Jürgen Kuhlmann

Reifung im Heiligen Geist


Anlaß: Zeit nach Pfingsten
Botschaft: Jesu Sauerteig-Gleichnis lehrt, wie der Heilige
Geist uns machtvoll zu christlicher Reife treiben will.
Themen: Der Hl.Geist läßt sich symbolisch erleben -
dynamisch, nicht statisch - biblische Vorstellungen - auf
deutsch: Gischt/Gäscht (Gärschaum) - Reifung durch Sauer-
teig - Würde des Mehls - Mehlfarbe/Gärkraft - Fremdes achten
Ziel: Der Hörer versteht und bejaht seinen Reifungsprozeß.


Weil wir Menschen keine reinen Geister, sondern irdische Geschöpfe sind, deshalb müssen wir alles, was für unser Leben wichtig ist, uns auch irgendwie vorstellen können. Beim Thema der Pfingstzeit, dem Heiligen Geist, fällt das vielen Christen recht schwer. Was sollen sie mit der Taube anfangen? (Selbst wenn man weiß, daß die Taube im alten Orient der heilige Vogel der Ischtar, der heidnischen Liebesgöttin, gewesen ist, hilft uns das nicht viel; denn von der Göttin der Liebe zur Heiligen LIEBE in Gott führt nur ein Sprung, bei dem uns Hören und Sehen vergeht!)

Und doch können wir auch den Heiligen Geist - sonst wäre er nicht zu unserem Heil offenbart worden - mit Hilfe irdischer Gleichnisse symbolisch erleben. Allerdings nicht in einem zeitlos-unbewegten Bild, denken wir an ein Glasfenster oder Foto. Denn der Heilige Geist schafft Leben, stiftet Schwung und Frieden. Um es in moderner Sprache zu sagen: der Heilige Geist ist kein statisches, sondern ein dynamisches Prinzip, wir können Ihn uns nicht statisch "vorstellen", also - wie ein Ding - vor uns hinstellen. Vielmehr ahnen wir Ihn nur, wenn wir uns in seine Gleichnisse so einfühlen, daß wir dabei selber - mindestens ein wenig - in jenen Schwung geraten, von jener unendlichen Vibration gepackt werden, die der Heilige Geist ist: die innergöttliche Spannung zwischen Vater und Sohn. Wer sie statisch verstehen wollte, der ist wie jemand, der den elektrischen Strom begreifen will, indem er - statt Licht oder Kaffee zu machen - nachdenklich auf eine Steckdose starrt.

Die verschiedensten dynamischen Vergleiche werden von den Verfassern der Bibel gebraucht, um den Heiligen Geist zu beschreiben: Atem, Sturm, Feuerzungen. In den biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch sowie im kirchlichen Latein bedeutet das Wort für Geist: Atem, Hauch, Wind; der hebräische und aramäische Ausdruck (ruach) ist auch mit den Worten für Mutterschoß und Erbarmen verwandt, überdies ist 'ruach'ein weibliches Wort; wenn Jesus vom Heiligen Geist sprach, hatte er also bestimmt keinen Mann, eher etwas machtvoll Weibliches im Hintergrund seines Bewußtseins, das zu wissen kann uns allen gut tun, Frauen wie Männern!

Heute möchte ich mit Ihnen aber einmal einen unüblichen Weg zum Verständnis des Heiligen Geistes einschlagen. Unsere deutsche Sprache ist zwar später zur Blüte gelangt als Hebräisch, Griechisch oder Latein, sie ist aber nicht geringer. Sollte uns nicht auch das Wort "Geist" zu einer anregenden Vorstellung der dritten göttlichen Person verhelfen können? Nehmen wir es in seiner heutigen Blässe, dann taugt es freilich wenig, ja führt sogar auf Abwege. Geist bedeutet die Denkkraft - unendliches Denken ist den Personen aber gemeinsam. Und ein Geist im Sinn von Gespenst ist der Heilige Geist gerade nicht, auch wenn viele Nichtsahnende seinen Namen auf diese Art mißverstehen.

Wo kommt es aber her, welche sinnliche Wurzel steckt im Wort "Geist"? Stellen Sie sich vor, Sie stehen bei Sturm an einer felsigen Küste. Was spritzt da wild und schäumend hoch? Die Gischt. Und "Gäscht" war ein altdeutsches Wort für Wein- oder Bierschaum. Sagt ein Schwabe "Geischt", dann ist er also dem kräftigen Ursprung dieses Wortes näher als das Hochdeutsche. Anders als Hebräer, Griechen und Römer haben wir Germanen für das göttliche Lebensprinzip also kein luftiges Wehen als Grundvorstellung, sondern eher das Brausen einer mit Luft vermischten Flüssigkeit. Wenn es im Schöpfungsbericht heißt: Gottes Gischt schwebte über dem Wasser, dann zeigt die deutsche Wendung hier, scheint mir, sogar noch schöner als der Urtext (Hauch, Wind), wie das Göttliche sich zum inneren Lebensprinzip der Schöpfung macht. Als Gischt sind Wasser und Wind eines!

Ich kenne keine Stelle in der Heiligen Schrift, wo der Gärschaum des Winzers oder Brauers als Gleichnis des Gottesgeistes verwendet würde. Doch hat Jesus selbst Gottes Heilswirken einmal mit einem Gärprozeß verglichen, nämlich im Gleichnis vom Sauerteig; tatsächlich heißt noch in der Lutherzeit auch die Backhefe "Gischt" [Grimm 7564 1a]. Ich wähle die Lukasfassung (13,20 f): "Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist wie bei einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Meßbecher Mehl steckte, bis es ganz gesäuert war." Jesus sucht nach Worten für seine Heilserfahrung, dabei fällt ihm die Beziehung von Mehl und Sauerteig ein. Im Sauerteig steckt eine lebendige Kraft; wenn sie das Mehl ergreift, wird aus ihm neuer Sauerteig. Jesus sieht in diesem Vorgang das Kommen des Gottesreiches angedeutet, also ist jene Lebenskraft, die den Sauerteig schon erfüllt und dem Mehl noch fehlt, nichts anderes als die Heilsenergie des Heiligen Geistes. Ja, das Gute wirkt keineswegs immer auf feurige, stürmische Weise; auch unscheinbar, ohne alles Aufsehen, tut es sein Werk. Das mag uns gewöhnlichen Menschen, die nie auf dem Bildschirm auftreten, ein tröstlicher Ansporn sein. Wer achtet schon auf ein Stückchen Sauerteig? Und doch kann der Bäcker, wenn er keinen hat, seinen Laden schließen.

[Zusatz im Oktober 2008: Eine neu entdeckte Lesefrucht über das Konzil von Florenz zeigt, wie wichtig unser Thema für das Verhältnis des lateinisch-westlichen zum östlichen Zweig der einen katholischen Kirche ist:
"Die liturgische Hauptstreitfrage war, ob das Brot beim Abendmahl gesäuert oder ungesäuert zu sein habe. Dem Osten erschien die westliche Gepflogenheit der Verwendung ungesäuerten Brotes judaistisch und eine Respektlosigkeit gegenüber dem Heiligen Geist, dessen Symbol der Sauerteig war" (S. Runciman, Die Eroberung von Konstantinopel 1453 [München 1966],8).
Beide Bräuche haben ihren guten Sinn und ihre Gefahr. Lasst uns deshalb - mahnt Albert Rauch - aus dem alten Streit ein friedliches Miteinander machen! Das Kleid der Gottesbraut wird schon in der vorchristlichen griechischen Bibelübersetzung von Ps 44[45],14 mit demselben Stamm "poikil" bunt genannt, der in Eph 3,10 Gottes Weisheit (d.h. die Kirche in Person) als vielbunt preist und noch heute den griechischen Eintopf mit vielerlei Fleisch poikilia nennt.]

Am Sauerteig-Gleichnis sollte uns noch etwas "aufgehen", was für die Kirche in der heutigen Weltstunde besonders wichtig ist, ja manchem neu scheinen wird, obwohl es altvertraut ist. Nicht jede Zeit kann ja auf alles gleich aufmerksam achten. Nicht um seiner selbst willen ist der Sauerteig da, sondern für das Mehl. Damit es gutes Brot gibt, müssen beide Pole je das Ihre leisten. Wenn Sie aus Weizenmehl einen Sauerteig ansetzen und ihn mit Roggenmehl mischen, dann gibt es Schwarzbrot! Dieser Sinn des Gleichnisses scheint in der alten Kirche zu fehlen. Stets wird nur die Kraft des Sauerteigs gerühmt, am stärksten von Ambrosius: "Wird er im Mehl verborgen, so macht er die ganze Masse zu dem, was er selber ist." Das stimmt, weil zuletzt aus dem ganzen Mehl Sauerteig geworden ist. Umgekehrt macht jedoch auch das Mehl aus dem Sauerteig das, was es selber ist: war er zu Beginn Weißbrot, so ist er zuletzt im Schwarzbrot aufgegangen. Leider ist zB die Evangelisierung Afrikas nicht so verlaufen; da hat der Sauerteig nicht nur seine Kraft, sondern weithin auch seine Farbe durchzusetzen versucht.

Es kommt uns nicht zu, die früheren Christen zu tadeln. Sie waren von dem Neuen begeistert, haben den Einbruch der christlichen Wahrheit in eine - schlimm verlotterte - heidnische Spätzeit erlebt, waren vom siegreichen Vordringen des Sauerteigs (in Jahrhunderten der Christenverfolgung) so erfüllt, daß sie nach der Eigenwürde des Mehls nicht fragten. Wir heute müssen das tun. Wir blicken ebenfalls auf Jahrhunderte der Christenverfolgung zurück, nur leider auch in bösem Sinn. Nachdem Christen die Macht übernommen hatten, haben auch sie Andersgläubige blutig verfolgt.

Dem Sauerteig fällt es nämlich gar nicht leicht, zwischen seiner eigenen Mehlfarbe und der Dynamik des Heils zu unterscheiden. Begeistert weiß der Missionar zunächst nur, wie das Heil ihm selbst erschienen ist; kein Mittel hat er, um Schale und Kern, Kleid und Leib, Farbe und Licht oder eben Mehlart und Gärkraft zu trennen. Solche Klärung gelingt erst durch das Gespräch beider Pole, wenn nämlich die fremde Farbe sich wehrt gegen die Unterdrückung ihrer selbst. Wir wissen freilich, wie schwer ein wahrhaft gleichberechtigtes Gespräch zu erreichen ist. Allzu leicht fälschen Macht-, Kultur- oder Wohlstandsgegensätze den Dialog; Wörter wie Kolonialkirche, Ritenstreit und Reischristentum bezeichnen das traurige Ergebnis. Wo ein christlicher Sauerteig die Farbe des fremden Mehls rücksichtslos mißachtet, da wird der Apostel zum Wolf; wo umgekehrt ein Mehl sich dem friedlichen Heilsangebot des Sauerteigs gewaltsam widersetzt, da leben die Christen (Jesu Verheißung gemäß) "wie Schafe mitten unter Wölfen" (Mt 10,16). Von Christenverfolgungen beider Art ist die Geschichte voll.

Nicht zu etwas Anderem also will der Sauerteig dem Mehl verhelfen, sondern gerade dazu, voller es selbst zu sein. In dem Maße, wie wir das verstehen, ahnen wir das Besondere des Heiligen Geistes. Dieselbe Wahrheit findet sich ja auch im Pfingstbericht: Keine fremden Sprachen brachte Gottes Geist, sondern jeder Hörer vernahm in der eigenen die Neue Botschaft; nicht eine Riesenflamme ließ sich auf Petrus herab, um von dorther die übrigen zu erleuchten, sondern jedem Apostel schenkte sich seine eigene Zunge aus göttlichem Feuer. So steht es noch heute, auch bei Ihnen zuhause! Vielleicht erscheint dem einen Familienmitglied ein Lebensfunke des andern sehr fremd. Dann ist ein Gebet zum Heiligen Geist ratsam, gegen die Versuchung zum Ungeist der Sturheit. Wenn jeder von uns es im Kleinen lernt, das von Gott geliebte Fremde trotz, besser noch: wegen seiner Fremdheit zu achten; wenn die ganze Kirche dasselbe im Großen immer vollkommener lernt, dann ist sie selber jene Mitarbeiterin des göttlichen Reifungsgeistes, die Jesus in einer unbekannten Hausfrau von damals vorausgeschaut hat: "Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist wie bei einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Meßbecher Mehl steckte, bis es ganz gesäuert war." Ja: Dies sei unser höchster Stolz: Krümel zu werden im wahren Brot, das allein den Sinnhunger der Menschen stillen kann.

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