Jürgen Kuhlmann

Hilf uns, Gott, damit wir nicht im Strudel versinken!


Anlaß: Osterzeit; Erwachsenenbildung, Akademikerseelsorge
Botschaft: Der Glaube rettet aus der Informationsflut.
Themen: Der Zug durchs Rote Meer bedeutet unsere Erlö-
sung vom Tod - aber auch aus der Informationsflut - Beispiele
für sie - Schicksale ihrer Opfer - Urlüge: ortloses Wissen -
dagegen: Schöpfungsglaube - und Treue zum Gewissen
Ziel: Der Hörer versteht freudig, wie der Glaube aus der
Gewalt des Zeitgeistes erlöst.

Trockenen Fußes zog das Volk Israel durchs Rote Meer, das Heer der Ägypter aber wurde von den Fluten gepackt, alle Verfolger mußten elend ertrinken. In vielen Sprachen wird diese uralte Geschichte Jahr für Jahr während der Osternacht den Christen vorgelesen, vermutlich auch in Ägypten. Was mögen die Hörer dort fühlen? Ähnliches, nehme ich an, wie ein Deutscher, wenn er vom rettenden Einzug russischer Soldaten in Auschwitz liest: Dankbarkeit und Mitfreude mit den gerade noch davongekommenen Juden.

Tiefer verstanden, hören wir unsere eigene Geschichte. Was vor dreieinhalbtausend Jahren dem auserwählten Gottesvolk sichtbar geschah, ist ein ergreifendes Bild für das, was dem gesamten Volk Gottes jederzeit wirklich geschieht: seine Rettung aus den Fluten der Verzweiflung und des Todes. Die Zeit läßt sich nicht halten, geliebte Menschen nehmen Abschied, sterben uns voraus, bis auch uns die Kräfte verlassen und es scheinbar aus mit uns ist. Scheinbar: Denn im Glauben sind wir gewiß, daß der Herr der Welt uns durch die verschlingenden Todeswogen hindurch in sein festes Land führen wird, wo Jesus der Auferstandene alle die Seinen für immer bei sich haben will.

Auf Erden muß zwar der Tod herrschen, weil sonst für neues Leben kein Platz wäre. In Gottes Geist geht es aber nicht so eng zu, Er ist nicht vergeßlich, sondern hält kraftvoll alles zusammen, was je gelebt hat und noch leben wird, auch dich und mich, und zwar von innen, so daß wir selber mit dabei sind. Nicht einmal Gott könnte ja, ohne uns, uns kennen. So wüßte er höchstens von unseren Atomen und Hirnströmen, aber eben nicht von uns. Weil der Schöpfer jedoch immer allwissend ist, deshalb sind wir immer gewußt, und das als Personen, d.h. als selbstbewußt. Das ist unser Ewiges Leben. Jesus hat es einfacher gesagt: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten (Mt 22,32). Weil Er auch unser Gott ist, auch der Gott unserer Eltern und Großeltern, unserer Kinder und Enkel, deshalb brauchen wir des Todes Fluten nicht zu fürchten.

Dies ist für uns der Haupt-Sinn der Geschichte vom Zug durch das Rote Meer. Er ist uns von Kindheit an wohlvertraut. Weil es aber auch Glaubenseinsichten gibt, die Kindern noch verschlossen und dennoch für Erwachsene wichtig sind, deshalb wollen wir heute einmal über einen hochaktuellen Nebensinn der biblischen Flutberichte nachdenken. Denn die Sintfluterzählung von der Arche Noahs und der Zug durch das Rote Meer meinen im Grunde dasselbe : Beide Male kommen alle, die sich auf die eigene Kraft verlassen, jämmerlich in den Fluten um, während die anderen, weil sie auf Gottes Macht vertrauen, errettet werden. Können auch wir die Rettung aus der großen Flut erleben, und das schon vor dem Tod?

Es gibt eine Flut, von der viele Menschen bedrängt werden: die oft genannte Informationsflut. Der Name ist gut gewählt. Der Mensch braucht einen festen Grund, auf dem er stehen und gehen kann, doch von allen Seiten her strömen wild die Informationswogen wider ihn an, unterspülen seinen Standpunkt, reißen ihm bisherige Klarheiten weg, bis er hilflos im tosenden Schwall immer neuer Meinungen umherzappelt und buchstäblich nicht mehr weiß, wo oben und unten, was links, was rechts, und wer sie oder er selber ist.

"Vergiß den Kochtopf!" schäumt ein vielverkauftes neues Buch; außer Obst sei alles verboten. Doch nein, prallt die nächste Welle dagegen, Normalgewichtige leben länger als Idealgewichtige. Wieviel Cholesterin haben Sie? O, damit stehen Sie schon an Grabesrand - ach wo, im Gegenteil: Wer es nicht mitißt, produziert es selbst; Butter ist gesund. Die Atomenergie gehört abgeschafft - nein umgekehrt, gerade die Kohlekraftwerke verderben uns die Luft. - Jesus hat uns am Kreuz erlöst - eher Buddha ist der Welterlöser; schauen Sie sich die Geschichte der Christenheit an!

Was wird in solcher Flut uns umgurgelnder Widersprüche aus den Menschen? Die einen ertrinken, halten irgendwann alles für sinnlos, sind geistlich so gut wie tot und sehen bloß mehr zu, Bauch und Konto zu pflegen. Anderen ist es gelungen, sich an eine Klippe anzuklammern. Sie haben ihr Fundament gefunden, man nennt sie Fundamentalisten. Ihr Fehler ist Unbeweglichkeit und eine Art von Asozialität. Z.B. saß der Verfasser jenes Anti-Kochtopf-Buches einmal während eines Hochzeitsfestes abseits im Auto und verzehrte eine Banane. "Ist nicht," fragt Jesus mit Recht, "das Leben mehr als die Nahrung" (Mt 6,25)? Gefährlich wird ein Fundamentalist aber dann, wenn die eigene Rettung ihm nicht genügt, er vielmehr auch alle anderen auf dieselbe Klippe zwingen will - vielleicht weil er heimlich doch an ihr zweifelt und den Beweis der Mehrheit wünscht?

Umgekehrt macht es der ungehemmte Pluralist. Er kann schwimmen, legt auf einen Standpunkt keinen Wert. Solange die Wogen nicht allzu hoch gehen, ist ihr Gewirbel ein herrlicher Spaß. Lüstern erwartet man die nächste Nummer von Spiegel oder ZEIT, um sich voll in die anrollende Zeitgeistwelle zu werfen. Solange der Pluralist die Nichtschwimmer in Ruhe läßt, ist gegen seinen Sport nichts zu sagen. Allerdings gibt es auch im Geistigen jene tödlichen Riesenwellen, die haushoch an die Küsten prallen und ganze Städte zerstören. So kann es geschehen, daß aus sämtlichen Kanälen eine solche Sturmflut menschlichen Unglücks ein Herz überspült, daß es trotz Sonnenscheins und gefüllter Teller verzweifelt untergeht. Nur grobe Gemüter kennen dieses Elend gar nicht.

Das also sind die beiden Hauptdrohungen der Informationsflut: zum einen die schiere Menge der Meinungen, zum andern der zermalmende Inhalt vieler Nachrichten. Darf denn aber der Glaube überhaupt aus diesen Fluten retten? Sollen Christen stumpf lächelnd Gloria und Halleluja singen, während so viele nicht wissen, wie sie ihre Kinder satt kriegen? Und dürfen sie sich Scheuklappen anlegen (lassen) und ihren Glauben trotzig für "die einzige wahre Religion" halten, wie es auch der neue katholische Katechismus noch unverdrossen behauptet (2105)?

"Ihr werdet sein wie Gott, gut und böse erkennen." Die Urlüge verwirrt bis heute Adam und Eva, d.h. jeden Mann und jede Frau. Alles zu wissen kommt mir eigentlich zu, bildet der Mensch sich ein. Ob er es sich dann naiv zutraut wie Fausts Gehilfe (Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen) oder als unmöglich einsehen muß wie der Meister selbst (Und weiß, daß wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen), darauf kommt es nicht an, irgendwann wird auch der Naivste grimmig enttäuscht. Der Fehler steckt tiefer: daß man sich überhaupt ein ortloses Wissen anmaßt, unabhängig davon also, wer man ist, wann und wo man lebt. Der Mensch braucht aber einen Ort. "Gott ist im Himmel, du auf der Erde (Pred 5,1), und nie auf der ganzen, sondern je an einem besonderen Punkt mit seinem eigenen, dir unübersteigbaren Ausblick.

Wer das von Herzen gläubig annimmt, ist aus der Informationsflut gerettet. Indem er die kühne Behauptung des Katechismus um die Wörtlein "für mich" ergänzt, versteht er sie richtig, und dann stimmt sie: Für Christen ist das Christentum die einzige wahre Religion. Das lehrt uns Gottes Bild, der lebendige Mensch: Ich erlaube einer Herzzelle keineswegs, nach Belieben in Auge oder Darm abzuwandern! Jedem Organ sein Programm; wollte schon der Magen sich an die kritische Nierenwahrheit halten, würde ihm übel. Ähnlich bilden die großen und kleinen Sinnorgane der Menschheit nur zusammen den gott-menschlichen Sinnleib. Eine Einheitsreligion zu erstreben wäre übler, ja teuflischer Ökumenismus, sie ist ebensowenig lebensfähig wie ein Fleischbrei.

Es ergibt sich ein schlichter Rat: Frag nicht Zeitung und Fernseher, wer du seist, sondern dein Gewissen. Mitten im Gewoge der Meinungen und Elendsnachrichten ist Gott bei dir. Zu einem ganz bestimmten Menschen macht dich dein Schöpfer, von deinem Ort aus läßt er dich seine Welt erleben. Der ist nicht besser, nicht schlechter als andere Örter. Nicht alles brauchst du zu sein, zu wissen und zu verantworten, nur - so gut du halt kannst - die Portion der Schöpfung, die dir anvertraut ist. Bist du ihr treu, so hält Gott dir den Kopf über Wasser, läßt dich auf festem Grund gehen oder sicher schwimmen, je nachdem. Im Theorie-Streit der Experten darfst du hilflos bleiben, die Einsicht in unser Kaumwissen müssen wir tragen.

Weder die Sturmflut in Bangladesch kannst du hindern noch das Gemetzel in Bosnien. Der Trauer über die Leiden so vieler Menschen sollen wir uns öffnen: nur so weit wie wir können aber, d.h. so, daß die Trauer doch immer wieder von Heilsfreude überstrahlt wird. Denn das höchste, tiefste, endgültige christliche Prinzip lautet: "Wo das Böse sich gehäuft, ist die Gnade noch übermächtiger geworden" (Röm 5,20). Dürfen wir Gloria und Halleluja singen? Ja. Obwohl die Welt so ist, wie sie ist. Denn sie ist, dank Ostern, immer auch schon ganz anders. Christus ist bei uns bis ans Ende der Welt, wir bei Ihm in Ewigkeit: Wem wird da nicht - trotz allem - schwindlig vor Glück?

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