Jürgen Kuhlmann

Die wahre Botschaft der Lilie


Anlaß: Sommertag; Gespräch mit modern fühlenden Menschen
Botschaft: Trotz ihrer Vergänglichkeit verdient die Lust
des Sommers unser Ja: dank Ostern ist sie ewig.
Themen: Zwiespältiges Sommergefühl - Gottfried Kellers
Erlebnis - hinfällig aber köstlich - Theologen zweifeln an
Auferstehung - tiefer Sinn von Ostern - eine erhellende
Spukgeschichte? - Deshalb: Vertrauen zu jedem Jetzt!
Ziel: Der Hörer lernt seine Sommerlust als Vorschein der
ewigen Freude zu genießen.


Um uns her leuchtet der Sommer, lang und hell sind die Tage, das Leben feiert sich selbst. Feiern wir mit? Die einen ja; vielleicht haben sie Urlaub, oder sie lassen die Sonnenstrahlen zum Bürofenster herein. Andere hingegen sehen auch jetzt das Glas des Daseins nicht dreiviertelvoll, sondern fast schon halbleer. Heute geht die Sonne früher unter als gestern, morgen noch früher - und bald wird es auch draußen wieder so eisig sein wie in diesen Seelen schon jetzt. Welche der beiden Gruppen hat recht? Oder fragen wir besser (denn offensichtlich haben ja beide recht): Wie können wir vernünftig so denken, daß beide widersprüchlichen Gefühle sich gegenseitig nicht länger auslöschen, sondern vertragen, bestenfalls sogar verstärken und zur geheimnisvollen Grundwahrheit unseres Lebens ergänzen? Eine leichte Aufgabe ist das nicht; lebendige Gefühle sind wesenhaft total, gehen aufs Ganze. Unser Verstand hat es zwar leicht, das halbleere Glas zugleich als halbvoll zu verstehen; fühlen wollen wir aber nicht halb und halb, sondern mit Haut und Haar. Wenn es gar um den Sinn des Ganzen überhaupt geht, stellt sich scheinbar das Ja des Glaubens schroff gegen des Unglaubens verzweifeltes Nein: entweder Gott ist wirklich die Liebe, Christus tatsächlich auferstanden, und auf uns wartet das Ewige Leben - oder alles hat keinen Sinn, weil es Gott nicht gibt und Jesu Leichnam damals im Grab verwest ist, ebenso wie es nach ein paar Dutzend Jahren dem meinen und deinen ergehen wird.

So etwa stellt die Große Frage sich einem christlichen Gemüt dar: Auf der einen Seite göttlicher Sinn, Hoffnung auf Ewiges Leben, auf der anderen Seite totale Sinnlosigkeit, denn letztlich siegt banal das Nichts. Entweder die Sommerlust ist Gleichnis des Ganzen, oder unser Leben gleicht einem neblig-trüben Wintertag, der kaum anfängt und schon wieder vorbei ist, verschlungen von übermächtiger Finsternis. Ungefähr dies ist die Front zwischen Unglauben und Glauben, wie Christen sie erblicken.

Sie sollten jedoch wissen, daß nicht alle Menschen sie so sehen. Bei manchem anderen fürchten wir allzu schnell, er gebe eine ungläubige Antwort, während er tatsächlich nur die Frage anders stellt und folglich eine andere Antwort findet, so daß er zwar - von uns aus gesehen - ein Andersgläubiger ist, deswegen aber keineswegs ungläubig sein muß! "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt, aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig" (1 Petr 3,15)! Das heißt auch: Bemüht euch, die Frage der anderen recht zu verstehen, damit eure Antwort sie nicht zu Mißverständnissen verführt.

An einem hellen Sommertag in der Mitte des vorigen Jahrhunderts denkt ein Mann zurück an den trüben Winter und voraus an den Tod - doch da ist keine Spur von Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Im Gegenteil! Gerade weil das Leben kurz ist, freut das lebendige Herz sich seiner um so tiefer und rauschhafter, ähnlich wie ein armes Kind beim Volksfest. Hat es an seiner einzigen Fahrt auf dem Kettenkarussell nicht tolleren Spaß als das reiche Kind daneben, das schon während des Fluges an ihn kaum denkt, mehr an seinen prallen Geldbeutel und kommende Schleckereien?

Hören wir Gottfried Keller:

Ich hab' in kalten Wintertagen,
in dunkler hoffnungsarmer Zeit
ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
o Trugbild der Unsterblichkeit.

Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
nun seh' ich, daß ich wohl getan;
ich habe neu das Herz umkränzet,
im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,
er rinnt mir kühlend durch die Hand;
ich schau' hinauf zum blauen Dome -
und such' kein bessres Vaterland.

Nun erst versteh' ich, die da blühet,
o Lilie, deinen stillen Gruß,
ich weiß, wie hell die Flamme glühet,
daß ich gleich dir vergehen muß!

Wohl jeder von uns kennt das Gefühl: Du stehst auf einer Brücke, schaust ins fließende Wasser hinunter und begreifst: Alles verrinnt. "O weh, wo sind verschwunden alle meine Jahr! Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr? ... Nur das Wasser fließet wie es immer floß" (Walther von der Vogelweide). Anders damals Gottfried Keller. Er sieht nicht von einem festen Punkt aus wehmütig auf die verrinnende Zeit, spürt vielmehr sein Lebensschifflein mitten in ihrem Strome; der rinnt nicht unerbittlich an ihm vorbei, sondern schmiegt sich beruhigend um seine Hand, als sagte er: Sei getrost, du gehörst zu mir. In mir hast du Anfang und Ende, dazwischen aber gibt es dich, deshalb: lebe!

Der Dichter widerspricht, wie es scheint, ausdrücklich der christlichen Botschaft. "Suchet, was droben ist" (Kol 3,1), "eure Heimat ist im Himmel" (Phil 3,20) - da macht der freisinnige Aufklärer nicht mit. Statt ein besseres Vaterland zu suchen, verbessert er lieber das wirkliche; gern blickt er zum blauen Dom des Sommerhimmels hinauf, braucht aber keine Kathedrale, die mit spitzem Turm auf eine andere Welt verweist. Seither hat sich für das irdische Heimatgefühl ein noch packenderes Bild gefunden, die so verletzliche blaue Erde im schwarzen Weltraum. Auch ihr Lied ist die letzte Strophe. Wie die Lilie heute strahlend blüht, übermorgen welkt und bald zu Schleim oder Staub wird, so ergeht es nicht nur jedem Menschen samt seiner Welt, sondern auch der Menschheit überhaupt und irgendwann ihrem ganzen Planeten. Spätestens wenn unser Sonnenstern sich einmal bis weit über die Erdbahn hinaus zu einem roten Riesen aufblähen wird, muß bis zum härtesten Felsmassiv alles Irdische verdampfen. Die Lilie, du und ich, Menschheit und Erde, wir gehören allesamt der Zeit, nicht der Ewigkeit. Das ist unsere Natur und überhaupt nicht schlimm. Drum fort mit dem Trugbild der Unsterblichkeit, hier und jetzt laßt uns leben, mit vollen Sinnen und ganzer Seele. Von dort und dann zu träumen wäre bloß ein Wahn, der ist zum Glück den meisten Menschen schon gestorben, laßt ihn in seinem Grabe ruhn, genug Unglück hat er schon über erdflüchtige, himmelssüchtige Seelen gebracht.

Sogar unter Christen ist dieser Glaube derzeit verbreitet. Vor einigen Monaten stellte der SPIEGEL das neue Buch eines Theologieprofessors vor, der die Osterberichte der Bibel total zerpflückt: Jesus sei vermutlich überhaupt nicht auferstanden. Zwar hat der Verlag sich auf empörte kirchliche Reaktionen hin schnell von dem Buch getrennt, solcher Rückzug widerlegt ja aber nicht die im Buch dargestellte Grundstimmung. Was hat der christliche Glaube ihr zu sagen?

Darauf kann jeder Christ nur mehr ganz persönlich antworten. Ich glaube: Als Gottfried Keller in seinem Kahn fuhr, die Hand im Wasser und den Himmel im Blick, da hat er etwas Wahres gefühlt, was gerade auch die überzeugten Christen von ihm lernen sollten: Dieser Augenblick meines einzigen Lebens ist in sich sinnvoll, egal, was spätere Zeiten bringen mögen. Wer an Gott den Schöpfer glaubt, dürfte daran nicht zweifeln. "Gott sah alles, was Er gemacht: sehr gut" (Gen 1,31)! Wenn Gott selbst an seinem Werk Gefallen findet, dürfen wir das auch, brauchen es nicht wie jene Damen zu machen, die während einer Mahlzeit, statt auf deren Geschmack zu achten, eifrig von anderen Rezepten schwärmen. So undankbar-zerstreut sollen glaubende Menschen nicht sein; die es sind, mißverstehen ihre Hoffnung. Die Ewigkeit kommt nicht nach der Zeit. Nach der Zeit meines Lebens kommen andere Zeiten, in denen es mich nicht mehr gibt.

Wohl aber - das sagt, heute wie früher, der Christ zwischen Zittern und Vertrauen seinen zweifelnden Zeitgenossen - wohl lebt dank Ostern mitten in der Zeit die Ewigkeit, auch jetzt. Gottes unendliches Bewußtsein kann nichts je vergessen, auch nicht dich in dieser Sekunde. Wie aber könnte Gott sich deiner erinnern, ohne daß - du dabei bist? Du jetzt, und in all deinen Lebensmomenten zwischen Zeugung und Tod, du bist mit dabei im Ewigen Leben. Wie, das wissen wir nicht, so wenig die Raupe auf dem Grashalm sich ihren Schmetterlingsflug frei über die Wiese hin vorstellen kann.

Hinweise aber gibt es. Jenes Anti-Ostern-Buch erschien in einem Verlag mit kirchlich gutem Namen. Umgekehrt wird im Buch eines betont weltlichen Verlages neuerdings eine erstaunliche Serie von Begebenheiten berichtet: Mitte der 80er Jahre habe es in einem Dorf in Wales monatelang einen Austausch von Computerbotschaften, ja sogar wechselseitigen Erscheinungen gegeben, und zwar zwischen einem Lehrerpaar - und einem Gentleman des Jahres 1546. "Lichterkasten" nannte er den Computer, jede Zeit erlebte den Einbruch der anderen als ebenso unbegreiflichen wie unbezweifelbaren Spuk [Ken Webster, Die vertikale Ebene, Zweitausendeins 1993]. Ich hielt die Story für eine hübsche science-fiction-Idee, bis ich einen im Buch erwähnten Mainzer Physikprofessor anrief und von ihm vernahm, daß er das Ganze für echt hält. Und vor mir liegt ein handgeschriebener Brief des Verfassers (vom 11/10/94). Er schreibt: »No, Vertical Plane is not science fiction. It is a simple account of what happened in our lives ... Many of the other people who were friends of ours at the time are still alive and can be contacted if you wish ... it revealed a universe far more complicated and profound than I had realised hitherto.« Mir klingt das glaubhaft.

Warum auch nicht? Was wissen wir von der Zeit? Vergleichen wir die Jahrtausende mit einem ausgestreckten Maßband, über das bei Markierung 1546 und 1985 je ein Marienkäfer krabbelt: dann müssen nur machtvolle Hände das Band hernehmen und beide Stellen zusammenbringen, schon sind die Käfer sich begegnet.

Egal mithin, ob die Geschichte wahr oder gut erfunden ist: bei Jesu Oster-Erscheinungen muß etwas Ähnliches sich ereignet haben. Eine zeitlich vergangene Lebensgestalt offenbart sich Späteren, so massiv, daß der daraus erwachsende Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten den Zeugen wichtiger wird als selbst das Leben. Die Frage, ob das Grab leer gewesen sei, ist dieser Erfahrung gegenüber belanglos. Nicht darauf kommt es an, was in der weiterlaufenden Zeit mit Jesu Leichnam geschah, sondern darauf, was mit seiner gesamten Lebenszeit ist: ob sie weg ist oder aber bei Gott ewig lebt, als innere Wahrheit auch aller künftigen und früheren Zeiten: Abraham sah Christi Tag und freute sich (Joh 8,56), "ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" (Mt 28,20). Mag also der Professor recht haben mit seiner Leugnung der Auferstehung: wörtlich genommen war es vielleicht keine; ob eine Leiche später wiederbelebt wurde, ist unwichtig. Aber ein Gewesener lebt "inseits" aller Zeit, nicht damals nur, ebenso heute. Auch was wir waren ist schon bei Gott aufgehoben und wartet dort auf den Rest unserer Tage. Nicht halbleer sei uns mithin das Glas der Sommerlust, nein: "ein gutes, gestopftes, gerütteltes, überquellendes Maß wird man euch in den Schoß geben" (Lk 6,38).

Ist die Unsterblichkeit, lieber Gottfried Keller, ein trügerischer Wahn? Ja, wenn ihre Idee uns vom jetzigen Augenblick ablenken und auf ein zeitliches Später vertrösten will, das uns als endlichen Wesen nicht gebührt. Die Osterhoffnung aber ist kein Wahn. Betrachtet die Lilie auf dem Felde und versteht ihren stillen Gruß: Zwar muß ich übermorgen welken und vergehen, über die helle Schönheit aber, die mir heute geschenkt ist, haben Tod und Nichts keine Macht, unsterblich blüht sie - auch euch - in Gottes liebendem Blick.

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Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

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