Jürgen Kuhlmann

Heiliges Gelächter


Anlaß: Karneval / Faschingszeit
Botschaft: Lachend kann ein Mensch die Mauer seiner Be-
schränktheit niederreißen und gottgewollte Freiheit finden.
Themen: Geheimnis des Lachens - es befreit aus Enge -
verjagt den bösen Geist der Selbstwichtigkeit - Gegensatz
Lachen/Grinsen - lächerlich ist, wer sich mit dem Ganzen
verwechselt - er wird von Gott ausgelacht - heilsamer
Spott - wie ein Dackel Toleranz lehrt
Ziel: Der Hörer bejaht demütig eigenes und fremdes Lachen.


Lachen ist gesund, Lachen tut gut. Warum ist es für jemanden dann trotzdem nicht schön, wenn er lächerlich ist? Anderen Freude zu machen ist doch etwas Gutes. Und wer den Lächerlichen spielt, kann als Komiker reich und berühmt werden, denken wir an Karl Valentin oder Charley Chaplin. Niemand aber will selber lächerlich sein. Wieso? Wo wir doch alle wissen, wie gern die Menschen lachen, warum haben wir trotzdem keinen Spaß daran, selbst der Anlaß ihres Vergnügens zu sein? Und warum wirkt es, wenn ein Mensch sich mit Absicht lächerlich macht, eher peinlich als zum Lachen?

Anscheinend steckt, wie alles auf der Welt, auch das Lachen voller Geheimnisse. Wollen wir deshalb, weil jetzt Fasching ist, einmal das Lachen so richtig ernst nehmen - auf die Gefahr hin, uns damit erst recht lächerlich zu machen. Das ist ja aber im Karneval vielleicht mehr Chance als Risiko ...

Die folgende wunderschöne Fabel verdanken wir dem großen Dichter Heinrich von Kleist: "Zwei ehrliche Hühnerhunde, die, in der Schule des Hungers zu Schlauköpfen gemacht, alles griffen, was sich auf der Erde blicken ließ, stießen auf einen Vogel. Der Vogel, verlegen, weil er sich nicht in seinem Element befand, wich hüpfend bald hier, bald dorthin aus, und seine Gegner triumphierten schon; doch bald darauf, zu hitzig gedrängt, regte er die Flügel und schwang sich in die Luft: da standen sie, wie Austern, die Helden der Triften, und klemmten den Schwanz ein, und gafften ihm nach.
Witz, wenn du dich in die Luft erhebst: wie stehen die Weisen und blicken dir nach!"

Warum ist Lachen so gesund? Weil es den Menschen herausreißt aus der engen Schublade, in der er sich gewöhnlich aufhält, aufhalten muß, denn sonst könnten wir nicht überleben in dieser Welt der Notwendigkeit und Knappheit. Da muß jeder das Seine tun, sich voll auf seine bestimmte Perspektive konzentrieren und davon absehen, daß andere Sichten ganz anders sind. Nehmen wir als Beispiel diesen Apfel hier. Schneiden wir ihn so durch, dann geht der Schnitt mitten durch die faule Stelle; ihn genießbar zu machen, muß man ein gehöriges Stück wegschneiden. Man kann ihn aber auch so durchschneiden: dann zeigt sich nur gesundes Fruchtfleisch. Ähnlich steht es mit der Welt im Ganzen. Jeder von uns lebt jeweils in einer bestimmten Schnittfläche, mit der er zurecht kommen muß. Für mich ist die Welt so, wie sie sich mir gerade zeigt. Merke ich dann plötzlich, dank einem Witz oder einer komischen Situation, daß sie auch ganz anders ist, dann wird ein humorloses Gemüt wütend, weil sein mühsam errichtetes Denkhaus einstürzt, ein humorvoller Mensch aber fühlt sich aus der Enge befreit - und lacht. Ein berühmter Scherz fragt nach dem Unterschied zwischen Berlin und Wien anno 1945. Berlin: Die Lage ist ernst aber nicht hoffnungslos. Wien: Die Lage ist hoffnungslos - aber net ernst.

Einen Witz zu erklären scheint der Gipfel des Lächerlichen, trotzdem ist es gut, wenn wir auch verstehen, warum wir lachen. Wir sehen den Berliner mit seiner Schubkarre voller Schutt, wie er sich einen Weg durch die Trümmer sucht. Der Wiener tut dasselbe, aber während er verschnauft und sich den Schweiß von der Stirn wischt, hebt er den Blick, sieht fröhliche weiße Wolken über den blauen Himmel ziehen und muß lachen über diesen grotesken Widerspruch: daß wir gescheiten Menschen, die ins Unendliche schauen und nach allem fragen können, doch zugleich so blöd sind, daß wir uns gegenseitig die Häuser kaputtbomben. Wie soll man ein solches Geschöpf ernstnehmen? Und so geht es schon seit Zehntausenden von Jahren ... Nein, die Lage ist hoffnungslos - aber net ernst.

Ein Ursprung der Karnevalsumzüge mit Masken und Lärm ist das Verjagen der bösen Geister. Nun, wir haben keinen Grund, auf unsere Vorfahren hochmütig herabzuschauen. Denn im Grunde genau dasselbe passiert auch jetzt, wo immer ein paar Menschen herzlich miteinander lachen. Jeder beschränkte Ernst ist nur eine Zeit lang ein guter Geist: solange er dran ist, weil eine bestimmte Aufgabe erfüllt werden soll. Natürlich soll ein Chirurg nicht mitten während der Operation loslachen, so daß ihm das Messer verrutscht und die falsche Ader durchtrennt. Ist er aber ständig bloß ernst und hochkonzentriert, dann muß das auch nicht gut sein. Leicht wird er sich verkrampfen, von seiner eigenen Wichtigkeit mehr und mehr so ausschließlich durchdrungen sein, daß er seine Patienten immer weniger als gleichberechtigte Menschengeschwister achtet, bis sie ihm bloß noch sogenanntes "Krankengut" sind, das den Umsatz steigert sowie hochinteressante Statistiken und Fachaufsätze ermöglicht. Wer so fühlt: ist der etwa nicht von einem bösen Geist besessen? Da tut es ihm gut, wenn er hin und wieder richtig ausgelacht wird, so daß sein Hochmutspanzer ins Zittern gerät und zerbröselt, bis er - hoffentlich - ins Gelächter der anderen einstimmt und befreit spürt, daß auch er aus demselben armseligen Fleisch besteht, das da Tag für Tag so wehrlos vor ihm auf dem Tisch liegt.

Jetzt verstehen wir schon besser, warum etwas lächerlich ist. Lachhaft mutet es an, wenn irgendeine Schnittfläche durch den Welt-Apfel sich so aufführt, als wäre sie der ganze Apfel, und dabei vergißt, daß es noch viele andere Flächen gibt, in denen das Ganze auf sehr verschiedene Weise sich ausdrückt. Ein solches eingebildetes Teilstück, das sich mit dem Ganzen verwechselt, scheint sich selber zwar gewaltig ernst und würdig - von jedem anderen Standpunkt aus zeigt es sich aber als lächerlich und wird zu Recht verspottet, heimlich solange es mächtig ist, oder offen ins Angesicht, sobald es mit seiner Macht vorbei ist. "Sie zerdrücken mir ja die Brust," schimpfte gegen Kriegsende eine Berlinerin in der überfüllten Tram - "wird alles nach dem Krieg herrlicher und großartiger wieder aufgebaut," antwortete es ihr aus dem Gedränge, und alles lachte über die idiotische Naziparole.

Unsere Sprache ist sehr genau. Es ist nicht dasselbe, ob jemand grinst oder von Herzen lacht. Beim Grinsen wird sozusagen ein lächerlicher Apfelschnitt von einem anderen verspottet, der aber selbst ebenso begrenzt und lachhaft ist. Wie gehts, fragte der Blinde den Lahmen - wie Sie sehen, erwiderte der. Solcher wechselseitige Spott ist mehr grimmig als heiter - außer beide erkennen zuletzt gemeinsam, wie lustig ihre Situation ist, und lachen miteinander. Dann hat ihr Gelächter etwas Befreiendes, weil es - mehr oder weniger bewußt - im Namen des Ganzen geschieht. Und dann ist Lachen gesund, auf Englisch: healthy, was zusammenhängt mit whole = ganz, heil.

Tief genug erkannt, ist Lachen deshalb sogar göttlich, denn unser einziges Heil, Vorbild und Ursprung aller Ganzheit, ist Gott selbst, die lebendige Einheit aller Gegensätze und schöpferische Mitte aller Kreatur. Wo Menschen wahrhaft herzlich lachen, da passiert mithin nichts bloß Irdisches, da stimmen sie buchstäblich ins göttliche Gelächter ein. Gott lacht - darf man das aber sagen? Ja, denn Gottes Wort sagt es uns vor, im Anfang des 2. Psalms:

"Warum toben die Völker,
warum machen die Nationen vergebliche Pläne?
Die Könige der Erde stehen auf,
die Großen haben sich verbündet
gegen den Herrn und seinen Gesalbten.
Laßt uns ihre Fesseln zerreißen
und von uns werfen ihre Stricke!
Doch er, der im Himmel thront, lacht,
der Herr verspottet sie."

Haben wir es nicht in unserem Jahrhundert immer wieder erlebt? Wie lächerlich klingt heute sowohl die geifernde Stimme eines Hitler wie Stalins spöttische Frage nach des Papstes Divisionen. Echte Größe ist menschenfreundlich, denken wir an Mozart oder Albert Schweitzer; alle eingebildete Größe gegen andere aber verdient - und erntet zuletzt - ewig schallendes Gelächter.

Wer Lust hat, nehme deshalb den Fasching ruhig ernst. Weder Tiere können lachen noch Computer; Lachen ist menschlich, und wenn es kein Grinsen ist sondern aus einem liebenden Herzen kommt, dann heißt Lachen mit Recht göttlich. Denn Gott ist die Liebe, und die Liebe will, wir sollen ganz sein, d.h. im Einklang mit dem Ganzen, deshalb belächelt sie unser übereifriges Stückwerk und lacht uns freundlich aus, damit wir immer wieder aus dem Stückwerk den Ausstieg ins Freie finden. Deshalb ist der göttliche Spott so heilsam, und darum läßt sich aus manchem Witz mehr lernen als aus vielen hochgescheiten Büchern voll verständiger Sätze. Der Verstand will Klarheit und möchte alle Widersprüche auflösen, das schafft er aber nicht, weil er halt zu schwach ist für Gottes "vielbunte Weisheit" (Eph 3,10). Solange ein Mensch seine Wahrheit vor den anderen verantworten kann, ist er mit Recht von ihr überzeugt und soll sich an sie halten. Und wenn andere ihm widersprechen? Dann soll er sich treu bleiben. Aber nicht wütend werden, die Gegner auch nicht verachten, sondern sich lieber an Fritzchen und seine Lehrerin erinnern, die es ja auch gut meinten und beide recht hatten, obwohl ihre Wahrheiten einander widersprachen: Kinder, sprach die Lehrerin, wer von euch weiß ein Tier, das bei uns nicht vorkommt? Ja, Fritzchen? - Der Dackel. - Wieso? Der Dackel kommt doch bei uns vor? - Nein, bei uns nicht. Der Waldi liegt unter dem Sofa, und auch wenn man ihn ruft, kommt er nicht vor. - Hin und wieder, wenn jemand mir widerspricht, fällt mir dieser Dackel ein, und der andere wundert sich, warum ich auf einmal schmunzeln muß. Waldi, bleib ruhig liegen. Wenn der Schöpfer will, daß dort dein Platz ist, dann stimmt es schon, daß du nicht vorkommst, obwohl in den Zoologiebüchern das Gegenteil steht. - Ist diese Lage ernst? Nur halb. Aber hoffnungsvoll!

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/lachen.htm

Weitere Predigten

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann