Jürgen Kuhlmann

Lachen ist christlich


Anlaß: Fasching = Karneval
Botschaft: Jesus hatte Humor; jeder von uns darf nach Lust
ernst oder lustig sein.
Themen: Eine alte Streitfrage: Ja oder Nein zum Fasching
- hat jeder recht? - oder keiner? - auch in der Bibel gibt
es Humor - Jesus rettet sich witzig aus einer Falle - Frei-
heit für und gegen den Karneval - Funken ewiger Spannung
Ziel: Freude an der göttlichen Einheit von Scherz und Ernst.


Ist der Karneval ein christlicher Brauch? Darüber läßt sich streiten. Die einen sagen: ja. Ostern ist das christliche Hauptfest; denn dank Christi Auferstehung gibt es das Christentum. Als Vorbereitung auf den Osterjubel setzt die Fastenzeit ihren ernsten Akzent; deshalb ist es nur natürlich, daß vor den Bußwochen die Lebensfreude überschäumt. Anders als in Gegensätzen können wir Menschen das Geheimnis der Welt ja nicht erfassen; kein Zufall also, meinen die einen, daß der Fasching es am buntesten im Schatten hoher Kathedralen treibt.

Nein, winken die anderen ab: Aus vorchristlich-heidnischer Zeit stamme der Mummenschanz, im Evangelium stehe es anders: "Weh euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und klagen" (Lk 6,25). Kein einziges Mal heißt es von Jesus, er habe gelacht. Statt den Karnevalsrummel mitzumachen, sollte ein echter Christ lieber eine Sühneandacht besuchen, wie mancher Pfarrer sie während der tollen Tage hält.

Wer hat mehr recht? Mir fällt die Geschichte jenes Rabbi ein, zu dem eines Tages ein Mann kommt und sich bitter über seinen Nachbarn beschwert. Der Rabbi hört ihn geduldig an und sagt zuletzt: Recht hast du, ganz recht. Zufrieden geht der Kläger fort. Bald darauf stürzt der Nachbar herein und erzählt dieselbe Geschichte andersherum. Auch ihn entläßt der Rabbi mit den Worten: Du hast ganz recht. Wie er fort ist, kriecht unter dem Tisch der kleine Sohn des Rabbi hervor und tadelt: Aber Papi, du kannst doch nicht beiden recht geben. Du hast auch recht, sagt bekümmert der Rabbi.

Mir geht es ähnlich. Wer von Ihnen über diese Geschichte lacht, dem gebe ich recht; denn sie ist lustig. Deshalb habe ich sie auch im Fasching erzählt. Ebenso stimme ich aber dem zu, den sie eher traurig oder wütend stimmt: Was ist das für eine unsinnige Welt, in der lauter widersprüchliche Stimmen durcheinander schwirren und wo man anscheinend überhaupt nicht wissen kann, wer recht hat. "Ich weiß, daß wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen," jammert Faust - klingt lautes Gelächter da nicht eher teuflisch als menschlich? Oder wollen wir auch dem Spott des Mephisto noch recht geben? Aber das ist doch lächerlich!

Sie merken: Auf diesem Weg gibt es keine Klarheit, mit Logik kommen wir dem Fasching nicht bei. Die Wörter maskieren sich in ihr Gegenteil und lachen uns aus. Zum Glück gibt es für Christen etwas anderes, woran sie sich halten können, weil es fest steht und uns nie losläßt. Das ist Jesus Christus selbst, in dem der Sinn der Welt einer von uns geworden ist. Hat Jesus gelacht? Ja; denn er war ein Mensch voller Liebe. Steht in der Bibel darüber tatsächlich nichts?

Oder lesen wir die Bibel bloß falsch? Klingen ihre heiligen Worte uns - nach den strengen Mühen von Pastoren und Katechetinnen, vor allem aber wegen der Passionserzählung - von vornherein derart ernst, daß wir gar nicht merken, wenn es in ihr einmal witzig zugeht? Mir scheint: So ist es. Nicht nur selbst gelacht hat Jesus, sondern sich einmal sogar durch seinen Humor aus einer üblen Falle befreit, die seine Gegner für ihn aufgebaut hatten. Wer hätte gedacht, daß sogar Till Eulenspiegel von Jesus lernen könnte! Das glauben Sie nicht? Urteilen Sie selbst.

Endlich hatten die Pharisäer einen unfehlbaren Plan, wie sie Jesus erledigen konnten. Sie würden ihn öffentlich fragen, ob man dem Kaiser von Rom Steuern zahlen darf. Sagt er ja, dann verachtet das ausgeplünderte Volk ihn als Feigling. Sagt er nein, dann zieht die Besatzungsmacht ihn aus dem Verkehr. Antwortet er gar nicht, so ist er blamiert. Irgendwie schnappt die Falle zu, mit Jesus ist es aus. Der durchschaut das böse Spiel sofort. Was soll er aber sagen? Erwartungsvoll lauscht die Menge, ein Spion spitzt das Ohr. Jesus denkt nach.

Und rettet sich durch eine Posse. "Zeigt mir die Steuermünze!" Als hätte er sie nicht gut genug gekannt. Jemand reicht ihm einen Denar. Den hält er einem der Frager vor Augen: Was ist da drauf? - Der Kaiser. - Na ja, dann gebt halt dem Kaiser, was ihm eh gehört. - Vor ein paar Jahren nannte man so etwas ein Happening. Bei diesem spielt einer den kindischen Tölpel, der nicht zwischen Münzherr und Eigentümer unterscheiden kann: Was fragt ihr mich, ihr seht doch selber, das Zeug ist des Kaisers. Schallend lacht das Gaffervolk, von politischer Brisanz keine Spur [Louis Kretz].

Oder doch? Die Fallensteller selbst erfassen beschämt die bittere Pointe: Gebt dem Kaiser zurück, was sein ist. Das heißt: Ihr hättet dieses Geld mit dem götzendienerischen Kaiserbildnis gar nicht annehmen dürfen! "Als sie das hörten, verwunderten sie sich, wandten sich ab und gingen weg" (Mt 22,22). Spürten sie doch (meint der jüdische Theologe P. Lapide) sehr wohl den Aufruf zur radikalen Rebellion. Und zur Bekehrung des Herzens: Gebt Gott, was Gottes ist, nämlich euch selbst, auch ihr seid ja solche Münzen, von Gott nach seinem eigenen Bild geschaffen. Welch eine Antwort!

Mir macht es riesigen Spaß, daß unser Meister ein so witziger Mensch gewesen ist. Denn Lachen ist das Allermenschlichste, weder Tiere noch Computer können lachen. Sollen wir also mitmachen beim Karneval? Ach, wer so fragt, dem sage ich: Um Himmels willen, nein! Sollen tun wir das bestimmt nicht. Wer Konfetti und Pappnasen haßt, der lache die närrische Betriebsamkeit getrost aus, vielleicht mit Apfelsaft und Beethoven, warum nicht? Oder indem er als einziger im Büro fleißig ist. Oder auch in einer Sühneandacht, wenn das Herz ihm danach steht. Zur Freiheit sind wir befreit.

Wer aber Spaß an der offiziellen Lustigkeit hat, dem drückt unser Herr persönlich eine Rolle Luftschlangen in die Hand: "Wenn ihr euch nicht umwendet und werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich hinein" (Mt 18,3). Kinder lieben den Fasching. Bei Krapfen, Maskeraden und lustiger Musik freuen sie sich ihres Lebens. Sich von ihnen anstecken lassen, das Kind in Mann oder Frau aufwecken und unter dem lächelnden Blick von Vater und Mutter im Himmel dahintanzen, das kann eine heilsame Übung sein.

Ist nicht der dreieine Gott selbst unendliche Spannung in ewiger Harmonie? Deshalb sind auch wir Ihm nahe, sooft gegensätzliche Pole sich ineinander schlingen. Lachen / Weinen, Pflicht / Freiheit, Gegenwart / Zukunft, Theorie / Praxis, Jugend / Alter zum Beispiel, das sind lauter wichtige Unterschiede, die wir sorgsam auseinanderhalten sollen. Und doch gehören sie auch, immer wieder einmal, in göttlichem Wirbel überbrückt, sonst erstarrt unser Herz. In diesem Sinn schließe ich mit einem feierlichen "Helau"!

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