Jürgen Kuhlmann

Menschwerdung im Netz der Widersprüche


Anlaß: Weihnachtszeit, interreligiöse Begegnungen
Botschaft: Wenn der Christ die Widersprüche Andersgläubiger ernst nimmt, klärt sich ihm manches Mißverständnis seines Glaubens an Gottes Menschwerdung.
Themen: Vier Widersprüche gegen die Weihnachtsbotschaft - Antwort an Juden und Moslems: Gott hat niemanden neben sich - Christus zeigt Gottes Menschlichkeit - und des Menschen Würde - Antwort an Hindus: Christus ist das Wort Gottes - ob andere Offenbarer auch, bleibt offen - Antwort an Buddhisten: Balance Aktion / Meditation - Antwort an Zweifler: Kritische und Glaubende sind aufeinander angewiesen.
Ziel: Der Hörer erfaßt und bejaht, daß Weihnachten auch zwischen den Religionen Friedens-, nicht Streitgrund sein soll.


"Gott ist Mensch geworden." Das sagen wir Christen so leicht hin, weil wir es als Kinder schon gelernt haben. Wie ungeheuer dieses Bekenntnis aber ist, das spüren wir deutlich, sobald wir uns in das scharfe Nein! einfühlen, mit dem Andersgläubige der Botschaft von Gottes Menschwerdung widersprechen. Hier ist der Punkt, wo alle anderen gegen uns sind. Juden und Muslimen scheint die christliche Rede gotteslästerlich; denn Gott ist der Einzige, hat niemanden Seinesgleichen neben sich, jeder Mensch ist Geschöpf, keiner Gott selbst. Umgekehrt geben Hindus leicht zu, daß Gott auch in Jesus Menschengestalt angenommen hat, nicht aber sei Christus die Offenbarung des höchsten Selbst. Buddhisten wollen von der irdischen Geschichte befreit werden und wehren sich gegen die Vorstellung, Gott nehme sie so ernst, daß Er selber in ihr mitwirkt und sie ewig gültig sein läßt. Überzeugte Zweifler endlich sind vor dem Rätsel des Ganzen so tief erschrocken, daß die einen es immerfort anstarren, andere den Blick von ihm weg und krampfhaft auf die Dinge richten. Ihnen kommt die Rede von Gottes Menschwerdung als naiv-kindliche Illusion vor, als Selbstbetrug.

Ins Netz solcher Widersprüche ist der Christenglaube eingespannt. Ihn wollen wir tiefer verstehen, seine Mißverständnisse möglichst ausräumen. Dazu hilft es, wenn wir uns mit seinen Gegnern nach Kräften verständigen; denn am hellsten scheint eine Wahrheit vor dem Hintergrund ihrer Gegenwahrheit: Um einen Schimmel gut zu sehen, stell ihn vor eine schwarze Wand.

Was also können wir einem Juden oder Moslem antworten, der uns Vielgötterei vorwirft, weil wir neben dem einzigen Gott auch Christus als Gott verehren? Da müssen wir zugeben: Es stimmt, daß diese Vorstellung bei uns Christen verbreitet, ja sogar ins Credo vorgedrungen ist: Christus sitzt zur Rechten Gottes des Vaters. Tatsächlich lassen die Vorstellungen der verschiedenen Religionen sich nicht versöhnen, so wenig, wie ein Kreis jemals ein Viereck sein kann. Und doch halte ich hier etwas in der Hand, was zugleich rund und viereckig ist! Sehen Sie diese alte Tasse? Von oben gesehen ist sie rund, von der Seite sieht sie quadratisch aus. Beide Ansichten stimmen, beide widersprechen einander, aber nur auf derselben gedachten Ebene, nicht bei der echten räumlichen Tasse. So ähnlich blicken die Religionen von verschiedenen Seiten aus auf dasselbe Geheimnis. Was sie dann über es sagen, widerspricht sich in Wort und Vorstellung, aber eben - so laßt uns hoffen - nicht in der Wirklichkeit.

Wenn ich mit Gläubigen der anderen Offenbarungsreligionen spreche und dann mit neu geschärftem Ohr auf meinen eigenen Glauben lausche, dann vernehme ich: Auch wir Christen glauben an den einzigen Gott, der niemanden neben sich hat. Wie könnte es etwas oder jemanden neben dem geben, der die Fülle des Seins in sich beschließt und aus ihr heraus alles schafft? Nein, auch Jesus ist nicht neben Gott, das Sitzen zur Rechten Gottes ist nur eine ungenaue Vorstellung für die ungeheure Doppelwahrheit: Jesus zeigt zum einen Gottes Gesicht zur Menschheit hin, zum andern ist er das Gesicht der Menschheit zu Gott hin. Beides kann unser Verstand nicht zusammendenken. Weil er es trotzdem versucht (das muß er, so ist er gebaut), ergibt sich die Vorstellung des Mittlers zwischen Gott und Menschheit oder eben Christus zur Rechten des Vaters. Dieses Bild soll sich aber nicht festsetzen, sondern will uns nur helfen, an beide Seiten des Jesus-Geheimnisses zu glauben.

Die eine heißt: Gott ist menschlich. Wenn unser Herz nach einer Antwort sucht auf die nie endende Frage, die es ist, dann schaut es in viele Richtungen. Ist Gott im Himmel? Gleicht er der Sonne? Ist er der Herr, ein unerbittlicher Chef? Viele Antworten gibt die Geschichte der Religionen, erhabene und scheußliche, denken wir an die Opferkulte im alten Amerika, wo Tausenden das Herz aus der Brust gerissen wird, weil angeblich ein Gott es so will. Oft sind Gottesantlitz und Teufelsmaske ineinander verklebt.

Dann kommt Jesus. Sein Leben, Sterben und Auferstehn vernichtet - dem der glaubt - die Satansfratze, stellt unvergeßlich das lautere Gottesbild vor uns hin. Unvergeßlich? Ja. Wie Jesus in den Evangelien erscheint, diese Befreiungsbotschaft kann der Menschheit nicht mehr verlorengehen. Auf die Dauer nicht. Auch in der schlimmsten Zeit der Christenheit, als offiziell nicht Jesus das Gottesbild bestimmte, sondern umgekehrt der Herrengott das Christusbild überdeckte - viele von uns haben die letzten Ausläufer dieser Epoche noch erlitten und ahnen, wie es heute in persischen Jugendlichen aussehen mag - auch da sprach das Evangelium zu den Herzen: So wie Jesus ist - solidarisch mit den letzten Menschen, spöttisch zu den Aufgeblasenen, schneidend gegen den Hochmut der Superfrommen, treuer Freund seiner Freunde - so ist Gott zu uns Menschen. Nicht neben Gott steht dieser Jesus, sondern in ihm ist Gott, ähnlich wie dein bester Freund in seinem Gesicht.

Gottes Menschlichkeit ist die eine Seite des Weihnachtsgeheimnisses. Die andere ist des Menschen Würde. Denn Christus ist einer von uns. Mehr: Wir dürfen Er sein! "Und wäre Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, und nicht in dir, du bliebest doch verloren" (Angelus Silesius). Wie wird er in uns geboren? Indem wir - lebenslanges Reifen - immer tiefer erkenen und ausdrücklicher leben, was Christus zu den Seinen sagte: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Joh 15). Nicht Rivalen des Weinstocks sind die Rebzweige, auch nicht seine Untertanen. Ein Weinstock hat keinen Kopf! Eben deshalb, vermute ich, hat der Evangelist Johannes dieses Gleichnis gewählt: um das autoritäre Mißverständnis des Leibes Christi zu bekämpfen. Denn dessen Haupt wird, wegen der menschlichen Herrschsucht, leicht als übergeordnete Instanz aufgefaßt ("Chef" kommt von "caput"), derer sich bald allerlei Schergen und Büttel bemächtigen, um in des Hauptes Namen die Glieder herumzukommandieren. Ein Weinstock hat keinen Kopf. Sondern die Reben sind miteinander der Weinstock. Wer in sich Christus wachsen läßt, vom Lebenssaft seines Freimuts und Gottvertrauens durchströmt wird, in dem kommt Christi Geburt auch heute an ihr Ziel und er kann mit Paulus sagen: "Ich lebe, nicht mehr ich, Christus lebt in mir" (Gal 2,20).

Nicht auf den unmöglichen Platz zwischen Gott und Mensch sollen wir Christus stellen, sondern einmal mit Jesus ganz auf Gott den Einzigen blicken, dessen Liebe er uns offenbart hat, und zum andern in Jesus unser eigenes erlöstes Wesen sehen. Dann sind wir im Kern des Glaubens nicht von Juden und Muslimen getrennt, auch wenn ihre und unsere Glaubensgestalten nie übereinstimmen werden. Das macht aber nichts, denken Sie wieder an die viereckig-runde Tasse.

Was antworten wir den Hindus, die zwar Christus gelten lassen, selbst aber an Krischna glauben? Sagt Christus nicht (Joh 14,6): "Keiner kommt zum Vater außer durch mich"? Ja. Wer ist es aber, der so spricht? Ist es, wie jeder von uns, eine umgrenzte Person, irgendwann aus dem Nichts ins zeitliche Sein geschaffen? Nein. Der so spricht, ist der Logos, das heißt der Sinn der Welt in Person. Derselbe, der den Juden ein andermal den so "indisch" klingenden Satz zurief: "Ehe Abraham ward, bin ICH" (Joh 8,58). Schon im Alltag ist das Wort "mich" überaus zweideutig. Heute erzählt das Mädchen: eine Biene hat mich in die Backe gestochen - und gestern hatte sie den Freund gefragt: liebst du nur mein Gesicht oder mich? Beides meint das Wort: einmal einen Teil der Natur, dann den Kern der Person. Christus nun meint in jenem Satz offenbar sich selbst als (göttliche) Person, nicht aber seine bestimmte menschliche Natur von damals. Denn jene jüdische Individualität haben auch Abraham und Moses nicht gekannt, und lebten doch gewiß in Gottes Heil.

Ob Christi absoluter Personkern auch noch andere Gestalten menschlicher Offenbarer ähnlich unmittelbar erfüllt hat wie Jesus: darüber brauchen wir uns nicht zu sorgen. Das mögen Krischna, Buddha und Baha'ullah im Himmel mit Jesus ausmachen; in ein paar Jahrzehnten wird jeder von uns die Lösung erfahren. Inzwischen wollen wir uns zu den Jüngern jener Stifter freundschaftlich verhalten, gemäß Jesu (allzu unbekanntem) Gebot: "Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch" (Lk 9,50). Der bekanntere Gegen-Satz nämlich ("Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich" - Lk 11,23) trifft jene Andersgläubigen ja vielleicht gar nicht: weil "mich" auch hier Jesu ewige Person bedeutet und wir gerade nicht behaupten dürfen, daß sie den fremden Stiftern fehlt! Wer behauptet, was er nicht weiß, der lügt selbst dann, wenn es tatsächlich doch stimmen sollte. Warten wir also demütig ab.

Was erwidern wir den Buddhisten, die von der Geschichte erlöst werden wollen und nicht glauben können, Gott selbst wirke in ihr mit? Auch ihnen sollen wir zugeben, daß jeder von uns einen Pol der Wahrheit festhält und durch ihn auch mit dem Gegenpol verbunden ist. In "Kim", seinem besten Roman, erzählt Kipling die Freundschaft zwischen einem britischen Jungen und einem tibetanischen Mönch. Jeder hilft dem andern aus der Unbalance seiner Kultur. Bloß westliche Macherei zerstört Seele und Erde, bloß östliches Reinheitsstreben beleidigt die bunte Gotteswelt. Eben weil Christus von Anfang an der heile Mensch ist, es nie wurde, dürfen wir Christen ruhig von Buddha und den Seinen lernen, wie man ein heiler Mensch wird.

Jenen bekümmerten Realisten endlich, die das Reden von einem Sinn des Ganzen für sinnlos halten, ihnen laßt uns weiterhin von Gott und seiner Menschwerdung künden, von gleich zu gleich jedoch, wie ein Erwachsener zum andern spricht. Weder dürfen wir ihnen kindisch von einer Märchen- und Überwelt vorschwärmen; denn auf dieser Erde hat Jesus gekämpft und gelitten; nur was hier gesät wird, kann man dort ernten; jede Note der Himmelsmusik kann dann nur so erklingen, wie sie uns (und den anderen!) jetzt gelingt. Noch sollen wir die Skeptiker von oben herab belehren, als wüßten wir das Wichtigste besser. Nein: sie haben ja recht. Die Welt ist ein furchtbares Rätsel und jegliche Ideologie hat auch arg schäbige Wurzeln. Ist der gottverlassene Zweifler dem Gottverlassenen am Kreuz nicht näher als so manches christliche Frohgemüt? Wem ein solches geschenkt ist, sei dankbar und erzähle - ernst oder heiter - seine Glaubensgeschichte, mag ja sein, der andere braucht jetzt gerade ihn, um nicht zu verzweifeln. Er wisse aber stets, daß auch der Glaube vom Durchblick des Kritikers lernen muß. Nicht nur Licht ist Gottes Wahrheit, auch Schwert.

O selige Weihnachtszeit, die uns Christen von keinem Menschen trennt, sondern herzlich mit allem verknüpft, was wie das Christkind eines Tages aus dem Schoß seiner Mutter kam, um im größeren Schoß des Erdenlebens zu bleiben und weiterzureifen, bis es zuletzt nochmals geboren wird. Daß wir aus dem unendlichen Schoß der ewigen Liebe nie entbunden werden mögen, dazu helfe uns Gott.

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