Jürgen Kuhlmann

Das Geheimnis der Jungfrau gehört ihr allein


Anlaß: Ansprache an einem Marienfest
Botschaft: Der Glaube an den geistlichen Sinn der Jungfrauengeburt eint die Gemeinde trotz bleibender Gegensätze.
Themen: Ein Riß beim Credo - Gemäß dem Johannes-Prolog sind alle Glaubenden Jungfrauenkinder! - Unser Innerstes ist nicht irdisch - auch nicht Jesu Person - Kein Zutritt für Macher - Wissensfrage darf offen bleiben - das nützt dem Glauben - ein kluges Maultier
Ziel: Aktuelle Diskussion um ein interkonfessionelles Thema


"Geboren von der Jungfrau Maria," so bekennt jede christliche Gemeinde auf dem Erdenrund Sonntag für Sonntag ihren Glauben. Dabei spaltet aber jedesmal ein unsichtbarer Riß die Schar der Gläubigen, trennt die einen, die dieses Wunder von Herzen glauben, von den anderen, die solche Legenden vielleicht für schön, aber nicht für wahr halten können. In einer Zeitung hieß es jüngst gar, die Mehrzahl der Pfarrer glaube schon lange nicht mehr an die Jungfrauengeburt. Jedem Kind, aber nicht nur ihm, kommt da die Frage: Was denken solche Pfarrer sich dabei, wenn sie das Glaubensbekenntnis trotzdem vorbeten?

Die Rückkehr zur gemeinsamen Überzeugung von Mariens biologischer Jungfräulichkeit scheint tatsächlich versperrt; träten alle, die an ihr zweifeln, morgen aus der Kirche aus, so bräche die deutsche Kirche finanziell zusammen, könnte nicht einmal mehr jene Pfarrer besolden, die den überkommenen Glauben wörtlich nehmen. Die Tür zu ihm ist für die allermeisten Christen endgültig zu. Aber "wenn Gott eine Tür schließt, öffnet er ein Fenster" (Chesterton). Frische Glaubensluft zieht durch unser Herz, sobald wir die überraschende Botschaft der Bibel begreifen: Wir alle hier sind - hoffentlich! - Jungfrauenkinder. Das klingt wie ein schlechter Scherz, steht aber so im Evangelium.

Als ich zu meinem Vater sagte, daß auch wir beide Jungfrauenkinder sind, hat er protestiert: mindestens bei mir wisse er genau, dem sei nicht so. Es stimmt aber doch, jeder Christ muß es für sich und seine Freunde hoffen: "Die Ihn angenommen, ihnen hat er Vollmacht gegeben, Kinder Gottes zu werden - den an Seinen Namen Glaubenden: Die nicht aus dem Geblüt und nicht aus Fleisches Willen und nicht aus Mannes Willen, sondern aus Gott gezeugt sind" (Joh 1,12 f).

Bei diesen Sätzen des Johannes-Prologs ist nun freilich klar, daß sie nicht biologisch, sondern geistlich gemeint sind: Zwar stammen unsere irdischen Leiber aus der Gier des Fleisches und dem Begehren des Mannes; das aber, was wir im Innersten sind, nämlich Töchter und Söhne Gottes, das verdankt sich keiner irdischen Fruchtbarkeit. Stellen Sie es sich vielleicht mit Hilfe jener russischen Puppen vor, wo eine in der anderen steckt. Ähnlich besteht auch eines Menschen Ich aus mancherlei Schichten. Das äußere Ich wird vom Vater gezeugt und der Mutter geboren, das innerste Ich jedoch kann nur deshalb nach Gott verlangen, an Gott glauben, aus Gottes Kraft wirken, weil es von vorneherein nichts Irdisches ist, vielmehr ein Funke des göttlichen Feuers, geboren aus dem Heiligen Geist.

Wenn nun schon dein und mein erlöstes Ich nicht von einem irdischen Vater gezeugt ist, wieviel mehr gilt das von der göttlichen Person des Erlösers selbst! Am schönsten hat den Katholiken dies Geheimnis 1966 der Holländische Katechismus erklärt: "Das ist der tiefe Sinn des Glaubensartikels 'geboren aus einer Jungfrau'. Es gibt nichts im Schoß der Menschheit, nichts in der menschlichen Fruchtbarkeit, das ihn erwecken kann, ihn, von dem die ganze menschliche Fruchtbarkeit und der ganze Werdegang unseres Geschlechtes abhängt: In ihm ist alles geschaffen. Diesen Verheißenen hat die Menschheit letzten Endes niemand anderem zu verdanken als dem Geist Gottes. Sein Ursprung ist weder aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott; aus unendlicher Höhe, aus unendlicher Ferne" (S.85).

Unterscheiden wir deshalb bei der Jungfrauengeburt ausdrücklich zwischen der Glaubens-Frage und der Wissens-Frage. Der Glaube hat es mit der Heilsbotschaft zu tun, sie lautet: Jesu und unser Tiefen-Ich, überhaupt jedes Göttliche in der Menschheit läßt sich nicht von männlicher Macherei produzieren; alle irdische Potenz, auftrumpfende Vitalität, sexuelle und sonstige Kreativität bringt stets nur zweideutig-Irdisches hervor, nie den einzig notwendigen SINN aller Dinge. Das etwa bekennen wir mit den Worten "geboren von der Jungfrau Maria". So beantwortet sich die Glaubens-Frage.

Die Wissens-Frage bleibt hingegen in der Schwebe, sie zu klären haben wir keine Möglichkeit. Die einzigen, die hier wissen konnten, Maria und Josef, stehen uns als Zeugen nicht zur Verfügung. Denkbar ist beides: daß der ewige Sohn Gottes bei seiner Fleischwerdung uns so gleich werden wollte, daß sein Leib auf ganz gewöhnliche Weise begann; oder daß Gott als leuchtendes Zeichen der geistlichen Jungfrauengeburt auch die biologische wollte. Wissenschaftlich macht auch das Wunder kein Problem; wollte jemand fragen, wo denn Jesu Y-Chromosom hergekommen sei, obwohl Maria doch zwei X-Chromosomen gehabt habe, dann kann ein vorurteilsfreier Biologe antworten: Wie schon der Name sagt, ist der weibliche X-Erbfaktor vollständiger; die männliche Y-Anlage kann schlicht so entstehen, daß vom ursprünglich-Ganzen ein Stück abbricht, dazu braucht es aber keine mirakulöse Zauberei, natürliche Ursachen reichen hin. Wunder geschehen ja nicht wider die Natur (sonst würde der Glaube durch beweisbares Wissen ersetzt), sondern durch wunderbar-unwahrscheinliche Nutzung der Naturgesetze, ohne aber den Schöpfer zum Spielverderber gegen seine eigenen Regeln zu machen. [Zusatz 2000. Aus dem Gespräch von Anima und Christian: Leider bin ich keine Biologin. So gern ich mir eingehen lasse, daß ihr Männer im Grunde Bruchstücke seid, wüßte ich doch gern das Urteil von Fachleuten über diese abstruse Idee.
»The doctors disagree as it is the business of doctors to do«, meint Chesterton. Für ein solides Nichtwissen genügt die winzigste theoretische Möglichkeit. Die wird schon nicht jeder Biologe leugnen.]

Wenn wir gleich miteinander dieselben Worte sprechen: "Geboren von der Jungfrau Maria", werden wir also hoffentlich alle ebenso gemeinsam den Glaubenssinn dieser Botschaft bejahen und bewußt auf die Anmaßung verzichten, als könnten wir das, worauf es letztlich ankommt, aus eigener Kraft machen. Solche Gemeinsamkeit im Glauben genügt, damit das Bekenntnis wahr ist. Bei der Wissens-Frage werden und dürfen wir auseinandergehen. Die einen sind weiterhin gemäß der Tradition überzeugt, daß Maria ihr Kind ohne Zutun eines Mannes empfangen hat. Andere meinen, daß Jesus wie alle Kinder einen irdischen Vater hatte. Eine dritte Gruppe endlich, zu der ich gehöre, meint genau zu wissen, daß sie die Antwort auf diese Sachfrage eben nicht weiß und sie in diesem Leben auch nie wissen wird.

Ist solche Uneinigkeit aber nicht betrüblich? Mir scheint: Sie ist im Gegenteil sinnvoll und wohltuend. Auch hier paßt der Vergleich mit dem Stereo-Hören. Ähnlich wie die drei Pole Links, Rechts und Mitte beim Stereo-Test getrennt ertönen und dann während des Konzerts gespannt ineinander klingen, obwohl, nein: weil sie gegensätzlich bleiben, so ähnlich ergänzen auch bei unserem Thema die Gegensätze einander. Wüßten wir gewiß, wie der biologische Tatbestand damals war, so schiene ein Pol der Heilswahrheit uns geschwächt, sei es die Radikalität der Menschwerdung, sei es die Ohnmacht irdischer Potenz, Göttliches zu erzeugen. Weil wir aber nicht sicher wissen, wie es wirklich war, muß jede Seite des Meinungsstreites die andere achten, sonst würden die Linken dem Wissenschaftsaberglauben verfallen und die Rechten zur fundamentalistischen Sekte. Wo beide Gruppen ihren Gegensatz in christlicher Liebe fruchtbar machen, helfen sie einander zu je vollerem Glauben.

Lernen wir von der Weisheit eines Maultiers. Als Ignatius von Loyola 1522 seinen geistlichen Weg begann, traf er unterwegs einen Mauren, der Zweifel an Mariens Jungfräulichkeit während der Niederkunft äußerte. Eine Weile ritten sie miteinander, dann eilte der Araber voran. 31 Jahre später erzählt Ignatius, wie ihn damals "Empörung gegen den Mauren befiel, er hätte nicht einverstanden sein dürfen, daß ein Maure solche Sachen von unserer Herrin sagt ... Und so kam ihn die Lust an, den Mauren zu suchen und ihm für das, was er gesagt hatte, Prügel zu geben." War das aber recht? Der Neubekehrte zweifelte. Was tun? "Als er nicht zu einem sicheren Entschluß fand, entschloß er sich dazu, das Maultier mit lockerem Zügel gehen zu lassen, bis wo die Wege sich schieden." Und siehe: "Obwohl der Weg", der ihn zu der Prügelei für die Ehre der Jungfrau geführt hätte, "sehr breit und sehr gut war", nahm das Maultier den anderen Weg. Das "wollte unser Herr", bemerkt der 63jährige Ordensgründer beim Diktieren seiner Lebenserinnerungen. Darin sollten wir ihm rechtgeben. Unser Machen macht es nicht. Indem wir diesen tiefen Sinn von Marias Jungfräulichkeit gläubig annehmen, ehren wir sie mehr als durch Rechthaberei in einer Frage, deren Antwort Gott allein kennt.

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