Jürgen Kuhlmann

Das lebendige Kind


Anlaß: Weihnachtszeit
Botschaft: Weihnachten ist von Ostern her zu verstehen
und mahnt die Religionen zum Frieden.
Themen: Vergängliches Kinderglück - auch das Kind Jesus
ist auferstanden - und auch in Erwachsenen das Kind, das
sie waren - Folgerung für die Weltreligionen - jede Heils-
etappe bleibt gültig - wer betet, findet seine Wahrheit
Ziel: Die Weihnachtsbotschaft überwindet die Angst vor der
Vergänglichkeit und erledigt die Rivalität der Religionen.

"Weihnachten" heißt die schlichte Überschrift eines Eichendorff-Gedichtes, zur Einstimmung lese ich es Ihnen vor:
Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wundervoll beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld,
hehres Glänzen, heilges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
steigts wie wunderbares Singen -
o du gnadenreiche Zeit!

"Tausend Kindlein stehn und schauen." Was ist aus den staunenden Kindern geworden, die der Dichter damals gemeint hat? Einige sind früh gestorben, andere wurden erwachsen, schließlich Greise. Heute sind sie vergessen. So grausam ist die Zeit. Und doch freuen wir uns über das Kind in der Krippe. Und zu allen Zeiten freuen Mütter und Väter sich an ihrem Kind, ermuntern es bei jedem Schritt seiner Entwicklung. Schau mal, sie kann schon stehen! Ist es nicht hübsch, was er gemalt hat? Solche Begeisterung ist das Natürlichste von der Welt; glücklich, wer sie kennt. Ist sie aber mehr als ein kurzer Traum? Wer vor dieser Frage nicht davonläuft, wird leicht bitter, denn das Gebäude eines jeden jungen Lebens gleicht einem Haus, das mitten im Sumpf errichtet wird: unweigerlich muß es versinken. Werden die Maurer ein frohes Richtfest feiern, während im Erdgeschoß schon bis zur Decke der Morast gurgelt? "Ich sterbe von Jugend auf," betet der Psalmist (88,16). Im Kleinen wie im Großen kann die nächste Lebensform nur geboren werden, indem die vorige stirbt. Intensiv erleben Eltern das, wenn sie mit ihren großen Kindern dort zu Besuch sind, wo ein Baby die ersten Krabbelschritte tut. Schaut, heißt es dann, so süß wart ihr auch mal, und die Erinnerung schwingt sich zurück zu mancher glücklichen Stunde, die unwiederbringlich vorbei ist. Wirklich? Ist sie für immer verloren? Oder gibt es hier ein Geheimnis? Ich glaube, auf diese schwere Frage ist Weihnachten die beglückende Antwort.

Wie alt war Jesus bei der Auferstehung? Zwischen dreißig und vierzig, meinen die meisten, so alt, wie er eben wurde. So gerät man jedoch in eine Zwickmühle: Entweder bleibt der Auferstandene die ganze Ewigkeit hindurch gerade so alt. Oder aber Christus altert im Himmel weiter. Beide Ideen sind gleich unsinnig, die Herrschaft der Zeit ist mit dem Tode aus. Wie alt ist aber dann der österliche Christus?

Vernünftig scheint mir nur die eine Antwort: Im Himmel hat Christus jedes Alter, das Jesus irgendwann hatte. Bei der Auferstehung erstarrt nicht der letzte irdische Moment, läuft auch die irdische Zeit nicht weiter. Sondern unser Sein bei Gott verewigt das ganze irdische Leben, jeden Augenblick, Nu für Nu, z.B. auch diese Sekunde jetzt, X Uhr Y und Z Sekunden, die eben aus dem Nichts geschaffen wird und sofort verschwindet. Wohin? Zurück ins Nichts? Nein, bekennt der Osterglaube: in die unvergängliche Ewigkeit. Wie das geschieht, wissen wir nicht, "kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2,9); daß aber alle Momente unseres Lebens in Gott versammelt werden, dessen macht der Glaube uns gewiß. Denn wir sollen auferstehen, wir sind aber nichts anderes als die Summe all der Gestalten, die wir einmal geworden sein werden, vom Mutterschoß bis zum Sterben.

Weil der österliche Christus für alle Ewigkeit auch das Krippenkind ist, nur deshalb feiern wir Weihnachten. Das meinen die Bibelwissenschaftler mit ihrer Lehre, daß auch die Kindheitsgeschichten Osterbotschaft sind. Haben Maria, Josef und die Hirten Licht strahlen gesehen, Engelsgesang gehört? Ja, mit Auge und Ohr ihrer Herzen. Mit den äußeren Sinnen: nein. Hätte Studio Bethlehem des galiläischen Rundfunks im Geburtsstall Aufnahmen gemacht - auf ihren Bändern wäre nichts Engelhaftes gewesen. Nur ein Säugling. Wie Milliarden vor und nach ihm. Aber dieses Baby war damals schon, was es durch Tod und Auferstehung werden sollte: Christus der Verewigte, Heiland der Welt. Von der Zukunft her leuchtet das Osterlicht zurück ins Innerste eines jeden Augenblicks und durchglüht von dort aus mit der Energie der Unsterblichkeit jede einzelne Lebensgestalt, die Jesus gewesen ist.

Ebenso wirkt auch unsere kommende Auferstehung zurück auf die Kinder, die wir waren. "Ich sterbe von Jugend auf," die Klage des Alten Testaments wird vom Neuen Bund aus ihrer Schwermut erlöst: Von Kindesbeinen an bin ich auferstanden, das ist - erlauben Sie mir den Ausdruck - die wahrere Wahrheit, weil sie beides bedeutet: das Ende und die bleibende Gegenwart eines jeglichen Jetzt.

Das Fest der Kinder ist Weihnachten. Nicht allein der Kinder aber, die mit leuchtenden Augen vor dem Christbaum stehen und während des Liedes schon nach ihren Geschenken blinzeln. Sondern aller Kinder, auch des Kindes in uns, im Mann und in der Frau, das man äußerlich nicht erblickt, weil es scheinbar längst vorbei ist, und das doch immer noch so neugierig, sehnsüchtig, hoffnungsvoll dreinschaut wie nur je ein Kind. Gestorben ist es, aber nicht tot. Sondern auferstanden. Die Stürme der Jahre haben den Menschen geschüttelt, allerlei Naivitäten, Illusionen, Beschränktheiten sind verweht. Doch es lebt das ungestüme Urvertrauen des Kindes. Dann kann man, wenn man einmal vor einem knorrigen, vielfach beschnittenen Baum steht, in ihm die eigene Geschichte sehen: "Was in mir weich und zart gewesen, hat mir die Welt geknickt, verhöhnt, doch unzerstörbar ist mein Wesen, ich bin zufrieden, bin versöhnt" (H. Hesse).

Eben weil in Jesus das auferstandene Christkind immer lebendig blieb, deshalb nennt er als Erwachsener solche Menschen glücklich, die wie die Kinder werden. Nicht kindisch bleiben, sondern wieder kindlich werden. Beim Sterben des Kindes vergeht täglich die Spreu des Unreifen an ihm, bei seiner Auferstehung wird ebenso täglich das reife Korn in Gottes Reich aufgenommen und wirkt weiter in aller kommenden Zeit. Die Begegnung mit ihm, glaube ich, ist die tiefe Wahrheit der traulichen Weihnachtsstimmung, die so viele Menschen verspüren, seltsamerweise bis in japanische Warenhäuser. Das Symbol des Gotteskindes ist älter als das Christentum und wirkt auch jenseits seiner Grenzen. Freuen wir uns, daß es in Jesus seine symbolische Geltung mit realer Gewißheit bekräftigt hat. Nicht nur irgendwie göttlich, sondern wahrhaft Gott ist das Christkind, kommt, lasset uns anbeten. Ähnlich wie meine Unterschrift nicht nur irgendwie mein ist, sondern buchstäblich mich selbst meint, aber eben deshalb alle von ihr unterschriebenen Worte als meine bestätigt, so ist Jesus nicht nur, wie wir, von Gott geschaffen, sondern Gott selbst, aber eben deshalb werden in ihm alle vergöttlicht, besser: vergottet. Denn wie Gott (so log die Schlange) kann freilich niemand sein, weil Gott einzig ist, doch in Gott lebt, wie am Weinstock die Rebe, auch das weihnachtsselige Kind, das du im Frühling deiner Jahre gewesen bist, und will Frucht bringen im gegenwärtigen Herbst.

Springen wir jetzt aus dem kleineren Maßstab eines Menschenlebens in den weiteren Rahmen der Weltreligionen, legen wir gewissermaßen das private Fotoalbum beiseite und schlagen wir einen Geschichtsatlas auf. Da sehen wir auf einer Seite das Reich des Königs David, auf anderen findet sich die Verteilung der christlichen Konfessionen. Eine Karte zeigt die Länder des Islam; auf einer Weltkarte schließlich gibt es wenige Länder, wo nicht schon Anhänger der neuen Weltreligion des Bahaitums leben. Wie stehen die großen Religionen zueinander? Es gibt da ein herrschendes Mißverständnis und eine wahre Hoffnung.

Das Mißverständnis sieht so aus: Jede Religion sieht die früheren für erledigt an und die späteren für Irrwege, bloß die eigene, meint man, sei in Gottes Sinn. Für viele Juden ist das Christentum ein krankes Gewächs aus der jüdischen Wurzel; für viele Christen waren die Juden einmal Volk Gottes, sind es aber nicht länger, während Muslime und Bahais einer bedauerlichen Fehlentwicklung anhängen. Ähnlich sehen Muslime das alte wie das neue Testament als früher einmal gültig an, jetzt hingegen gelte der Koran. Die Bahais schließlich vergleichen die Menschheit mit einem Kind, das nacheinander in verschiedene Schulklassen geht: so wie der Erstkläßler rechnen lernt, der Zwölfjährige sich mit Dreiecken plagt und der Abiturient mit Stochastik, so seien Judentum, Christentum und Islam je für eine Etappe der Menschheit Gottes Wort gewesen - seine Botschaft an uns Heutige jedoch sei eben die Lehre des Stifters Bahaullah, dessen hundertjähriger Todestag im Sommer 1992 gefeiert wurde. Der moderne Zweifler, der alle diese frommen Reden nacheinander hört, schüttelt den Kopf und versucht es weiterhin ohne Religion, weil er solch beschränkte Tröpfe nicht ernst nehmen mag. Sein Ekel ist unsere Schuld!

Beschränkt ist aber nicht der Glaube an Gott, sondern der Fortschrittswahn, der das Verhältnis von uns Menschen zu Gott nach Art des Modellwechsels beim Autobau mißversteht. Und selbst da gilt ein Oldtimer ja manchmal mehr als der neueste Typ! Ebenso falsch wie die Fortschrittsideologie ist rückwärts gewandte Romantik, als hätte in der guten alten Zeit Gottes Wahrheit noch auf Erden gewohnt und wäre jetzt verschwunden. Ach, die Welt war allezeit grausam. Und stets zugleich vom Geist des Schöpfers belebt. Wie können wir die Beziehung der Weltreligionen zueinander so verstehen, daß ihre Signale sich gegenseitig nicht auslöschen, sondern verstärken, damit die Welt glauben kann?

Zur entscheidenden Einsicht hilft uns das Weihnachtsgeheimnis. Das Christkind beten wir an, weil es nicht vorbei ist, sondern an Ostern mit auferstanden, mit dem Lausbuben Jesus und dem Zimmermannsgesellen und dem Wanderpropheten. Alle mitsammen sind Jesu Lebensgestalten der Heiland der Welt, der ewig lebt und bei den SEinen bleibt bis ans Ende der Zeiten. Könnte es mit der Menschheit im Großen nicht ebenso sein? Jede ihrer Heilsetappen bleibt gültig, braucht die früheren nicht abzutun, die späteren nicht zu verdammen. Betrachten Sie ihren Christbaum daheim. Hätte er weiter wachsen dürfen, so wären die jetzigen Nadeln auch im nächsten und übernächsten Sommer lebendig geblieben, im Verein mit dem frischen Grün, das Jahr für Jahr hinzukommt. Ähnlich laßt uns als Christen hoffen: Die Juden bleiben Gottes erwähltes Volk, Muslime und Bahais sind vom Herrn der Heilsgeschichte zu ihrer besonderen Glaubensgestalt berufen. Ja: "Friede auf Erden den Menschen SEINER Huld," allen - welches Seiner Worte ihnen auch zu Herzen spricht!

Und fragt mich ein moderner Zweifler, welche Religion "die wahre" sei, dann antworte ich ihm: Glaube ruhig das, was ihnen allen gemeinsam ist. Wenn du das von Herzen tust, also ein betender Mensch wirst, dann wird Gott dich ohne jeden Zweifel auf den Weg führen, der für dich der wahre ist. In solchem Vertrauen sind alle Religionen einig. In christlicher Sprache klingt es so: Weil der Schöpfer der Welt ein Mensch wurde, Gott also menschlich ist, deshalb ist Jesu wohlwollende Menschlichkeit "der Weg, die Wahrheit und das Leben". Das bedeuten diese Worte des Evangeliums (Joh 14,6), nicht den unverschämten Anspruch, als hätte das Christentum die einzige Wahrheit gepachtet. Jahrhundertelang hat das offizielle Christkind gefremdelt - je intensiver seine Jünger glauben, um so gründlicher verschwindet diese kindische Unvollkommenheit und macht dem strahlenden Lächeln des göttlichen Kindes Platz, das alle Menschen guten Willens erreichen will, auch durch uns Christen, seinen geschichtlichen Leib.

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