Jürgen Kuhlmann

Gottes Geist - der Menschen Leben


Anlaß: Pfingstzeit
Botschaft: Weil Gottes Hauch uns von innen her belebt,
brauchen wir die Kränkungen durch die Wissenschaft nicht
zu fürchten.
Themen: Pfingstgeist als Lebensprinzip - die vier Krän-
kungen: - Erde nicht Mitte - Mensch aus Tierreich - Chaos
des Unbewußten - Künstliche Intelligenz - Gottes Lebens-
hauch in uns bleibt unberührt - jeder glaube ans eigene
göttliche Licht - und achte die übrigen.
Ziel: Der Hörer wird sich des tiefen Grundes der Menschen-
würde wieder dankbar bewußt.


Wie hat das Pfingstfeuer auf Jesu Jünger gewirkt? Hat es mitten im großen Saal gebrannt? Nein. Oder als Fackel in der Hand des Chefs gelodert, des Petrus? Auch nicht. Wie dann? »Sichtbar wurden ihnen - sich verteilend -Zungen wie von Feuer. Und die setzten sich auf jeden von ihnen« (Apg 2,3). Das ist eine ungeheuer wichtige Wahrheit; solange wir sie nicht verstanden haben, bleibt das Wesentliche des Christentums uns fremd. Und so lange hat Jesus bei uns das Ziel seiner Sendung nicht erreicht: »Ich bin gekommen,« sagt er, »daß sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10,10)! Sein Leben ist für jeden Menschen das Allerpersönlichste, was nur ihm eigen ist, und eben dies bedeuten die pfingstlichen Feuerzungen, die sich auf die Apostel verteilen. Das helle, warme, sprühende Leben eines jeden von uns ist nichts bloß Irdisches! .

Dein Leben und meines verdankt sich freilich dem Urknall zu Beginn der Zeiten und der Entwicklung des Universums seither, bis hin zum Schwung unserer Atome; wir sind Kinder des Weltalls. Vieles an uns läßt sich ganz natürlich erklären, aus der Wirkung weltlicher Kräfte. Durch die Fortschritte der Wissenschaften ist dem Menschen ein Stolz nach dem anderen schmerzhaft entrissen worden, in einer Serie von Kränkungen.

Die erste ist mit dem Namen Kopernikus verbunden; jener sternkundige Domherr hat am Ende des Mittelalters erkannt, daß die Erde keineswegs in der Mitte des Alls steht, vielmehr nur einer der Planeten ist, die um die Sonne kreisen. Heute weiß man dazu noch, daß auch unsere Sonne nicht die Mitte ist, sondern bloß ein mittelgroßer Stern am Rande unserer Milchstraße, die noch Milliarden anderer Sterne zählt - und solche riesigen Sternhaufen gibt es ebenfalls wieder Milliarden: Im kosmischen Maßstab sind wir unvorstellbar winzig.

Die zweite Kränkung geschah uns im letzten Jahrhundert, als Darwin einsah, daß die Menschheit sich durch biologische Entwicklung aus dem Tierreich herleitet. Auch das war ein schlimmer Schlag für unseren Stolz; man weiß, wie sehr gerade christliche Kreise sich gegen diese Erkenntnis sträubten. Als ein Junge einmal aus der Schule heimkam und seinen Vater aufklärte: die Menschen stammen vom Affen ab, soll der Vater sich empört haben; Dummer Jung, du kannst ja vom Affen abstammen, aber ich nicht!

Die dritte Kränkung ist uns vor bald hundert Jahren von Sigmund Freud angetan worden. Seither weiß man, wie wenig unser scheinbar so helles Bewußtsein Herr im eigenen Hause ist; nicht einem Berggipfel gleicht das Bewußtsein, eher einer niedrigen Insel, die immer wieder von den dunklen Wassern des Unbewußten überflutet wird, so daß sich allerhand fremde Mächte, Komplexe, Gespenster d.h. seelische Gespinste in uns tummeln und uns auf unsinnige, oft schlimme Wege verleiten.

Eine vierte Kränkung passiert eben in diesen Jahren, und zwar unter dem Stichwort »künstliche Intelligenz«. Wer schon einmal gegen einen Schachcomputer verloren hat, kennt das unheimliche Gefühl. Man sitzt einer fühllosen Maschine gegenüber und weiß genau, wie unendlich dumm die ist. Trotzdem findet sie auf jeden schlauen Zug einen schlaueren Gegenzug und treibt einen unerbittlich in die sichere Niederlage. Und das geht nicht nur Amateuren so, sondern mehr und mehr auch tüchtigen Meistern, seit dem Mai 1997 sogar dem genialen Weltmeister Kasparow.

Was ist aus dem stolzen Menschen geworden, jener vernünftigen Krone der Schöpfung im Zentrum des Alls, wofür unsere Vorfahren sich hielten? Ein Wesen irgendwo am Rande eines Sternhaufens; ein besseres Tier - oder ein schlechteres Tier; denn kein Tier ruiniert seine Umwelt; ein Chaos, beherrscht von unbewußten Mächten und Macken, und dann auch noch dümmer als seine von ihm selbst gebauten Denkmaschinen - das ist, nach heutiger Erkenntnis, der Mensch. Und doch!

Und doch ist das alles bloß die Außenseite. Derselbe Mensch, der ehedem auf seinen prachtvollen Königsanzug so stolz war, steht jetzt enttäuscht vor dem Spiegel seiner Wissenschaft und merkt: Was ich anhabe, ist ein lumpiges Bettlergewand. Kleider machen Leute, gewiß - Kleider machen aber nicht die Person. So bitter jene Kränkungen unsere Eitelkeit verletzen, so befreiend wirkt, sobald er recht verstanden wird, der pfingstliche Glaube: In Wirklichkeit ist alles anders. Wohl bin ich ein schwaches Geschöpf des Kosmos; nur so aber, wie eine Dame tatsächlich irgendwie auch ihre äußere Erscheinung ist: Würde sie sich sonst so furchtbar schämen, wenn sie mit Ölflecken im Kleid und einer riesigen Laufmasche herumläuft? Ja, sie ist das, was sie anhat, aber eben doch nur irgendwie. Wahrer und wirklicher gedacht, ist sie nicht, was sie anhat, sondern was sie in sich selber ist, abgesehen von allem äußeren Kram.

Ebenso wie in diesem Gleichnis verhält es sich mit der Wirklichkeit überhaupt. Von außen gesehen, sind wir vergängliche Produkte der Evolution, unsere eigentliche Wahrheit erfahren wir jedoch heute: Jeder und jede von uns ist zuinnerst ein besonderer, einmaliger Personfunken des göttlichen Feuers. Läßt sich das wissenschaftlich beweisen? Nein. So wenig jene Dame durch Herumzupfen an ihrer Laufmasche herausbringt, wer sie wirklich ist.

Glauben aber können wir unsere gottgeschenkte Person, die wie ein unversiegbarer Quell tief in unserem Innersten entspringt, dort wo kein kosmischer Mechanismus hingelangt. Und nicht nur glauben, auch ahnen, ja zuweilen begeistert verspüren. Hätte ein Hirnforscher (mit solchen Methoden, wie es sie künftig vielleicht geben wird) Mozarts Gehirn gerade zu der Zeit untersuchen können, als er nach dem Tode seiner Mutter jenes Doppelkonzert komponierte, bei dem Violine und Viola ihr wehmütiges Liebesgespräch führen - was hätte die forschende Neugier entdeckt? Höchstens ein elektronisches Abbild derselben Noten, die des Meisters Hand damals aufs Papier warf. Bestimmt nicht jedoch die unirdisch traurig-tröstliche Seelenstimmung, aus der dieser Liebesgesang aufgeblüht ist und die er im mitschwingenden Hörer auch wieder hervorrufen kann.

Hervorrufen - woher? Eben aus der göttlichen Tiefe, dem geheimen Unendlichkeitsraum der Seele, unserer wahren Heimat, nicht jenseits, aber weit »inseits« aller Körper-Chemie und Gehirn-Elektronik. Materiell gesehen ist jeder Mensch das komplizierte Programm eines Fleisch-Computers, der großenteils aus Wasser besteht. Beides zusammen, Gerät und Programm, wird in der Bibel von dem Erdenkloß bedeutet, den der Schöpfer am Anfang gemacht hat. Der ist aber noch nicht der Mensch. Wir lesen: »Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen« (Gen 2,7). Belebender Gotteshauch im Menschen: das, nichts anderes, ist dein und mein waches Selbstbewußtsein.

Allerdings sind wir geneigt, im Alltag des Lebenskampfes unsere gemeinsame Göttlichkeit zu vergessen. Um uns an sie neu zu erinnern, unvergeßbar, deshalb ist Gott in Person als Mensch auf Erden erschienen und hat am Kreuz »den Geist aufgegeben« (Joh 19,30), so beschreibt der Evangelist Johannes Jesu Tod. Das ist der allerkühnste, geheimnisvollste Doppelsinn, den man sich denken kann; denn der griechische Satz heißt auch: »Er hat den Hauch übergeben, den Atem mitgeteilt«, nämlich mitten in der Geschichte eben das getan, was der Schöpfer immer schon vor jeder Einzelgeschichte tut und was der auferstandene Erlöser den Seinen als Ostergeschenk bringen wird (Joh 20,22): uns seinen eigenen göttlichen Geist einzuhauchen, denselben, der an Pfingsten als feurige Lebens-Energie sich auf alle Glaubenden verteilt. Viele Sinnbilder, eine Wirklichkeit!

Christlich recht verstanden, brechen jene vier Kränkungen somit zwar unseren Hochmut, unser gesunder Stolz aber geht aus ihnen gestärkt hervor. Fast jeder Mensch kennt doch dieses Erlebnis: Wenn man ihn äußerlich demütigt, wie dann in seinem Innern erst recht das Selbstgefühl aufflammt. Spottet ihr nur, ihr kennt mich ja überhaupt nicht, habt keine Ahnung, wer ich bin. Das ist natürlich, oft genug, scheinbar eine Illusion; großer Dichter oder bedeutende Malerin zu sein, zum Beispiel, das ist keine Kleinigkeit, und manch verkanntes Genie bleibt mit Recht unbeachtet. Trotzdem läßt sein Stolz sich auch als leicht verrutschtes Zeichen einer seligen Wahrheit verstehen; denn was ein Mensch sich im Grunde seines Herzens wünscht, ist die totale Anerkennung vor der totalen Öffentlichkeit, und eben das ist des Schöpfers Ziel für jede und jeden von uns. Unsichtbar aber wirklich glüht im erlösten Menschen eine ganz bestimmte Flamme des Heiligen Geistes, und an dem großen Tag, der keinen Abend mehr kennt, da wird vor aller Welt offenbar, daß auch deine Flamme eine gültige Zunge des Ewigen Feuers gewesen ist - und immer bleibt. Sieh darum zu, daß sie nicht rußt, d.h. nicht die anderen Gotteslichter verdunkelt.

Sooft wir das tun, schaden wir dem Besten in uns selbst. Denn an der Oberfläche, wo die Unterschiede zwischen uns Menschen gelten, wo der eine schärfer denkt, eine andere ihr Haus geschmackvoller einrichtet als die meisten: an dieser Oberfläche haben Kopernikus und Darwin, Freud und die Programmierer künstlicher Intelligenzen ja so recht; für alle diese Kammerdiener der Menschheit gibt es keine Helden, nur einigermaßen lächerliche Gestalten. Nehmen wir die Unterschiede unserer Kräfte und Erfolge deshalb so leicht, wie sie es verdienen! Was du kannst, sollst und bist, darauf kommt es an, darauf nämlich, daß du gerade das möglichst gut tust und bist - ob andere es besser machen, sei dir keinen Kummer wert. Verantwortlich bist du für deine göttliche Flamme und dafür, daß du auch die göttlichen Flammen deiner Mitmenschen achtest und hegst. Sie alle sind dasselbe Lebensfeuer. »Löscht den Geist nicht aus!« (1 Thes 5,19)

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