Jürgen Kuhlmann

Königsdienst in demokratischem Geist


Anlaß: Christkönigsfest
Botschaft: Auch in unserer demokratisch gestimmten Zeit
hat es seinen guten Sinn, Christus als König zu ehren.
Themen: Ein junges Fest - der Anführer des Guten gegen
die Verführer der Völker - die spanische Demokratie wird
vom König gerettet - letztlich gilt nur die Vollmacht der
Liebe - König / Dirigent - Irdischer Erfolg macht es nicht
Ziel: Der Hörer unterstellt sich in herzlichem Gehorsam neu
dem Befehl seines Königs.


Das Christkönigsfest ist eines der jüngsten Feste der katholischen Kirche, erst vor siebzig Jahren, im Dezember 1925, ist es von Papst Pius XI. eingeführt worden. Versetzen wir uns in den Geist jener Zeit zurück: Drei Jahre zuvor hatten die Faschisten ihren »Marsch auf Rom« unternommen und inzwischen die Herrschaft über Italien erobert; auch anderswo waren die Völker in Gärung. Allerhand Männer, die sich selbst für groß hielten, griffen nach der Macht über ihre Länder. Links- und rechtsextreme Haßparolen überschrien einander, immer wieder wurden die Menschen durch einen politischen Mord erschreckt.

In diese aufgewühlte Stimmung hinein rief die Kirche beschwörend ihren Glauben: an Christus den König des ganz anderen Reiches. Urchristlichen Klang hatte ihr Ruf. Dem großmächtigen römischen Kaiser ins Angesicht hatten die ersten Christen ihren Herrn Jesus Christus gerühmt: Du allein bist der Herr! Wenn wir das im Gloria beten, spüren wir fast nichts mehr von der Sprengkraft, die ein solches Bekenntnis damals haben mußte, als »Herr«, »Kyrie!« die offizielle Anrede des Kaisers war. Nur Du bist für uns Majestät, hieß dieser Lobpreis; verständlich, daß ein kaisertreuer Funktionär ihn nur mit Zähneknirschen hören mochte und hochzufrieden war, wenn endlich der kaiserliche Erlaß eintraf, der die Bändigung dieser arroganten Sekte befahl.

Alle sogenannten Führer haben letztlich nichts zu sagen; denn König über die Herren der Welt ist allein Christus! Diesen kämpferischen Glauben der Martyrer hat die Kirche vor siebzig Jahren durch das Christkönigsfest neu belebt. Und ihr Signal kam an, das spüren wir noch heute, wenn wir die stürmischen Lieder auf uns wirken lassen, die damals entstanden sind; die Älteren unter uns haben sie zum Teil noch in der Gruppenstunde gelernt, z.B. dieses:

Uns rufet die Stunde, uns dränget die Zeit.
Zu Wächtern, zu Rittern hat Gott uns geweiht.
Zum Trotzen und Tragen, zum Ringen und Wagen,
so stehn unsere Scharen bereit.


Es wehen die Banner, wir schreiten voran.
Es lodern die Fackeln, wir streben bergan.
Kein Rasten, kein Stehen im Sturm zu den Höhen!
Hier gilt nur der mutige Mann.


Christkönig, wir stehen und halten die Wacht.
Wir tragen dein Licht gegen Nebel und Nacht.
Herr, segne die Reihen, die freudig sich weihen
dir, König der ewigen Macht!

Der Text dieses Liedes stammt von 1932, seine Melodie von 1934, noch in der Kirchenlied-Ausgabe von 1955 ist es enthalten; in einem heutigen Jugendgottesdienst läßt es sich nicht vorstellen. Doch wer weiß, wie die Zeiten sich ändern werden, welche gottfeindlichen Diktatoren in irgendeiner Zukunft auch bei uns wieder zu Fahnen und Fackeln greifen: dann würde, als Protest dagegen, auch der christliche Königsdienst jener Jahre wieder bestürzend aktuell sein. Wir aber leben in unserer Zeit, wo das Wort König eher langweilig, gar verächtlich klingt, weil es sofort an den Rummel um würdeloses Treiben in englischen Palästen denken läßt. Was sagt das Christkönigsfest uns?

Am 23. Februar 1981 kurz vor halbsieben Uhr abends betritt ein Offizier, Pistole in der Hand und von schwerbewaffneten Polizisten gefolgt, den Parlamentssaal in Madrid und schreit die Abgeordneten an: alles auf den Boden! Staatsstreich in Spanien? Auch der König, so lassen Generäle durchblicken, sei mit der politischen Lage unzufrieden. Durch Valencia rasseln Panzer. Was wird aus der eben aufblühenden Demokratie? Das ist die Stunde des jungen Königs. Plötzlich hängt von ihm das Geschick des Volkes ab. Nacheinander läßt er die Militärführer im Lande anrufen und fragt sie nach ihrer Einstellung. Alle antworten: Ich gehorche Eurer Majestät, was immer Sie befehlen werden. Der König legt die Uniform des Oberbefehlshabers an, läßt ein Fernsehteam kommen, schaut seinem Volk in die Augen und verkündet: »Die Krone, Symbol der Dauerhaftigkeit und Einheit des Vaterlandes, kann in keiner Weise dulden, daß irgendjemand den demokratischen Prozeß gewaltsam zu unterbrechen versucht.« Ganz Spanien atmet auf, dank der Verfassungstreue und mutigen Besonnenheit des Königs ist der Umsturz mißlungen. Er war aber keine Operetten-Farce; hätte sich Juan Carlos in dieser »Nacht seiner Königsweihe« minder tüchtig verhalten, wer weiß, wie es in Spanien weitergegangen wäre!

Eines guten Königs Geheimnis ist, daß er des ganzen Volkes König sein will, nicht bloß der einer Partei, am wenigsten der Königspartei. Fast unter Tränen beteuerte der rebellische General von Valencia, er wolle doch nur die Monarchie retten - schneidend befahl ihm der König, seine Panzer in die Kasernen zurückzubeordern. An dieser Szene kann uns der Sinn des Christkönigsfestes aufgehen. Auch Jesus hat sich denen entgegengestellt, die im Namen Gottes ihr eigenes Interesse beförderten, ohne Rücksicht auf das Wohl der Leute. Scheinbar ist Jesus dem Aufruhr der Mächtigen erlegen, in Wahrheit hat er seine Weihe zum König aller Menschen siegreich bestanden, so daß er nach der Auferstehung zu seinen Freunden sagen kann: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden« (Mt 28,18).

Alle Macht? Manchem nachdenklichen Sinn kommt das unverständlich, ja widersinnig vor. Denn alle Macht, bei einem versammelt, das wäre ja die einzige Macht, und das heißt: keine Macht. Denn Macht kann sich nur so zeigen, daß sie andere Macht überwindet; wer bloß von lauter Ohnmächtigen umgeben wäre, hätte auch selbst keine Macht. So kann Christi Königtum nicht gemeint sein, er ist kein Herrscher, der alles allein bestimmen will und jeden anderen nur als Rädchen im Getriebe seiner Pläne verwendet. So wird nur in den bösen Reichen dieser Welt regiert, nicht in den guten, erst recht nicht in Christi Reich. Wie dann?

Übersetzen wir den triumphalen Satz des Auferstandenen richtiger [mit Fridolin Stier, dem Schöpfer der besten Fassung des NT]: Mir ward alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Eine Vollmacht wird mitunter bezweifelt; wenn aber alles mit rechten Dingen zugeht, setzt sie sich zuletzt durch. Nichts anderes bedeutet das Christkönigsfest: Sämtliche Befehle der Herren und Herrinnen dieser Welt gelten nur im Rahmen der Vollmacht des Guten in Person, wie es uns in Jesus sichtbar, tastbar erschienen ist. Und mag vorletztlich noch so viel durcheinander gehen in dieser Welt, so daß die Bösen scheinbar gewinnen und das Gute immer wieder unterliegt: letztlich geht ALLES doch mit rechten Dingen zu, und eines Tages kommt das auf, am TAG aller Tage, wenn der Nebel dieser Zeit zerreißt und jedes Menschenleben offen vor aller Augen liegt im Ewigen Licht. DANN wird die Macht des Guten alle ehedem Mächtigen in Gerechtigkeit richten. Nicht die großen Staatshäupter nur. Auch wir Kleinen werden jeden Augenblick verantworten müssen, da wir unsere Macht über jemand noch Kleineren lieblos mißbraucht haben, statt sie in den Dienst des möglichen Guten zu stellen.

Insofern müssen wir das Königsgleichnis ergänzen. Christus ist ein König, aber von uns nicht so weit weg, wie ein König es von den einzelnen Bürgern sein muß, weil seine Zeit und Kraft begrenzt sind. Nur um die großen Linien des Gemeinwohls kann der König sich kümmern und dazu, bei den Audienzen, um wenige ausgesuchte Einzelfälle. Anders Christus unser Herr und Bruder. Er bedarf keiner vermittelnden Beamten, er ist jedem der Seinen unmittelbar nahe, von innen her, ähnlich wie dein Ich deinen Fingern und Ohren. Gibt es ein Gleichnis, das die allgemeine Vollmacht des Königs mit der direkten Gegenwart eines Herrn überall und jederzeit verbindet? Ja.

Christus ist nicht nur der König des Ewigen Reiches, Er leitet auch als Dirigent den Großen Chor. Der gute Dirigent achtet auf jeden einzelnen Ton einer jeden Stimme, hört den winzigsten Fehler, ruft während der Hauptprobe zornig: wo bleibt der Baß eins? und regt an: möchten die Damen des zweiten Soprans sich vielleicht auf eine Melodie einigen, am besten auf die von Bach. Dabei wirkt des Dirigenten Wille nicht von außen, als fremder Einfluß; denn der gute Gesamtklang ist ja das innerste Ziel jeder vernünftigen Sängerin. Ihr geht es keineswegs um die eigene Brillanz an sich, vielmehr um ihren persönlichen Beitrag zum schönen Ganzen, das der Dirigent schaffen will und die Sänger mit ihm. Deshalb spannt sie ihre Seele aus: nach vorne zu Ihm, und um sich her zu allen, die mit ihr singen, läßt sich jetzt durch deren Schwung neu erregen, reißt dann durch ihren Eifer eine ermattete Nachbarin mit, und kunstvoll baut die Fuge sich auf, Gleichnis der Geschichte jedes Menschenherzens, wo ebenfalls die buntesten Sinn-Takte mit- und gegeneinander eine kostbare Gestalt ergeben sollen, die es wert ist, von himmlischen Tonmeistern aufgenommen und im ewigen Musik-Archiv bewahrt zu werden, zur Freude des Alls.

Denken wir beide Gleichnisse zusammen: den verantwortlich dienenden König eines demokratischen Volkes und den schöpferischen Dirigenten eines begeisterten Chores, dann verstehen wir neu, was der auferstandene Christus für die Gemeinschaft seiner Gläubigen ist. Rufen wir uns die zwei leuchtenden Bilder vor die Seele, sooft wir uns in irgendeinem Alltag sinnlos verloren vorkommen. Sie könen uns helfen, betende Menschen zu werden. Klingelt da nicht gerade das rote Telefon? Gott sei Dank, die Direktleitung zum himmlischen Palast ist in Ordnung. Klar hörst du SEINE Stimme, die Anfrage deines erhöhten Kameraden von damals bei allerhand Strapazen im gemeinsamen irdischen Dienst: Wie steht's mit dir? Bist du ein Rebell oder hältst du treu zu Verfassung und Krone, zu MIR ? Zu Befehl, antwortest du, schaust auf und siehst SEINEN Blick dich packen, gleich gibt er dir den Einsatz. Kennst du deinen Ton?

»Christkönig, wir stehen und halten die Wacht,« so singen wir - derzeit - nicht mehr. Der Glaube aber, den vor sechzig Jahren die Christen so ausgedrückt haben, er ist auch der unsere. Und wird, wenn wir ihn auf unsere Weise treu leben, so Gott will auch der unserer Enkel sein, mindestens so vieler unter ihnen, daß die christliche Kultur doch nicht, wie kritische Muslime es ihr vorhersagen, in Konsum und Oberflächlichkeit verdirbt. Die Statistik macht es nicht, auch nicht das kirchliche Image. Das Reich unseres Königs ist nicht von dieser Welt. Aber deine Welt soll eine blühende Provinz Seines Reiches sein. Wie spürbar sie das ist, steht bei dir. Fahnen und Fackeln braucht es nicht. Nur den Mut, wie damals Saulus zu fragen (Apg 22,10): »Herr, was soll ich tun?« Und die Bereitschaft, der sanften Mahnung der Königin zu folgen (Joh 2,5): »Was er euch sagt, das tut!«

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