Jürgen Kuhlmann

Glaube zwischen Schwarz und Gold


Anlaß:Osterzeit
Botschaft: Die finstere und die strahlende Wahrheit des
christlichen Glaubens heben sich nicht gegenseitig auf,
sondern verstärken einander.
Themen: Gläubige Optimisten - und Pessimisten - wider-
sprechen sich - brauchen einander aber - Stereo-Klang des
Kirchenjahres - Liebe findet jeweils das rechte Wort -
sogar Christus wurde mißverstanden - Mut zur Lebenskunst!
Ziel: Der Hörer versteht neu, daß reifer Glaube die Gegen-
sätze nicht leugnet noch verschmiert, aber fruchtbar macht.


Wenn ich zwei Menschen an einem Tisch frage, was steht vor dir? so kann es sein, daß der eine antwortet: ein halbvolles Glas, und der andere: ein halbleeres Glas. Beide meinen dasselbe Glas, und doch klingen ihre Auskünfte gegensätzlich. Bei dieser Alltagsgeschichte versteht freilich jeder, daß beide recht haben; streiten werden sie nicht. Anders, wenn es nicht bloß um ein Glas auf dem Tisch geht, sondern um alles, um das Leben und die ganze Welt überhaupt. Da widerspricht schnell der eine dem anderen und das scheint auch nötig; gefragt wird ja eben nach der ganzen Wahrheit, die kann aber nicht halb so und halb nicht so sein. Das stimmt, und trotzdem gibt es auch beim Glaubensverständnis so etwas wie Temperamentsunterschiede.

Der Optimist fühlt eher österlich, nimmt als »Neue Schöpfung« mit dem Auge seines Herzens teil am uranfänglichen Blick des Schöpfers, als »Gott alles ansah, was er gemacht hatte: Es war sehr gut« (Gen 1,31). Der christliche Pessimist umgekehrt weiß aus bitterer Selbst- und Welterfahrung, »daß alles Sinnen und Trachten des Menschenherzens immer nur böse« ist (Gen 6,5). Wer so fühlt, dem ist die Welt nach wie vor unerlöst; traurig spottet er manchmal mit den Worten des enttäuschten Katholiken Loisy: »Jesus hat das Reich Gottes verkündet, und gekommen ist - die Kirche.«

Jeder dieser Typen ist versucht, den anderen abzuwerten. Das muß so sein; denn unser Verstand ist begrenzt, gleicht einem Computerbildschirm darin, daß er nicht von zwei Programmen zugleich ganz erfüllt sein kann. Leicht hält der Pessimist den Optimisten für einen naiven Schwärmer, der das Leid verdrängt und vom Unrecht wegschaut, statt es zu bekämpfen, weil er von der abgründigen Tragik des Lebens nichts begriffen hat. Umgekehrt kommt der Pessimist dem Optimisten wie ein nervöser Krittler vor, der alles besser wissen will als Gott selbst und im Grunde an Christi Auferstehung nicht glaubt, andernfalls würde er doch mitsingen beim Großen Halleluja und den Schöpfer preisen, »der alles so herrlich regieret«, weil er - wie ein tüchtiger irdischer Herrscher - mit allen Bösen zuletzt schon noch fertig wird, so schlimm die es vorläufig auch treiben.

Wir spüren: Die Frage nach dem wahren Grundgefühl ist wie ein zweischneidiges Schwert, das bis ins Innerste unserer Seelen dringt. Keine Ruhe gibt es, solange ein Mensch klar wissen möchte, ob es gut oder schlecht stehe um die Welt. Sobald er sich für eine Antwort entscheiden will, zerreißt das Schwert sofort deren Wortgewebe, und das Rätsel bleibt. Mit einem auf mono geschalteten Verstand läßt es sich nicht bewältigen. Und doch hat Gott uns das Große Geheimnis offenbart, sozusagen stereo jedoch: Beide Signale, das schwarze des Pessimisten wie das goldene des Optimisten, erreichen uns als Gegensätze - ein Kurzschluß würde die göttliche Wahrheit zerstören, ließe nur eine so oder so zynische Ideologie übrig. Wie schafft es die gläubige Ver-nunft, den Widerspruch der Botschaften so zu ver-nehmen, daß ihr - ähnlich wie beim Stereo-Hören - jene in sich gespannte Sinnfülle aufgeht, mit der ein Herz gern leben und getrost sterben kann?

Die göttlich einfache Lösung ist das Kirchenjahr. Wer sich dessen Stimmungen anvertraut, lernt schon als Kind, die äußersten Gegensätze für selbstverständlich zu halten. Wenn wir Jesus auf dem Kreuzweg begleitet haben, dann glühen auch in uns, sogar während wir Osterlieder singen, immer noch »rubinengleich die Wunden all«; solche Er-innerung an das Schwere gibt unserem Halleluja Tiefgang, unterscheidet es vom Gejohle seichter Fröhlichkeit, die vom Sterben nichts wissen will.

Umgekehrt feiert die Christenheit auch in der Passionszeit bei jeder Liturgie die beglückende Gegenwart ihres auferstandenen Herrn. Und ihr Licht dringt aus der Kirche ins Leben, reicht bis in die finstersten Abgründe des Unglücks. Auch dort ist ein Christ nie ganz verlassen, sondern erfährt, wie der Schächer am Kreuz, seinen Freund machtvoll bei sich und hört die Stimme des zukunft-aufreißenden Lebens: Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein. Den heiligen Thomas Morus z.B. hat diese Zuversicht so erfüllt, daß er auf dem Londoner Schafott noch Witze gemacht hat, nicht aus Galgenhumor, sondern in der Vorfreude auf Gottes Reich, für diesen Unterschied haben Zeugen einer Hinrichtung ein feines Ohr. Er schenkte dem Scharfrichter für seine Mühe ein hübsches Trinkgeld und bat ihn, doch seinen Bart zu schonen, der habe keinen Hochverrat begangen.

Wir werden christlich um so reifer, je besser wir lernen, mitten im Schmerz hoffnungsfroh zu sein und auch in der Freude immer mitbewußt des schweren Leidens in der Welt. Wenn wir solches »Stereo-Leben« auch nur ein wenig schaffen, bedrängt uns die nächste Frage: Was aber soll ich zeigen? Es ergeht uns ähnlich wie Musikern im Orchester: Hören können sie alle stereo - tönen aber kann jeder nur an seinem Platz, und jeweils nur eine Melodie. Selbst wenn gläubiger Optimist und Pessimist einander also bei der Hand fassen und beide wissen: nur zusammen sind wir wahr - auch dann kann doch sagen immer nur jeder sein eigenes Wort, und zwar gegen das andere. Wonach soll der mündige Christ sich da richten, wenn er innerlich beide Haltungen lebt?

Der heilige Paulus gibt uns die Antwort: »Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe« (Röm 13,10). Achte darauf, in welcher Stimmung deine Mitmenschen sind, und zeig dich dann taktvoll so, wie du es umgekehrt von ihnen erwarten würdest. Am besten lernt man aus Fehlern, deshalb folgen hier Beispiele, wie man es nicht machen soll. Wenn ein junger Mensch Erstkommunion oder Konfirmation feiert, oder du bist zu einer fröhlichen Hochzeit eingeladen, dann ist offenkundig die Goldfarbe dran. Hier empfiehlt es sich nicht - außer du hast von Gott einen besonderen prophetischen Auftrag empfangenen - in Lumpen gehüllt zu erscheinen und während des Bratens eine Tischrede über das Elend der Tiere in den Schlachthöfen und den Hunger in der Welt zu halten, so wahr und wichtig beides ist. Aber alles hat seine Zeit - das ist nicht bloß ein Sprich-, sondern auch ein Gotteswort (Pred 3,1).

Umgekehrt ist auch jener dickfellige Glaubenstrotz vom Übel, der über fremdes Leid taktlos hinwegtrampelt und da von Gottes weiser Herrschaft redet, wo jeder Mensch ehrlicherweise verstummen und nur mehr still mitleiden soll. Ist einer Familie ihr Töchterlein oder einer jüdischen Frau von den Nazis ihre ganze Familie ermordet worden: da will Gott selbst nicht, daß wir unverständigen Menschen ihn mit wohlklingenden Worten vor den Betroffenen rechtfertigen. Sein Zorn gegen solch liebloses Gerede schlägt uns aus dem Buch Ijob entgegen, wo der Herr zuletzt seinem leidenschaftlichen Ankläger Ijob mehr recht gibt als den Scheinfrommen, die in langen Reden Gottes Gerechtigkeit »bewiesen« hatten. Das sind scharfe Worte, kaum ein Christ kennt sie (42,7f): »Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. So nehmt nun sieben Jungstiere und sieben Widder, geht hin zu meinem Knecht Ijob, und bringt ein Brandopfer für euch dar! Mein Knecht Ijob aber soll für euch Fürbitte einlegen; nur auf ihn nehme ich Rücksicht, daß ich euch nichts Schlimmeres antue. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob.«

Nicht der feste Glaube an Gottes Weisheit wird hier getadelt, aber törichtes Reden über sie in einer Situation, wo es falsch verstanden würde, als Wegdisputieren des Unglücks, welches wir lieber bekämpfen, lindern oder stumm mittragen und durchleiden sollen. Das bedeutet: nicht alles irgendwie Richtige ist immer auch wahr. Weil Gott die Wahrheit und zugleich in Person die Liebe ist, deshalb sind unsere sonst richtigsten Sätze im vollen Sinne wahr nur dann, wenn sie jetzt aus einem liebenden Herzen heraus sagbar sind. Darum kann sogar die Rede vom Kreuz zur Lüge werden: etwa einem Menschen gegenüber, der gerade aus einer Depression auftaucht und mit schwacher Kraft versucht, neu an das Licht zu glauben. Er braucht jetzt die Osterbotschaft.

Die aber würde zur Lästerung, wollte ein Satter sie einem Verhungernden verkündigen, statt ihn zu füttern. Was das für uns, die reiche Kirche des Nordens, weltweit für Folgen haben müßte, dafür schärft sich in den wacheren Schichten der Christenheit derzeit das Bewußtsein; wer sich traut, bete um die Gnade, Gott möge in diesen verwandelnden Strudel auch ihn mit hineinziehen.

Wie aber, wenn die Situation unklar ist, weil jemand mit mehreren zugleich spricht, die verschieden denken? Nun, nicht einmal Gottes Wort in menschlicher Gestalt hat sich unmißverständlich sagen können! Jesu Verwandte und Freunde, das geben die biblischen Schreiber ehrlich zu, und erst recht seine Gegner haben oft »das Wort nicht verstanden, das er zu ihnen redete« (Lk 2,50). Vor der unmöglichen Aufgabe, Gottes felsenzerreißende Wahrheitsspannung verlustfrei durch irdische Worte zu leiten, mußte sogar der Gottmensch seine Ohnmacht erkennen, konnte nur mehr rufen: »Selig, wer an mir kein Ärgernis nimmt« (Mt 11,6). Da kann es uns nicht besser ergehen; »kein Knecht ist größer als sein Herr. Haben sie mich gejagt, so werden sie auch euch jagen. Haben sie mein Wort bewahrt, so werden sie auch das eure wahren« (Joh 15,20).

Sooft wir uns an einem Ort solcher babylonischer Vielfalt vorfinden, daß wir von gegensätzlichen Erwartungen umstellt sind, heißt es dann ratlos verstummen? Keineswegs. Dann ist vielmehr die Stunde der gewissenhaften aber auch freien Lebenskunst da, wo ein Glaubender sich selbst entschließen darf, welches geistliche Instrument er jetzt spielen will - spielen sagen wir, für den Musiker in Salzburg, gar für den Christen ist dieses Spiel allerdings der höchste Ernst; denn wir sind in Ewigkeit nichts anderes als eben die Melodie, als die wir uns im Leben spielen. Wo immer die Gefahr, jemanden zu ärgern, unvermeidlich ist, da mußt du es selbst verantworten, wen du ärgerst, und kannst nur hoffen, die andere Person werde dir verzeihen, spätestens wenn beim Jüngsten Gericht deine jetzige Zwickmühle klar vor aller Augen liegt.

Eine Regel gilt allerdings doch: Besser einen Starken ärgern als Schwache. Kleine schutzlos zu lassen ist unverantwortlich; die Großen sorgen eher für sich selbst. Bloß - wer ist klein, wer groß? Ein Seelsorger von Managern nennt ausgerechnet solche die Ärmsten aller Menschen. Ein alter jüdischer Spruch enthält tiefe Weisheit: Mach dich nicht so groß, so klein bist du doch gar nicht, sagte der Rabbi gestern zum Angeber, und heute zur verhuschten Bescheidenheit: mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht.

Niemand kann aus seiner Haut, bleiben wir somit ruhig unserer Lieblingsfarbe gold oder schwarz treu, je nachdem. Beide braucht der Glaube, nur ihre Spannung ist die Wahrheit, keine für sich allein. Das Schöne ist, daß beide Glaubenspole einander verstärken. Wo ein schwärmerisches Ja und ein kritisches Nein nicht aus Glauben, sondern aus weltlicher Enge sind, da widersprechen, stören sie sich gegenseitig. Wo in ihnen aber der Glaube sich ausdrückt, beleben sie einander. Denn vergessen wir nie: Der Auferstandene ist kein anderer als der elend zu Tode gefolterte Jesus, der auch heute in allen Stöhnenden leidet. Je achtsamer wir in eigener wie fremder Bedrängnis bei ihm am Kreuz sind, um so befreiter jubelt dann auch in uns seine Osterfreude.

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