Jürgen Kuhlmann

"Alles ist in Christus geschaffen" - was mag das bedeuten?


Anlaß: Osterzeit; Glaubensvertiefung
Botschaft: Daß die Welt in Christus geschaffen ist, klingt
uns seltsam, läßt sich aber sinnvoll verstehen.
Themen: Eine fast vergessene Botschaft - Vergleich mit
technischer Erfindung - Christus ist nicht kopierbar - doch
sein inneres Muster bestimmt auch uns - a) Hingabe an Gott
- b) Selbstbewußtsein - des verlorenen Sohnes - Haarbewußtsein -
c) kindliches Vertrauen - Rhythmus-Lebenskunst
Ziel: Der Hörer ahnt neu die göttliche Würde des Alltags.


Wie haben die ersten Christen sich in ihrer Welt gefühlt? Was hat, zum Beispiel, Ostern ihnen bedeutet? Das ist schwer zu sagen. Fast zweitausend Jahre sind eine lange Zeit. Unser Weltgefühl ist anders, wir wissen von Milliarden Jahren und unermeßlichen Räumen; damit verglichen lebte man damals in einem winzigen Universum. Zu dieser Vorstellung wollen wir nicht zurück. Und doch können wir vom Anfang unseres Glaubens Überraschendes lernen. Es hat nämlich in diesen zweitausend Jahren nicht nur Fortschritte in der Erkenntnis der Wahrheit gegeben. Es ist im Geisteslärm der Weltbildänderungen auch Wichtiges verlorengegangen. So unglaublich es uns vorkommt: Die Christenheit hat manche Grundlagen ihres Glaubens fast vergessen. Wie läßt eine solche Behauptung sich beweisen? Sehr einfach damit, daß bei bestimmten Sätzen im Neuen Testament ein heutiger Normalchrist sich schlicht nichts denken kann. Er versteht sie nicht, hält sie aus langer Gewohnheit für fromme Floskeln, deren die Pfarrer sich halt bedienen, damit es feierlicher klingt, einen verständlichen Sinn haben sie aber nicht.

Diese Einschätzung ist allerdings falsch. Jene Sätze sind damals sehr sorgfältig formuliert worden, um das Neue, das ihre Verfasser dank Jesus erlebt und begriffen hatten, irgendwie zu sagen. Das war schwer; denn das Erlebnis betraf nichts in der Welt, sondern die Welt im ganzen - unsere Wörter aber meinen alle irgendetwas in der Welt. Weil jene Menschen jedoch wußten, worum es ging - sie hatten es ja erlebt - deshalb war der Sinn der Wörter ihnen noch klar. Können sie auch uns wieder klar werden? Ja. Denn glaubend erfahren wir dieselbe Grundwirklichkeit wie jene damals. Wir müssen nur den Schutt langer sinnloser Gewohnheit wegräumen und versuchen, unser anderes, größeres Weltbild doch im selben Offenbarungslicht zu erblicken wie die Urchristen das ihre. Das Ergebnis wird, wie damals, umstürzend sein.

Wer ist der auferstandene Christus den ersten Gläubigen gewesen? Im Kolosserbrief, der vielleicht von Paulus selbst stammt, wahrscheinlicher aber später in seinem Geist verfaßt wurde, lesen wir über Christus: "In ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden" (1,16). Das scheint mir so ein Satz, den der heutige Normalchrist nicht versteht. Wie soll das denn zugehen? Da lebt zur Zeit der Kaiser Augustus und Tiberius im Judenland ein Mann, zuletzt wird er hingerichet, und ein paar Jahre später trompeten seine Anhänger, in ihm sei das Weltall erschaffen worden. Ist das zu fassen? Offenbar nicht - es sei denn, wir stürzen alles um, was man in der Welt von der Welt eben so zu wissen vermeint. Das haben jene Christen getan. Sind auch wir dazu bereit? Das kann nur entscheiden, wer in dem scheinbar sinnlosen Sätzlein schließlich doch etwas Vernünftiges begreift. Geht das?

Wenn überhaupt, dann nur anhand menschlicher Schöpfungen. Kann da etwas Größeres, Früheres, irgendwie "in" etwas Kleinerem, Späterem geschaffen werden? Durchaus. Denken wir an eine so gekonnte und verbreitete Schöpfung wie den Automotor. Er wurde erst vor kurzem geschaffen; vor 200 Jahren gab es noch keinen. Was war zuerst da? Sagen wir: Eine Idee des Herrn Otto, oder wer immer es war. Irgendwer muß irgendwann in seinem Geist den fertigen Motor begriffen haben, mit allem was dazugehört: Kolben, Ventile, Zündung usw. In dieser Idee muß alles zugleich funktioniert haben, ungefähr so wie heute in einem laufenden Motor. Wenn auch nur ein Teil fehlt, sind alle übrigen nutzlos. Das heißt: Die Idee des vollständig fertigen Motors ist sein erstes Stadium; ohne daß er im Geist seines Erfinders schon rund gelaufen wäre, hätte es ihn nie gegeben!

Dann erst, in-folge dieser Idee, kamen nach und nach die riesigen Anlagen, Apparate, Organisationen zustande, die Autofabriken, deren Ergebnis, viel später, der wirkliche Motor ist, jenes treue Ding, bei dem wir uns meistens gar nicht mehr über das kaum Begreifliche wundern, wie da ein hochkompliziertes Gerät sich pro Sekunde sechzigmal oder öfter kraftvoll dreht und doch nur selten versagt. Stellen wir uns jetzt den Erfinder vor, wie er auf seine Skizze schaut und begeistert einsieht: ja, so müßte es gehen - und verfolgen wir dann, wie sich aus diesem Anfang heraus alle Autofabriken der Erde entwickelt haben: so ahnen wir, welche Glaubenswahrheit jenes Sätzlein meint: In Christus ist alles geschaffen. Dieser Mensch ist das Urmodell, die Grundidee der Schöpfung. Damit es ihn geben könne - und das heißt: auch uns, denn unser Vorbild und Maßstab ist er - darum hat es vor x Milliarden Jahren den Urknall gegeben, später die Ursuppe auf der heißen Erde, und noch viel später jene beiden fast-noch-Affen, ihn und sie, die eines Tages begriffen, daß Nüsse und Bananen, ja sogar Himmel und Erde, nicht alles sind.

So ähnlich wie ein Motor der Sinn der Motorenfabrik ist, so ähnlich ist also Jesus Christus der Sinn der Welt. Je mehr wir ihm entsprechen, umso mehr erfüllen wir den Sinn unseres Lebens. Das bedeutet freilich nicht, daß wir ihn äußerlich nachahmen sollen. Das ist unmöglich. Zu verschieden sind die Lebensumstände. Nicht nur Jesu Haarfarbe ist für uns unmaßgeblich, auch sein Temperament und Geschick sind nicht kopierbar. Vielmehr hat jeder von uns seine eigene Weise, Mensch zu sein. Um die schöne Weisheit eines Rabbi abzuwandeln: Xaver Düll wird beim Gericht nicht gefragt werden, warum er nicht Jesus war, sondern warum er nicht Xaver Düll war.

Doch gibt es ein inneres Muster, das von allen Menschen Jesus Christus am vollkommensten gelebt hat. Diese Sinngestalt ist die Grundidee der Schöpfung; sie auch in unserem Leben möglichst klar auszuprägen, dazu sind wir da. Sie verknüpft drei Sinnrichtungen, die einander scheinbar widersprechen, nur scheinbar jedoch, in Wahrheit verlangen und fördern sie einander. Welche sind es?

1) Jesus ist Jude, gehört dem Volk an, das Gott zu seinem besonderen Dienst gerufen hat. "Meine Speise ist es, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat" (Joh 4,34), deutlicher als in diesem Wort Jesu läßt die DU-Stimmung des Menschenherzens sich nicht ausdrücken. DU unser Gott, Du bist Ursprung und Ziel eines jeden meiner Augenblicke. Aus Deiner Schöpfergüte strömt unser Dasein hervor, in Dein nichtsvergessendes Gedächtnis darf es münden: und das ist unser Ewiges Leben. Nicht purzeln wir sinnlos in einem kalten All herum, sondern da ist eine Person, die uns kennt und mag, von ihr kommen wir her und zu ihr sind wir unterwegs. Gott sei Dank. Betend und bis zuletzt gehorsam hat Jesus uns diese DU-Stimmung vorgelebt: "Aber nicht wie ich will sondern wie du willst" (Mt 26,39).

Solche Hingabe an Dich, Gott, ist wahr und notwendig; sie ist aber allein nicht genug. Das zeigt Jesus in seinem allerschönsten Gleichnis, der Geschichte der Verlorenen Söhne. Der Ältere lebt ganz für den Willen des Vaters, bleibt brav zu Hause und schuftet auf dem Hof, während sein Bruder als Playboy das Erbe verjubelt. Wie der dann aber zerlumpt heimkehrt und der Vater alles zum großen Fest einlädt, da merkt der Ältere, daß zwischen ihm und dem Vater doch nicht alles so stimmt wie er stets gemeint hat, darum steht er bockig draußen, rührt in seinem Zorn keinen Bissen des Mastkalbes an. Wie gut verstehen wir ihn!

2) Den Vater aber auch. Ich glaube nicht, daß er über den Weggang seines Jüngeren gekränkt war. Davon steht überhaupt nichts im Evangelium. Warum sieht man es meist so? Wahrscheinlich deshalb, weil in Kirchenkreisen die Sichtweise des braven Älteren vorherrscht. Ich meine, des Vaters Abschiedsblick könnte viel eher - unausgesprochen - etwa folgendes bedeutet haben: Geh du nur fort, mein liebes Kind, und verwirkliche dich selbst. Denn eben dein Ich, deine volle Selbständigkeit will ich für dich. Wie du noch ganz klein warst, hast du strahlend "Papi!" gesagt, da wußte ich, daß ich dich mehr liebe als du selber und nur dein Bestes will, für dich, nicht um in meinem Sinn darüber zu verfügen. Dein eigen sollst du sein. Hier, unter deines Bruders Dauervorwurf, kannst du es nicht werden. Er meint es zwar gut, will mir gefallen, hat freilich von meiner Sehnsucht nach seinem freien Ich noch keine Ahnung, traut sich ja nicht einmal ein Böcklein zu nehmen, obwohl all das Meine doch sein ist. Du bist anders, du hast begriffen, daß ich dein Selbst bejahe, nicht bloß deinen Gehorsam will. Den allerdings auch; du mußt noch lernen, daß dein Ich nur innerhalb der Liebe leben kann. So trotzig wie du da vor mir stehst, wird es wohl ein schlimmes Ende mit dir nehmen. Das macht aber nichts, ich muß es riskieren und auf dein gutes Gedächtnis trauen. Bist du dann eines Tages ganz unten, dann weißt du, daß deine Ich-Stimmung allein es auch nicht macht (so wenig wie nur die Du-Stimmung deines Bruders). Dann denk an meinen Blick jetzt und an deiner Mutter Freude, sooft sie dich kommen sieht, mach dich auf und kehr heim. Dann wissen wir beide, daß du erwachsen bist, nämlich DU- und ICH-Wahrheit ineinanderlebst - Grund genug, gewaltig zu feiern.

Jesus hat, krampflos und unentfremdet, auch die ICH-Stimmung gelebt, das zeigt nicht nur dieses Gleichnis. Freund der Zöllner und Sünder, hat er dem autoritären Gottesbild jener Superfrommen, die der ältere Bruder ja bedeutet (vgl. Lk 15,3.11-32), ausdrücklich widersprochen: "Den Alten ist gesagt worden (und zwar im Namen Gottes!) - ich aber sage euch ..." Nicht nur weil er der Sohn Gottes in eigener Person ist, darf er aber so sprechen; vielmehr gehört auch die Ich-Stimmung zur Grundidee der Schöpfung, wie die Zündung zum Motor. Keine Sklavin kann der Schöpfer wollen, erst recht keinen Apparat aus Marionetten. Adam, d.h. der Mensch, wird dadurch lebendig, daß Gott ihm seinen eigenen Atem einhaucht; das Symbol bedeutet, daß unser Selbstbewußtsein geheimnisvoll zu Gottes innerem Leben gehört. Nicht aus Notwendigkeit, nur aus freiem Wohlwollen hat Gott geschaffen, lehrt die Kirche - gewiß, nicht irgendwo draußen aber, wie könnte es für Gott ein Draußen geben! Nein: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Auch meine Kopfhaare sind nicht notwendig (das beweist jede Glatze); wenn sie aber wachsen, so gehört auch das winzigste Haar zu mir selbst und ich spüre es, ich selber, wenn jemand an ihm zieht: ich bin einen Moment lang dieses Haar. So ähnlich - das wird in der Kirche leider nur selten erklärt - ist es Gottes schöpferische Konzentration auf dich, was du in dir als den Funken deines Bewußtseins glühen fühlst, daher rührt diese Gewißheit des Unbedingten in uns: Zwar kann es gleich schon mit mir vorbei sein (wie mit dem Haar, das ich jetzt ausreiße) - solange ich aber lebe, lebe nicht bloß ich, dieses zeitliche Wesen, sondern in mir vollzieht sich jenes unendliche ICH, das im Johannesevangelium das gewaltige Wort sagt: "Ehe Abraham ward, bin ICH" (8,58).

Ja: Ehe mein Daumennagel gewachsen war, den ich vor zwanzig Jahren pflegte, weil er damals ich war, und dessen Atome jetzt anderswo verstreut sind, seit lange zuvor bin ich bereits ich, derselbe, der sich jetzt in seinem Wort "ich" ausgedrückt weiß. Zwischen mir und meinem Daumennagel gibt es keine Rivalität, sondern während ich mich auf ihn konzentriere, spüre ich, daß er ich ist und ich er bin. Ebenso, nur viel wunderbarer, weiß ein selbstbewußtes Glied am Leib Christi, solange es in der Ich-Stimmung lebt, daß wir alle, wie Paulus sagt, "einer in Christus Jesus" sind (Gal 3,28 ): "einer", d.h. die eine Person des göttlichen ICH, keineswegs bloß irgendwie eins.

3) Nicht nur des Vaters DU und als göttliches ICH hat Jesus sich gewußt, er hat drittens auch "im Heiligen Geiste gejubelt" (Lk 10,21), ähnlich wie ein ganz kleines Kind auf dem Schoß seiner Mutter jauchzt, lange bevor es des Vaters Anspruch vernimmt oder selber "ich" sagt. Bekanntlich wird "der" Heiige Geist in Jesu Muttersprache von einem weiblichen Wort bezeichnet; mit Recht glauben viele, daß die Liebe des Vaters, deren Sohn Christus ist (Kol 1,13 wörtlich) uns eher als Göttin denn als Gott gelten sollte. Jedenfalls ist die EINS-Stimmung, die vertrauensvolle Geborgenheit in der Ewigen Huld, neben DU und ICH die dritte Tiefenwahrheit der Schöpfung. Wo das Urvertrauen fehlt, lebt kein volles Heil. "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen" (Mt 18,3).

Gewiß ist es schwer, diese Umkehr mit dem Ernst der Geschichte und unserer Pflicht zu mündiger Verantwortung zusammenzufühlen; ein so reifer Christ wie Reinhold Schneider bekennt von diesem Wort: "Ich kann es nicht vollziehen." ["Verhüllter Tag", gegen Ende] Die Erinnerung an die Motorenfabrik mag uns helfen, diesen Widerspruch zu ertragen: Natürlich werden Zündkerzen und Ventile nicht zugleich von derselben Maschine gefertigt. So lassen sich auch die drei Grundstimmungen nicht vom selben Bewußtsein zugleich ausdrücklich erleben; jeder muß da seinen Rhythmus finden: jetzt dem Vater gehorchen, dann - von ihm bejaht - selbstbewußt ich sein, dann jenseits von Pflicht und Stolz nur rein fühlen: Alles ist eines und ich bin dabei. Alle drei Grundstimmungen hat Jesus vorgelebt und uns als den spannungsreichen Sinn auch unseres Lebens offenbart; insofern, glaube ich, "ist in Ihm alles geschaffen".

Alles, das bedeutet für uns jeweils: gerade dies, was du erlebst, eben deine Welt hier und jetzt. Weiß die Verkäuferin im Schlußverkaufstrubel kaum mehr, wo ihr der Kopf steht, dann muß sie blitzschnell abwechseln können: Wird sie von einem entschlußschwachen Kunden genervt, so ist Geduld und Dienstbereitschaft gefordert: "Was ihr dem Geringsten ..." Anders, wenn ihr - bei Kunden oder Kollegen - Arroganz begegnet: Dann darf sie zeigen, daß sie sich ihrer Würde wohlbewußt ist. Daß andere mich ärgern, kann ich nicht hindern, ob ich mich ärgere, steht bei mir. Tu ich's nicht, trifft der Ärger der anderen ins Leere, was sie ärgert. Der Bergpredigt folgend die andere Backe hinhalten sollte nur, wer es in Ichstärke vermag; geschieht es aus Angst und Schwäche, ist es kein Zeichen. Dann und wann schließlich gibt es eine Pause. Ein Blick aus dem Fenster, eine Tasse Kaffee, ein Lächeln zwischen Kollegen macht kurz die Große Geborgenheit erfahrbar: Ja, trotz vielem wird irgendwie schon alles gut sein ...

So oder ähnlich vollziehe jedes Organ des göttlichen Sinnleibes abwechselnd seinen Dienst an anderen, die eigene Ich-Würde und die Zugehörigkeit zum Leben des Ganzen. "Für uns und um unseres Heiles willen" ist Gott Mensch geworden, ein Stück seiner Schöpfung: damit auch wir jene drei Grundstimmungen lernen, die miteinander den Sinn der Welt ausmachen, weil sie vor aller Schöpfung schon ineinander Gottes inneres Leben sind. Daß es in uns wachsen möge, schenke uns Tag für Tag die drei-einige Güte.

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Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

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