Jürgen Kuhlmann

Beim Lehren lernen - für eine dialogische Mission


Anlaß: Weltmissionstag; Rüstzeiten für Innere Mission
Botschaft: Weil das Gute sich mitteilen will, sind alle
Christen Missionare, nicht im Geist der Propaganda, sondern
des Dialogs.
Themen: Erste Mission: Christen erzählen ihre Geschichte
- Mission wurde zu Propaganda - die Wende beim Konzil: Mis-
sion als Dialog - Missionsland Europa - demütige Alltags-
mission aller Glaubender
Ziel: Der Hörer versteht neu, zu welch großem Zusammenhang
seine Taten und Worte gehören.


Am liebsten würde ich die Schallplatten mit meinen Sachen allen Menschen schenken, rief ein Musiker einmal aus. Wie gut verstehen wir ihn. Jeder möchte zeigen, was in ihm steckt; mehr noch: überhaupt alles Gute will sich mitteilen. Die Sonne strahlt ihr Licht in alle Richtungen, nur ein winziger Teil davon (etwa ein Zweimilliardstel!) trifft unsere Erde und bringt soviele Wunder des Lebens hervor.

Leuchten will auch die wahre Sonne des Heils, Jesus der Mensch gewordene Gott. Er möchte, daß sein Lebenswerk sich ausbreitet und vielen Menschen hilft, den Sinn ihres Lebens zu erfüllen. Deshalb gibt der Auferstandene dem Grüpplein seiner Freunde den Auftrag zur Mission: "Macht zu Jüngern alle Völker!"(Mt 28,19) Auf unglaubliche Weise ist diese Verheißung wahr geworden. Als jene stolzen Sätze aufgeschrieben wurden, war die Christenheit wie ein Tropfen im Ozean der antiken Zivilisation. Hätte man damals schon Meinungen erforscht, so wäre es um die Chancen der Christen schlecht gestanden. Sie aber mußten einfach ihre wunderbare Geschichte erzählen, und nicht bloß weil der Herr es befohlen hatte. Weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Das Gute will sich mitteilen: deshalb waren alle Christen damals Missionare. Und solche stillen Gemüter, die nicht von sich aus reden, haben doch so gelebt, daß sie gefragt wurden; dann gaben auch sie Zeugnis von dem Ereignis, das alles verwandelt hat: Gott ist Mensch geworden und bleibt einer von uns, auch nach seinem endgültigen Sieg über den Tod. Von diesem Bewußtsein erfüllt, konnten sie singend in die Löwen-Arena ziehen und mit ihrem Blut die kommende Christen-Generation über-zeugen.

So war es am Anfang, dann aber ist die christliche Mission in die Zwangsjacke kirchlicher Propaganda gepreßt worden. Ist doch das Wort Propaganda kirchlichen Ursprungs, leitet sich von einer päpstlichen Behörde her, der congregatio de propaganda fide, so heißt noch heute das Amt zur Glaubensverbreitung in Rom. [Zusatz 2/2008: Die folgende Erklärung stimmt historisch nicht. Ich habe sie irgendwo aufgeschnappt und nie überprüft. Mag sie aber als hübsche "Volks-Etymologie" stehen bleiben. Das Wörterbuch lehrt: Lateinisch propagare heißt ursprünglich "verbreiten, ausdehnen, fortpflanzen". Als Verb ("pfropfen" bei der Pflanzenveredelung) wurde der Begriff schon früh ins Deutsche entlehnt. Mit dem Gerundivum dieses Verbs wurde von Papst Gregor XV. im Jahre 1622 eine kirchliche Kongregation namens Sancta congregatio de propaganda fide geschaffen.]

Das lateinische Wort pagus bedeutet Dorf; die Dörfler, die pagani, hielten zäh an ihrer alten heidnischen Religion fest. Durch Propaganda sollte die fortschrittliche Religion ins rückständigste Dorf kommen. Und später zu den angeblich unerleuchteten Heidenvölkern in Asien und Afrika: Man sieht, das ist eine andere Art von Mission als die urchristliche Begeisterung. Propaganda, das heißt: Betrieb, Apparat, Statistik. Wo nicht überzeugt wird, versucht man zu überreden, dann sanft zu drängen, schließlich weniger sanft - um 800 die Sachsen, nach 1500 die Indios in Amerika wußten nicht, wie ihnen geschah, o nein, allzu gut wußten sie es, und plötzlich waren sie Christen ... Vom Taufen taten den Missionaren die Arme weh, das Christentum wurde zur Weltreligion. - Wie geht es mit der Mission weiter?

Sie darf - so hat die katholische Kirche im letzten Konzil erklärt - keine Einbahnstraße bleiben. Auch heute und morgen rufen die Christen ihre Erlösungsbotschaft in die Welt, klarer als zuvor unterscheiden sie aber zwischen dem Evangelium und der abendländischen Kultur. Warum sollen afrikanische Kinder französische Weihnachtslieder lernen? Warum soll ein Hindu-Weiser oder ein buddhistischer Mönch die ehrwürdige geistliche Tiefe seiner Ahnen zuschütten und sich mit europäischer Frömmigkeit begnügen, die den Augen seiner bisherigen Freunde ebenso fremd wie flach vorkommt? So darf es nicht sein. Unser Glaubenszeugnis schulden wir den Andersgläubigen, keineswegs dürfen wir sie drängen, die Früchte unserer Gescheitheit zu übernehmen. Kurz vor dem Konzil hat ein indischer Christ die Europäer mit der Frage schockiert: Warum ist das Christentum in Europa groß geworden, nicht in Indien? Weil - so antwortete er mit dem heiligen Paulus - "Gott das Dumme der Welt erwählt hat, um die Weisen zu beschämen" (1 Kor 1,27). Auch so kann man es sehen!

Das Konzil hat (im Missionsdekret, Nr. 22) die entscheidende Weiche mit dem Satz gestellt: "Das christliche Leben wird dem Geist und der Eigenart einer jeden Kultur angepaßt; die besonderen Traditionen, zusammen mit den vom Evangelium erleuchteten Gaben einer jeden Völkerfamilie, werden in die katholische Einheit aufgenommen." Das bedeutet: Nicht nur die anderen können von den Christen lernen, auch die Christen von ihnen. Im Altertum hat die Kirche griechische Philosophie und römisches Recht übernommen - warum nicht heute, zum Beispiel, japanische Meditation und afrikanische Lebenslust, chinesischen Familiensinn und indianische Naturverbundenheit? Daß diese hohen Werte bei uns vielfach im Gauklergewand esoterischer Modetorheit auftreten, widerlegt doch nicht ihre wahre Würde dort, wo sie daheim sind! Wenn wir das westliche Erscheinungsbild des Christentums mit der kulturellen Buntheit der ganzen Erde vergleichen, dann merken wir, welch ungeheuren Anspruch der geistige Reichtum der Völker an die christliche Lernbereitschaft stellt. Ein solcher Dialog, bei dem beide Seiten an Wahrheit gewinnen und auf hergebrachte Engheiten verzichten: nur das kann heute Mission sein, vorbei ist die für jeden Groschen dankbar nickende Negerfigur von ehedem.

Wie können wir hier, in einem Kernland der Christenheit, ebenfalls missionarisch sein? Nun, der Schein täuscht. Zwar sind wir immer noch die Christenheit, an hohen Festen bringt die Zeitung eine fromme Besinnung, prachtvoll restauriert strahlen die alten Kirchen. In ihnen fühlen viele einheimische Besucher sich aber fast ebenso fremd wie ein japanischer Tourist. Unser nachchristliches Heidentum ist ein steinigeres Missionsfeld als das vorchristliche es war. Während Bonifatius die heilige Eiche fällte, spürte die zuschauende Germanenjugend den frischen Atem einer neuen Zeit; versucht heute ein Christ ein modernes Tabu zu brechen, so klingt seine Botschaft bloß uralt, langweilig, uninteressant.

"Das hat uns doch schon im Religionsunterricht angeödet, weißt du nichts Besseres?" erwidern die neuen Heiden auf unsere tolle Nachricht, die jeden mündigen Menschen elektrisieren müßte: daß die Vergänglichkeit entgiftet, der Tod überwunden, der widerlichste Mensch trotzdem liebenswert und das Leben auch in schlimmen Momenten sinnvoll ist. Der Inhalt dieser Nachrichten ist, ach, altgewohnt und längstvertraut; daß es aber wirklich so ist, darin steckt die brennend aktuelle Überraschung; denn die Götzen, die bei uns gelten, verkünden aus ihren Tempeln der Fernseh-Reklame stur das Gegenteil: worauf es ankommt, sei Jugend, Schönheit, Erfolg, Komfort; ohne sie kannst du dich vergessen. Einer von Deutschlands führenden Tele-Bossen hat das Prinzip seiner Art von Menschenfischerei freimütig kundgetan. Gefragt, ob er seine Produktionen denn auch selbst ansehe, meinte er: Um Himmels willen, soll ich Fernsehen für meinesgleichen machen? Meinesgleichen hat keinen Fernseher. Der Wurm muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

"Menschenfischer", diese Berufung hat Christus dem jungen Fischer Simon übertragen, der auch Petrus heißt (Mt 4,19). Unter seinen Nachfolgern und deren Gehilfen hat es freilich gleichfalls manchen Zyniker gegeben, der nicht für die Fische war, sie lediglich für sein eigenes Interesse ausgebeutet hat. Jenes Gleichniswort Jesu hatte damals seinen guten Sinn; wer Jesus im Alltag beobachtete, hat es von selbst richtig verstanden, weil jeder spürte, wie sehr es ihm wirklich um den anderen Menschen ging, gerade nicht um sich selbst.

[Zusatz 2/2008: Der österreichische Benediktiner-Prior Arno Münz OSB, dem ich auch die vorige Korrektur verdanke, erklärt schön den ursprünglichen Sinn:
Der Menschenfischer heißt im Hebräischen zaddik, der Gerechte, von einem Wort, zade, Angelrute, Angelhaken, und bedeutet, dass das Wasser, die Zeit, eben nicht das Element ist, in dem wir für immer zu Hause sind, sondern wir müssen ins wahre Zuhause herausgefischt werden, das geht über den Tod, aber es ist das verheißene Reich, das ja auch schon hier sichtbar wird. Den zaddikim, den Gerechten, den Menschenfischern, wird diese Botschaft nicht leicht abgenommen, das zeigt die Geschichte.]

Für unser derzeitiges Verständnis scheint das Wort Menschenfischer nicht glücklich, heutzutage (da auf leergefischtem Ozean die kommenden Fischkriege der hungrigen Völker wetterleuchten) drückt es eher das Gegenteil seines christlichen Sinnes aus. Denn jeder Fischer will nicht das Leben der Fische, sondern ihren Tod - ebenso wie es auch Hirten und Oberhirten um das Wohl der Schafe nur eine Zeit lang geht ... Die Zweideutigkeit frommer Redewendungen zu erkennen ist nicht ehrfurchtslos, vielmehr Pflicht eines erwachsenen Christen, wie will er sonst auf seine zweifelnden Zeitgenossen missionarisch zugehen?

Fühlen wir uns deshalb besser nicht als Fischer oder Hirten, lieber als Sauerteig, als Hefe der Hoffnung im Alltagsteig unserer Mitmenschen, mit einem aufmerksamen Wort, einem freundschaftlichen Blick, einem Händedruck der Anteilnahme, und zwar absichtslos. Wir wollen ja nichts erreichen, machen nicht Werbung. Ein Kreis der Kirchengeschichte schließt sich, der Christ von heute gleicht mehr dem des Altertums als des Mittelalters. Wenn wir Jesu menschenfreundliche Mission weiterführen, wird man uns vielleicht hin und wieder fragen: wie schaffst du das? Dann heißt es den Glauben bezeugen, im vollen Sinn missionarisch sein, damit auch durch uns das wunderbare innere Leben sich mitteile, das unseren eigenen Weg so aufmunternd erleuchtet.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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