Jürgen Kuhlmann

Ob äußerlich erschienen oder seelisch - Jesus lebt!


Anlaß: Osterzeit
Botschaft: Ob Christus seine Auferstehung durch innersee-
lische Erscheinungen oder äußerliche Wundertaten kundtat,
ist für den Osterglauben nicht entscheidend.
Themen: Unaufhebbares Nichtwissen - Berichte wörtlich
genommen - oder nicht - Bewußtsein wirklicher als Stein -
Beispiel Liebesglück - Vision des Petrus - oder doch mas-
sive Wunder? - Erlebnis von Mörike - so oder so: Jesus lebt
Ziel: Der Hörer nimmt sein Nichtwissen innerlich an und wird
gerade so seines Glaubens neu gewiß.


Was ist an Ostern geschehen? Wären damals schon Reporter mit Kamera und Mikrofon unterwegs gewesen: was könnten wir sehen und hören, wenn sie alle Ostergeschichten des Evangeliums so aufgenommen hätten, wie sie sich ereignet haben? Auf diese interessante Frage gibt es keine Antwort. Kein Scheinwerfer hat das leere Grab ausgeleuchtet. War es überhaupt leer? Das weiß niemand. Haben die Leute, die den Emmausjüngern auf ihrem Weg begegnet sind, drei Gestalten erblickt oder zwei? Auch das werden wir, in diesem Leben, nie erfahren. Es ist auch nicht wichtig.

Diese Einsicht allerdings ist hochwichtig. Denn wir werden unserem Glauben nicht gerecht, solange wir ihn mit irgendeinem angeblichen Wissen verwechseln - egal ob vor dem ein Plus- oder ein Minuszeichen steht. Sowohl am rechten wie am linken Rand der Christenheit ist das Osterlicht, statt überzeugend zu strahlen, mißverständlich am Flackern. Schauen wir uns beide Extreme an.

Die einen nehmen alle Berichte wörtlich und sind überzeugt: Das Grab war leer, Jesu Leichnam ist wieder lebendig geworden und hat sich seinen Freunden gezeigt, zu ihnen gesprochen, sogar mit ihnen zusammen gegessen. Auf dem Film über die Emmaus-Wanderung wären drei Männer zu sehen. Gegen diese Meinung ist nichts zu sagen, vielleicht war es so. Schlimm ist nur, daß viele Christen diese Ansicht für ihren Glauben halten und deshalb, weil der Glaube ja unfehlbar wahr ist, auch alle anderen drängen, ebenso zu denken. Dadurch werden aber solche heutigen Menschen, die - von ihren Erfahrungen her - eines Leichnams Wiederbelebung für widersinnig halten, aus der Kirche verstoßen, zu Unrecht um die erlösende Kraft der wahren Auferstehungsbotschaft gebracht, die nach Gottes Willen auch für sie bestimmt ist. Dort aber einen Zaun aufzurichten, wo Gott eine einladend offene Tür wünscht: das ist eine erschreckend schwere Schuld, exakt das Gegenteil jenes Glaubensgehorsams, den die angeblich so strenggläubigen christlichen »Fundamentalisten« im Grunde doch leben wollen. Mir scheint, auf diesen Widerspruch paßt das große Wort »tragisch« (in manchen Todesanzeigen wird es dagegen mißbraucht; fährt ein Betrunkener an den Baum, ist das nicht tragisch, nur logisch).

Angenommen aber, Jesu Grab sei nicht leer gewesen: Wie können wir seine Auferstehung dann begreifen? Falls jene Atome, aus denen der Leib des Gekreuzigten bestand, sich nicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder miteinander zum selben fühlenden Menschen verbanden, was heißt dann unser Bekenntnis »auferstanden von den Toten«?

1994 hatte das Buch »Die Auferstehung Jesu« des protestantischen Theologieprofessors Gerd Lüdemann ein ungewöhliches Schicksal. Erst erschien es in einem angesehenen evangelischen Verlag. Doch nach einem sensationellen SPIEGEL-Artikel und scharfen Protesten aus kirchlichen Kreisen wurde das Buch dort wieder aus dem Programm gestrichen und von einem anderen Verlag übernommen. Ich meine, solche Aufregung war überflüssig.

Was habe ich hier in der Hand? Einen Kieselstein, hart, solide, zweifellos wirklich. Er läßt sich sehen, berühren; jemand könnte ihn nehmen und mir damit so auf den Kopf hauen, daß es mit meinem Bewußtsein auf Erden für immer vorbei wäre. Ist der Stein also wirklicher als mein Ichgefühl? Stellen Sie diese Frage einmal an sich selbst: Was ist wirklicher, ein Stein, den man wiegen kann - oder ich selbst, mein bewußtes Lebensgefühl, das keiner kennt außer mir, das sich weder sehen noch hören und auch nicht wiegen oder berechnen läßt? Jede wache Person dürfte überzeugt sein: Ich bin mehr wirklich als ein Stein. Stellen wir uns vor, irgendwo auf der Rückseite des Mondes liegt ein Felsblock, den niemand je sehen wird: der soll wirklicher sein als du? Lächerlich! Nur indem wir jetzt an ihn denken, ist er über seine uralt-unwichtige Realität hinausgelangt und kurz wirk-lich geworden, weil er in uns diese Erkenntnis be-wirkt: Ein Selbstbewußtsein ist wirklicher als ein materielles Ding bloß in Raum und Zeit.

Sobald wir das bedenken, klingt Professor Lüdemanns Oster-Erklärung recht vernünftig: Nicht materiell habe die Auferstehung sich ereignet; nicht in der Dimension des Steines, vielmehr rein seelisch seien die Erscheinungen des auferstandenen Herrn geschehen. Aber doch wirklich! Sogar überwältigend wirklich! Nehmen wir an, jemand sei bis zum Wahnsinn verliebt, an nichts anderes kann er mehr denken als immer nur an die ersehnte Person. Ist so ein Zustand wirklich? Wer ihn kennt, weiß: Wirklicher ist nichts auf Erden. Da kommt ein kurzer Brief: »Ja, ich liebe dich. Wann heiraten wir?« Was ereignet sich jetzt? Glück überschwemmt den Verliebten. Ist der Umschwung wirklich? Und ob! Und doch ist sein materieller Anlaß so winzig: nichts als ein paar Striche auf einem Stück Papier. Gehen wir jetzt bis zur äußersten Grenze: Wenn Gott einem Menschen die erlösende Botschaft mitteilen will »alles ist gut, der Tod ist besiegt, ich bin bei euch, einer der Euren« - dann braucht Er nicht einmal einen Zettel. Auf nichts Raumzeitliches ist der Schöpfer von Raum und Zeit angewiesen, seine Offenbarung erreicht unser Inneres unmittelbar.

Wie könnte z.B. Petrus Ostern erlebt haben? Er hatte seinen besten Freund feige verleugnet und dann, durch grausamen Tod im blühendsten Lebensalter, für immer verloren. Für immer? Das konnte nicht sein! Petrus war von unendlicher Trauer erfüllt, sie wütete in ihm, er wollte sich mit dem furchtbaren Ende nicht abfinden, erinnerte sich glühend an so vieles, was Jesus gesagt und getan hatte. Da ist auf einmal das geschehen, was die Gelehrten - sie müssen ja irgendetwas sagen - eine »Vision« heißen, was aber nichts mit der sogenannten Vision irgendeines Phantasten zu tun hat, der etwa die klassenlose Gesellschaft oder Deutschland über alles sich erträumt. Eher gleicht des Petrus Vision dem Umschwung im Gemüt des Verliebten, den das heiß ersehnte Ja-Wort begeistert, nicht schon wegen des Wunsches freilich, sondern nur weil das Ja den wirklich erfüllt! Nicht Petrus hat die Vision gemacht, sondern sie hat ihn gemacht: zu einem anderen Menschen. Hätte die Filmkamera nichts registriert? Doch: das Antlitz eines Menschen, der plötzlich Alles in neuem Lichte sieht, so wunderbar total neu, daß er jahrzehntelang davon erzählen wird, bis er sich als alter Mann in Rom für das Bekenntnis zu seinem auferstandenen Freund gleichfalls kreuzigen läßt, auf seine Bitte hin mit dem Kopf nach unten, weil er desselben Todes wie Jesus nicht würdig sei. Lüdemann schreibt über Petrus: »Das Wort Jesu wurde von ihm als etwas Lebendiges erlebt, als Begegnung mit dem ganzen Jesus selbst, bildhaft ... Erinnerungen daran, wie Jesus war, führten zur Erkenntnis, wie Jesus ist« (113-116).

Ja: So läßt sich das Oster-Ereignis jemandem verdeutlichen, der an Wunder nicht glauben will, weil ihm keine passieren. Worauf es bei unserem Glauben ankommt: die wirkliche Auferstehung Jesu im Geist und in der Wahrheit, sie wird auch bei dieser rein seelischen Deutung der alten Berichte gültig verkündet.

Allerdings vermute ich, daß die ungeheuren Ereignisse damals, aus denen der Baum des Christentums erwuchs, keineswegs bloß innerseelisch waren. Im Gegenteil! Wahrscheinlich haben die Jünger in jenen seligen Wochen allerhand Seltsames, eigentlich Unbegreifliches erlebt, und zwar doch derart handgreiflich, daß selbst einem hartnäckigen Zweifler wie Tomas felsenfest klar wurde: Jesus lebt!

Ohne daß irgendein Naturgesetz ausgeschaltet würde, können Wunder dennoch so massiv sein, daß dem Menschen, der sie erlebt, zu vernünftigem Zweifel kein Raum mehr bleibt. Wir brauchen gar nicht an Spukerscheinungen zu denken, wo also eine jenseitige Macht äußerlich wahrnehmbar in diese Welt hereinwirkt. Auch das kommt vor, die vielen Zeugnisse dafür können nicht alle falsch sein, sogar der große Zweifler Sigmund Freud mußte bei einem Besuch seines Kollegen Jung entsetzt merken, wie es um sie her zu spuken begann. Die ersten Christen betonen aber, daß der auferstandene Christus gerade kein Gespenst war. Nein, äußerlich geht scheinbar alles seinen üblichen Gang. Und doch kommt es zu Erlebnissen, die einfach deshalb nicht bloß eingebildet sein können, weil sie zu genau mit anderem zusammenpassen, was tatsächlich geschieht. Ich stelle mir vor, wie Jesu Jüngern damals eine Fülle ähnlich geheimnisvoller Geschichten passiert sein könnte, wie der evangelische Pfarrer Eduard Mörike sie von sich und seiner späteren Frau berichtet:

»Sie, mit den Ihren, wohnte in dem zweiten, wir Geschwister im ersten Stockwerk. Einst in der Nacht - es mochte elf Uhr sein, ich hatte schon einige Zeit und zwar in vollkommener Ruhe geschlafen - erweckte mich ein plötzliches Gefühl, als wenn mir kalte, schwere Tropfen gewaltsam in das Gesicht gespritzt würden; ich glaubte ihren Fall zugleich auf dem Deckbett zu hören. Ich fühlte nach der Nässe auf der Haut, auf Kissen und Decke umher: da aber alles durchaus trocken war, beruhigte ich mich mit dem Gedanken, es müsse Einbildung gewesen sein, obwohl ich nie mit so viel Schein der Wirklichkeit geträumt zu haben glaubte.

Den andern Tag erzählte ich die Sache in Gegenwart der Freundin. Sie war sichtlich darüber bestürzt und nachdenklich. Wir drangen vergeblich in sie, ob ihr irgendeine fatale Bedeutung oder sonst eine Erklärung dieses Vorkommens beigehe. Erst späterhin bekannte sie der Schwester folgendes.

Sie hatte jene Nacht bei ihrem Vater, der an einer schmerzhaften Krankheit dem Tod entgegenging, zu wachen, verweilte aber zur gedachten Stunde noch allein auf ihrem Zimmer. In einer ungewöhnlich erhöhten Stimmung, begünstigt durch die Einsamkeit und die tiefe nächtliche Stille, verrichtete sie ihr Gebet, in welches sie nächst ihren Angehörigen auch uns einschloß. Zuletzt griff sie, als Katholikin, nach dem geweihten Wasser und sprengte, was sie sonst nie tat, für jedes einzelne besonders, der Reihe nach und in der Richtung, wo die Lagerstätte eines jeden war, einige Tropfen in die Luft.« [Aus dem Gebiete der Seelenkunde, 2]

Wem solches geschieht, der kann kein Materialist mehr sein. Und wem, ähnlich überwältigend, der gestorbene Jesus sich als lebendig erwiesen hat, warum soll er sich nicht lieber von Löwen fressen lassen als seinen wundervollsten Lebenssinn zu verleugnen? Ergreift uns nicht nach bald zweitausend Jahren noch der nüchterne Zauber der Osterberichte im Evangelium? Ja, die russischen Christen haben recht, wenn sie einander am Ostermorgen freudig mit den Worten grüßen: »Christus ist auferstanden!« - »In Wahrheit auferstanden!«

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