Jürgen Kuhlmann

Allerheiligen - das Fest, das uns selber meint


Anlaß: Allerheiligen
Botschaft: Das Fest der gewöhnlichen Christen ist Grund zu
Freude und Demut zugleich.
Themen: Fest der Gewöhnlichen - Entlarvung einer Unhei-
ligen - ein Heiliger, der keiner werden wollte - Hochspan-
nung: endliche Wesen mit göttlicher Berufung - nur der
Gott-Mensch erträgt die Spannung und wir in ihm - kein kon-
fessioneller Widerspruch mehr ein Strom in allen Lichtern Ziel: Der Hörer sieht seine Mitmenschen wie sich selbst
wieder mit dankbar-ehrfürchtigen Augen in göttlichem Licht.


Allerheiligen ist unser Fest, das der gewöhnlichen Menschen. Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Gastmahl; zu einem feierlichen Essen gehören nicht nur Kaviar, Austern und andere erlesene Spezialitäten, sondern vor allem auch Brot. Ohne gewöhnliche Speise wären die leckersten Köstlichkeiten dem Gast bald zuwider. Ähnlich kann auch die Kirche nicht nur aus lauter »großen Heiligen« bestehen: Menschen, deren erstaunliche Lebensleistung Jahrhunderte hindurch weitererzählt wird und nach denen wir unsere Kinder und Kirchen nennen. Daß sie - im Grunde und in Wahrheit - gerade nichts Besonderes sind, das haben am allerbesten die Heiligen selbst gewußt; wo jemand sich für extra heilig hält, lebt er schon deshalb im Irrtum. Eine lustige Begebenheit erzählt Goethe vom hl. Philipp Neri:

»Er befindet sich eben in der Nähe des Papstes, als diesem berichtet wird, daß in der Nähe von Rom eine Klosterfrau mit allerlei wunderlichen geistlichen Gaben sich hervortue. Die Wahrhaftigkeit dieser Erzählungen zu untersuchen erhält Neri den Auftrag. Er setzt sich sogleich zu Maultier und ist bei sehr bösem Wetter und Weg bald im Kloster. Eingeführt, unterhält er sich mit der Äbtissin, die ihm von allen diesen Gnadenzeichen mit vollkommener Beistimmung genauste Kenntnis gibt. Die geforderte Nonne tritt ein, und er, ohne sie weiter zu begrüßen, reicht ihr den kotigen Stiefel hin, mit dem Ansinnen, daß sie ihn ausziehen solle. Die heilige reinliche Jungfrau tritt erschrocken zurück und gibt ihre Entrüstung über dieses Zumuten mit heftigen Worten zu erkennen. Neri erhebt sich ganz gelassen, besteigt sein Maultier und findet sich wieder vor dem Papst, ehe dieser es nur vermuten konnte ... Sie ist keine Heilige! ruft er aus, sie tut keine Wunder! denn die Haupteigenschaft fehlt ihr, die Demut.« (Italienische Reise, 26. Mai 1787)

Wie anders als jene einfältige Person tritt ein Heiliger unseres Jahrhunderts auf (in früheren Zeiten wäre er als Märtyrer längst zur Ehre der Altäre erhoben worden). Dietrich Bonhoeffer schreibt am Tag nach dem 20. Juli 1944 an einen Freund: »Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich vor 13 Jahren mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte für möglich, daß er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen ... Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder Gesunden - und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist "Umkehr"; und so wird man ein Mensch, ein Christ.«

Und ein Heiliger, dürfen wir ergänzen. Warum dann keiner werden wollen? Ich vermute: aus einem Gefühl der Ehrlichkeit heraus. »Alle haben gesündigt,« lesen wir in der Bibel (Röm 3,23). »Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein« (Joh 8,7); wäre von Jesus nichts bekannt außer diesem Satz, würde er schon zu den Großen der Menschheit gehören. Wenn wir alle Sünder sind: was soll dann das Reden von Heiligkeit? Und doch scheut der Apostel Paulus sich nicht, alle Christen unbefangen »die Heiligen« zu nennen: »Teilt den Nöten der Heiligen mit« (Röm, 12,13; wie man sieht, ist der Klingelbeutel eine der ehrwürdigsten kirchlichen Einrichtungen). Sünder und Heilige zugleich, wie paßt das zusammen? Das rechte christliche Selbstgefühl scheint eine verzwickte Angelegenheit zu sein. Wer sind wir?

Ein lebendiger Widerspruch, jeder von uns. Ein scheinbar unmöglicher Fall. Und doch gibt es uns, »denn bei Gott ist kein Ding unmöglich« (Lk 1,37). Aus Fleisch und Blut bestehen wir, aus Knochen und einem Gehirn, das sich in Millionen von Jahren entwickelt hat, bis zu unserem erstaunlich tüchtigen Denkapparat. Dieses endliche Lebewesen ist aber noch nicht der Mensch, vielmehr bloß der eine Pol jener Spannung, die der Mensch ist, seine irdische Natur.

Was ist der andere Pol? Ihn spüren wir in uns als unsere unendliche Sehnsucht, Christen glauben an ihre göttliche Berufung. Warum genügt uns nichts? Warum will der Allerreichste immer noch mehr haben, die Erfolgverwöhnteste immer noch Glänzenderes erreichen? Warum fällt es vielen so schwer, bei der Berufswahl zum Beispiel, sich festzulegen? Weil wir nicht bloß etwas sein wollen, sondern ach so gern alles. Und warum das? Sehr einfach: Weil jeder und jede geheimnisvollerweise tatsächlich auch alles ist! Wer den Menschen auf seine irdische Natur beschränkt, hat ihn nicht begriffen. Denn er ist in Wahrheit, und zwar in jedem Augenblick, seine göttliche Berufung, nicht Holzspan allein, sondern auch dessen Glut. Freilich nicht das unendliche Feuer allein, sondern ebenso eine arme irdische Natur mit bestimmter Perspektive: männlich oder weiblich, deutsch oder chinesisch, alt oder jung usw.

Solche Hochspannung zwischen irdischem und göttlichem Pol unser selbst ist nun aber auch dem kräftigsten Hirn allzu gewaltig. Es ergeht ihm so ähnlich, wie wenn in einen Radio oder Computer der Blitz schlägt. Die Überspannung zerstört das endliche Gerät. So können wir Heutigen ahnen, was die seltsame Kirchenrede vom Sündenfall bedeutet. Die irdische Natur ist ihrer göttlichen Berufung nicht gewachsen, zerschmilzt in deren Blitz, übrig bleibt die Asche eines enttäuschten, der eigenen Splitter-Perspektive ver-hafteten Geschöpfes. Weil dies in jeder Lebensgeschichte passiert, und zwar nicht bloß am Anfang, sondern immer wieder entlang der Linie der Zeit, deshalb sind wir alle Sünder. Und die es abstreiten, noch schlimmer als die anderen; das können sie nämlich nur, wenn sie ihre göttliche Berufung total verdrängen. Wer weiß, wie er sein sollte, müßte zugeben, daß er so nicht ist.

Das gute schöpferische Prinzip des Universums gibt aber nicht auf. Im Film »Krieg der Sterne« wird Es »die Macht« genannt, Gläubige aller Religionen rufen Es an mit dem vertrauten Namen: Gott. Die Gute Macht greift ein, repariert die zerschmorte Menschennatur. Das allein würde freilich nichts nützen, so könnte sich höchstens ihre Zerstörung andauernd wiederholen. Ein endlicher Pol hält die unendliche Spannung nie aus. Doch die Gute Macht findet einen Weg. Die Menschennatur muß in ihr selbst unendlich gestärkt werden. Gott wird Mensch. So kann der irdische Pol die göttliche Energie aufnehmen: »Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine Neue Schöpfung« (2 Kor 5,17).

Deshalb dürfen die Christen, wenn sie wirklich in Christus sind, mit Recht »die Heiligen« heißen, und zwar alle, nicht nur die Ausnahmegestalten der Kirchengeschichte, auch unsere eigenen Vorfahren und hoffentlich wir selbst samt unseren Nachkommen. Denn die Rangstufen zwischen einer Menschennatur und einer anderen sind durchaus belanglos, was ihre gemeinsame göttliche Berufung angeht; wie stark ein Radio ist, macht nach dem Blitzschlag keinen Unterschied, nur der Schrotthaufen wäre dann größer oder kleiner. Umgekehrt teilt die Energie des Gottmenschen sich selbst auch seinen schwächsten Gläubigen mit, so daß auch solche Menschen zu den Heiligen gehören, denen man es im Alltag nur selten ansieht ...

Obwohl Allerheiligen als typisch katholisches Fest gilt, gibt es beim Thema Heiligkeit doch heute keinerlei Glaubensgegensatz mehr zwischen den Konfessionen. Ihr Streit war ein Mißverständnis. Die Evangelischen betonen, daß auch Christen aus ihrer eigenen Kraft stets Sünder bleiben - das ist aber auch der katholische Glaube, es kann gar nicht anders sein; denn die endliche Menschennatur hält der unendlichen Gottesspannung nicht stand. Die katholische Seite besteht darauf, daß unsere Heiligkeit nichts bloß Eingebildetes oder äußerlich Angerechnetes ist [Luis 182], sondern wahrhaft unsere Wirklichkeit - auch Luther jubelt jedoch, »daß Christus und die Seele ein Leib werden ... so daß, was Christus hat, das ist eigen der gläubigen Seele« (Von der Freiheit eines Christenmenschen, XII). Wie könnten wir unserer göttlichen Bestimmung entsprechen, gäbe die gute Macht uns nicht, in unserem Bruder Jesus Christus, sich selbst wahrhaft zu eigen?

Fassen wir deshalb an diesem tröstlichen Fest wieder frischen Mut. Wie ein langer Eisenbahnzug braust oder rattert, je nachdem, durch die Nacht der Weltzeit die heilige Kirche. Gleich mächtigen Scheinwerfern erhellen die großen Heiligen die Strecke vor uns; gleich starken Lampen beleuchten mittlere Heilige die einzelnen Abteile, damit man sich auskennt und nicht übereinander purzelt. Es gibt aber auch Lämpchen für jeden Fahrgast, sie entsprechen den schlichten Heiligkeiten der Normalchristen. Das Schöne ist, daß sämtliche Glühbirnen, die riesigen wie die winzigsten, vom selben Strom gespeist werden, den die Lok für alle von oben holt. Egal deshalb, wieviele Watt dir zugemessen sind: leuchte! Verwandle Gottes Energie in Licht für die Deinen. Dann gehörst, wenn deine Fahrtstrecke einmal um ist, zum Thema des Allerheiligenfestes endgültig auch du.

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