gewesensein läßt der Tod uns fallen.

Aber jene schrillen Stellen und Mißklänge, deren Geschichte wie Gegenwart so grausam voll sind? Sie darf unser Hoffnungsmut nicht rechtfertigen. Kindertränen sind nicht nötig für irgendeine höhere Harmonie. Nicht erklären sollen wir das Böse, sondern bekämpfen, in uns umd um uns. So sehr es aber auf Erden immer wieder zu triumphieren scheint: dann, im Zusammenklang des Ganzen, wird seine Nichtigkeit offenbar, und auch die geheime Schönheit des bewältigten Leidens.

"Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag," Millionen von Schallplattenrillen wie ein nie verklungener Ton. Der Zehnjährige, der ich gewesen bin, die vier Zwanzigjährigen, die meine Urgroßmütter werden sollten, jener Adam, der seinen äffischen Geschwistern affig vorkam: sie alle sind zwar vorbei, aber gleichwohl da und am Leben, gerade so wie "Hänschen klein" äußerlich schon vorbei ist, wenn gleich "die weite Welt" ertönt, und trotzdem in mir ganz da - wie könnte er sonst in sie hineingehen?

All dies ist natürlich nicht wißbar, sondern eine Glaubenswahrheit. Daß es dem Ton in der Musik so geht, läßt sich erfahren; daß die Töne aber uns bedeuten, können wir nicht wissen. Wohl glauben, weil wir es entweder im Wort der Verkündigung hören (und dann in der Musik wiederfinden) oder aber im Rauschen der Töne vernehmen dürfen (und von der Verkündigung bestätigt bekommen). Weder Menschenwort allein noch Musik allein noch beide zusammen machen den Glauben gewiß, nur die göttliche Offenbarung selbst, die sich unmittelbar unserem Herzen mitteilt, in mancher Sprache. Ob sie bei den einen mehr die Musik, bei anderen mehr das Wort der oder jener Sinntradition als ihr Ausdrucksfeld sich wählt: das dürfen wir dem liebenden Gott überlassen. Rivalität ist hier nicht angebracht, vielmehr Demut und ge-hor-sames Lauschen auf die je besondere Stimme, in der das Heil dir tönt. Wir sind Gottes Musik - tun wir Tag um Tag das Unsere, im unendlichen Liebeslied nicht - Patzer zu sein.

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