Jürgen Kuhlmann

Schwarz oder Gold?


Anlaß: Passionszeit
Botschaft: Sieg und Niederlage sind zweideutig;
eindeutig ist allein die glaubende Liebe.
Themen: Ein Rätsel: "Selig die Trauernden" - extremes
Auf und Ab bei Jesus - und in der Kirchengeschichte -
haltloser Wirbel? - Verklärung der Wunden - Gottes Wille dreifach -
in uns: Glücksverlangen - um uns: Realität - an uns: Liebesgebot -
Weder Krebs noch Aussatz! - Gewissenskompaß
Ziel: Dem Hörer wandelt sich der Schwindel von Euphorie und
Depression zu stabilem christlichem Lebensmut.


Die Passionszeit erschüttert unser alltägliches Gleichgewicht. Während wir Jesus auf seinem Weg begleiten, an dessen Ende Kreuz und Nägel warten, erfahren wir rings um uns zugleich das Erwachen des neuen Lebens. Tag um Tag steigt die goldene Sonne höher, während unser Herr auf die finsteren Stunden des Karfreitags zugeht. Gold oder Schwarz, was hat recht? Die Frage treibt jeden um, der kein Kind mehr ist. Sie läßt sich auch von der banalen Auskunft nicht stillen, daß halt der Pessimist über dasselbe halbleere Glas jammert, an dem der Optimist sich freut, weil es halbvoll ist. Wir spüren, es geht gerade nicht um halb/halb, sondern um das Ganze.

Ebensowenig befriedigt uns die andere Auskunft: Auf Regen folgt Sonne, nach dem Weinen wird gelacht. Es ist richtig: in der Welt herrscht die Abwechslung; wir wollen ja aber gerade nicht nur wissen, wie es in der Welt ist, sondern wie es mit der Welt im Ganzen steht! Was gilt letztlich, der finstere Ernst oder goldener Jubel? Zwar sagt uns ein tiefes Gefühl, daß irgendwie beides stimmt, wie können wir das aber verstehen? Oder sollen wir dem Verstand bloß die Fragen in der Welt anvertrauen, das Geheimnis der Welt im Ganzen aber nur ehrfürchtig verehren, ohne es zu verstehen? Wäre es so: welche Offenbarung hätte Jesus uns dann aber gebracht? Und wäre, statt Ehrfurcht, nicht wilder, spöttischer Protest eher angebracht? Ich erinnere mich der Stunde, als ich mitten in sonniger Landschaft den Bericht über das KZ Treblinka las. Ich hatte wirklich den Eindruck, als hätte die Sonne sich verfinstert, all ihre Leuchtkraft verloren. "Selig die Trauernden," so stellt Jesus (Mt 5,4) die Frage in äußerster Schärfe, zwingt die Widersprüche ganz nahe zusammen. Selige Trauer - was ist das?

Begleiten wir Jesus und die Kirche durch einige Stationen ihrer Wege, damit die Frage uns lebendiger wird und wir merken, daß es unsere eigene Grundfrage ist. Am Palmsonntag zieht Jesus im Triumph in die heiliger Stadt ein. Das Volk jubelt ihm zu. "Hosanna dem Sohn Davids," schallt es durch die Straßen, anscheinend hat er gewonnen, das Reich Gottes fängt an. Doch der Sieg war keiner, nur der Beginn der schrecklichsten Niederlage. Fünf Tage später wird der eben noch Umjubelte als Verbrecher ans Kreuz genagelt und muß sich stundenlang zu Tode quälen, von Gott und allen Freunden verlassen, den siegreich Mächtigen zum Spott. Jedoch die Niederlage war keine, auf die Schande des Karfreitags folgt der Ostertriumph. Durch seinen Tod hat Christus den Tod getötet, der allerstrahlendste Sieg ist endgültig errungen, an ihm haben die ersten Christen teil, entsprechend selbstbewußt treten sie auf.

Doch führt ihr Sieg sie sogleich in neue Niederlagen, vom gesteinigten Stephanus bis zu den Christenscharen, die in so mancher Arena des römischen Weltreichs von Raubtieren zerfleischt worden sind. Aber "das Blut der Martyrer ist der Samen der Christen," soviel Glaubenszuversicht steckt an, mehr und mehr Menschen werden zu Christen, bis am Beginn des vierten Jahrhunderts der geschichtliche Sieg errungen ist: unter Konstantin und seinen Nachfolgern wird das Christentum zuerst erlaubt und bald Staatsreligion. Begeistert haben die Christen damals ihre Katakomben verlassen und das Reich mit prächtigen Kirchenbauten erfüllt, die zum Teil heute noch stehen und uns den Stolz von damals nachfühlen lassen.

War diese Befreiung aber wirklich ein Sieg? Gleicht sie nicht eher der Scheinblüte am Palmsonntag? Was ist in der triumphierenden Christenheit aus Jesu Botschaft, dem Evangelium, denn geworden? Es wurde mehr und mehr vergessen, erstickt von den weltlichen Interessen der Mitläufer und allerhöchsten Herrschaften, die sich im Haus des Höchsten krönen ließen, angeblich von Gott, meist aber nicht für Gott, sondern für sich selbst. Schließlich ging im Reich des christlichen Kaisers die Sonne nicht mehr unter. Und Jesus? Hinter seinem Kreuzbild her wurden Ketzer und Hexen zum Scheiterhaufen gekarrt; weil der Inkafürst Atahualpa das Evangelienbuch, das ihm nichts sagte, verächtlich zu Boden warf, wurde er von den christlichen Eroberern umgebracht. Nicht nur er aber, sondern Christus in ihm. Denn mit allen Menschenkindern ist der göttliche Menschensohn solidarisch.

Wo ist also Niederlage, wo Sieg? Wenn das eine so oft in Wahrheit der Keim des andern ist: wonach sollen wir streben? Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten - ist es dann nicht klüger, sich gleich den letzten Platz auszusuchen? Auch ehrlich aber? Oder hat Nietzsche recht: Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden? Wird aber, wer auf solchem Umweg der erste geworden ist, nicht sofort wieder der letzte sein? Läßt sich auf dem Treibsand von lauter Widersprüchen etwas Vernünftiges aufbauen? Wer heilt uns von der Übelkeit der Seele, aus der geistlichen Seekrankheit, die uns packt in diesem Strudel von oben und unten, ja und nein, Gold und Schwarz, wo es uns haltlos herumwirbelt, bis wir überhaupt nichts Klares mehr denken und sagen können?

"Er zeigte ihnen seine Wundmale," lesen wir über den Auferstandenen. Also ist im Ewigen Leben der Widerspruch von Gold und Schwarz vorbei. Die Wunden gehören dazu, sie tun nicht mehr weh, sondern die Erinnerung an sie gibt der Freude der Erlösten ihre tiefe Würde. Nicht lustig wie ein Kindergeburtstag wird der Himmel sein, sondern eine ernste Freude, schwer von bewältigtem Leid.

Was heißt das aber praktisch für uns? Sollen wir uns klein machen, um erhoben zu werden? Oder dürfen wir dem Erfolg nachjagen - obwohl unser Herr seinen größten Sieg im Scheitern vollbracht hat? Kann der wild ausschlagende Kompaß unseres Lebensschiffes sich beruhigen und uns einen klaren Kurs weisen? Mir scheint, dazu genügt die simple Einsicht: Das Leid kommt von allein. Es anzustreben wäre krankhaft und umsonst, denn wer einen erwünschten Schmerz verspürt, leidet in Wahrheit nicht! Aus der Spirale solcher Widersprüche wirft der Glaubende sich an Gottes Herz: Du bist mein Schöpfer. Du willst, daß es mich gibt. Du bejahst mein Sein, hast mir wie allen Wesen eine Sehnsucht nach Selbstentfaltung eingesenkt. Nichts wünscht ein Vater mehr, als daß sein Kind sich selbst verwirkliche! Ich darf und soll nach Erfolg streben; denn mein Herz, das ihn so wünscht, ist Dein Geschöpf. Dies ist, erstens, Gottes Wille in mir, ihm darf ich mich anvertrauen.

Nicht blind allerdings, vielmehr wach und selbstkritisch; denn es gibt zwei andere Weisen von Gottes Willen, auf die ich ebenfalls eingehen muß. Nicht nur mich schafft ja der Schöpfer, sondern das ganze Universum. Deshalb gibt es, zweitens, Gottes Willen um mich her, er zeigt sich in all den Umständen, die meine Situation mitbestimmen, vom Wetter und der Laune des Chefs bis zu den tiefen Strömungen der Geschichte. Da gilt das Prinzip der Marschallin im Rosenkavalier: "Und man ist dazu da, daß mans ertragt," daß man im Glück nicht übermütig wird und im Unglück nicht verzweifelt. Praktisch widersprechen beide Weisen von Gotes Willen einander nicht. Nicht wünschen soll ich eine Niederlage, nur gefaßt sie annehmen in der Hoffnung, daß Gott aus Bösem Gutes macht (Gen 50,20) - wie, brauchen wir noch nicht zu verstehen.

Nicht nur mich und alle Umstände schafft der Schöpfer, sondern auch meine Mitmenschen und anderen Lebewesen, jedes als eine Mitte der Welt. Deshalb gilt, drittens, Gottes Wille an mich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Denn das ist der Hauptsinn unseres Lebens: die erfahrene Liebe Gottes in unsere Liebe zu den Mitmenschen umzuwandeln, damit sie weiterstrahlt und auch andere Herzen mit freudigem Vertrauen füllt. Hier nun kommt es allerdings zum Widerspruch. Mein Glücksverlangen, d.h. Gottes Schöpferwille in mir, verträgt sich nicht immer mit den Wünschen der anderen. Was ist dann zu tun?

Falsch sind beide Extreme. Wer rücksichtslos nur auf den eigenen Vorteil schaut, gleicht einem Krebsgeschwür im Organismus der Menschheit; mag er scheinbar noch so viel erreichen, lebt er trotzdem gegen sein wahres Leben an und wird früher oder später merken, daß er unglücklich ist und nicht den anderen nur, sondern auch sich selber weh tut.

Wer umgekehrt aus Jesu Liebes-Gebot ein hartes Verzichts-Gesetz macht, sich selber nichts gönnt, vor fremden Ansprüchen immer zurückweicht, dem geht es wie einem aussätzigen Körperglied, das langsam verfault; es tut nicht nur sich, sondern auch dem Ganzen weh, zu dem es gehört. Nur wer sich selber annimmt, kann sich verschenken. Wer sein gottgeliebtes Ich im Namen irgendeines aufgezwungenen Ideals unterjocht, lebt gefährlich, weil ein solches Ich sich irgendwann vielleicht so rächen wird, daß es andere - scheinbar in bester Absicht - zur Selbstverleugnung zwingt. Zwei Mönche waren es, die im späten Mittelalter den Hexenhammer geschrieben haben, eines der schlimmsten Bücher überhaupt. Einen ernsten Hintergrund hat der Witz des Spötters G. B. Shaw: "Laß mich los! Deine Religion verbietet dir, mich zu schlagen," rief Lentulus, ein schmächtiger Römer im Schwitzkasten eines bärenstarken Christen. Ferrovius erwiderte: "Im Gegenteil, sie befiehlt mir, dich zu schlagen. Wie kannst du denn die andere Wange hinhalten, wenn du nicht zuerst auf die eine geschlagen wirst?" Nein, aus freiem Herzen muß die Nächstenliebe kommen, nur dann macht sie es noch weiter und freier.

Dies ist die selige Rückkopplung des Heils; jede Weise von Gottes Willen verstärkt, wenn wir uns ihr anschmiegen, unsere Bereitschaft auch für die anderen. Der goldene Wunsch unseres Schöpfers in uns, die schwarze Übermacht des Weltschöpfers um uns her und die herzblutrote Forderung, die von unseren Mitgeschöpfen her die schöpferische Liebe an uns richtet: diesem dreidimensionalen göttlichen Mobile soll das dreifache Ja unseres Herzens entsprechen, Selbstverwirklichung, Leidensbereitschaft und Liebe. Je mutiger wir uns diesem Geheimnis anvertrauen, um so tiefer werden wir begreifen: Auch "diese drei sind eins" (1 Joh 5,7).

Lasse sich deshalb keiner zu scheinlogischen, aber falschen Einseitigkeiten verführen! In der Welt herrscht Chaos? Gewiß, aber es braucht deshalb nicht auch in deinem Zimmer zu herrschen, dessen schöne Harmonie darf vielmehr ein schöpferisches Zeichen gegen das Chaos sein. Gott will das Leben? Bestimmt, trotzdem kann es sein, daß du aus Treue dir etwas versagen sollst, was dir zwar als neues Leben erscheinen will, in Wahrheit ist es aber lieblos und darum tödlich. Gott fordert Liebe? Freilich, er liebt aber auch dich und will nicht, daß du auf jede Manipulation deiner Gefühle hereinfällst.

Welche Farbe des Willens Gottes jeweils dran sei, das zu erkennen hat der Mensch den Kompaß seines Gewissens und hoffentlich ein paar gute Freunde, mit denen er sich beraten kann. Falls aber nicht, ist ein Glaubender doch nie ganz allein. Jesus war es, am Palmsonntag nicht weniger als am Karfreitag, seit Ostern aber ist Christus bei den Seinen. Wandern wir Seite an Seite mit Ihm. Weder Sieg noch Niederlage noch Frieden macht es. Darauf kommt es an, ob wir mit Ihm unterwegs sind, alle Tage bis ans Ende je unserer Welt.

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