Jürgen Kuhlmann

Ein aktueller Messiasruf zur Umkehr aus der Sackgasse


Anlaß: Fastenzeit
Botschaft: Als Teilhaber an Christi Ostersieg können wir
angstlos einsehen, welch furchtbare Sackgasse das Weltwirt-
schaftssystem für beide ist: für Hungrige und Prasser.
Themen: Ohne Violett kein Regenbogen - Jesus ruft zur
Umkehr aus Sackgassen - eine solche war die Sklaverei -
eine heute fatale ist die Weltwirtschafts-Unordnung - arme
Länder werden immer noch ärmer - Bußruf an die ganze Kirche
- Weisen der Umkehr: Wachsein, Abgeben, betend Fasten
Ziel: Der Hörer erkennt die schlimme Situation im Großen
und achtet im Kleinen auf seine besondere Sackgasse.


Seit Aschermittwoch bestimmt wieder die strenge Farbe Violett das Bild der Liturgie in der Buß- und Fastenzeit. Wenn die Philosophen mit ihren komplizierten Worten sagen, die Wirklichkeit sei in sich dialektisch, dann werfen viele Menschen das geistige Handtuch und meinen: Das verstehen wir nie. Und doch begreift jedes christliche Kind, daß Advent etwas anderes als Weihnachten ist und die Fastenzeit nicht dasselbe wie Ostern. Es braucht das ganze Kirchenjahr mit seinen Stimmungsgegensätzen, um unsere Herzen ins Große Geheimnis einzustimmen. Eine einzige Seelenfarbe reicht nicht aus, nur das bunte Spektrum ihrer Gegensätze läßt uns zuerst ahnen und dann mit den Jahren immer deutlicher verstehen, welch unendliche Spannung auch in uns vibriert. In sie uns einzuschwingen, das ist der Sinn unseres Lebens. Dabei überlagert sich der persönliche seelische Rhythmus des einzelnen mit dem Gesamtrhythmus einer Epoche, eines Volkes oder eben der Kirche. Als ihre Glieder sind wir hier versammelt, so verschieden im übrigen auch die Stimmung der einzelnen sein mag. Von den je besonderen Wellentälern und -bergen weiß der Prediger ja nichts; konzentrieren wir uns darum miteinander auf die seelische Farbe, die kraft des Kirchenjahres jetzt für uns alle dran ist. Weil sie zum Spektrum des ganzen göttlichen Heilslichtes gehört, deshalb ist sie für jeden von uns notwendig: als ein Pol des wunderbaren Sinn-Mobile, der nicht fehlen darf, sonst müßte es aus seinem Gleichgewicht abstürzen.

Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe. Mit diesem Bußruf hat Jesus damals die letzten Menschen begeistert und die besseren Kreise aufgeschreckt. Ein Autofahrer kennt das Gefühl: O weh, da bin ich in eine Sackgasse geraten, hier geht es nicht weiter. Kann ich umkehren? Das griechische Wort, das Luther mit »Tut Buße!« wiedergibt, heißt wörtlich: Denkt um! Es meint also: Findet heraus aus euren geistigen Sackgassen. Seht ein und gebt zu, daß es so, wie ihr fühlt, lebt und handelt, nicht weitergehen kann. Sucht einen Wendeplatz und ändert die Richtung.

Ist dieser flammende Aufruf aber nicht sehr lange her? Ja und nein. Ja, Jesus hat vor zweitausend Jahren schon gelebt. (Wahrscheinlich wurde er etwa im Jahr 7 vor Christus geboren; jener Mönch der Spätantike, auf den unsere Zeitrechnung zurückgeht, hat sich um einige Jahre vertan, so daß der näherrückende große Feiertag der Jahrtausendwende gar nicht stimmt, weil er auf einem Rechenfehler beruht.) Insofern ist der Bußruf unseres Herrn ein Stück Vergangenheit. Äußerlich betrachtet, ist das Reich Gottes damals nicht gekommen, scheinbar lief die Welt weiter wie immer schon.

Oder tat sie das doch nicht? Hat sich in jenen Jahrzehnten etwas Entscheidendes geändert? Hören wir die Zeichen des Gottesreiches, wie Jesus sie Johannes dem Täufer beschrieb, als der ihn fragen ließ, ob er der lang erwartete Messias sei. Da ließ Jesus ihm ausrichten: »Geht und berichtet dem Johannes, was ihr hört und seht: Bllinde blicken auf und Krüppel gehen. Aussätzige werden rein und Taube hören. Tote werden erweckt, und Armen wird die Heilsbotschaft gebracht« (Mt 11, 4 f).

Tote werden erweckt, und Armen wird die erlösende Nachricht gebracht. Beide Nöte gehören zusammen, das begreifen wir sofort. Denn arm dran sind wir alle: weil wir sterben müssen. Umgekehrt sind die Elenden, die sich nichts zu essen und keine Medizin kaufen können, näher am Tod als die Reichen. Und auch die beiden Weisen der Erlösung haben miteinander zu tun. Wer im Glauben überzeugt ist, daß es aus der Sackgasse der Sterblichkeit einen Ausweg für ihn gibt, daß er zuletzt eben nicht im schwarzen Nichts versinkt, sondern mit Christus zusammen zum Leben ohne Ende auferstehen darf: wer darauf hofft, braucht nicht rücksichtslos seine Eigensucht auszuleben, nach dem alten Motto: Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Nein, er weiß ja, daß er nichts versäumt. Wer vor dem Tod keine Angst mehr haben muß, kann sich innerlich frei fühlen für Jesu Programm der schrankenlosen Nächstenliebe. Weil ich hoffe, ahne, zuweilen fast spüre, wie der unendliche Gott mich nicht fallen läßt, sondern liebt wie sich selbst, deshalb habe ich allen Grund, auch selbst nach Kräften zu meinen Mitmenschen gut zu sein. So hat der christliche Osterglaube die Welt tatsächlich geändert, uns Menschen wirklich aus einigen Sackgassen schon herausgeholfen.

Ein Beispiel: Zu den Ärmsten gehörten in der alten Welt die Sklavinnen und Sklaven. Juristisch galten sie nicht als Menschen, sondern als Sachen. Nicht sich selber gehörte ein solcher Mann, eine solche Frau, vielmehr dem Herrn. Schon bei einem freundlichen Herrn war das furchtbar genug; wie gräßlich erst bei einem grausamen, das mag, wer Vorgesetzte hat, sich vorstellen. Hat das Christentum die Sklaverei abgeschafft? Nicht gleich, dazu war es zu schwach. Doch bereits in seinen ersten Jahrzehnten wurde der geistige Keim zur späteren Sklavenbefreiung gepflanzt. Lesen Sie einmal das zehntletzte Stück des Neuen Testaments, das wunderbare Brieflein des heiligen Paulus an seinen Freund Philemon, dessen entlaufener Sklave sich an Paulus gewandt hatte. Wie in Fels gemeißelt steht das neue Prinzip im Galaterbrief (3,28): »Da gibt es keinen Sklaven noch Freien ... Denn alle seid ihr Einer im Messias Jesus.«

Fast zweitausend Jahre dauerte es, bis dieser Grundsatz die reale Gesellschaft verwandelt hat. Daß Händler, Schiffsleute und Grundbesitzer, die sich Christen nannten, noch bis ins vergangene Jahrhundert Millionen von Afrikanern in unmenschliche Sklaverei zwangen, bleibt für immer eine der schlimmsten Schanden der Christenheit. Und doch hat das Prinzip »den Armen wird die Heilsbotschaft gebracht« das Übel der Sklaverei inzwischen ausgerottet, in christlichen Ländern gibt es sie offiziell nicht mehr, in diesem Punkt hat Jesu Ruf zur Umkehr sein Ziel erreicht.

In anderen Punkten ist er brandaktuell. Nicht anders als damals befindet die Menschheit sich heute in einer Sackgasse, aus der es kein Entkommen gibt außer durch Umkehr. Ein Schlaglicht zeige, was gemeint ist. Vor Jahren mußte in Hamburg eine Menge Milch weggeschüttet werden, weil sie chemisch verseucht war. Die norddeutschen Kühe hatten indische Bohnen gefressen, in denen zuviel DDT enthalten war. Und das zur selben Zeit, als in Indien soundsoviele Kinder und Erwachsene vor Hunger sich krümmten oder umkamen. Ist eine Weltwirtschaftsordnung, die zu solchen Ergebnissen führt, vernünftig? Mir scheint, wir müssen den zahlreichen Christen recht geben, die im Namen des christlichen Glaubens gegen sie ankämpfen. Immerhin hätten die Felder, wo jene Viehbohnen wuchsen, ja auch Nahrung für die hungrigen Menschen dort tragen können.

Beim Thema Entwicklungshilfe nennt man uns die Geberländer. Ein bitterer Hohn, denn wer gibt, sind die Armen; zum Welternährungstag schrieb im Herbst 1996 die Chemnitzer »Freie Presse«: »In den Ländern der Dritten Welt werden oftmals Dinge angepflanzt, die den Plantagenbesitzern viel Geld bringen, das Volk aber nicht ernähren können: Kakao, Kaffee, Blumen, Baumwolle. Die Produkte gehen meist in den reichen Norden. Das Geld, das die Großgrundbesitzer mit der Ware machen, fließt aber keinesfalls zurück in das Herkunftsland, sondern bleibt zum größten Teil bei den US-amerikanischen, japanischen und westeuropäischen Banken. Verlierer dieser Geschäfte sind die Bevölkerungen der Herkunftsländer solcher Produkte.«

Nicht ohne Grund hat die Kirche früher im Zinsnehmen eine Sünde erkannt. Innerhalb unserer eigenen Gesellschaft, zwischen einigermaßen Gleichstarken, sind Zinsen heute ein vernünftiges Instrument. Nicht aber zwischen extrem Ungleichen, wie in der Weltwirtschaft. Aus dem Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen vom 22. August 1996 erfahren wir, daß der ärmste Teil der Erdbevölkerung von Jahr zu Jahr weniger zum Leben hat: In 43 Ländern liegt das Pro-Kopf-Einkommen heute unter dem Niveau von 1970! »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« - das meint Jesus keineswegs bloß von moralischer Schuld. Bei dem Gleichnis, mit dem er das Schuldvergeben erläutert, geht es gerade um eine riesige finanzielle Schuld, die der König erläßt, der böse Knecht mitleidlos eintreiben will.

Die einzelnen Mechanismen der Weltwirtschaft durchschauen wir nicht, trotzdem dürfen wir uns an Jesu Grundsatz halten: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Die Frucht der geltenden sog. Ordnung ist millionenfacher Tod Unschuldiger. Von ihnen möchten wir gern den Blick abwenden, so wie der reiche Prasser den armen Lazarus übersah. Sein Wegschauen hat ihm aber zuletzt nichts geholfen.

Zwei kleine belgischen Mädchen mußten verhungern, weil die Frau des Entführers Angst hatte, zu ihnen in den Keller zu gehen. So darf die Christenheit es nicht machen. Trauen wir uns mit offenen Herzen in den Keller des Elends der Welt. Die christliche Vorliebe für die Armen gehört untrennbar zum Glauben an das Evangelium, weite Kreise der Kirche haben das schon offiziell eingesehen und ausgesprochen. So lehrt die lateinamerikanische Bischofsversammlung von Puebla 1979: »Wir bestätigen die Notwendigkeit der Umkehr der gesamten Kirche im Sinne einer vorrangigen Option für die Armen mit Blickrichtung auf deren umfassende Befreiung (1134).« Und bei der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1983 im kanadischen Vancouver kam es zu deutlichen Worten: »Nicht nur was die Kirche tut, ist also in Frage gestellt, sondern ihr Glaube und ihr Wesen selbst ... Indem sie sich zu Jesus Christus bekennen, müssen die Kirchen auch ihre Sünden bekennen; sie sollten ihre Teilhaberschaft oder ihre Duldung der todbringenden Prozesse zugeben und bereit sein, sich den Gefahren auszusetzen, die eine Befreiung von solchen Übeln mit sich bringt.«

Kehrt um! Der göttliche Ruf gilt uns demnach heute genauso wie Jesu Zuhörern damals. Was können wir tun? Aus schlimmen Strukturen einfach aussteigen kann niemand. Dreierlei aber ist möglich.

Erstens sollen wir wach sein für Gottes besonderen Auftrag. Vielleicht ermuntert er dich ja, als Verbindungsperson in eines der armen Länder zu fahren und mit den Menschen dort zu leben. Viele Priester, Schwestern, Helfer haben einen solchen Ruf vernommen, sind ihm gefolgt - und strahlen, wenn sie auf Besuch wiederkommen, ein solch intensives Glück aus, daß mancher Hiergebliebene neidisch wird [Vgl. Josef Schicker u. Luzi Lintner, »... und niemand spricht von unserm Lächeln. Sieben Jahre bei den Indios im Urwald Boliviens« (Inning 1985)]. Oder jemand müht sich hier, die grausame Kluft zu verringern, indem er dazu beiträgt, daß Indiobauern für ihren Kaffee gerechtere Preise erhalten

Zweitens können wir von unserem (relativen) Überfluß abgeben. Als der Pilot den bevorstehenden Absturz bekanntgab und fragte, ob vielleicht ein Fluggast noch einen kirchlichen Ritus vollziehen möchte, stand ein Herr auf und ging mit seinem Hut sammelnd durch die Reihen. Der nette Witz weist zurück auf den Anfang der Kirche. Schon Paulus hat in reicheren Gemeinden für ärmere gesammelt. Geld ist wie das Blut des Wirtschaftslebens, Blutspenden ist etwas Gutes. Daß sich durch Zahlen niemand freikaufen kann, weiß ein Gläubiger recht gut. Ganz frei sind wir nie, immer bleibt die Liebe uns aufgegeben, genug lieben, wer könnte das? »Bleibt niemandem etwas schuldig, außer die gegenseitige Liebe« (Röm 13,8). Und wenn jemand doch fürchtet, daß er sich bloß freikaufen möchte? Dann ist es auf jeden Fall besser, großzügig zu spenden, als es nicht zu tun. Denn wer es wegen dieser Sorge nicht täte, hinge sowieso im falschen Denken drin - da scheint es immer noch besser, wenn er Gutes wenigstens tut.

Drittens können wir zu Gott beten, Er möge die Erde doch mehr und mehr von der Last des furchtbaren Ungleichgewichts befreien, auch wenn diese Rettung uns materiell ärmer machen muß. Lieber weniger Dinge und Energieverbrauch, dafür aber gerechter Frieden mit aller Welt. Mit Beten meine ich nicht: vor Gott viele Worte machen. Wir sollen nicht plappern wie die Heiden. Aber vor Gottes Blick unser Bewußtsein in lebendiger Spannung halten. Das Problem nicht deshalb, weil wir es nicht lösen können, verharmlosen, wegschieben, verdrängen. Ein wenig, ein winziges bißchen können wir zu seiner Lösung ja sogar mithelfen. Das alte Wort Fastenzeit klingt da plötzlich ganz neu und scharf. Für alle gäbe es auf der Erde genug zu essen, müßten nicht solche Unmengen von Pflanzen erst den verschwenderischen Umweg durch Tiere nehmen, die wir dann schlachten und essen. Wollten alle Christen der Welt auch nur treu dem alten Brauch am Freitag auf Fleisch verzichten, viele Hungrige würden es merken.

Fasten ja - aber bitte nicht in Trübsinn, mit Verdruß! Alle Farben des göttlichen Regenbogens strahlen im Sonnenlicht, sogar das Violett der Buße. Wer die Kraft zu heiterem Fasten nicht aufbringt, möge lieber futtern als seine Hausgenossen durch üble Laune zu tyrannisieren. Wer aber selbst schon merkt, daß er es mit dem guten Essen übertreibt, dem hilft zum Entschluß vielleicht die Vorstellung, wie am Jüngsten Tag der Richter sagen könnte: ICH hatte Hunger, und du hast meinen Mais deinen Ochsen verfüttert!

Herr, erbarme Dich aller Menschen, besonders auch der armen Reichen, die so schwer in Dein Reich finden. Und zeig jedem von uns seine persönliche Sackgasse, laß in Deinem Licht das Warnschild unübersehbar aufleuchten, damit wir die Gefahr merken und umkehren, ehe es zu spät ist.

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