Jürgen Kuhlmann

Mut zur echten Größe


Anlaß: Glaubensvertiefung
Botschaft: »Wer unter euch groß werden will, sei der
Diener aller!«
Themen: Der Durst nach Größe - kein Wahn, sondern Got-
tes Stolz in uns - Jesus verurteilt ihn nicht - weist ihm
aber die wahre Richtung - nicht krebsig wuchern, kraft-
voll dienen - Ent-täuschung kann befreien - gesunder
Rhythmus voll/leer - Lob der vollkommenen Freude
Ziel: Der Hörer ahnt, zu wie Großem - sei er äußerlich noch
so klein - er dennoch berufen ist.


Viele Menschen, wahrscheinlich fast alle, erreichen im Leben weniger als sie einst erträumt. Und Neid regt sich: auf solche, die es ein bißchen besser geschafft haben. Einen Kasparow beneidet nicht der Feierabend-Schachspieler, aber der Großmeister, der gegen ihn kaum eine Chance hat. Warum die, warum nicht ich, seufzt die schreibwütige Dame vor auftrumpfenden Bestsellerstapeln; und der zahlende Zuhörer hinten im Tagungssaal ergrimmt, wenn er das Getue um die Referenten mitansieht - kennen die sich besser aus als er? Keine Spur! O, auch er wüßte das Seine zu sagen. Wird er es in der Diskussion ausführlich tun? Hoffentlich nicht ...

Wie úmgehen mit unserem Größenwahn? Zwei Ratschläge hört man: den üblichen und den christlichen. Der übliche heißt: Bescheide dich, gib dich mit deiner Kleinheit zufrieden. Es kann nun einmal nicht jeder der Größte sein, das läßt die Mathematik nicht zu. Bleib hübsch gering, so ersparst du dir manche Enttäuschung. Vom Treppchen hinunter müssen ist bitterer als nie droben sein. Wie verbissen mühen die Tennisgrößen sich um einen gipfelnahen Platz - und rutschen doch alle, früher oder später, wieder zurück. Von Martina über Steffi zu Martina führt der Weg, zu immer neuem Triumph und Scheitern. Wie mag gar Napoleon die langen Wochen auf seiner Insel verbracht haben? Läßt dasselbe Resultat aus Plus und Minus sich durch minder auffällige Pendelausschläge um den Nullpunkt herum nicht gleichfalls erreichen? Freu dich deiner Mini-Erfolge, verkrafte die Niederlagen, den kindischen Durst nach Größe aber gib auf.

So spricht die Stimme der biederen Vernunft. Was sie sagt, ist - als theoretische Auskunft - nicht falsch. Es ist aber - als praktischer Rat - viel zu wenig. Gott will uns nicht klein. Bei jeder Geburt neu haucht das unendliche Lebensprinzip des Universums seinen eigenen Atem dem Menschgeschöpf ein; kein Wunder, daß unser Herz mit weniger als dem Allergrößten nicht zufrieden ist! Jene feurige Sehnsucht, am größten zu sein: nein, sie ist kein Wahn, den wir verleugnen und bekämpfen sollen. Nichts anderes ist sie als der gesunde Stolz, der eine von göttlichem Atem geschwellte Brust ganz selbstverständlich erfüllt.

Wer wüßte das besser als Jesus? In ihm hat das irdische Gottesbewußtsein nicht nur am hellsten geleuchtet, sondern - so glauben wir Christen - auch am ursprünglichsten. »Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade« (Joh 1,16). Jesu Menschheit ist geschaffen, wie wir; unser innerstes Ichgefühl ist, wie seines, ungeschaffen, denn er teilt es uns mit. Das verhält sich im großen so ähnlich wie dein Ichbewußtsein nicht nur deine Unterschrift mit sich erfüllt, sondern jedes Wörtlein, das du schreibst. Und doch haben deine Worte ihre Würde allein dank der Person, die sich in deiner Unterschrift als Person ausdrückt.

So lebt in jeder Eva und jedem Adam der schöpferische Selbsthauch Gottes und doch danken wir Christen, Aug in Auge mit Christus unserem Schöpfer und Herrn und Bruder und Freund, mit Recht IHM für alles was wir sind, am innigsten für den Kern aller Menschenwürde: die Mitinhaberschaft am göttlichen Selbst. Dieses Äußerste, durchaus nicht weniger als es, meint Christus, wenn der Evangelist Johannes ihn zu der Samariterin sagen läßt: »Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zur Quelle werden, die hinübersprudelt ins Ewige Leben« (3,). Schwung, der in sich selbst entspringt, das dürfen wir sein, gottsprudelnder Quell, nicht trägschwappendes Wannenwasser, das sich bloß einem fremden Ursprung verdankt. »Der ganz Andere« ist Gott, weil so sehr anders als andere Andere, daß ein großer christlicher Denker (Nikolaus von Kues) Ihn auch »den nicht-Anderen« nennen durfte, ähnlich wie die Mitte eines Ringes ihm äußerlich und zugleich sein wahrer Schwerpunkt ist. Ähnlich auch wie dein Ich deiner Nase äußerlich ist, denn sollte die beim Friseur im Abfallkorb landen, wärest du nicht in ihr; solange die Nase aber dran ist, bist du ihr kein Fremder sondern ihr eigenstes Leben.

Nun ist die größte Nase - Ehrgeizlinge hütet euch! - durchaus nicht die schönste. Super wollen wir alle sein, klug ist aber nur, wer seinen Superlativ in der rechten Dimension sucht und findet. Super will uns Gott, diesen Stolz hat Jesus empfunden, ihn gönnt er auch den Seinen. Deshalb würgt er den Größenwahn der Jünger nicht hämisch oder resigniert ab, wie viele Erzieher es tun. Jesus sagt nicht: Wer groß sein will, ist dumm oder böse und soll lieber etwas Bescheideneres wollen. Im Gegenteil! In der plumpen, rührend lächerlichen Art, wie diese Burschen sich vordrängeln, nimmt ihr gottgesandter Freund einen gültigen Durst nach Größe wahr, der ganz im Sinn des Schöpfers ist, das weiß jede Brust, in der irdische Kreativität glüht, egal ob jemand ein großes Bild malen oder einen großartigen Kuchen backen möchte. Die Sehnsucht der Jünger, groß zu sein, wird von Jesus ernst- und angenommen. Nicht bremsen will er ihre Energie, nur deren Richtung muß er korrigieren. Weil die Schöpfung insgesamt Gottes großes Werk ist und täglich mehr werden soll, deshalb darf unsere Lust auf Größe sich nicht gegen unsere Mitmenschen kehren, muß vielmehr für sie wirken. Hören wir, was das Evangelium berichtet: [Mk 10,35-45]

So durch und durch zweideutig ist die Welt, daß in ihrer Sprache nicht einmal Gottes Wort eindeutig reden kann, deshalb müssen wir zunächst ein böses Mißverständnis abwehren. Wer groß werden will, soll allen dienen, das heißt nicht: Wenn du es zu etwas bringen willst, dann mach es allen recht oder, weil das nicht geht, tu wenigstens so. So meint Jesus es nicht: Sondern er will sagen: Eben darin, allen zu dienen, besteht wirkliche Größe. Ein total überraschender Fanfarenstoß. Wer ihn nicht nur mit den Ohren, sondern im Herzen vernimmt, dem stürzen buchstäblich die Mauern seines seelischen Jericho ein, jene Festungswälle, die ein schwaches, allseits gefährdetes Menschenkind Jahrzehnte hindurch um sich aufgetürmt hat, ja: um sich - vor den Zumutungen einer harten Mitwelt zu schützen. Wo diese Mauer fällt, liegt plötzlich groß und frei die Offene Weite vor dir und du begreifst die einfache Tatsache: Wirklich groß sind wir alle zusammen, der ganze Schöpfungsleib; und jedes Einzelorgan nicht nach dem Maß seiner rücksichtslosen Privatwucherung - sie heißt beim Menschenleib Krebs. Sondern so wichtig ist ein Organ, wie es allen übrigen dient und so zum Wohl des Leibes beiträgt. »Gell, ich g'hör zu uns«, sagte einst ein Zweidreivierteljähriger zu seinem Vater, freudestrahlend, denn nicht die eigene scheinbare Kleinheit war ihm jetzt bewußt, vielmehr seine wahre Größe, das Einssein mit der Familie, damals noch seine ganze Welt.

Gell, Gott, ich g'hör trotzdem zu uns, ein solches Gebet empfiehlt sich, sooft irgendeine Niederlage jemanden demütigt. Immer wenn dein Verlangen nach Größe weltlich enttäuscht wird, weil irgendwer dir einen erwünschten Sieg wegschnappt: dann bietet sich dir eine Chance zu seelischer Reifung. Keineswegs verzichten sollst du dann auf deine Größenlust, nicht sie verdrängen, nicht mit deiner Kleinheit dich bescheiden. »Es ist sehr wichtig, seine Wünsche nicht zu verringern,« so sagt es die große Teresa von Avila [conviene mucho no apocar los deseos (Vida, 13,2)]. Sondern als geistlicher Motorradrennfahrer neige dich kühn in die Kurve und wechsle, Jesu Rat gemäß, nicht den Schwung aber die Richtung deiner Triebkraft: »Wer unter euch groß sein will, sei aller Diener!« Denn offenbar ist nach Gottes Willen deine Größe jetzt nicht in der Ich-Dimension dran, vielmehr in der gleichwichtigen Du-Dimension. Und, wie schön, der letzte Platz ist immer frei. An Menschen, denen du mit deinen Gaben dienen kannst, fehlt es nie. So wächst das Ganze, und du in ihm. Hast du nicht oft schon erlebt, wie nach einer Enttäuschung deine Freiheit größer war, weil ein Krampf sich gelöst hatte, eine Fixierung weg war? (Vielleicht sollte man Ent-täuschung stets nur mit Bindestrich schreiben und denken). »Jedes Vorhaben ist eine Sklaverei,« warnt der rumänische Pessimist Cioran; »ohne Demütigung keine Demut,« weiß Ignatius von Loyola. Und Werner Bergengruen ermuntert:

Was dem Herzen sich verwehrte,
laß es schwinden unbewegt,
allenthalben das Entbehrte
wird dir mystisch zugelegt.

Liebt doch Gott die leeren Hände,
und der Mangel wird Gewinn.
Immerdar enthüllt das Ende
sich als strahlender Beginn.

Vorsicht aber vor Einseitigkeit! Die leeren Hände liebt Gott, weil wir diese Erfahrung immer wieder brauchen, damit unsere Finger sich nicht in einen Besitz verkrallen, sondern loslassend die reine Liebe ertasten und aus deren Reichtum bittende Hände füllen. Und die vollen Hände liebt Gott, weil er die reine Liebe selber ist und seinen Geschöpfen alles Gute gönnt. Wechseln wir das Gleichnis: Beide Luftballons taugen nichts, der voller und voller wird, bis er platzt, und der leer verschrumpelte. Am wohlsten tut unserer Lunge ein gesunder Wechsel von leer und voll. Wie auch unserem Herzen, gemäß dem schönen Symbol, das wir Fritz Perls verdanken, dem Begründer der Gestalttherapie. Das ist nicht das Herz, sagte er einmal und zeigte die leere Handfläche. Dann machte er die Faust: Das ist auch nicht das Herz. Das ist das Herz, rhythmisch öffnete und schloß sich seine Hand.

Ihren besonderen, von Gott ihr zugedachten Heilsrhythmus mit großen Augen wach zu leben - voll/leer, Erfolg/Scheitern, Sieg/Dienst - darum geht es bei der Geschichte jeder Seele. Manche ist zu extremer Leidensmystik berufen: ein Franz von Assisi (+1226), eine Simone Weil (+1943). Und doch haben gerade diese beiden auf unvergeßliche Art die vollkommene Freude gepriesen!

Vom heiligen Franziskus erzählt die Legende (Fioretti, 8), wie er mit Bruder Leone an einem naßkalten Wintertag unterwegs war und zu ihm sagte: Wenn die Kleinen Brüder noch so heilig und erbaulich leben, wenn einer Lahme zum Gehen und Stumme zum Reden bringt oder gar einen seit vier Tagen Toten auferweckt, schreib: darin ist nicht die vollkommene Freude. Auch nicht, wenn einer alle Sprachen und Wissenschaften wüßte, ja sogar so gut predigen könnte, daß er alle Ungläubigen zum Glauben an Jesus Christus bekehrte, schreib: darin ist nicht die vollkommene Freude.

Bruder Leone bat verwundert: Vater, bitte sag mir um Gottes willen, worin ist denn die vollkommene Freude? Und San Francesco antwortete ihm so: »Wenn wir nach Santa Maria degli Angeli kommen, regendurchnäßt, frostvereist, dreckverschmiert und hungergeplagt, und wir klopfen ans Tor und der Pförtner kommt zornig an und sagt: Wer seid ihr? - und wir sagen: wir sind zwei von euren Brüdern, - und er sagt: ihr lügt, ihr seid zwei Herumtreiber, betrügt die Welt und klaut die Almosen der Armen, geht fort! Und macht nicht auf, läßt uns draußen in Schnee und Regen stehen, mit Kälte und Hunger bis in die Nacht; wenn wir dann soviel Unrecht und Grausamkeit und soviele Zurückweisungen geduldig aushalten, ohne Verwirrung noch Murren gegen ihn, und demütig liebevoll denken, daß der Pförtner da uns wahrhaft kennt und Gott ihn so gegen uns reden läßt: o Bruder Leone, schreib: darin ist die vollkommene Freude. ...

Und wenn wir dann, von Hunger, Nacht und Kälte gezwungen, doch klopfen, rufen und um Gottes Liebe willen mit viel Tränen bitten, er möge aufmachen und uns einlassen, und er sagt noch verärgerter: das sind elende Frechlinge, ich will sie gut bezahlen wie sie es verdienen, - und kommt heraus mit einem Knotenstock und packt uns bei der Kapuze und wirft uns zu Boden, wälzt uns im Schnee und prügelt uns auf alle Gelenke; wenn wir das alles geduldig und mit Fröhlichkeit ertragen und an die Schmerzen des gesegneten Christus denken, die wir aus Liebe zu ihm ertragen müssen: o Bruder Leone, schreib: darin ist die vollkommene Freude.

Und höre den Schluß, Bruder Leone. Höher als alle Gnaden und Gaben des Heiligen Geistes, die Christus seinen Freunden gewährt, ist es, sich selbst zu besiegen und um der Liebe Jesu Christi willen gern Leiden, Unrecht, Schande und Pein zu ertragen. Denn aller Gnadengaben Gottes können wir uns nicht rühmen, da sie nicht unser sondern Gottes sind, wie der Apostel sagt: Was hast du, das du nicht von Gott hast? Wenn du es von ihm hast, was rühmst du dich, als hättest du es von dir? Aber im Kreuz von Trübsal und Leid können wir uns rühmen, denn das gehört uns. Darum sagt der Apostel: Ich will mich nicht rühmen außer im Kreuz Christi.«

So hat der heilige Franziskus seine Art von Freude verherrlicht; selig, wer sich von ihm zu dieser Tiefe hin auch nur ein Stück weit mitnehmen läßt! Siebenhundert Jahre später hat eine seiner Schwestern im Geist, die französische Jüdin Simone Weil, Leid und Freude auf wieder ganz anders überraschende Weise zusammengedacht:

»Zu sagen, die Welt sei nichts wert, dieses Leben sei nichts wert, und zum Beweis das Übel anzuführen, ist widersinnig; denn wenn sie nichts wert sind, wessen beraubt dann das Übel? So sind das Leiden im Unglück und das Mitleid mit andern desto reiner und heftiger, je besser man die Fülle der Freude begreift. Wessen beraubt denn das Leiden den, der ohne Freude ist? Und begreift man die Fülle der Freude, so verhält sich das Leiden noch zur Freude wie der Hunger zur Nahrung. Man muß durch die Freude die Offenbarung der Wirklichkeit empfangen haben, um die Wirklichkeit im Leiden zu finden. Sonst ist das Leben nur ein mehr oder minder schlechter Traum. Man muß dahin gelangen, im Leiden, das Nichts und Leere ist, eine noch vollere Wirklichkeit zu finden. Ebenso muß man das Leben sehr lieben, um den Tod noch mehr zu lieben.«

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