Jürgen Kuhlmann

Erwachsene Kinder geben nicht auf.


Anlaß: Wenn das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Liturgie vorgelesen wird; Glaubensvertiefung allgemein.
Botschaft: Die in Welt und Kirche so häufige Resignation
ist vom Evangelium schon im Voraus überwunden.
Themen: Gründe des spürbaren Mißmuts - Gott braucht uns nicht -
Scheitern der Menschheitspläne - Kirche auf Abwegen -
aber: Gott liebt, was Er nicht braucht - Erfolg macht es nicht -
Kirche trotzdem Gottes Werk - durch Eintracht
werden die verlorenen Söhne zu Wiedergefundenen.
Ziel: Der Hörer besiegt die Versuchung zu mürrischem Mißmut.


Der Seelenzustand vieler Menschen heute zeigt sich in einer Geschichte, die nicht in der Bibel steht: Während der verlorene Sohn, fußwund und übelriechend, dem Elternhaus schon nahe ist, trifft er seinen Bruder. Wo willst du hin? fragt er ihn. - Weiß ich nicht, bloß weg. - Warum? - Weil es nicht auszuhalten ist. Vielleicht hattest du recht. Aber so wie du aussiehst, geht es dir auch nicht gut. - Nein. Drum will ich heim. - ? - ? - Und müde setzen sie sich an den Wegrand, jeder erzählt dem andern sein mißglücktes Leben. Und dann?

Das ist die Große Frage. Wie können wir, erschöpfte Anhänger der Religion und enttäuschte Erben der Aufklärung, miteinander wieder eine Heimat unserer Herzen finden? Wie kommen wir heraus aus der lähmenden Angst, daß jeglicher Schwung und alle Mühe durch und durch unnütz, von vornherein aussichtslos, lächerlich oder zum Heulen, aber jedenfalls unsinnig ist? Gott - wenn es ihn gibt - genügt sich selber, braucht uns nicht, unsere Taten und Untaten sind höchstens so etwas wie ein Schimmelpilz um eine Erdbeere auf dem Teller eines Satten. Und gibt es Gott nicht, dann sind wir ebenso nichtig; alle Aufschwünge der selbststolzen modernen Menschheit gehen daneben. Mit welcher Hingabe haben Millionen Gutwilliger versucht, den Sozialismus aufzubauen; wie fleißig waren die Erfinder des Autos, der Atomenergie! Ihre Stimmung glich jener des Kolumbusjahres 1892, das ganz im Zeichen des Fortschritts stand; 1992 hingegen haben wir der Metzeleien und Verwüstungen gedacht und sind erschrocken, weil die ganze Erde wie Amerika ist, von ihren Eroberern ausgeplündert.

So sitzen der unfromme Mensch und sein religiöser Bruder ratlos nebeneinander. Auch dieser, der sich einst entschlossen hatte, Gottes Werke zu tun, hat bitterlich erfahren, wie vergiftet die alle sind. Hat es Dostojewskis Großinquisitor nicht auch gut gemeint - und was hat er vollbracht? Jesus verkündete das Reich Gottes, und gekommen ist die Kirche; die Einsicht des Modernisten Loisy hat sich herumgesprochen, bis in die gut kirchlichen Kreise hinein und bis zu jenen zynisch-sturen Aushängeschildern des kämpferischen Katholizismus, die in den Seelen das Bild der Kirche schlimmer beschädigen als all ihre Hasser zusammen. Es scheint, als schätze Gott nicht, was Menschen für ihn tun - würde er sonst dulden, wie es dermaßen besudelt, immer wieder zerstört wird?

[Mit berühmten Zitaten ist es so eine Sache. Da bildet man sich ein, einen Satz zu verstehen, bedient sich seiner gern - und erfährt, daß man ihn total mißverstanden hat. Frisches Beispiel: Nach einem Vortrag in katholischem Hause sitzen wir beisammen, das Gespräch nimmt eine leicht kirchenkritische Wendung und ich zitiere den klassischen Ausspruch des Modernisten Loisy: »Jesus verkündete das Reich Gottes, und gekommen ist - die Kirche.« Woraufhin P. Norbert Lohfink, Referent des Abends, die Runde mit feinem Lächeln aufklärt, daß jener Satz die Kirche mitnichten habe kritisieren wollen. Umgekehrt: Loisy habe sein Buch gegen Harnacks bloß innerliche Reichs-Auffassung geschrieben; Sinn des Satzes sei also gerade die Bejahung der geschichtlich greifbaren Kirche! - Dennoch ist auch die verbreitete gegensätzliche Deutung sachlich nicht falsch.]

ICH kann es nicht schaffen, resigniert der jüngere Bruder; DU willst im Grunde gar nicht, daß es gelingt, murrt der ältere. Was denken? Wie festen Boden finden für unser Gemüt? Denn anderseits können beide doch nicht glauben, daß alles so schlimm steht, wie es ihnen derzeit scheint. Geht nicht jeden Tag die Sonne auf? Lächeln nicht Kinder im Schlaf? Ist die Welt und ihr Bewußtsein, der Mensch, vielleicht doch nicht mißlungen? - Von der Terrasse aus sieht der Vater Seine Beiden dasitzen und sucht sie eilends auf. Was wird Er ihnen sagen? Das hört jeder von uns anders. Ich habe ungefähr dies vernommen:

Fürchtet euch nicht! Ihr seid meine Kinder. Braucht ein Vater das, was sein Töchterlein malt und ihm strahlend anbringt? Er braucht es nicht. Aber er freut sich darüber, und zwar ehrlich, weil es ihm nicht auf das Bild als Sache ankommt, sondern auf die Person seines Kindes, das sich selbst in dem Bild ausdrückt und verwirklicht. Wer nicht am Verhungern oder Erfrieren ist und doch bloß immer an das denkt, was er braucht, ist ein kleiner Geist, so bin ich nicht. Ich bin Alles, brauche nichts, und will gerade deshalb euch und das Gute, was ihr schafft. Schaut euren Kindern zu, wenn sie in ein Spiel versunken sind, und werdet wie sie, glaubt an den Sinn eures Seins und Tuns. Solchen Glauben braucht ihr, mehr als Brot, und ich euer Schöpfer will ihn, nicht weil ich etwas bräuchte, aber ich liebe euch.

Auch euer anderer Eindruck ist nicht falsch: Kaum ein Plan gelingt so, wie ihr wolltet. Auch mir nicht. Franziskaner? Franz is kaner. Um vom Rest der Kirche zu schweigen. Trotzdem lohnt sich die Mühe. Anything that's worth doing is worth doing badly, sagt Chesterton. Wenn dir etwas wichtig ist und du kannst es nicht gut, tu es ruhig schlecht. An der Krankheit des Perfektionismus leide ich nicht. Von einem Kind verlangt niemand Meisterwerke. Und daß immer wieder alles zerfällt, ist kein Einwand gegen das Bauen, vielmehr seine Bedingung. Wie soll das Kind eine neue Legoburg errichten, wenn es nicht die alte niederreißt? Erst recht muß es das tun, wenn sein Werk voller Dreck, gar Gift steckt. Dann heißt es die Steine einzeln waschen und beim Neuzusammensetzen sorgfältiger auf die - jetzt bekannten - Gefahren achten. Murren oder resignieren kann wegen dieser Daueraufgabe eigentlich nur, wer - heimlich oder bewußt - von seinen zeitlichen Werken eine falsche Ewigkeit verlangt. Beruhigt euch: Ewig sind sie, nämlich in meiner und eurer unsterblichen Erinnerung. Das genügt. Nie mehr wird die Melodie vergessen, die ein bestimmtes Kind in einer bestimmten Minute auf dem Schulweg vor sich hin trällerte, auch wenn niemand sie hörte und kein Mikrophon in der Nähe war. Singt also, schafft, arbeitet, müht euch ab, dient einander und so mir, dann verdient ihr es, am Leben zu sein, an meinem Leben, wie am Stromnetz der Herd.

Versteht mich recht. Nicht kindisch sollt ihr werden, sondern auf erwachsene Weise wie die Kinder. Eine Herzoperation ist keine Legoburg. Egal wo ihr gegen die heutigen Formen des uralten Chaos zu kämpfen habt: tut es im Ernst. Und zwar miteinander. Euer Streit hatte einmal einen wichtigen Sinn: zu erkennen, wie falsch der eine und der andere Mono-Pol ist, die Abhängigkeit des Kindes ebenso wie die Unabhängigkeit der Jugend. Weil ihr das begriffen habt, sitzt ihr hier. Jetzt aber kommt mit mir heim und begreift, daß eure verantwortliche Selbständigkeit das Ziel meiner Schöpfungswege ist. Widerliche Selbstsucht und sklavische Diensucht sind gleich übel, weder Egoisten will ich noch Tu-isten, sondern saftige Reben meines geliebten Weinstocks, die möglichst tief verstanden haben, daß dessen eigene Vitalität in ihnen schwillt, egal wie sonnig oder schattig ihre Lage sei. Vergeßt nie mehr: Links und rechts gehören zusammen. Hier meine Hände. Steht auf!

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